LIFESTYLE-GLOSSE: ZETTEL AM FUß – GEDANKEN ÜBER DAS ENDGÜLTIGE ÄLTERWERDEN

Irgendwann denkt wahrscheinlich jeder Mensch darüber nach, wie es wohl ist, wenn man zum Komposti wird. Älterwerden ist ja gut und schön, der Friedhof noch keine wirkliche Alternative, also macht man einfach das Beste daraus und versucht den Übergang von ehrwürdiger Reife zu Gammelfleisch mit Haltung zu meistern. Wenn da nur nicht so viele gedankliche Stolpersteine wären…

 

 

Nö, ich bin nicht alt, in Gedanken bin ich höchstens 35. Und auch wenn ich auf dem Papier die 50 (von mir nahezu unbemerkt) überschritten habe, zähle ich mich garantiert nicht zum Friedhofsgemüse. Nicht zum Krampfadergeschwader, und auch nicht zur Grabsteinliga, der Zettel am Fuß hat noch ewiglich Zeit.

Naja, so beinahe.

Auch mit 50 kann man sich noch wie 30 fühlen, aber eben nur noch eine halbe Stunde am Tag. So ähnlich wusste das schon Antony Quinn, und der ist echt von Anno Knirsch. Und ja, Herr Quinn, da fühle ich mich dann doch gleich ein bisschen ertappt.

Während Frauen heutzutage ja gerne versuchen „mystisch-elegant“ zu altern, und einer Iris Apfel nacheifern, dabei aber hoffentlich auch die nötige Aura dazu mitbringen und nicht zum Runzel-Rapunzel mutieren, ziehen ältere Männer ja immer noch gerne irgendwann kollektiv die beigefarbene Weste mit den dreiundzwanzig praktischen Taschen über, und machen einen auf Bordsteinkommandant.

Vor allen Bauzäunen, Parkbuchten und Umzugswagen stehen sie mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und passen auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Nachts wissen sie genau wer wann (und mit WEM) nach Hause gekommen ist, und tagsüber werden alle Parksünder der Gegend aufgeschrieben und dann…äh, ja was eigentlich?

Egal, denn danach geht es mit dem AOK-Volvo direkt in den nächsten überfüllten Supermarkt, um den Inhalt des vollgepackten Einkaufswagens mit stoischer Ruhe in gefühlten einhunderttausend 1-Cent-Stücken zu bezahlen. Handgezählt, während der hilflosen Kassiererin pointiert über die letzte Prostatauntersuchung berichtet wird.

 

Ich muss mal eben schnell einwerfen, dass ich tiefen Respekt vor den allermeisten alten Menschen habe, und ausserdem bin ich ja auch fast einer. Also in weiter Zukunft, irgendwann. Trotzdem drängt sich in mir immer weiter der Verdacht auf, dass ab einer unerklärbaren Altersgrenze, gewisse Prozesse in Kraft zu treten scheinen, die „jung gebliebene“, dynamische Menschen in senile Tatter verwandeln.

Und wenn ich dann hinten in der Schlange argwöhnisch das Schauspiel beobachte, wie die Cent-Stücke in einem Schneckentempo vom grauen Lederimitat in die Kassenlade wechseln, sodass ich nebenbei noch ein Studium der Sinologie abschließen könnte, wird meine Wertschätzung der Alten nahezu ranzig, wie eine Packung Schinken auf der Heizung. Und so haue ich mir innerlich auf die Finger und denke, dass ich furchtbar intolerant sein kann.

Aber selbst wenn mir schon ein paar Friedhofsblümchen (Altersflecken) auf Händen und Stirn sprießen, so sehe ich es nicht ein, jetzt schon mal die 1-Cent-Stücke zu sammeln, oder die Jahreskarte im Fitnessstudio gegen die Röntgen-Flatrate beim Hausarzt einzutauschen. Die Schönheit in der Vergänglichkeit zu erkennen ist noch nicht mein Thema, das muss warten.

Na gut, hier und da ertappe ich mich auch dabei, wie ich falsch parkenden Autofahrern einen fiesen Eiterpickel auf die Stirn wünsche, oder dem jungen Pärchen von gegenüber gerne einmal die gesetzlich vorgeschriebenen Regelungen zum Grillen und Feiern nach 23 Uhr erklären würde, aber hey, gibts diese Regeln wirklich, oder werde ich doch nur langsam spießig? OMG!

 

Als Mensch mit fortgeschrittener Attraktivität macht man sich allerdings schon seine Gedanken, wie lange man denn wohl noch so hat. Kaum wurde das Alete-Begrüßungspaket eingesackt, ist ja auch bald schon wieder Schlussikowski. Wenn das Friedhofsgras ja bereits aus Nase und Ohren in Büscheln wächst, man sich daher unangenehm an die alte Ilja Rogoff Knoblauch-Reklame erinnert fühlt, und man mehr mit dem Enthaaren der Kopföffnungen zu tun hat, als mit dem Aussuchen der coolsten Klamotten für den Clubbesuch, dann ist es wohl soweit.

Also doch Knoblauch in respekteinflößenden Mengen konsumieren? Johannes Heesters, der alte Kalkstreuer, soll das Zeug geradezu gefressen haben, er wurde schließlich 180 Jahre alt…oder so. Oder eher polychronen Völkern in südlicheren Gefilden nacheifern, die Kurkuma, Preiselbeersaft und Wettbewerb, sowie Vollkornbrot, Müsli und Zeitdruck lieber Familie, Geborgenheit, Lebensqualität und „kommste heut nicht, kommste morgen“ entgegensetzen, um meist ein erstaunliches Lebensalter zu erreichen?

„Nutze den Tag! Die Zeit flieht.“ ist leicht gesagt, wenn man abends nach dem Zubettgehen im Flanellschlafanzug alle 90 Minuten mit Harndrang belästigt wird. Da stürzt man sich doch gerne auf Statistiken: Am ältesten wird man in Fürstenfeldbruck (Frauen 80,2, Männer 72,4 Jahre), am frühesten stirbt man in Pirmasens (Frauen 76,4, Männer 71 Jahre). Umziehen! Ja, dass ich da nicht früher drauf gekommen bin…

 

 

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(Fotos: Konsumkaiser, Pixabay    Keinerlei Sponsoring)

 

 

 

 


17 Gedanken zu “LIFESTYLE-GLOSSE: ZETTEL AM FUß – GEDANKEN ÜBER DAS ENDGÜLTIGE ÄLTERWERDEN

  1. Guten Morgen, bei der beigen Rentnerweste musste ich schmunzeln. Die ist meinen Jungs und mir auch schon aufgefallen. Sie ist auch außerhalb Deutschlands weit verbreitet. Rentner aus dem osteuropäischen Raum tragen sie sehr gerne, mir sind auch schon afroamerikanische Rentner mit besagter Weste begegnet. Für modemutige gibt es sie wahlweise in grau. 🙂

    Letzten Winter habe ich mir von Essence einen beigen Lidschatten gekauft. Zu Hause habe ich gesehen, dass die Farbe Granny Pants heißt….
    Hätte ich am liebsten zurück gebracht.
    Ich bin auch schon 52, fühle mich noch wie 30, merke aber, dass mein Körper nicht mehr ganz so fit ist. Ich versuche so gesund wie möglich zu leben und mich zu pflegen, der Rest liegt nicht in meiner Hand.

    Ich lebe in Israel, hier steht die Familie an erster Stelle. Arbeit wurde hier nicht erfunden. Für mich war es anfangs eine enorme Umstellung, aber mittlerweile habe ich mich darauf eingelassen und genieße es.

    1. Hi KK,
      Du hast mir den Tag versüßt mit Deinen Gedanken.
      Dazu fällt mir ein Buch ein: „an allem nagt der Zahn der Zeit“ von Midas Dekkers. Köstlich.
      Schönen Sonntag!

  2. Guten Morgen,
    hab mich auch schon todgelacht…….
    Aber im Ernst: wegen meiner Tiere habe ich schon sehr früh ein Testament gemacht, in dem sie bestens versorgt sind. Das wird regelmäßig angepasst. Alle anderen kommen auch ohne mich gut klar. Wann es einen trifft, wissen wir Gott sei Dank nicht. Ich lag schon Anfang 20 auf der Intensivstation und dachte ich komme da nur noch in der Betterkiste raus. Praktischerweise konnte ich aus dem Fenster den Friedhof gegenüber sehen. Nach so einem Erlebnis wird man anders. Umgezogen bin ich schon. Hier in Oberbayern ist man dem lieben Gott sehr nahe und die Welt ( noch ) in Ordnung.
    Liebe Grüße

  3. Guten Morgen lieber KK und alle die hier lesen.

    Du hast mir wieder einen tollen Sonntagmorgen beschert, ich habe soeben erstmal nachlesen müssen was vorgestern so von dir und allen anderen geschrieben wurde, bis ich bei heute ankam. Fantastisch geschrieben, ich gehe sehr oft konform mit dir und du bringst mich sehr oft zum Lächeln – im Vergleich zur verkommenden Insta-Welt ist das einfach nur erfrischend und ehrlich und ich finde es toll, dass alle hier immer so respektvoll schreiben. 🙂

    Zu dem was du vorgestern schriebst, ich kann leider allübergreifend zustimmen, bei dem was ich in allen Generationen in der Klinik erlebe. Ich komme mit der Gefahr mit Corona und dem mit sich bringenden Verhaltensregeln wie Mundschutz und Abstand klar – Rücksichtnahme sollte man in einem Beruf im Gesundheitswesen aber auch als selbstverständlich verinnerlicht haben. Womit ich so langsam nicht mehr klar komme, sind leider die sich häufenden Menschen überall, die sich nur selbst der Nächste sind (wie jemand schon kommentiert hatte). Das lässt mich zunehmends zur aktuell eh schon hohen Belastung auf dem Zahnfleisch gehen..

    Im Bezug aufs Älterwerden kann ich nur einen alten Satz hervorkramen, der zu stimmen scheint: Wer rastet, der rostet. Es ist was dran, bei manchen Patienten denkt man sie wären viele Jahre jünger und es ist beneidenswert. Das sind immer die, die im Kopf jung, energiegeladen und positiv offen durch die Welt gehen (spiegelt sich dann in Optik bezüglich Kleidung und Auftreten wunderbar wieder, da ist ein gepflegtes Äußeres nur das i-Tüpfelchen).
    Ich bin erst 30, musste früh erwachsen werden und stelle mir hin und wieder trotzdem schon die gleichen Fragen wie du da oben. 🤨😁 Es ist also altersunabhängig, das hat das Erwachsenwerden des Gehirns über die Jahre wohl so an sich, nicht das Alter auf der Geburtsurkunde. 😉

    Zum Schluss noch ein Tipp, auch wenn mein Text schon wieder unsäglich den Rahmen sprengt..

    Bei Sonnencremes aus der Drogerie ohne Alkohol mit recht toller Zusammensetzung ist die SunDance Kids Sensitiv LSF 50 unschlagbar, ebenso der Lippenpflegestift LSF 50(beides helltürkis/weiß in der Optik)

    Euch allen einen schönen Sonntag, auch wenn es schwül ist, der Rosacea in meinem Gesicht tut die hohe Luftfeuchte draußen ohne Mundschutz ganz gut 🤗

  4. Vielen Dank, ich konnte den Tag mit Lachen beginnen! Sich der eigenen Endlichkeit bewusster werden und die Zeichen des Alterns an sich zu sehen ist nicht immer einfach. Darüber lachen zu können hält aber bestimmt auch außerhalb von Fürstenfeldbruck länger jung. Wo liegt das eigentlich? Will man da überhaupt lang leben?
    Einen ganz schönen Sonntag mit viel (altersgerechtem😜) Spaß

  5. Nachtrag: Gerade habe ich das mal gegoogelt. 25 km entfernt von München gelegen, sind die Immobilienpreise in Fürstenfeldbruck mit knapp 5.800 Euro/qm so hoch, dass man noch lange leben muss, damit sich das rechnet…😆

  6. Klassische Fragen in klassischem Alter – der eine oder die andere stellt sie sich aber, seit er/sie denken kann oder musste, und wiederum andere stellen sie sich nie.

    Klar ist irgendwann Schluss, aber bis dahin muss man eigentlich nur besser aussehen und draufsein als ‚die anderen‘, wobei das erstere, wenn man sich umschaut, so schwer nicht sein dürfte (auch in Zeiten von Corona ziehe ich zum Abendessen etwas Schönes an, Parfum, Make Up = the works) – wenn man denn nicht ganz fürchterlich krank wird, was auch zum Lebensunglück und mangelnder Dynamik beitragen kann. Dass Oppa mit den Centstückchen länger braucht, liegt an der abnehmenden Koordination, und auch die Augen lassen nach, und dass er die Nerven dazu hat, liegt entweder generell an ihm („icke“!) oder auch am abnehmenden Kapée.

    Der Eindruck einer gewissen Würdelosigkeit stellt sich bei manchem Erscheinungsbild und Betragen schon ein, aber ich vermute schwer, dass dies nicht einfach schlagartig kommt, sondern ein lange schleichender Prozess ist oder gar schon immer so war – ähem, wenn man sich so umschaut… -, nur mit coolem Cap auf dem Hirn, dem Smartphone in der Hand und ordentlich auch unbegründetem Selbstbewusstsein kommt’s halt klüger an als es ist.

    Doch halt!
    Kennt jemand aus der Carolin Kekebus-Show die beiden Figuren Rebecca und Larissa? Herrlich.
    Doofsein ist also ein lebenslanges Feature.

    Was ist denn ein AOK-Volvo?

  7. Grade erst gelesen und für gut befunden und jaaa, auch ich mit 55 mache mir ab und an solche Gedanken aber eher selten. Ich fühle mich auch eher wie 40 und bin auch oft flippiger als manche mit 30. Aber man merkt es natürlich auch immer wieder wenn es mal hier und dort zwickt und zwackt. Meist wird das aber gar nicht groß angemerkt, hilft nix das jammern lieber gut bewegen und nicht rosten.
    Deshalb schon seit ca. mind. 20 Jahren meine Devise – jeden Tag leben und genießen als sollte es der beste sein und jeder wie er es mag und braucht. Man soll seinen Leidenschaften nachgeben und das schöne Geschirr oder oder benutzen.

    Bei mir ist es unterschiedlich mit dem innerlichen meckern wenn alte Leute eeewig an der Kasse rum hängen. Oft denk ich mir – oh je wer weiß vielleicht geht’s nicht mehr anders und wer weiß wie wir werden.. manchmal rolle ich innerlich mit Augen und sonstigem.. und versuche mich in Demut und Toleranz zu üben.

    LG Sunny

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