HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: MACHT MODE DOOF?

Sommer-Fashion-Week. Weltweit ist es wieder soweit, die unvermeidlichen, aber fleissigen Blogger-Bienchen schwirren hinaus in alle Welt, bis nach Paris und New York. Den Provinzbloggern bleibt noch (!) Berlin. Bewaffnet mit iPhone, MacBook und superwichtigem Blick, hineingepackt in eine angesagte Handtasche, aus der auch solche Dinge wie Müsliriegel, Tampons und Thomapyrin gezaubert werden. Immer. Bei allen. Aber genauso sicher ist auch das, was die Leser demnächst wieder zu hören bekommen: „Hach, wir Lifestyleblogger werden nie ernst genommen. Sobald man sich für Mode und Schminke interessiert, wird man als dumm und dämlich abgestempelt!“ So die fast einhellige Meinung der überwiegend weiblichen Hobby-Journalistinnen. Ist da was dran?

 

Die Oberflächlichkeit hat sich längst emanzipiert

Zuerst einmal birgt diese Klage der Bloggerschaft die Erkenntnis, dass Blogger sich ziemlich wichtig nehmen. Als Lifestyle-Blogger wird man hofiert, denn man ist (noch) ein werberelevantes It-Piece. Das steigert durchaus so manches Selbstbewusstsein. Die verletzte Ehre durch Unterstellung von Dummheit und Oberflächlichkeit macht aber den weniger schönen Part des Bloggerlebens, zwischen Mode und Schminke, aus. Besonders den weiblichen Bloggerinnen stösst das unangenehm auf.

Ich kann aus Erfahrung sagen, liebe Mädels: Auch Jungs werden für geistig unterbelichtet und oberflächlich gehalten, wenn sie sich für Mode interessieren, oder gar für diese seltsame Beautywelt.

Die erste Frage ist IMMER: Kann man damit Geld verdienen? Verneine ich das (also für mich persönlich), ist das Interesse SOFORT abgeebbt und man widmet sich lieber wichtigeren Dingen…also nicht mehr mir.

Ein Bekannter von mir kauft zu gerne in großen teuren Boutiquen Luxusdesignerklamotten. Bis auf die zwei, drei bewundernden Blicke der Insider, die ein Äuglein für Designerwaren (und deren Preis) haben, ist er als seltsamer Vogel verschrien, der sich halt gerne rausputzt. Was er macht? Interessiert keinen, kann nix sein, oder? Doch, er ist Arzt und Privatier. Erbschaft halt. Trotzdem gewinnt man einen Doktortitel der Medizin nicht beim Nachmittagsshopping in der Balmain Boutique!

Es stimmt, es gibt große und geradezu unverschämte Vorurteile Menschen gegenüber, die sich offensichtlich für Mode und Beauty interessieren.

Wer hat uns das angetan?

Nun hat die liebe Kirche ja auch jahrhundertelang alles dafür getan, uns mithilfe der Todsünden einzubläuen, dass Eitelkeit nicht gottgefällig ist. Dafür schmort man im Fegefeuer.

Und auch die große Mehrheit hält ein „gutes Gespräch“ über Fußball für deutlich wertvoller als einen „albernen Austausch“ über das (zu erwartende) Ende der Berlin Fashion Week. Ist doch komisch, oder?

Sind die Klischees dann doch so überwältigend? Es gibt sie NATÜRLICH. Ein paar Fashionvictims, die sich nur über Designerklamotten definieren und niemals ungeschminkt gesichtet wurden. Aber hey, die Mehrheit ist weder zu doof noch zu eitel, egal wieviel Zeit fürs Ankleiden und Schminken drauf geht.

Denn prinzipiell ist es EGAL! Das Oberstüblein ist nicht mit dem Kleiderschrank und dem Beautyregal vernetzt. Eventuelle Schlussfolgerungen sind vorurteilsbehaftete Unterstellungen, mehr nicht.

Männliche Fashionvictims leiden auch

Weiteres Beispiel für Modebegeisterungs-shaming? Fußballer! Spätestens seit Beckham, sind junge Fußballer die männlichen It-Influencer. Keiner ohne Instagram-Account, auf dem stolz die neuesten Errungenschaften (fast immer von Philipp Plein, dem jüngeren Bruder von Mehmet Scholl) vorgeführt werden.

Und dann sehen wir sie in Fashion-Highlights wie Anzügen mit Ärmeln, die für Fünfjährige ausgelegt sind. Mit Jogginghosen, die eine eingebaute Pampers haben. Mit Kopfhörern, die ÜBER einer Wollmütze und einer Basecap (hoch wie eine Kochmütze) sicher deutlich besser klingen. Und mit in die Haarpracht einrasierten weltbewegenden Botschaften. Die Modebegeisterung wird übrigens durch Armtattoos noch üppig verlängert!

Da denke einmal einer zurück an „Den-kennt-in Paris-keiner-Paul-Breitner“, der war damals in der Wahrnehmung mindestens Professor für Gehirnchirurgie, so wie der sich kleidete. Boateng und Co. hingegen glaubt man nicht einmal das Abitur. So die landläufige Meinung zu unseren Fußballgöttern der Neuzeit. „Die kümmern sich nur um schnelle Autos, Frauen und Klamotten, aber nix in der Birne!“ Der deutsche Stammtisch grüßt freundlich.

Lifestyle ist nur eine Facette des Seins

Mit den vermeintlichen Äusserlichkeiten, wie Mode und Beautykram, zeigen wir eine Facette von uns, nicht gleich das gesammelte Gesamtwerk unseres Seins. Wir drücken ein Lebensgefühl aus, das die gleiche Existenzberechtigung hat, wie zB. die Begeisterung für den FC Bayern München (was ein sehr fragwürdiger Vergleich ist), oder einen schön hergerichteten Garten.

In einem Welt-Artikel habe ich hierzu das perfekte Schlusswort gefunden: „Der Vorwurf des Oberflächlichen offenbart die Oberflächlichkeit des Vorwerfenden, nicht die eigene.“ (Julia Hahmann)

 

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(Fotos: Konsumkaiser   Keinerlei Sponsoring)

11 Kommentare

  1. Wie wahr, wie wahr. Ein schöner Post.
    Hab erst neulich sowas ähnliches – in Bezug auf Stellenbezeichnungen – gelesen. Da gings darum, dass viele Menschen das Gespräch mit Sekretärinnen oder Müllmännern eher abrupt beenden als mit Disposal Managern oder Bürokommunikationskaufleuten. Es ist also alles eine Sache der „Verpackung“. 🙂
    Bei der Optik bin ich leider auch raus. Ich bin ein Bauchmensch und da entscheidet die Optik leider automatisch mit, wen ich wie/wann/wo anspreche.

  2. Sehr schön pointiert und man kann zu all den von Dir genannten Punkten einfach ja sagen, das wäre dann aber einfach nur eine selbstreferentielle Bestätigung und irgendwie nicht viel Wert, denn wir, Deine Leser gehören ja irgendwie (der eine mehr der andere weniger, sonst würden wir Deinen Blog gar nicht lesen!) dazu.
    Ich mag es deshalb auch von einer anderen Seite betrachten. Die Vorurteile gegenüber Menschen, die sich Beautythemen widmen, sind richtig und wichtig. Sie helfen den anderen, die dies nicht tun, sich von uns, die es mögen und gut finden, abzugrenzen. Wir alle brauchen die Kategorisierung und Einteilung in unserem Leben, um Komplexität zu reduzieren. Aus Deinen Zeilen kann man diese Abgrenzung gegenüber denjenigen, die beispielswise verrückterweise den FCBayern mögen 🙂 ja schon umgekehrt herauslesen. Neulich war ich Tielnehmer und Zuseher eines Insta-Live-Videos und habe dabei Fussball geguckt als unserer Junioren Männermannschaft Europameister wurde. Nach dem Sieg knallte es im Hintergrund des Live-Streamers und sofort kamen die Worte, was sind das wieder für Spinner und Idioten, die da jetzt rumballern, irgendwelche Proleten von der Kieler Woche…(gleich mal noch ein anderes Vorurteil rausgekramt). Als ich dann mitteilte, dass wir gerade Europameister geworden sind, betretenes Schweigen im Walde und oh Gott, damit haben wir alle nichts am Hut (und gedacht: mit solchen Idioten, die sowas auch noch gucken schon gar nicht!) oder bekennen uns in diesem Moment lieber an dieser Stelle nicht dazu. Ich hatte dazu neulich einen sehr schönen Artikel in der Eltern gelesen, wie unsere moderne Gesellschaft versucht das Ideal einer vorusteilsfreien Welt als heeres Ziel zu produzieren und was man konkret tun mit seinen Kindern tun kann.
    Wichtig ist, das eigene Bewusstseinsystem immer wieder mal zu verlassen und in Dialog mit anderen Bewusstseinsystemen zu treten, also mal mit einem FC-Bayern Fan oder auch anderem Fussballfan zu sprechen und festzustellen (wie Du oben „Dein System“): nicht alle sind grölende, biersaufende Stadionidioten und Klempner von Beruf, aber man kann eben auch auf solch einen treffen, denn nur aus solchen Erfahrungen haben sich schliesslich Vorurteile gebildet.
    Ob die Emazipation der Oberflächlichkeit nun im Sinne eines Vorurteileabbaus richtig und wichtig ist, bleibt für mich die spannende Frage, eine Auseinandersetzung ist für mich als Mutter schon wichtig, denn in solch eine Zukunft muss ich meine Tochter wohl begleiten.

    1. Danke für deinen schön langen Kommentar! Ich denke, wir alle können uns ruhig ein paar Vorurteile leisten, denn die sind menschlich. Sie entstammen aus dem System etwas rasch in „Schubladen stecken zu müssen“ um Gefahrensituationen sofort erkennen zu können. So ist eben auch der erste Eindruck aufgebaut. Erlaubt, finde ich, solange man zur Reflexion fähig ist. Leider hört es da bei vielen Menschen aber auf.
      Liebe Grüße, KK

  3. Letztlich sprechen wir über einen Wirtschaftszweig, in dem viel Geld umgesetzt wird. Wer hier von Dummheit oder Oberflächlichkeit spricht, dem ist wie im genannten Zitat möglicherweise selbiges zu attestieren..
    LG

  4. Hallo lieber KK!
    Ich mag einfach deine Herr Kk Artikel. Da sind immer so viele Denkanstöße dabei, da könnte ich stundenlang weiter diskutieren.
    Den Bezug zur Kirche finde ich ehr treffend. Die haben uns so einige seelische Traumata beschert.
    Die modebegeisterte Regine

    1. Stimmt, ich könnte eigentlich auch mindestens das Dreifache dazu schreiben, aber das würde die Leser verschrecken. Also lieber kurz, naja, kürzer, und ein wenig allgemeiner gehalten.
      Viele Grüße, KK

  5. Ich finde bei einem Blogger wichtig, dass er/sie eine Linie hat, sich selbst treu bleibt und die Dinge kritisch betrachtet und uns möglichst sachlich informiert. Leider habe ich bei den meisten Bloggern das Gefühl, dass sie aus überwiegend wirtschaftlichen Gründen auf einen Mainstream-Zug aufspringen und einfach das nachplappern was ihre Idole (die, die es finanziell geschafft haben) vorplappern. Ich habe daher kein Mitleid, dass die breite Masse der Bloggerszene eher belächelt wird. Selbst schuld…Das unterscheidet für mich meine Handvoll Blogs, die sich von der Masse abheben. Und mal ganz erlich, wie glaubhaft ist es wenn eine 20jährige über Anti Aging berichtet, finde ich einfach lächerlich. Oder Cindy aus Marzahn will was von H & M Kleidung erzählen. Ne, ne, das finde ich saukomisch😂😂😂. LG

    Ach ja und die Großen der Bloggerszene finde ich leider auch nicht so doll. Gerade hier emfinde ich alle Äußerungen zu Dingen etc. erkauft.

    1. Da bist du nicht allein. Ich denke, dass die ganze große Blogger- und Influencer-Zeit mittlerweile durch ist. Der Kuchen ist eh aufgeteilt, und die großen Blogger haben es sich einfach selbst versaut, weil sie gierig waren. Die Szene wird sich über kurz oder lang selbst kanibalisieren.
      Liebe Grüße, KK

      1. Ganz meine Meinung. Die Gier lässt leider auch einstige Idealisten schwächeln. Einen schönen Abend wünsche ich😂

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