LIFESTYLE: DAS MONSTER AM STEUER * WIE UNS AUTOFAHREN VERÄNDERN KANN

Ich fahre total gerne Auto, es ist einfach ein schönes Gefühl, und das seit meinem achtzehnten Lebensjahr. In all den Jahren hat man dabei die unterschiedlichsten Autofahrerinnen und Autofahrer getroffen, und auch selbst erkennt man sich manchmal nicht wieder, denn das Autofahren kann Menschen, Männer wie Frauen, zeitweise verändern. Und das ist manchmal ziemlich gruselig…

 

 

Ich, das Monster am Steuer

Hochrote Köpfe, Schimpftiraden aus dem Fenster, Stinkefinger, Schlägereien, und manchmal wird sogar jemand erschossen. Autofahren fördert nur das Schlechte in uns zutage…könnte man manchmal denken.

Manche Menschen verwandeln sich hinterm Steuer in Monster. Manche nicht. Auch interessant. Latent cholerisch, was?

Ich selbst halte mich für relativ ausgeglichen. Ich bin niemals bösartig, erst recht nicht gewalttätig, und doch ertappe auch ich mich hin und wieder im Auto bei dem Drang, einigen anderen Autofahrern den Mittelfinger zu zeigen. Oder noch besser: Mit einer eingebauten schlagkräftigen Laserkanone den gesamten blöden Karren vor mir, mitsamt dem Hut auf der Ablage, und dem glatzköpfigen Kutscher auf dem Fahrersitz, zu pulverisieren.

Huch, oops, sorry! Das ist dann einer dieser Momente. Ich rufe mich innerlich zur Ordnung. Meine Schultern straffen sich, innerlich sehe ich ein Stoppschild vor mir, die Atmung wird tiefer und langsamer. Resultat: Ich beruhige mich wieder.

Aber das kann man nicht von allen Verkehrsteilnehmern erwarten. Lautes Hupen, wildes Gefuchtel und gefährliche Überholmanöver sind viel eher zu erwarten.

 

 

Ja, es fällt vielen von uns schwer am Steuer „menschlich“ zu bleiben. Viele Psychologen haben sich mit diesem Phänomen auseinandergesetzt, und natürlich gibt es Faktoren beim Autofahren, die dieses Verhalten begünstigen können.

  • Einmal wäre da die scheinbare Anonymität im Auto. Jeder sitzt in seiner „Blase“, die durchaus (per Kennzeichen) identifizierbar ist, aber durch den fehlenden Augenkontakt, geben wir unsere Identität an das Auto ab. Wir kommunizieren ja nicht einmal, und wenn, dann hupt das Auto für uns.

 

  • Im Auto nehmen wir uns stärker war, wir halten uns für wichtiger, als die Personen in den Wagen neben uns. Uns interessiert gar nicht, warum der Wagen vor uns vielleicht langsamer fährt, wir wollen weiter und der da vorne stört uns. Und da wir uns jetzt so wichtig nehmen, wollen wir dem „Störenfried“ auch klar machen, dass er etwas „falsch“ macht – und wir im Recht sind.

 

  • Wir gestikulieren, schreien, fuchteln wild vor uns rum. Das Gegenüber versteht uns aber meist nicht, oder ignoriert uns gänzlich. Große Frustration – alles wird noch schlimmer, weil wir uns in unserer gefühlten Wichtigkeit nicht bestätigt sehen.

 

  • Im normalen Leben, wenn wir voreinander stünden, würde ein nettes Wort oder ein Lächeln bereits die gesamte Situation entschärfen. So sind wir aber meist noch angesäuert bis wütend, wenn wir längst unser Ziel erreicht haben und aus dem Auto steigen.

 

  • Man sieht also: Durch diese vermeintliche Anonymität steigt das Aggressionspotential, Eskalation wird selbst durch kleine Anlässe begünstigt. Wer sich einmal selbst testen möchte, stelle sich eine Ärgernis-Situation im Auto vor. Und nun bitte zweimal: Einmal im geschlossenen Auto, einmal im Cabrio. In welchem Gefährt würdest du wohl eher und lauter Hupen und schimpfen? Kommt uns das nicht bekannt vor? Ist ja wie im Internet, nicht wahr?

 

 

  • Da wäre noch eine Kleinigkeit, die große Auswirkungen hat: Wortwörtlich alles Ärsche vor uns! What?? Im Straßenverkehr fahren wir größtenteils hintereinander. Man schaut die meiste Zeit auf die „Hinterteile“ der Autos, und das ist kulturell mit Unterordnung verbunden.

 

  • Manchmal gibt es aber auch das genaue Gegenteil! Verwunderlich? Gar nicht. Jeder kennt das verbundene Gefühl, wenn man im Ausland plötzlich ein Auto mit einem heimischen Stadtkennzeichen sieht. Dann wird sich gefreut und gefeiert, als hätte man den Dalai Lama getroffen, selbst wenn die Karre einen schneidet oder langsam vor uns her tuckert.

 

So gesehen ist es wichtig, sich immer mal wieder klarzumachen, dass diese „Entmenschlichung“ beim Autofahren in unseren Köpfen passiert, wir also zwischendurch auch mal darüber nachdenken müssen, und uns so aus diesen dummen Gefühlsstürmen befreien. Nicht immer, denn manchmal sind Fluchen und Schreien auch einfach nur Abbau von Stress,  aber bitte wohldosiert und nicht ständig.

Also bitte: Schraub die Laserkanone vorn an deinem Auto wieder ab, und stelle dir vor, dass die menschliche Schnecke im Auto vor dir, genauso nett und freundlich wie du selbst sein könnte. 😉

 

 

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(Fotos: Freepix, Pixabay, Konsumkaiser  Q: Vanderbilt, T. (2008). Traffic: Why we drive the way we do, Ellison, P. A., Govern, J. M., Petri, H. L., & Figler, M. H. (1995). Anonymity and aggressive driving behavior: A field study.)

 

 

 


9 Gedanken zu “LIFESTYLE: DAS MONSTER AM STEUER * WIE UNS AUTOFAHREN VERÄNDERN KANN

  1. Boah, lieber Kaiser, sowas von wahr! Ich bin eigentlich eine Philanthropin und glaube an das grundsätzlich Gute im Menschen.
    Im Auto jedoch werde ich regelrecht von Hassattacken heimgesucht. Drängelei, rücksichtsloses Verhalten und zwar nicht hörbare, jedoch im Rückspiegel deutlich sichtbare Aggressivität sind nicht die Ausnahme, sondern leider die Regel.
    Ich habe da mein ganz eigenes Beruhigungsritual, was auch gleichzeitig meine niederen Racheinstinkte befriedigt: ich wünsche meinen sich so verhaltenden Mitmenschen etwas schlechtes. Nichts ganz furchtbares oder gar lebensbedrohliches. Eher sowas wie: dafür, dass du mir gerade so dicht aufgefahren bist, reißt dir heute die Einkaufstasche und all deine Einkäufe kullern durch die Gegend.
    Allein die Vorstellung, dass das wirklich passiert, hat auf mich eine kathartische Wirkung. Außerdem lenkt mich das Ersinnen neuer Ideen, was ich den Verkehrsrüpeln alles an den Hals wünschen könnte, auch vom Ärger ab. Trotzdem finde ich, dass rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr strenger geahndet werden müsste (über meine Verwünschungen hinaus), da es ja nicht nur ärgerlich, sondern nicht selten wirklich richtig gefährlich sein kann.
    Dir lieber Kaiser und deiner Leserschaft wünsche ich aber jetzt kein Ungeziefer im Haus, sondern einen ganz schönen und entspannten Sonntag!

    1. Gute Idee Bianca,

      dass merke ich mir mal und mache es genauso.

      Ich bin ja normal auch sehr harmonisch veranlagt und ruhe in mir, aber manchmal bin ich beim Autofahren auch etwas „aus der Spur“ sag ich mal… Es gibt Tage da sitze ich im Auto und schreie lautstark Beschimpfungen zu meinem Vordermann und wünsch ihm auch einiges. Aber es gibt auch wieder Tage da stören mich auch die Rowdies nicht und ich sitze total entspannt und schüttel vielleicht mal den Kopf aber nicht mehr. Warum das so unterschiedlich ist weiß ich auch nicht genau – evtl. an Tagen wo ich keine Folgetermine und einfach mehr Zeit habe… hmm..

      LG Sunny

  2. Ich fahre gerne flott, aber nie wesentlich schneller als erlaubt (plus 10 km/h). Schleicher bringen mich auch oft auf die Palme, genauso wie Raser, die einem im Kofferraum hängen, obwohl sie genau sehen aus welchem Grund es gerade nicht schneller geht. Seitdem ich Automatik fahre, bin ich wesentlich ruhiger geworden und fahre gechillter 😎

  3. Guten Morgen,
    wir hatten unsere Hochzeitsreise in Florida und sind mit einem Jeep durch das ganze Land gefahren. Mann, war das ein entspanntes fahren ! Wir sprechen bis heute davon und haben das Gefühl und die Fahrweise importiert. Hier kommen ja ausländische Touristen her, nur um mal auf deutschen Autobahnen zu rasen. Dafür kann man PS starke Marken ausleihen und es wird sogar „begleitetes Rasen“ angeboten, völlig legal. Nirgends wo anders ist so was möglich. Ich bin ( mal wieder ) für drastische Stafen, wie in den USA. Schon klar, das wir das auch nicht hinkriegen. Wenn ich mir das rumgeeiere von dem ( das Herr ist hier fehl am Platz ) Scheuer anhöre, wird mir übel.
    Wer es so eilig hat, soll doch einfach morgens früher aufstehen, geht ganz einfach. Wecker auf 5 Uhr einstellen und schon hat man viel Zeit.
    Ich hab`s eilig, ist mir doch egal wie viele Kinder, Katzen und Igel dabei draufgehen. Aber wer hier „nur für Tiere“ bremst, hat das nächste juristische Problem am Hacken, wenn einer, der keinen Abstand hält und nicht bremsbereit ist, auffährt.
    Allen einen schönen Sonntag.

  4. Ein interessantes Thema – und das auch noch anschaulich aufbereitet!

    Gerade die Anonymität und die Identifikation des Fahrers mit dem Fahrzeug erlebe ich sehr oft. Da ich sehr viele unterschiedliche Fahrzeuge fahre, in die man mal besser, mal schlechter hineinsehen kann, fällt mir der unterschiedliche Umgang von Verkehrsteilnehmern mit ‚mir‘ auf.

    Sitze ich im Smart, werde ich gut als Frau mittleren Alters erkannt – und sehr oft geschnitten, wo es nur geht, und das, obwohl ich normal schnell und bestimmt nicht zögerlich fahre und damit wird die Schnelligkeit des Fahrzeug unterschätzt (auch ein Smart ist ein Auto 😉). Fahre ich einen älteren, sehr ps-starken Sportwagen, in den man, wenn er geschlossen ist, nicht hineinsehen kann und an dessen Steuer man wohl eher einen Mann vermutet, habe ich allen Platz der Welt und auf der Autobahn ‚im besten Fall‘ (ähem) Angebote zum Rennenfahren; Vertreter in ihren Kombis jagen mich in diesem Fahrzeug jedenfalls nicht. Fahre ich einen in die Jahre gekommenen Volvokombi, so muss ich fast so häufig auf die Bremse treten wie im Smart, um Unfälle zu vermeiden. Bin ich mit einem neuen, sehr schicken und hochpreisigen Fahrzeug der Oberklasse unterwegs (wie gesagt, ich fahre wirklich viele Fahrzeuge auch anderer), wird mir sogar oft der Vortritt gelassen oder man erwartet, dass ich ihn mir nehme – oder man wird so fürchterlich und nicht ungefährlich ausgebremst, nur um zu zeigen, dass so etwas Minderwertiges wie eine Frau ein solches Fahrzeug einfach nicht steuern kann.
    Generell gilt: sitze ich dabei neben einem Mann, auf dem Beifahrersitz oder nicht, passieren diese Vorfälle nicht in dieser Drastik. ☹🤮

    Es sind diese Mikroagressionen, die einem das Fahren teilweise gründlich vermiesen können. Da wird an der Hackordnung gearbeitet, dass es nicht mehr feierlich ist. Klar, es gibt viele Missverständnisse, aber man ist ja immer noch mit potenziell gefährdenden Maschinen unterwegs, sollte dies bedenken – und will eigentlich nur halbwegs in Ruhe gelassen werden und von A nach B.

  5. Mein Sohn fährt jeden Tag Landsrasse zur Arbeit und er hält sich generell an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Er ist nicht der mutige Typ der überholt. Er fährt lieber entspannt hinterher. Trotzdem kommt es häufig vor, dass nachfolgende Fahrzeuge ihn anblinken und anhupen. Ich frage mich sowieso manchmal ob man mit diesem aggressiven Fahrverhalten, das manchmal auch nicht ungefährlich ist, tatsächlich viel schneller am Ziel ist.

    1. Hallo Angelika, man ist dadurch nie schneller am Ziel. 🙂 Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich spätestens bei der nächsten Ampel oder Baustelle wiedersieht. Zügig und stetig, dann kommt man gut ans Ziel. Rasen bringt viel weniger als manche Leute denken, aber man hat das Gefühl, die Dinge in der Hand zu haben, man kontrolliert sozusagen die Zeit.
      Viele Grüße!
      KK

      1. Genau die Erfahrung habe ich auch. Ich habe schon Situationen erlebt die wirklich grenzwertig waren. Überholen auf Teufel komm raus und es war wirklich manchmal knapp mit dem wieder einscheren. Wenn da nicht die anderen Verkehrsteilnehmer gut und schnell reagieren könnte es böse ausgehen.

  6. Ich bin der totale Spätzünder. Erst mit Ende 30 habe ich den Führerschein gemacht. In Berlin war einfach kein Auto nötig, ich brauchte es auch dann nur, um über Land zu gondeln. Hier in Nordfriesland bist Du ohne Auto aufgeschmissen. Jedoch fahren alle recht entspannt, bei denen NF auf dem Nummernschild steht. Und ich selbst fahre sehr passiv und gesittet, mein Auto ist nämlich schön rot aber klein und sehr lahm. Wenn ich ein anständig motorisiertes Gefährt unter dem Hintern habe, dann fahre ich auch gerne anders, wenn es der Verkehr erlaubt. Jedenfalls bin ich froh, dass ich in das Autofahren in Berlin gelernt habe, da kann mich auch der Kreisverkehr am Pariser Triumphbogen nicht aus der Ruhe bringen.

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