LIFESTYLE: NEUMODISCHER KRAM? TECHNIKFEINDLICHKEIT IN DEUTSCHLAND

Wir Deutschen sehen uns selbst gern als innovativ, offen für zukunftweisende Technologien und Pioniere für alles Neue. Einziges Problem: Das stimmt überhaupt nicht. Deutschland ruht sich auf Lorbeeren aus, die noch aus dem Vor-Digitalzeitalter stammen. Und mittlerweile verschlafen wir hier den Anschluss an die Zukunft. Arme kommende Generationen…

Abenteuer Technik

Als junger Mensch ist man neuen Dingen gegenüber in den meisten Fällen sehr aufgeschlossen. Wie stolz zeigte ich meinen Großeltern die neuesten Errungenschaften der Technik (damals waren das noch Walkman und In-Ear Kopfhörer, hehe). Und was kriegte man zu hören? „Geh mir weg mit diesem neumodischen Kram, das braucht kein Mensch!“

Ähnlich sah es aus, als ich meinen ersten Computer haben wollte, klar, einen C64. „Diesen Quatsch brauchst du nicht, das ist nur eine Mode!“ bekam ich zu hören. Und nur mit dem Trick, den damals wohl alle Kinder weltweit kannten, wurde der Computer mein: „Damit kann ich aber super lernen und Hausaufgaben machen.“

Lernen? Klar doch, haha. Trotzdem wurde jeder noch so kleine technische Fortschritt von uns hart gefeiert, Technik war Abenteuer. Und auch heute noch wundere ich mich, wie manche um mich herum kaum irgendein technisches Gerät intuitiv bedienen können. „Menü? Was issn das?“

Technikfeindlichkeit im Alter

Ich erinnere mich auch an die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ, heute Funke Media), die ich in den 80er und 90er Jahren noch per Papier gelesen hatte, und Abonnent war ich auch. Da gab es den greisen Essener Lokal-Chefredakteur Wulf Mämpel, der es sich scheinbar nicht verkneifen konnte, alle paar Wochen eine launige Kolumne darüber zu schreiben, wie schrecklich nervig und unnütz doch all diese neumodischen Technikdinge seien. Für mich wurde sein Name zum Synonym über das Klagen der Alten über die modernen Zeiten: Ach, da mämpelt wieder jemand!

Das Schlimme: Die Alten waren auch noch stolz darauf, von diesem „Technikkram“ unbeeindruckt zu sein. Ohne zu übertreiben, ist die Erfindung von Computer und Internet epochal, doch all die Besserwisser konnten die Strahlkraft der Erfindung nicht sehen. Es gibt immer die, die ausschwärmen und zu neuen Ufern aufbrechen, und die, die lieber im warmen Nest sitzen bleiben.

Bedroht uns Technik wirklich?

Das Phänomen der Technikfeindlichkeit bleibt aber heute noch erhalten und blüht munter weiter. Was hatte Google in Deutschland zu kämpfen, als die Street-View Wagen durch die Städte fuhren und die Umgebung fotografierten. Es folgte ein hysterischer Aufschrei, als wollten die Kamera direkt ins Badezimmer lugen. Die Welt amüsierte sich, als halb Deutschland die Verpixelung ihrer heiligen Wohnstätten beantragte. Deutschland war dagegen stolz auf sich.

All die Spanner und Einbrecher, die man nun ferngehalten hatte. Und früher war es auch schon so: Der Computer würde Millionen Arbeitsplätze gefährden. E-Reader würden die Lesekultur des Dichter- und Denkerstaates Deutschland zerstören. Bio-Tech Unternehmen wollten Frankenstein spielen und Übermenschen züchten, oder gleich die Menschheit ausrotten, weil gefährliche Viren ja ständig hinterlistig aus Hochsicherheitslaboren flüchten.

Vorsicht ist per se nicht schlecht, und lieber einmal mehr diskutiert, als hinterher das Chaos beseitigen. Aber in Deutschland schlägt der Skeptizismus gleich in Hass um. Und wieder einmal tapsen wir in die Falle: Hass entsteht besonders oft dort, wo viel Unwissen herrscht. In Deutschland gibt es ein anti-fortschrittliches Immunsystem, das ganz schön hart zuschlägt. In den 80er Jahren gab es noch die meisten Patentanmeldungen in der Genforschung in Deutschland. Jetzt suchen die Firmen und Forscher das Weite, ab ins Ausland.

Digitalisierung längst verschlafen

Heute hören wir von unseren Politikern realitätsferne und beschwichtigende Sätze wie „Wir müssen die Digitalisierung anschieben!“ Nein, liebe Politiker, die Digitalisierung ist an „Neuland“ schon längst vorbei gefahren. Digitalisierung ist in anderen Ländern normal. Da gibt es e-Government, niemand muss für Kleinigkeiten mehr in üblen Ämtern in der Schlange stehen. Den „maschinenlesbaren“ Personalausweis gibt es auch schon lange. Und? Welche nutzvollen Anwendungen gibt es dafür bei uns? Fast NICHTS! Häuser werden am Computer beheizt, Lampen bedient, Videoüberwacht, die Stromkosten in Echtzeit gezeigt, usw. Bei uns wird lieber über den Datenschutz bei smarten Kühlschränken diskutiert.

Das Mobilfunknetz ist bei uns eins der schlechtesten der Welt. In einem führenden Industrieland! Wie kann man sich diese Schmach eigentlich leisten, den Spott aushalten und gleichzeitig Deutschland immer noch als Weltmeister in irgendwas anpreisen? Ist ja nur Mobilfunk, dieser Freizeitkram für unterbeschäftigte Harz 4 Empfänger, oder?

Für die selbstfahrenden Autos muss das 5G Netz ausgebaut sein. Das dauert bei uns noch mindestens mehrere Jahre. Prototypen und Studien wird es hier dazu niemals geben, es fehlt ja an den Voraussetzungen. Und nochmal abgehängt! Die deutsche Autoindustrie liegt im Sterben, es sagt nur niemand. Große Industrien haben ihre Lebenszyklen, die Autoindustrie in Deutschland war viele Jahrzehnte groß und führend. Folgt man dem Schema, ist es bald vorbei. Sehenden Auges pflegen die Automobilkonzerne aber lieber ihre Arroganz, als Gegenmaßnahmen zu ergreifen. So kann es sein, dass chinesische Batteriehersteller demnächst die großen Player sein werden, BMW und Benz hingegen dürfen höchstens noch den kleinen Oldtimermarkt beackern. In vielen Teilen der Welt ist jetzt bereits ein Benz oder BMW altmodisch und gestrig, ein Tesla der Traumwagen. Sogar schon bei unseren Nachbarn, den Niederländern!

Noch besitzt Deutschland einige Technologieunternehmen, kann noch Innovationen vorweisen, doch der Trend ist besorgniserregend. Technologiesprünge sind hier kaum noch zu erwarten, denn Deutschland hat sich nur noch darauf spezialisiert bestehendes zu verfeinern und verbessern. Auch gut, aber eben nicht zukunftsorientiert.

Junge Leute sind nachgewiesenermaßen begeisterter von Technik. An ihnen liegt es, den Älteren klar zu machen, dass es nicht schick ist, wenig von Technik zu verstehen, sondern traurig, peinlich, beängstigend und schädlich für nachfolgende Generationen.

 

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(Aus gegebenen Anlass: Ich „doziere“ in diesem Artikel nicht darüber, wie es tatsächlich ist, sondern, wie ich es sehe. Ich gebe hier meine eigene Meinung als Denkanstoss, es gibt zum Thema sicherlich viele Sichtweisen, die allesamt Relevanz besitzen können. Ein Blogbeitrag ist kein Gesetzesentwurf, sondern etwas, das viel mehr Menschen machen sollten: Ihre Meinung kundtun, und wenn man (noch) keine dazu hat, ist es sicherlich nicht falsch, sich kundig zu machen. Wir gestalten doch alle unsere Welt.)

 

NEWSWEEK über die Technikfeindlichkeit in Deutschland

FAZ über das digitale Entwicklungsland Deutschland

 

 

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(Fotos: Pixabay   Keinerlei Sponsoring)

17 Kommentare

  1. Guten Morgen,
    danke für diesen Denkanstoß – da muss ich noch mal eingehender nachdenken.

    Denn tatsächlich bin ich für mich im Moment mehr auf dem „Analog-Trip“ – schon alleine, dass mein noch funktionsfähiger iMac von annodazumal nicht mehr upgradefähig ist und entsorgt werden müsste und von Mobiltelefonen nicht mal mehr der Akku getauscht werden kann, hat mich dazu bewogen einen sehr kritischen Blick auf manche moderne Errungenschaft zu werfen.

    Also genau darauf zu gucken, wann ist es wirklich durchdacht und sinnvoll – und wann ist es ein gelddruckender Hype, der nur dem schnöden Mammon unterworfen wird.

    Da stört mich tatsächlich dann aber auch die Informationspolitik, die nur schwarz-weiß kennt und nicht in transparente Debatte führt.

    So, das war jetzt erstmal der Schnellschuß – der erste Kaffee ist noch nicht ganz getrunken 😉

  2. Solange man durch Deutschland fahrend durch ein riesen großes Funkloch fährt, sehe ich schwarz. Dies passiert einem im europäischen Ausland nicht. Ob Grenze zu Albanien oder Weißrussland überall hatte ich Empfang. Überall könnte man sich im Internet bewegen. Nur auf der A3 Limburg Richtung Köln lässt sich im Internet nicht mal die Google Startseite aufmachen…….

    1. Geht mir auch so! In Minsk am Kassenband in einem 0815 Supermarkt habe ich Wifi (allerdings ist Facebook nicht zu erreichen 😉 und Nordfriesland ist für meinen Provider ein weisser Fleck.

  3. Mein Reden. Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland und das wird sich nicht so schnell ändern. Wir sind zu schwerfällig und ängstlich, nicht wirklich begeisterungsfähig. Wir sitzen in der Warteecke von Ämtern und zahlen bar. Wir vor 100 Jahren 😦

  4. Guten Morgen lieber Konsumkaiser,
    Bin 46 u tu mich mit manchen technischen Neuerungen auch schwer. Ebook-reader sollte mir niemals in Haus kommen. Ich war bockig, fand meine Bücherregale so gemütlich. Heute sind Hunderte Bücher auf meinem kindle, ein kleines Regal ist gefüllt mit meinen Lieblingen u Kochbüchern. Und ich hab Luft in meinen Räumen.
    Im Krankenhaus, in dem ich arbeite, ist fast alles digitalisiert. Was für eine Erleichterung! Aber in manchen Lebensbereichen sollte man herkömmliche Methoden nicht vergessen. Manuelle Untersuchung z.B..
    Ich bin gespannt auf alles was noch kommt. ( wenn auch langsam in old germany).
    Hauptsache, ich finde jemanden, der es mir erklärt 😉
    Frostige Grüße aus Berlin von Catrin

  5. Moin zusammen! Interessanter Standpunkt und viel diskutiert. Zumindest in meinem Umfeld. Ich arbeite in der IT.
    Und ja: Technologische Fortschritte lassen in Deutschland momentan auf sich warten.
    Meiner Meinung nach nicht unbedingt, weil alle zu ängstlich sind… Es wird einfach falsch gefördert und viele Chancen wurden ins günstigere Ausland vergeben. Zudem will man in dem Bereich Digitalisierung nicht gemeinschaftlich investieren…sondern eher abmelken. Siehe die Versteigerung der UMTS Lizenzen oder die kommende Versteigerung der 5G Lizenzen.

    Was ich mir wünschen würde: Generell mehr Gelder für die Bildung. Das Bildungssystem gehört aufpoliert. Dabei aber nicht komplett digitalisiert. Denn: Vorsicht ist durchaus berechtigt. Wir dürfen nicht in die komplette Digitalisierung abdriften. Das macht uns als Mensch nicht aus. Wir müssen den richtigen Umgang mit der Power der Digitalisierung und den Vorteilen von Technologien erlernen. Technologie bzw. fortschreitende Digitalisierung kann auch isolieren. Wir müssen als Gesellschaft über Bildung den Umgang damit lernen. Wissen kann Gefahren ausmerzen.
    Die Politik muss Unternehmen mit technologischen Einschlag mehr fördern. Gerade Unternehmen, die sich unabhängig von den großen Leadern am Markt etablieren wollen.

    Offline zu sein ist nicht immer schlecht – Das sage ich, als Generation Internet.. Denn hinter Technologie und Digitalisierung steht nicht immer die Lebenserleichterung. Manchmal steht da auch viel viel Geld hinter.
    Aber zugegeben: WLAN zumindest in den größeren Ballungsgebieten und (funktionsfähig) auch in der Bahn wäre schon ein Anfang. Ebenso, dass kleinere Dörfer nicht mehr um eine Netzanbindung streiten müssen.

  6. Oh ja, her mit dem Fortschritt!
    Damit wir dann auch wie die Menschen in Shanghai an vielleicht fünf Tagen im Jahr die Sonne sehen können. Wir können uns auch gleich einen Chip implantieren und uns rund um die Uhr überwachen lassen. Und ich freu mich schon drauf, später im Altersheim, dass mir ein Roboter den Allerwertesten putzt.

    Ich bin mit Sicherheit kein Technikverweigerer, aber es gibt für mich auch noch anderes im Leben als mit irgendwelchem elektronischen Schnickschnack herumzuspielen.

    viele Grüße
    Claudia

  7. Das ist leider so wie Du schreibst. Deshalb verstehe ich nicht sporadische Meldungen in der Presse – eine vorgestern – wie innovativ und fortschrittlich Deutschland in weltweitem Vergleich wäre! Bitte? Internationale Firmen die innovativ agieren meiden uns wie die Pest. Jedes ärmere Land im Süden Europas hat besseren Mobilfunk und in Städten flächendeckend kostenlos und schnell. Wen man Urlaub zum Beispiel in Kroatien macht, braucht man fast gar keinen eigenen Datenvolumen zu verbrauchen. Jedes Cafe, Bäcker, Restaurant hat konsteloses, schnelles WLAN. Und dann geht man auf die Straße und dann übernimmt es die Stadt selbst.

    Deutsche Bahn wirbt unverschämt mit WLAN in den ICE Zügen. Ich fahre leider oft in benannten Zügen und 80% der Zeit informiert die Ansage, dass ausgerechnet heute und selbstredend nur in diesem Zug WLAN ausgefallen ist.

    „werden müsste und von Mobiltelefonen nicht mal mehr der Akku getauscht werden “

    Kann nicht für andere Hersteller sprechen. Bei iPhone geht das aber problemlos.

    LeenaReed26 – danke für Deinen interessanten Kommentar.

  8. Danke, das erzähle ich auch immer übersll, und dann schauen mich alle verwundert an. Wieso wir sind doch Exportweltmeister??

    1. Sorry, will nicht klugscheißen.. Aber dein Kommentar klingt ein bisschen negativ. Da dachte ich, ich stoße ihn mal an.

      Die Digitalisierung fällt bei dem Exportgeschäft ungenau ins Gewicht. Exportiert werden vor allem Ergebnisse aus der Industrie und Chemiewirtschaf – Meines Halbwissens nach.

      Digitalunternehmen als Wirtschafts- und Wohlstandsfaktor kann man da kaum in die Rechnung mit einbeziehen. Warum? Weil auch ausländische Digitalunternehmen ihre Werte verstreut im Ausland versteuern.
      Natürlich wären technologische Innovationen ebenfalls ein Exportschlager. Eine gute Digitalisierung könnte ein Vorbild sein und ein Treffpunkt für viele Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Das wäre ein guter Nährboden. Allerdings hat die Exportgeschichte erstemal weniger mit digitaler/technologischer Bildung zu tun.

    1. Niod NEC 100ml Tube gibt es ab heute für 61,25 € bei beautybay.com. Normalpreis ca. 88 €
      Auch auf andere Marken wie Deciem gibt es 30 %

  9. Interessanter Beitrag Ich bin ein vorsichtiger (!) Befürworter der Digitalisierung in bestimmten Bereichen, aber nicht in allen. Mich hat das Buch „Jäger, Hirte, Kritiker“ von Richard David Precht, das ich letzte Woche zu diesem Thema gelesen habe, sehr beeindruckt!!! Kann ich nur empfehlen.

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