GLOSSE: BLIND WIE EIN FISCH UND DANN AUCH NOCH MIT MASKE

Kennt das jemand: Man geht nur ganz kurz aus dem Haus, vergisst Kontaktlinsen oder Brille, und Masken sind allgegenwärtig. Und plötzlich ruft jemand deinen Namen…

 

KK mit Brille

 

Wenn der Morgen einfach zu gut und schön startet, sollte man besser gleich misstrauisch werden. Ja, die Sonne scheint und der Kaffee schmeckt vorzüglich. Meine neuentdeckte French-Press-Methode ist einfach lecker und wenn die Playlist auch noch „Sanremo“ von Mika spielt, beginnt ein ganz wundervoller Tag.

Entspannt schlendere ich durch die Küche, schaue aus dem Fenster, lasse die Augen in die Ferne schweifen. Das soll man öfter mal tun, ist gut für die Augen, das kann man überall lesen. Und das brauche ich auch, ein langer Abend mit Pizza und Rotwein liegt hinter mir, und als Kontaklinsenträger strengt das die Augen schon etwas an, ähem. Dann bin ich froh, wenn die Sehschalen in ihrem Behältnis liegen und meine Augen auf Entspannung umschalten.

Eigentlich fehlen jetzt noch ein paar frische Brötchen. Knusprig vom Bäcker, dazu die neue Marmelade, die mir eine liebe Bekannte vorgestern geschickt hat. Selbstgemacht mit sonnengereiften Früchten aus dem eigenen Garten. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und Mika singt von „Sunshine“ und „Seaside“.

Gut gelaunt schlüpfe ich in meine bequemen Schuhe, werfe nur schnell eine dünne Jacke über, es sind fast 20 Grad, der Frühling zeigt sich ausnahmsweise von seiner besten Seite.

Schon stehe ich auf der Straße und laufe mit federndem Schritt zum nächsten Bäcker. Auf die Hauptstraße muss ich, rechts ab, und dann sind es noch ungefähr 900 Meter. Eine Allee mit alten Bäumen entlang. Irgendwas ist aber komisch heute.

Ich bin mir noch nicht sicher was es ist. Vorsichtshalber taste ich mich ab. Jacke an, T-Shirt drunter. Gut. Hose auch da, sehr gut. Man weiß ja nie. Man hört doch immer wieder davon, dass der schlimme Alptraum, man steht plötzlich nackt in der Öffentlichkeit, auch mal wahr werden kann.

Nein, ich bin definitiv nicht nackt, und selbst meine Schutzmaske habe ich dabei, die ich nämlich gerne mal vergesse. Im Auto habe ich immer eine Auswahl an frisch verpackten Mund-Nasenbedeckungen parat, aber hier nicht, nur die eine in der Jackentasche, und die wird wohl reichen.

Über mir zwitschert ein Vogel besonders laut, fast schon ein wenig hämisch hört es sich an. Ich schaue verdutzt nach oben, um nach dem kleinen Frechdachs Ausschau zu halten, da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Irgendwie bin ich doch nackt!

Ich habe nämlich keine Brille auf, und die Kontaktlinsen liegen ebenfalls noch friedlich in ihrem Behälter, der die Form einer Eule hat. Warum mir das jetzt gerade einfällt kann ich nicht sagen, aber der Schreck ist doch ziemlich groß, denn nun erkenne ich auch, dass ich nicht gerade viel sehe. Ich bin kurzsichtig wie ein Maulwurf, und wenn ich über eben solch ein Tier stolpern sollte, kann ich nicht einmal beschreiben, was mir den Beinbruch eingehandelt hat. Tier? Ein paar alte Stiefel im Weg? Keine Ahnung, ich habe keine Sehhilfe dabei!

 

Ich beruhige mich innerlich durch gutes Zureden. Meine innere Stimme sagt mir recht zuversichtlich, dass es ja nicht weit ist, ich den Bäckerladen schon seit Jahren kenne, und ich ja nur drei Brötchen kaufen will. Ich muss nun wirklich keine Rakete auf dem Mond landen, das wird doch zu schaffen sein? Meine Ohren sind ja noch gut, übernehmen die nicht ganz, ganz schnell einen Teil der Sehkraft, wenn man auf diese nicht zurückgreifen kann? Hm, das kommt vom Zeitrahmen wohl nicht hin.

Warum klingt mein inneres Ich plötzlich so zögerlich?

Ich bin beim Bäcker, setzte schnell die Maske auf und gehe die drei Stufen zum Verkaufsraum hoch. Rumms!

Es geht schon gut los! Nicht drei Stufen sind es, sondern vier. Ich blöde Nuss bin also gleich zu Beginn schon über eine einzelne doofe Stufe gestolpert, schaue dabei erschrocken ins Nichts, denn arg nebulös erscheint mir die Verkaufstheke mit den frischen Backwaren. Ich bin doch richtig, oder?

Schlimm, ich könnte eigentlich auch in der Reinigung nebenan gelandet sein, ich wüsste es kaum, und würde mich bei der Bestellung zum Obertrottel machen, wäre nicht der leckere Backduft ganz deutlich in meiner Nase angekommen. Diese Mischung aus leckerem Wasser-im-Mund-zusammenlaufen und erwartungsfrohem Magenknurren.

Drei Menschen sind wohl noch vor mir dran, ich halte Abstand. Zum Glück erkenne ich die Person hinterm Tresen, aha, das ist also meine Orientierungsrichtung. Ich bin so blöd, echt, ich sollte….

„Hallo!“ ertönt es urplötzlich weiter weg, und ich höre dazu meinen eigenen Vornamen!

Das kann ein Zufall sein. trotzdem versuche ich die Umgebung zu scannen. Pech. Fehlende Sehschärfe plus Masken vor allen anwesenden Nasen hilft mir echt nicht weiter in dieser Situation. Ich beschließe, den Ruf zu ignorieren und krame lieber demonstrativ in meinem Portemonnaie nach Kleingeld, damit ich nach der Bestellung flugs wieder aus dem Laden komme.

Da ruft es doch gleich nochmal. Mit dem frechen Anhang: „…Du altes Haus, was machst Du denn hier?“

Angestrengt schaue ich durch die Gegend und endlich finde ich wohl ein paar Augen, die etwas freundlicher als die anderen zu mir herüber schauen. Äh ja, ich erkenne die Person zwar überhaupt nicht, sage aber mal besser was: „Brötchen holen“ ist meine überaus schlagfertige Antwort auf das unverfrorene „alte Haus“.

Die Richtung in die ich meine Stimmwellen schicke stimmt offensichtlich, die mir gänzlich unbekannte Person löst sich aus der Reihe und kommt mir bedenklich nah. Ich sehe die Maske vor mir, denke noch, dass es wohl eine dieser teuren extra dichten und sicheren Masken sein muss, die kaum ein Lüftchen raus (und meiner Ansicht nach auch rein) lassen, und dass ich sie doch letztens noch bewundert habe. Wo nur?

„Wat kuckse denn so komisch?“ blafft mich die Person an, und ich kann kaum reagieren, denn all meine körperliche Energie scheint sich nun in meinem Gehirn zu befinden. Die Synapsen schlagen Funken, laufen weiter auf Hochtouren und schreien nach Zucker. Nee, ich komme nicht drauf. Notiz an mich selbst: Neben neuer Kontaktflüssigkeit unbedingt die Anstaltspackung Vita-Burlecithin besorgen, oder lieber gleich die dicke Packung Ginko Biloba, die immer so aufreizend weit vorn beim Apotheker in der Seniorenbedarf-Ecke steht.

Ich gebe mich geschlagen und setzte nun auf eine andere Taktik. Offensiv die Wahrheit sagen: „Sorry, aber ich habe meine Brille vergessen, ich erkenne Sie gerade echt nicht. Wer sind Sie nochmal?“

Ruhe kehrt ein.

Mein Gegenüber scheint perplex, und die umstehenden Personen schauen mich mitleidig an. Zumindest glaube ich das, ich fühle es doch. Ach, wie auch immer, sie starren zu uns und grinsen sicherlich hämisch. Ich muss wieder an den spöttischen Vogel von vorhin denken, der wollte mich sicher warnen. Wird heute dein Fettnäpfchentag!

Langsam verlagere ich mein Gewicht aufs andere Bein, schließlich warte ich immer noch auf eine Antwort.

Das Phantom mir gegenüber hebt den Arm, führt die Hand zur teuren Maske und zieht sie ein wenig hinunter. Ein grinsendes Gesicht schaut mich an, und ich bin plötzlich hochnotpeinlich rot im Gesicht. Mein eigener Cousin steht vor mir, mit dem ich am Vorabend noch gemeinsam ein Blech Pizza mit einer echt guten Flasche Rotwein gekillt hatte.

Oops. Ich sag ja: Maulwurf.

Mein Cousin scheint es mir nicht übel zu nehmen, er wartet bis ich meine Brötchen habe und bietet mir an, mich schnell mit seinem Wagen nach Hause zu fahren, eh sonst noch was geschieht. Himmerl, muss ich immer noch blöd aus der Wäsche gucken.

Hm, da bin ich dann aber doch ganz froh, wer weiß was der freche Vogel noch parat hat, und auf dem Weg halten wir dann auch dringend bei der Apotheke, ich hätte da noch eine größere Bestellung aufzugeben…

🙂

 

.

 

 

(Foto: Konsumkaiser.  Keinerlei Sponsoring)

 

 

.

 

 

 

 


10 Gedanken zu “GLOSSE: BLIND WIE EIN FISCH UND DANN AUCH NOCH MIT MASKE

  1. Danke für den gut gelaunten Start in den Sonntag!
    Ich kann das so gut nachempfinden, selbst mit Sehhilfe erkenne ich, „dank“ der Maske, manche Freunde nicht auf der Straße.
    Schlimmeres kann mir aber nicht passieren: ohne Kontaktlinsen/Brille finde ich nicht einmal die Haustür…. 🤣

    Einen sonnigen Tag!

  2. Danke für den Lacher am Sonntagmorgen! Falls du ein Buch veröffentlichen möchtest: ich werde definitiv zu den Vorbestellern gehören. 🙂

    1. You made my day, Danke! :o) Du hast so eine herrliche Art Geschichten zu erzählen, ich liebe das.
      So ähnlich kenne ich das auch. Brille abends abgelegt, morgens vergessen wo und das Büro ruft… Ich sehe zwar noch gut ohne Brille, fühle mich aber trotzdem sehr unwohl „mit ohne“ vor dem Rechner zu sitzen.

      Hier unten hab ich noch was für dich. Die gelungene Mischung aus Ed Sheeran und Steve Jobs ist eigentlich ein englischer Comedian, der in Paris lebt und aus bekannten Gründen gerade arbeitslos. Da er ein Technik-Freak ist und fast 10 Jahre bei Apple gearbeitet hat kann man jetzt z.B. über solche Videos lachen… Heute zufällig entdeckt und ich musste gleich an dich denken.

      Liebe Grüße

      1. Danke, die Videos sind super! Und so ein Zufall: Auch ich bin gerade „downgegradet“ vom iPhone 11 Pro auf ein 12 Mini! 🙂
        Zufälle gibts…
        Liebe Grüße
        KK

  3. Hahaha… das kenne ich sooooo gut. Du schaffst es immer, solche Alltagssituationdn so schön zu beschreiben.

    1. Herzlichen Dank für diese sehr amüsante Geschichte. Auch wenn die Sehkraft …äh.. etwas minimiert ist, das Talent zum gekonnten und humurvollen Erzählen ist definitiv groß.

      Ich habe soetwas übrigens unter umgekehrten Vorzeichen erlebt: Ebenfalls ohne Brille im Shoppingcenter unterwegs, grüsste ich freundlichst einen entgegenkommenden Kollegen: „Huhu Sven!“. Eisiger abweisender Blick. Irgendwas stimmt nicht. „Oh, Du bist gar nicht Sven, wie peinlich, sorry!“ Noch ein eisiger Blick und der betreffende Herr ergreift quasi die Flucht. Ich vermute, er dachte, ich sei eine verzweifelte Fau auf Männerfang und das eine Methode, um ihn „anzubaggern“ :)))))

  4. Genau so ging es mir vor meiner Augen OP. Kann es bestens verstehen und lustig ist das nicht, wenn man seinen Job nicht mehr ausüben kann und fast zum Sozialfall damit wird.
    Viele Grüße

  5. 😀 Hahahahaha! Das kommt mir bekannt vor, lieber KK!
    Passiert mir immer wieder. Bin dann aber froh, wenn ich wenigstens die Bildschirmbrille auf der Nase habe und die Leute im Umkreis von einem Meter erkennen kann.
    Schönen Abend und liebe Grüße
    Claudia 🙂

Kommentare gern gesehen! (Keine Anmeldung nötig)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.