LIFESTYLE: OHNE SEX IN DER CITY – EINE ÄRGERLICHE FORTSETZUNG

Heute muss ich nochmal ein wenig Dampf ablassen, zum Sequel „And just like that…“ der Kultserie „Sex and the City“. Schon klar, sowas polarisiert, soll es ja auch, und ausserdem färbt die eigene Erwartungshaltung das Bild. Aber deswegen muss man Menschen, die älter werden, doch nicht als Volltrottel darstellen?

 

Aufpassen! Im Laufe des Textes wird auch ordentlich gespoilert. Nicht lesen, wer Hinweise zum Verlauf der Serie „And just like that…“ vermeiden möchte.

 

Ich hatte gerade ein knappes Jahr in New York gelebt und kam wieder nach Hause nach Deutschland. In die Provinz, wie ich es bezeichnete. Und da war sie, die Serie, die ich in den USA kaum wahrgenommen hatte. Klar, ausser Melrose Place war TV für mich in dieser Zeit uninteressant. Das echte Leben war spannender, wie man sich vielleicht vorstellen kann.

Hier in Deutschland hing ich allerdings an den Lippen von Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha. Nicht zuletzt, weil ich das ja alles irgendwie kannte, natürlich bis auf die millionenteuren Appartements, die sich da alle offenbar leisten konnten, was auch damals schon illusorisch war.

Ich lag lachend unterm Tisch, als Carrie in einer Folge von ihrem Absturz im berüchtigten Club „Tunnel“ berichtete, das (und so einige andere Dinge) hatte ich wohl gerade eben erst auch erlebt. Es machte damals den Abschiedsschmerz von New York ein wenig leichter.

Sex and the City war einerseits verfilmte amerikanische Lebensfreude pur, und wer sich einmal all die (fast hundert) Fragen anschaut, sie sich Carrie im Laufe der sechs Staffeln (in ihrer fiktiven Kolumne) so stellt, so war die Serie andererseits auch in Teilen erstaunlich tiefgründig. Und haben wir uns in den 20er und 30er-Lebensjahren nicht alle gefühlt, als berge das Liebesleben tausende unbeantwortbare Fragen für uns persönlich?

 

Ja, ich habe mich jetzt auf das Wiedersehen gefreut. Na klar, wer darüber lästert, wie alt die Darstellerinnen und Darsteller geworden sind, hat wohl noch nicht selbst in den Spiegel geschaut. Ja, die Klamotten sind irgendwie spießiger geworden, und SJP tut sich mit der dort gezeigten Hutmode echt keinen Gefallen. Alles geschenkt.

Aber diese dermaßen penetrant zur Schau gestellte (neue) Wokeness in der Serie macht aus den (mittlerweile nur noch) drei Ladies drei totale Volltrottelinnen.

Ja, Diversität ist aktuell, ist auch gut und richtig, die Menschheit entwickelt sich halt weiter, und mehr auf Akzeptanz und Reflektion zu achten tut allen gut. Aber warum hat sich der Seriennachfolger bloß auf die Fahnen geschrieben Diversitätsweltmeisterin zu werden?

In der Serie treffen Carrie, Miranda und Charlotte (endlich) auch mal auf PoC, Behinderte, geschlechtlich nicht-Festgelegte, sexuell noch viel weniger Festgelegte, und so weiter, und so fort.

Gut und schön, wenn die drei Damen dabei von den Drehbuchschreiberlingerinnen nicht von einem Fettnäpfchen zum nächsten gejagt würden. Es ist grausam mit anzusehen, man schämt sich fast ständig mit, und bekommt prompt ein schlechtes Gewissen, wenn einem das bereits nach ein paar Minuten irgendwie auf den Keks geht. Die Holzhammermethode war noch nie so recht erfolgreich.

Echt? Miranda tappst im Pronomenland herum wie der berühmte Elefant im Porzellanladen. Upper-upper-Class-Charlotte hat Angst zu wenig schwarze Freunde zu haben (ach ne?), und Carrie wird puterrot, wenn sie über Sex sprechen soll.

What? Wer zur Hölle hat den Sex aus der Serie gestrichen? Nun ist mir auch klar, warum man einen neuen Titel für die Reunion wählen musste, denn Sex ist hier kein wirkliches Thema mehr. Soll bedeuten? Ab 50 hat man keinen Sex, sondern lebt grundsätzlich nur noch (wenn überhaupt) in unglücklichen Beziehungen, die einen „sich selbst nicht mehr fühlen lassen“, so wie es Miranda in einer der nächsten Folgen schildern wird, und trägt lächerliche Hütchen.

Ich habe nun bereits bis einschließlich Folge sechs geschaut, und bis auf Sex zwischen Miranda und der*dem non-binären Che, der wohl auch noch verstörende Gewissensbisse zurücklassen musste, gab es nur eine weitere „Sex“-Szene, die symptomatisch für dieses gesamte Remake ist: Carrie arbeitet mit bei einem professionellen Podcast über Sex, ist aber sichtlich peinlich berührt, wenn sie während dieser Aufgabe über Masturbation erzählen soll. Hallo? Merkt einer was? Die Luft ist raus.

Dazu gesellt sich die Tatsache, dass der Ton von Folge eins gesetzt ist: Carries große Liebe (Mr. Big) ist vom Peleton-Trainer gefallen und von uns gegangen. (Vielleicht auch, weil Carrie arg lang versteinert in der Tür steht, sich dann mit dem herzinfarkteten Mr. Big unter die aufgedrehte Dusche setzt, und irgendwie keine große Lust zeigt einen Notarzt zu alarmieren??)

Die große Überschrift ist nun Trauer. Alle trauern natürlich pflichtbewusst mit, und selbst in Folge sechs sind keine Anzeichen von wieder aufkeimender Leichtigkeit und Freude zu erkennen. Über allem schwebt der Tod von Big und das drückt schwer. Ja, nach Folge sechs ist mir die Lust vergangen.

Das ist nicht mehr „mein“ Sex and the City“, das ist eine grundlegend andere Serie, die die alten Charaktere missbraucht, wohl um Quote zu machen. Und wir Quotenschafe erleben einen schauderhaften Aufguss, eines einstmals bahnbrechend luftig-leichten und doch so zeitgeistigen, verfilmten Stimmungsaufhellers. Kalter Kaffe mit doppeltem Bitterstoffgehalt.

Man kann sagen, die Zeiten haben sich geändert, und wir uns auch. Und? Muss ich deswegen schlechte Laune haben? Muss ich heute erwachsener sein, nur weil eine Zahl in meinem Pass das angeblich vorschreibt? Ist Ausgelassenheit und Lebensfreude ohne ständigen Druck alles edel und richtig zu machen ein Vorrecht der Jugend?

Man kann sicherlich darüber streiten, alles eine Frage des persönlichen Standpunktes, aber ich selbst finde es äusserst schade, wie die SatC-Frauen hier gezeichnet werden. Für echte Fans ist jetzt wohl eine Prozac fällig. „Samantha“ alias Kim Cattrall wusste schon, warum sie da nicht mitmachen wollte. Recht hat sie, denn auch wenn die Zeiten sich geändert haben, und selbst Ney York eine andere Stadt geworden ist, so wird aus drei lebenslustigen, starken und intelligenten Frauen nicht urplötzlich ein Haufen Trampel, die nur noch jammern und mit dem Zeitgeist hadern, wie die Urgroßmutter an einer Playstation.

Zu viel Realismus in dieser Zeit, die TV-Serienprogramme höchstens noch als Eskapismus-Hilfe braucht, ist schwierig. Ich halte das alles für eine wirklich vertane Chance.

 

 

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(Foto: HBO MAX.  Keinerlei Sponsoring)


14 Gedanken zu “LIFESTYLE: OHNE SEX IN DER CITY – EINE ÄRGERLICHE FORTSETZUNG

  1. Lieber KK,

    ich weiß, warum ich erst gar nicht begonnenen habe die Serie zu schauen. Du schilderst sehr schön, dass die Luft raus ist. Das war auch zu erwarten, weil das Leben der 30jährigen völlig anders läuft, als das der 50-60jährigen.

    Übrigens ist das „keinen Sex mit über 50“ wohl nicht ganz aus der Gesellschaft zu bringen. Mir berichten immer wieder Patientinnen dieser Altersgruppe, dass der Gynäkologe ihnen lapidar sagt, sie sollen keinen Sex mehr haben, wenn sie um Hilfe bitten, weil sie wegen des Östrogenmangels Schmerzen beim Sex haben 😮😮🤯. Mir geht dann jedesmal die Hutschnur hoch ob dieser Diskreminierung: Solange du gebären kannst darfst du Sex haben!, danach zieh Dich zurück.

    Liebe Grüße aus dem verregneten Norden
    Karen

  2. Ich habe als alter Fan der Serie auch eine Chance gegeben, -aber bei der letzten Folge habe ich echt die Lust verloren. Diese neue Wohnung von Carrie hat echt Oligarchen Niveau :-0. OK die Wohnungen waren immer absurd, aber jetzt ist der Lifestyle einfach lächerlich und dieser abstruse Reichtum stört mich sogar noch mehr als die ebenfalls störende humorlose und erzwungene ‚wokeness‘. Aaargg. Ich wünschte wirklich Carrie wäre nicht so „filthy rich“.
    ….Ebenfalls auf Sky Ticket zu sehen: die alten Folgen. Schaut man ein paar, fragt man sich, warum die Autoren es nicht geschafft haben eine Unze des alten Humors und der Wärme in die neuen Folgen reinzuschreiben, wo bleibt das Herz? Außerdem wo ist eigentlich Steve in der politisch korrekten Affären Story???

    1. Ich habe auch nochmals mit Genuss in die alten Folgen reingeschaut. So unbeschwert war das. So luftig und motivierend. Und filthy rich ist echt zum Würgen. Alles irgendwie knapp daneben.
      Liebe Grüße
      KK

      1. Alles irgendwie knapp daneben … ist auch vorbei!

        Die neue Serie heißt ja auch schon anders.

        Politische Korrektheit hin oder her (mit Augenmaß praktiziert geht’s doch, liebe Ex-Kinderinnen und Ex-Kinder 😉) – aber die Schere im Kopf unterbindet das Kreative als Bedingung von Lustigkeit. SATC lebte doch davon, sich mit voller Breitseite im Fettnäpfchen zu räkeln. Räkeln!

        Umgekehrt würde für der/die/das DrehbuchschreibendeX ein/e SchuhX daraus: aus dem ersten Brain Storm (neudeutsch: Hirnsturm) das gefühlt Allerschlimmste herauszustreichen.

        Ach ja. Da waren wir ja fast gleichzeitig in Übersee. Was waren das für Zeiten 💋🍸 👠 💄 🍹 🎶 🍆 💋 !

        1. Das stimmt wohl. SatC hat von den Fettnäpfchen gelebt, aber ich konnte mich – zumindest teilweise- damit identifizieren. Jetzt empfinde ich das so, als würde man Carrie, Charlotte und Miranda quasi mit dem Holzhammer in die Näpfchen prügeln.😆 Früher war mehr Leichtigkeit und Selbstironie und das geht „…and just like That“ völlig ab. Aber vielleicht schwingt da meinerseits auch eine gewisse Verklärung mit.^^

          Ich schaue jetzt wieder die alten Folgen. Schön war’s 😉

          Schönen Sonntag euch!

      2. Auf jeden Fall! Echt knapp daneben! Zuerst hatte ich mich auch über die alten Bekannten mega gefreut. Die neuen Charaktere sind auch gar nicht schlecht, gerade die Professorin oder die Maklerin, Diversität hatte Sex and the City echt nötig.. allerdings kommt man nur in das superreiche Universum wenn man wie ein Model ausschaut oder unglaublich viel Asche hat (ist das progressiv?!) …dazu die erzwungenen peinlichen Situationen der alten „Crew“…selbst meine Oma hätte diese besser navigiert und sie lebt nicht in einer Großstadt. 🙂 Schöne Grüße

  3. Ach du sprichst mir sooooooo aus der Seele. Ich war auch voller Freude – wenn auch etwas traurig wegen no Show Samantha- aber spätestens nach Folge drei konnte ich verstehen und hab zugestimmt dass sie nicht dabei ist. Diese Show ist wirklich das totale Gegenteil von der ursprünglichen Serie in der sich jeder in einer der Charaktere oder in allen wieder gefunden hat. DAS hier ist nur peinlich. Sei es die pikierte Charlotte (wobei sie es ja schon früher war, als auch eine völlig verblödete Miranda die mal eine toughe, zielstrebige und kluge Frauen war. Ich meine die Damen sind Mitte 50 und nicht 80!!! Für einen SatC Fan der ersten Stunde, ist diese Komödie einfach nur schrecklich. Da waren die Filme noch authentischer. Wie konnte es von dort nach hier kommen? Ich hab bei 3 gepaust, weiß nicht ob ich das weiter schaue oder lieber die alten Staffeln. Als big noch ein charismatisches miststück war und kein masturbierender Typ in der Midlifecrisis.
    Und warum bitte Natascha?!?!? Welchen Grund gab es? Und ja, neuerdings scheint in New York sterbehilfe in statt 911 🙈 mal abgesehen davon dass er wirklich lang ausgehalten hat…ach es gäbe noch viel zu sagen aber ich schau mir lieber die schönen alten Folgen an 🤗

  4. Ihr sprecht mir so aus der Seele. Bis Folge 5 habe ich es geschafft, aber es macht sowas von überhaupt keinen Spaß. Wo ist die Leichtigkeit ? Wo die Ironie? Wann sind Carrie, Miranda und Charlotte so uncool geworden, dass man sich in einer Tour fremdschämen möchte? Lediglich die neu eingeführten PoC-Charaktere sorgen dafür, dass das keine komplette Trottel-Veranstaltung wird. Allerdings ist es keine Kunst, neben den SATC-Ladys zu glänzen.

    Revolutionär wäre es ja, wenn da noch ein paar finanziell weniger gut situierte Frauen den Freundinnenkreis aufmischen würden. Denn ehrlich gesagt ödet mich das an, dass Carrie, die nicht über Sex reden kann, ausgerechnet mit einem Sex-Podcast ihr Geld verdient und Charlotte natürlich Vollzeitmama ist (wie sie in Folge 4 od. 5 sagte). 🙄

    Kim Catrall hat das ganz richtig gemacht, dass sie sich dem Murks verweigert hat.

  5. Candace Bushnell, mittlerweile wieder auf dem Single-Markt unterwegs, hat übrigens ein weiteres Buch geschrieben: Is there still sex in the City? Dieses Buch finde ich, im Gegensatz zur Serienvorlage, wirklich unterhaltsam. Und Surprise: Sie liefert quasi die Fortsetzung der Serie, die diesen Namen verdient. Nur hat „… and just like That“ leider nichts mit dem neuen Buch zu tun (sagte sie selbst im Interview). Schade. Chance vertan.

  6. Lieber KK,
    vielen Dank für Deinen amüsanten Kommentar! Du hast so Recht! Ich habe mich schon gefragt, weshalb bisher niemandem auffällt, dass „Carrie“ keinen Notarzt ruft. Dass sie vielleicht unter Schock eine Reanimation nicht hinbekommt, scheint ja nachvollziehbar, aber in einem Luxusgebäude zentral in NYC mit Telefon, Handyempfang und Portier könnte man Hilfe rufen, ggf. wäre sogar ein halbautomatischer Defibrillator vorhanden…. Gut, es ist nur eine Serie, aber zumindest ein Versuch wäre schön gewesen, auch als kleine Erinnerung für die Zuschauerinnen…
    Ein wenig mehr Realitätsnähe und „Biss“ der Hauptfiguren würde der Serie guttun.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Ich habe auch ganz neugierig die erste Folge geschaut. Dabei blieb es dann auch. Meine Reaktion darauf war so „hääähh?!…“ Meine Teenagerkinder fanden es so toll, die sind sogar aus dem Wohnzimmer geflüchtet😜. Vielleicht habe ich ja aber nur nen anderen Humor oder ich verstand nicht richtig?🤷🏻‍♀️Das mit der der fehlenden Reaktion auf den Herzanfall brachte dann am Schluss der Folge nochmal völliges Unverständnisgefühl und extra Minuspunkte. Fazit: brauch ich nicht….uninteressant

  7. Ich kam nicht umhin mich zu fragen: „War es das Skyticket Abo wirklich wert?“ 😉 Im Tunnel war ich übrigens auch schon. Mit 22 das erste Mal in New York. Hach war das aufregend 😁

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