HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: VOM „TATORT“ UM DIE ECKE GEBRACHT * WARUM BESINNLICHKEIT UND BESINNUNGSLOSIGKEIT MANCHMAL SO NAH BEIEINANDER LIEGEN…

„Stille Nacht“…eins der schönsten traditionellen Weihnachtslieder, die wir hier so haben (zumindest je nach Interpret/in). Doch so still und so heilig kann keine Nacht werden, wenn man sich diesen hektischen Veitstanz der Massen in der Vorweihnachtszeit anschaut. Und dann ist da noch dieser „Tatort“, der verfilmte Mordanschlag auf unsere gute Stimmung…

Immer wieder Sonntags verhagelt es mir die Laune! Und in der Vor-Weihnachtszeit ganz besonders. Na gut, der Sonntag ist nicht gerade dafür bekannt ein Quell der Freude und Frische zu sein, im Gegenteil, am nächsten Tag beginnt die Arbeitswoche…von VORNE! „TGIF“ in weiter Ferne, die Stimmung eben auf dem Nullpunkt. Da ist so eine kleine, lieb leuchtende Kerze auf dem Adventskranz doch allerliebst und spendet zumindest ein wenig Trost (zusammen mit einem Becher Glühwein, hüstel)! Und dann gehts los: Die Tagesschau ist vorbei und ganz Deutschland schaut sich Mörder, Verbrecher, Leid, Tote, blutende, aufgeschnittene Kehlen, mißbrauchte Kinder, wahnsinnige Massenmörder und stilisierte Kommissaravatare aus dem Gehirn irgendwelcher schamlos überbezahlter Autoren an, die des Nachts sicher auch nur noch mit einem Fleischermesser unterm Kopfkissen schlafen. Besser bekannt ist dieser höchst depressive Wahnsinn auch als die beliebte Familiensendung „Tatort“.

Ok, wer bis eben noch mit dem Küster und der Bäckersfrau „Stille Nacht“ gesungen hat, wird gleich mucksmäuschenstill, um nicht zu orakeln mausetot! Echt jetzt? Warum schaut man sich sowas freiwillig an? Ich lasse das Argument „Ich will mich nur entspannen und nicht nachdenken!“ HIER nicht gelten. Warum sollten mich aufgeschlitzte Kehlen und entführte Kleinkinder entspannen? Nicht dass ich DAS schauen würde, mir wird nur ganz mulmig, wenn ich mir vorstelle, dass sich sowas jede Woche ca. 10 Millionen Deutsche antun!

Was ich ganz besonders gruselig finde, ist die Tatsache, dass jetzt gerade auch in den letzten Wochen (wohlgemerkt, wir steuern auf Weihnachten zu) bereits VOR der Tagesschau TÄGLICH, also die gesamt Woche hindurch, kleine „Teaser“ zum jeweiligen Sonntags-Tatort gezeigt werden. Mit Grabestimme aus dem Off: „Der Tod steht bereits vor der Tür *flüster, flüster*…Und er kennt keine Gnade…!“

Ist ja egal, dass eben noch eine Werbung für die herzzerreissende neue Weihnachts-CD von Jelena Fischkopf Petrowna lief, im Trailer zum Tatort wird das Herz gleich ganz rausgeschnitten. In der Pathologie zwar, aber egal, wir habens gerade ALLE gesehen. Auch Kinder, die womöglich gegen 20 Uhr, oder nach der Hauptnachrichtensendung, zu Bett geschickt werden.

Da regen sich alle auf, dass wir lebensechte Kriegsbilder in den Nachrichten zu sehen bekommen, aber „wir“ (ich nicht!!) lieben den Tatort mit all den abscheulichsten Abgründen menschlichen Seins, und bekommen dabei eine Lektion in Abhärtung mit Holzlattenqualität! Da werden offensichtlich Menschen zu Tode gequält, erstickt, unter Wasser gedrückt, erniedrigt, verfolgt, erschossen. Tolle Teaser! C´mon…that´s reality? Fuck off!

Seltsamerweise scheint aber gerade zur „fröhlich-besinnlichen Erwartungszeit“ ein Bedürfnis nach Mord und Totschlag zu bestehen. Die „Die Hard“ Filme haben schließlich die besten Ergebnisse zur Weihnachtszeit eingefahren, immer schon. (Dabei hätten die Filmtitel doch eher auf Ostern gedeutet, aber was weiß ich schon?) Zugegeben, ich schau mir ja auch mal hier und da nen Horror-Film an, oder freue mich, wenn irgendwelche Aliens New York in Schutt und Asche legen. Aber ich mag zB die Animation, und das wars. Und sowas auch nicht als Konzentrat, täglich in kleinen, giftigen Dosierungen!

Also weg mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“? Schmeißt die olle Eule vom Baum und zupft ihr die Federn aus! Und die drei Nüsse kann sich die zauselige Aschenbraut mal gleich sonstwo hinschieben?  Bin ich spießig, wenn ich das alles jetzt kacke finde?

Gut, ich will nun auch nicht 24/7 den Edeka Spot vorgeführt bekommen, um eine erzwungene Krokodilsträne nach der nächsten herauszudrücken, nur damit ich pseudo-melancholisch aus der Wäsche gucken, und meine „tiefen Gefühle“ bei Facebook posten kann.

Aber für ein paar Wochen im Jahr hätte ich gerne tatsächlich eine besondere Art der Besinnlichkeit. Eine, die sich der Wortbedeutung eindeutig annimmt und nicht ständig mit „Besinnungslosigkeit“ kokettiert. „Sich besinnen“ bedeutet nachzudenken, sich abzusetzen vom alltäglich wohlbekannten Wahnsinn – und sich über diesen Prozess des Denkens im Klaren zu sein. Sich selbst erkennen, sich im Kontext zu identifizieren, gerne auch „wieder zu Sinnen kommen“. Quasi ein völlig unreligiöser ReBoot des Systems „ich“. Ob das irgendjemand verstanden hat…?

 

 

(Foto: Konsumkaiser   Keinerlei Sponsoring)

 

17 Kommentare

  1. Wie gut ich dich verstehe – nur kannst du es viel besser in Worte fassen – Danke dafür!!
    Weihnachtliche Grüße aus Essen nach Essen 🙂

  2. Stimme Dir zu. Von mir aus, könnte man die offensichtlichen Gewaltszenen das ganze Jahr über weg lassen. Zum Wegzappen, wie das Töten und Angstbereiten „zelebriert“ in den meisten Krimis heutzutage wird. Neulich kam ein alter Tatort mit Curd Jürgens, bis auf eine kurze Szene wurde nur das Ergebnis (das daliegende Opfer ) gezeigt . Da standen noch die Geschichte und die Charaktere im Vordergrund und nicht die Bildeffekte.

  3. Das war ja wieder ne ganze Menge zum verdauen. Aber es stimmt, der Tatort ist so typisch Deutsch: Depressiv und düster.

  4. Jetzt sollen wir uns auch noch den Tatort von dir vermiesen lassen? Kümmere dich um deine ekeligen Cremetöpfe und las uns kucken was wir wollen! Und meine Kinder dürfen das auch kucken. So ist es im Leben nähmlich auch!!!!

  5. Sonntag abend bin ich entweder arbeiten, treibe mich bei YouTube rum oder sehe Vox, wenn irgendwelche Promis gegen Hernn Henssler kochen oder shoppen gehen. Denn am Sonntagabend will ich tatsächlich abschalten und mich berieseln lassen. Da passen Mord und Totschlag nicht rein. Insofern bin ich voll auf deiner Seite und zu dieser Jahreszeit erst recht.

  6. Dass das dauernde Anschauen von Gewalt abstumpft und zu gleichgültigerem Verhalten gegenüber Gewalt führt, ist ein alter Hut.

    Man weiß aus Tierversuchen, wenn man einem bestimmten Reiz dauernd ausgesetzt ist, nimmt die Reaktion auf diesen Reiz immer mehr ab. Desensibilisierung.

    Wie wäre es wenigstens zu Weihnachten aufs Fernsehen zu verzichten? Gedichte lesen? Musizieren? Spiele spielen? Plaudern? Sich ehrenamtlich betätigen und so weiter und so fort.
    Ich „boykottiere“ schon lange viele TV-Sender. Für diese Sch…programme noch bezahlen ist obszön.

    Toller Beitrag. Danke dafür! Sprichst mir aus der Seele 🙂

    Lieben Gruß aus Wien
    Regina

  7. mich wundert, dass du noch zeit zum TV gucken hast. ich lasse den schwarzen kasten an der wand monatelang aus und mir fehlt nix. nicht mal mein gemecker über das programm und die werbung. besinnliche grüße, bärbel ☼

  8. Meine volle Zustimmung. Am gruseligsten: die miserablen Darsteller. Der Tatort ist wie Jelena Fischerowna in Filmform. Angeblich ALLE lieben es. Na Danke, ich jedenfalls nicht. Aber das scheint so eine Art Religion bei unglaublichen 10 Millionen Menschen zu sein: Sonntag und Tatort, Familienfeierlichkeit und Fischermusik. Da bin ich raus und schaue lieber noch mal „White Christmas“.

  9. ich finde dein beitrag wieder sehr gelungen. man sollte es unbedingt als zuschauer-stimme an die zuständige redaktion von ard/zdf schicken. vielleicht macht sich dort jemand einpaar gedanken dazu…

    man wird mir wahrscheinlich nicht glauben, aber seit ca 20 jahren, die ich in deutschland wohne, habe ich keine einzige folge gesehen. ich wundere mich nur jeden montag über den wettbewerb bei zuschauerquoten. vergessen die meisten leute nach der tagesschau, wo der umschaltknopf ist?

  10. Also ich gucke schon seit einiger Zeit keinen Tatort mehr, weil er mittlerweile nervt. Aber ich finde er ist noch mit das Beste, was die Öffentlich-Rechtlichen zustandebringen. Ohne Sky und Streamen geht bei uns gar nichts mehr (Serien). Ich gucke und lese außerdem gerne Krimis etc.

    Ich weiß auch nicht, wie jemand (Rena) das beurteilen kann, ohne je einen Tatort gesehen zu haben? Naja, man kann ja auch schön Rosamunde Pilcher, Traumschiff oder einen Film mit zig Werbeunterbrechungen gucken 😉

    1. ich habe einfach öfter zufällig der vorschau gesehen und das reichte mir. gute krimis lese und gucke mir trotzdem gerne an. ich finde es aber nicht, dass die, je blutiger desto besser sind. die sollen spannend und nicht makaber sein…

      mich wundert nur, dass du die zuschauer nur grob auf 2 gruppen aufteilst: man muss kein traumschiff-fan sein wenn man ein tatort nicht mag…

  11. Hallo,

    ich oute mich, ich liebe Tatort. Nicht jeden finde ich nachher gut, bei manchen bin ich eingeschlafen, manche könnte ich immer wieder sehen.

    Zum Glück zwingt mich keiner.

    Zum Glück wird niemand dazu gezwungen.

    Die Werbung dazu habe ich nicht mitbekommen, da ich relativ wenig Fernsehen schaue. Außer: Lindenstraße und Tatort.

    Nun zu den harten Filmen in der Weihnachtszeit.

    Ist es nicht so, dass alles ein Gegenstück braucht, Ying_Yang, Schwarz-Weiß, Hell-Dunkel???

    Vielleicht brauchen wir den Gegensatz? Vielleicht spüren wir das weihnachtliche, warme, freundliche deutlicher, wenn im Parallelprogramm die Fetzen (gleich welcher Art) fliegen?

    Ich weiss es nicht. Ich mag diese Filme an Weihnachten nicht, ich mag Action/Katastrophenfilme u.ä. eh nicht sehr. Egal wann. Aber nur Weihnachtsgedöns im Fernsehen? Im reellen Leben ist es mir auch schon zu viel. Ab August!!!!

    Und ein Tatort braucht keine Werbung. Entweder mag man Tatort oder nicht. Werbung hin oder her. Ist das gleiche, wie Marzipan. Mag man, oder nicht. Gibt kein …ein bischen.

  12. Hallo zusammen!
    Meine Lieblingssendungen sind Dokus, Phoenix, 3sat, ZDFInfo… Aber Sonntagabend muß Tatort sein. Ich mag aber lieber die leisen, Gemetzel und Blut brauche ich nicht, da kann ich mir die Nachrichten anschauen. Die Realität ist leider schlimmer als jeder Krimi.

  13. Die Privatsender mit ihren Dauerwerbeunterbrechungen machen mich eigentlich aggressiver und genervter als jeder Tatort es könnte, deshalb versuche ich konsequent, diese Anbieter zu meiden; wenn ich zufällig mal dort reinschaue ( meist unverhofft bei meinen Schwiegereltern oder weil mein Mann davor wieder mal eingenickt ist und ich den “ Flimmerkasten“ ausmache) weiß ich sofort wieder, warum.
    Tatort schaue ich schon aus Nostalgie- weil ich den aus Münster, Köln, München, Kiel oder Hannover schon immer mag.
    Außerdem…Polizeiruf aus Rostock- ich liebe Charly Hübner!
    Martina

Kommentare gern gesehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s