SKINCARE: BLINDES VERTRAUEN IN DIE WISSENSCHAFT?

Wissenschaft ist toll, wichtig und ein Motor der menschlichen Weiterentwicklung. Aber auch in der Hautpflegeszene werden mittlerweile Stimmen laut, die das blinde Vertrauen in wissenschaftliche Bewertungen hinterfragen. Wissenschaft ist trendy, man kann sich prima darüber profilieren. Selbst im Marketing ist der Trend längst etabliert. Zeit, um die gesunde Skepsis wieder auszupacken?

Es geht nicht ohne Wissenschaft

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde Wissenschaft toll, es ist schier unglaublich, wie die Menschheitsgeschichte maßgeblich durch die Wissenschaft verändert wurde. Der Mensch ist neugierig, will forschen, will entdecken, und in meiner Studienzeit fühlte man sich wie eine eingeschworene Gemeinde, die jeden Tag aufs Neue die Geheimnisse der Welt ans Tageslicht bringen wollte.

Aber es gab sie auch schon immer: Die, die gewarnt haben. Professoren mit einer gesunden Portion Realismus. Wissenschaft kann und weiß nicht alles, haben sie uns auch gelehrt. Wissenschaft kann auch ganz furchtbar banal sein. Wissenschaft ist immer nur eine Momentaufnahme. Wissenschaft verändert sich, bewegt sich, lebt mit uns, den Menschen. Blindes Vertrauen in die Wissenschaft ist nicht angebracht. Und das hat nichts mit den heute so modernen Parolen der Populisten zu tun!

Aahh…Oohh…

Trotzdem hat es allein schon „Wissenschaft“ oder „Wissenschaftler“ dazu gebracht, einen großen Haufen Leute ehrfürchtig aufhorchen zu lassen, sobald nur der Begriff fällt. Es ist sozusagen der zu Worten gewordene weisse Kittel. Augenblicklich wird jede Bemerkung aufgewertet, wenn sie von einem „wissenschaftlichen Hintergrund“ oder einer „Studie“ flankiert wird. Ist die Studie und das Studiendesign einigermaßen valide und unabhängig, ist der Glaube daran ähnlich unerschütterlich, wie wir alle wissen, dass die Erde rund ist.

Viele Bereiche unseres modernen Lebens berufen sich heute auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, und das ist auch gut so. Wir erhalten Verlässlichkeit, Sicherheit. Mittlerweile weiss man ja auch schon lange, dass man lernen muss Studien zu lesen und zu interpretieren, populärwissenschaftliche Veröffentlichungen helfen dabei, diese Erkenntnisse „unters Volk zu bringen“, denn wer hat schon die Zeit und Muße, all die Studien und Metaanalysen zu durchforsten? Hier lauern aber eben auch die Ungenauigkeiten, Verallgemeinerungen, Missinterpretationen…

 

Wenn Wissenschaft zu Pseudowissenschaft wird

Problematisch wird es, wenn man ständig Wissenschaft auf irgendetwas „wirft“ um die Seriosität und Ernsthaftigkeit einer Sache zu unterstreichen. Man imitiert zu gerne wissenschaftliches Arbeiten, um sich selbst im Glanze der Wissenschaft zu sonnen, erntet Aahs, Oohs und Lorbeeren, und manchmal kommt man dann in Gefilde, die über das wissenschaftlich (bislang) Bewiesene hinausgehen, oder der kritische Ansatz wird völlig ausser Acht gelassen.

Wirkt dieser Artikel nicht gleich viel seriöser mit den zwei Bildern von Reagenzgläsern und einer Laborantin?

Firmen belegen zB. mittlerweile gern ihre Werbeaussagen mit „Studien“, die ein Witz sein könnten, aber wer will das anprangern? Andere Firmen belegen ihre Aussagen mit tatsächlich unabhängigen validen Studien, verlassen aber völlig den kritischen Diskurs, werfen sozusagen die Brocken vor die Füße ihrer Kundschaft: „Da ist der Beweis, nun friss!“

Wenn dann ganze Scharen von Enthusiasten ihre wissenschaftlichen „Beweise“ zu sehr lieben, wird es dogmatisch. Es wird gewertet und aussortiert, was das Zeug hält. Was nicht in das „Weltbild“ passt, muss automatisch schlecht sein. Und davor muss man doch die Anderen warnen, nicht wahr? Gar von einer „Veränderung der Verhältnisse durch unseren Eifer“ wird da phantasiert.

Das wiederum schreckt viele Menschen ab, was ja nicht die Intention sein kann. Doch wer sich im Schein der Wissenschaft sonnt, wird wohl allzu schnell geblendet? Nicht umsonst existiert der Begriff „Szientismus“ (engl. Scientism) bereits seit weit über hundert Jahren und beschreibt eine Art des Reduktionismus, also ein „verengtes Weltbild“.

Da fehlt doch was…

Die meisten von uns werden kaum die Zeit und Lust haben, all diese wissenschaftlichen Behauptungen klar zu durchleuchten, die gerade auch mittlerweile in der Hautpflegeszene auf uns einprasseln. Alles immer noch besser, als den großen Kosmetikfirmen blind vertrauen und ihnen kritiklos aus der Hand zu fressen, sage ich immer.

Aber genauso wenig möchte ich von der anderen Seite instrumentalisiert werden, in dem ich mich „empören lasse“, weil irgendwelche Studien gezeigt haben, dass eine Zellkultur ganz schön alt aussah, als man ihr ein Kilo Parabene in die Petrischale geworfen hatte. Ich will alle Seiten beleuchtet haben, und ich verlange auch das Praktische, das eigene Erleben, die Anwendung im Realen, um mein kleines Weltbild für mich zu komplettieren. Das ist für mich der Weg, um an die bestmögliche Antwort zu kommen.

Um es klar zu sagen: Ein Produkt, das ich niemals in den Händen gehalten habe, und das meinetwegen 10% Vitamin C enthält, kann ich einfach nicht so leicht unter gut oder schlecht einordnen. Das ist, als wüsste ich nur den Vornamen einer Person und gebe nun vor, aus diesem Grund ihren Nachnamen zu kennen.

Leonardo da Vinci

Imposant finde ich in diesem Zusammenhang die Überzeugungen des Leonardo da Vinci, der in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war, und wahrscheinlich auch ein Grund, warum er ein unglaublicher Wissenschaftler war. Grob zusammengefasst, hielt er sich an folgende Grundsätze:

  • Der Mensch ist von Natur aus unstillbar neugierig und will lernen („Curiosità“). Er stellte immer wieder Fragen, auch wenn ein Problem bereits gelöst schien. Die verschiedenen Blickwinkel auf ein Problem halfen ihm dabei.
  • Er war bereit, sein Wissen mittels neuer Erfahrungen und mit der Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, einer beharrlichen Prüfung zu unterziehen („Demonstrazione“).
  • In den Sinneswahrnehmungen liegt der Schlüssel zur Erfahrung. Saper vedere (zu sehen verstehen) war ein Motto da Vincis und der Grundstein seiner künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit („Sensazione“).
  • Er besaß die unbedingte Bereitschaft, sich auf Mehrdeutiges, Paradoxien und Unsicherheiten einzulassen und sie zu akzeptieren, ja daraus zu lernen („Sfumato“).
  • Unter Ganzheitlichem Denken verstand da Vinci die Ausgeglichenheit beider Gehirnhälften – Leonardos Fähigkeit beruhte auf der Verknüpfung sowohl der linken Gehirnhälfte (logisches Denken) als auch der rechten (künstlerisch-intuitives Denken) („Arte/Scienza“).
  • Da Vinci glaubte, dass alle Dinge und Phänomene miteinander verbunden sind („Connessione“). Systemisches Denken also. Als Erklärung dafür eignet sich wohl gut die Metapher des Steines, der in ein ruhiges Gewässer geworfen wird und eine Reihe kreisförmiger Wellen bildet. Jede Welle wirkt auf die nächste ein und wird so ständig weitergeführt.

 

 

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(Fotos: Pixabay   Keinerlei Sponsoring – Inspirationen: Labmuffin, Six signs of Scientism- S. Haack, Is that science?)


11 Gedanken zu “SKINCARE: BLINDES VERTRAUEN IN DIE WISSENSCHAFT?

  1. Um mal bei Blogs und Influencerinnen zu bleiben. Da finde ich aber die Jubeltanten schlimmer, die so tun, als ob sie kritisch seien und hinterher nur verkappte Werbung machen. Habs Sonntag erst wieder gesehen. Die würden wissenschaftliche Studien nicht mal mit der Kneifzange anpacken. 🤣🤣🤣

  2. Diesen Artikel sollte sich halb Instagram mal zu Gemüte führen. Diese Dauerempörtheit über Pflegeprodukte aus Pseudowissen heraus geht mir schon lange auf den Keks.
    Nichts gegen Studien zu Wirkstoffen, aber manche definieren sich nur noch darüber und verlieren sämtliche Bodenhaftung. Das gipfelt darin, dass die dann für Hautberatung Geld nehmen!! Als buchstäbliche Laien, die sich etwas angelesen haben, es offensichtlich aber nur lückenhaft umsetzen können. Sich aber feiern ohne Ende in ihrem Community Kosmos. Himmel! Die Hälfte eines solchen Selbstbewusstseins würde völlig reichen. 🤓🤪
    Danke für die Denkanstöße! Sabine P.

  3. Hello
    Ich hasse all diese pseudo-Wissenschaften, die beauty-Mythen.
    Für alle die englisch lesen, kann ich diese Accounts auf instagram empfehlen.

    labmuffinbeautyscience

    theecowell

    lepamperedpig

    dr.ginza

  4. Lieber KK,

    danke für deine kritischen Überlegungen, denen ich uneingeschränkt zustimme.

    Und besonderen Dank für die Grundsätze da Vincis, die wieder einmal unzweifelhaft belegen, warum er zu Recht als Universalgenie bezeichnet wird.

    Liebe Grüße in die Runde und hoffentlich hat Sabine nicht zu stark zugeschlagen bei Euch!

  5. Ich habe den Eindruck, dass diese Hörigkeit den Inci Listen gegenüber durch Paula Begoun ausgelöst wurde. Es ist ihr Verdienst, dass die Leute heute in Kosmetikdingen aufgeklärter sind, aber so dogmatisch (wie du ja auch geschrieben hast), dass ich da immer meine Bedenken hatte.
    Im Endeffekt suche ich mir meine Infos selbst zusammen, auch wenn das viel Arbeit macht. Jubelblogger sind nichts für mich, und die Nerds auch nicht. Da habe ich immer das Gefühl, ich muss nach der Lektüre des Blogs noch eine Hausarbeit dazu anfertigen.
    Schönen Abend!

    1. Das ist in der Tat viel Zeit, die man da aufbringen muss. Ich kann verstehen, wenn andere Menschen lieber Universallösungen suchen. Oder einfach das nachmachen, was zB. Blogger vorführen. Bei der „Anfertigung einer Hausarbeit“ musste ich echt grinsen, verstehe ich. 😉
      Liebe Grüße!
      KK

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