MECKER-MEGAPHON: WUTBÜRGER, HUTBÜRGER…HIMMEL, ARSCH UND ZWIRN!

„Was in Chemnitz passiert ist, hat mit Sorgen, Angst und Trauer nichts mehr zu tun. Das ist menschenfeindlich.“ (Bundesjustizministerin Katarina Barley, SPD). Das unterschreibe ich sofort. Was ist nur mit Deutschland geschehen? Und warum ist der „hässliche Deutsche“ wieder dermaßen auf dem Vormarsch?

 

Eine mittlerweile tragische Situation im klassischen Sinne

Tragisch, es ist unglaublich tragisch. Es hätte alles SO nicht kommen müssen, doch nun haben wir die Misere. Nach dem Mord an einem Deutschen in Chemnitz und rassistischen Ausschreitungen, eskaliert die Situation, und es wird nun hilflos nach Ursachen und Lösungen gesucht.

Der größte Teil in mir ist unglaublich traurig, bestürzt und wütend über das derzeitige Stimmungsbild in Deutschland. Aber eine kleine Stimme, tief in mir, sagt mir auch: „Was hast du denn erwartet?“

Ich kann verstehen, dass große Teile der Bevölkerung es mittlerweile satt haben, wenn es die Politik ständig versäumt, den Menschen auf den richtigen Kanälen mitzuteilen was und warum sie etwas tut. Und besonders: warum sie etwas NICHT tut, wie zB. Geld und Personal locker zu machen, für das was sie initiiert hat. Nur auf die Solidarität und Mithilfe der Bürger zu hoffen ist extrem ausgelutscht.

Mit blankem Hass in den Augen 

Auf der anderen Seite sehe ich die Ansammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen, mit Menschen, die den blanken Hass in den Augen haben. „Merkel muss weg!“ „Ausländer müssen weg!“ „Alles muss weg!“ Das sind doch keine besorgten Bürger mehr, das sind Menschen, die sich in einen Fanatismus gesteigert haben, der durch die vielen Versäumnisse der Vergangenheit entstanden ist.

Hass und Gewaltbereitschaft sind auch für mich spürbar, in der Tat, es ist eine menschenfeindliche Atmosphäre. Gerade auch im Osten. Freunde und Bekannte ausländischer Herkunft machen sich Sorgen, versuchen die ostdeutschen Gebiete zu meiden, oder ziehen bereits dort weg. Aber: ich will nicht verallgemeinern, diese Tendenzen sind bundesweit zu sehen. Die Frage ist nur, inwieweit sie woanders so offen ausgelebt werden?

Imageschaden im Ausland

Das Ausland betrachtet Deutschland mit gemischten Gefühlen. Einerseits haben sie es dort schon immer geahnt: Die Deutschen bleiben die schäbigen Deutschen! Es braucht nur einen Auslöser, schon kommt alles wieder hoch. Der „Hutbürger“, Symbol des „hässlichen Deutschen“. Auf der anderen Seite wird auch differenziert. So menschlich der Akt der Öffnung für die Flüchtlinge auch war, gewarnt haben viele bereits vorher.

Leider war die Bundesregierung auf diesem Ohr taub, gab einzig die Parole aus „Wir schaffen das“ und ließ das Volk dann weitestgehend allein. Und damit meine ich wieder einmal Personal und Geld. Großartig, was viele in dieser Zeit geschafft haben, leider wurden sie geradezu ausnützerisch von Land und Bund buchstäblich verheizt.

Rassist, Rechter, Kollege?

Mittlerweile wird das Problem ernster genommen, aber meiner Meinung nach fatal falsch eingeschätzt: Ich höre ständig von den „Braunen“ und „neuen Nazis“, die sich nun in diesem Aufbegehren tummeln. Ja, auch, aber deutlich erschreckender ist doch, dass es eben nicht nur die altbekannten Verblendeten sind, die hasserfüllt auf den Straßen Menschen nachjagen.

Proteste gegen Rechts? Du lieber Himmel, und was ist mit den Bürokellegen, mit den Kumpels aus dem Sportverein, mit dem Polizist gegenüber auf der Straße? Die müssen keineswegs rechts sein, sind aber trotzdem auf dem Weg zum Wahlamt auf der AfD Straße unterwegs, eben weil sie für sich keinen Ausweg mehr sehen.

In ihrer Blase ist alles ungerecht, und der Umbruch der Welt eine Gefahr für ihr eigenes Weltbild, für ihr Leben hier in Deutschland. Dass sie den ultrarechten Mob damit zusätzlich in Kauf nehmen, ist vielen womöglich kaum gewahr. Dass sie einer Partei ihr Vertrauen schenken, die zugibt keinerlei Ideen zu Arbeit, Renten und Finanzen zu haben? Egal, das regelt sich schon.

Verständnis statt Arroganz

Ich persönlich finde es jetzt lebenswichtig zu zeigen, dass diese ganz normalen Menschen gehört werden müssen, aber dass sie nicht in der Überzahl sind. Die Medien breiten das Thema unendlich weit aus, und natürlich könnte man denken, dass Deutschland in der Hälfte gespalten ist. Arme gegen Reiche, Bildungsbürger gegen Hartz 4. Aber das ist doch gar nicht so. Noch nicht?

Gerade den vielen unentschlossenen Leuten muss gezeigt werden, dass man die Bürger nicht (mehr) allein lässt. Da können die üblichen Verdächtigen immer in den selben Talkshows sitzen und ihre Parolen an die Bürger ablassen: Es erreicht sie nicht! Es braucht die richtigen Kanäle, es braucht den richtigen Ton. Und es braucht verdammt nochmal endlich ein Herabsteigen aus dem Elfenbeinturm der Politik. Wer diesen international enorm schädlichen Warnschuss derzeit immer noch nicht versteht, für den ist in meinen Augen Hopfen und Malz verloren.

Ich möchte mich da natürlich ebenfalls einbringen, denn ich will auch zeigen, dass Hass und Gewalt nichts bringen (egal ob von Rechts, Links oder der Mitte), sondern dass man miteinander im Gespräch bleiben muss. Verständnis statt Arroganz! Deshalb bin ich am Montag zB. in Duisburg. Hier gibt es einen Gegenprotest von „Duisburg stellt sich quer“. Um 18.30h am Duisburger Hauptbahnhof.

Der freiheitliche Rechtsstaat kann sich nicht allein erhalten. Er braucht Bürger, die sich gegen alles stellen, was seine Werte angreift. Nur dann können wir uns ans Lösen der Probleme in unserem Land machen, die geschürten Ängste vielleicht auch relativieren. Schaffen wir das? Ich weiß es nicht.

 

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(Foto: Pixabay   Keinerlei Sponsoring)

32 Kommentare

  1. Guten Morgen lieber KK,

    ich sitze bei meinem ersten Kaffee und ringe um die richtige Worte – erstmal DANKE für diesen Kommentar.

    Was mir seit geraumer Zeit unglaublich auf den Senkel geht: Es ist schwer eine öffentlich geführte Debatte mit sachlichen Argumenten zu finden.
    Sofort werden Schablonen herausgeholt und mit Totschlag-Wörtern (es sind zumeist keine Argumente) emotionalisiert um sich geschlagen und medial aufbereitet verbreitet.
    Diese NICHT geführte (sachliche und lösungsorientierte) Debatte hatte mich schon zu Pegida-Zeiten angekotzt – die Teilnehmenden wurden sofort mit einem Scheißekübel beschüttet, anstatt mit den dort anwesenden Bürgern ins Gespräch zu gehen. Und eben auch genau hinzugucken, warum die Menschen nur einfache (Schein-)Lösungen sehen, welche wirklichen Alternativen es gäbe und hin zu einem Konzept beruhend auf Verständigung und Humanismus.
    Zur Verdeutichung: die BAG Wohnungslosenhilfe hat 2015 schon eindringlich davor gewarnt, dass in der momentanen Lebens-Situation vieler Menschen (prekäre Jobs, verknappter bezahlbarer Wohnraum) eine konzeptloses Aufnehmen von geflüchteten Menschen zu einer Verschärfung der Konkurrenz aller benachteiligten Akteure führen wird. In dieser Situation lassen sich die „gegeneinander“ antreten Gruppen sehr schnell instrumentalisieren.
    Existenz-Angst (egal ob begründet oder nicht) ist leider ein furchtbarer Hebel, der eine Versachlichung unmöglich zu machen scheint – und sie ist so bitter nötig.
    Wir müssen weg von der Kompelixitätsreduzierung, weg von dieser unsäglichen Schwarz-Weiß-Malerei, weg von der verbal inszenierten Erniedrigung der Andersdenkenden – hin zu einem sachlichen Diskurs, in dem Probleme ohne Emotionalisierung benannt werden dürfen, um im Gegenzug auch mal an echten Lösungen zu arbeiten.

    Denn wie Du bereits geschrieben hast: dieser Hass ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern ist über Jahrzehnte gewachsen und genährt worden. Durch falsche Versprechungen, Feigenblatt-Lösungen, herbeigeredeter Alternativlosigkeit, Ungerechtigkeiten, mediale Einseitigkeiten und widerliche Vereinfachungen.

    So, ich lass es hier mal gut sein,
    wünsche Dir bereichende Begegnungen in Duisburg
    Frau Paprika

    1. Liebe Frau Paprika,

      ja, ein sachlicher Diskurs ist kaum möglich, aber ganz ehrlich: Glaubst Du daran, dass von den Nutznießern dieser Stimmung das nicht genau so gewollt ist ? Von dieser hoch emotionalisierten Situation profitieren doch Parteien und politische Strömungen, denen nicht an offener Diskussion gelegen ist, die lieber mit Parolen hausieren gehen als eine wirklich inhaltliche Auseinandersetzung anzustreben. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass einfach gepennt wurde im Hinblick auf dringliche gesellschaftliche und soziale Fragen, mit dem schnöden Hinweis „uns geht es immer besser“ waren die Ängste vor sozialem Abstieg und der Verlust von Privilegien halt nicht zu reduzieren – wie denn auch ? Dazu kommt, dass die Welt immer komplizierter wird, vermeindlich sichere gesellschaftliche Vereinbarungen scheinen aufkündbar und jede Woche wird irgendwie eine neue Sau durchs Dorf gejagt. Da ist es natürlich einfach, einfache Lösungen anzubieten für das vermeindliche oder reale Chaos. Der alte Trick, verschiedene Gruppen gegeneinander auszuspielen, hat schon immer gut funktionert und wie wir in Zeiten wie diesen gerade bemerken, funktionert er auch immer noch.
      Und die Bereitschaft, diese einfachen Antworten als mögliche Erklärungen zu akzeptieren, ist ja ungemein groß. Ich war z.B. während der Brexit-Abstimmungen in GB und bin vom Glauben abgefallen, was meine Bekannte (die alle nicht gerade intellektuell minderbemittelt sind), die dort leben, vom Stapel gelassen haben. Ich hab mir nur gedacht, wenn Ihr schon nicht kapiert, was da gerade passiert, dann frage ich mich, wie Lieschen Müller (nix gegen Lieschen Müller, ist nur metaphorisch gemeint) das verabeiten soll und richtig einorden ?

      1. Lieber Roland,

        meiner Meinung nach wäre dieser Diskurs möglich – er wird nur nicht geführt und ich kann mich täuschen, da es eben „meine Meinung“ ist, sie aber nicht verfizierbar ist.

        Es wird kaum zwischen verstehen und Verständnis unterschieden. Ich kann etwas verstehen und trotzdem kein Verständnis für eine Situation/ eine Handlung haben. Ich kann Verständnis für einen Menschen/ eine Situation haben und doch nicht verstehen, warum es dazu kam.

        Im Falle Chemnitz habe ich kein Verständnis für diese mich anwidernden Handlungen – aber zum Verstehen warum es dazu kam fehlen mir Wissen und verlässliche Daten – und genau das ist aber unabdingbar, wenn ich/ wir vermeiden möchten, dass weitere Ausschreitungen passieren, die Situation im Lande sich weiter verschärft.

        KK hat es so schön geschrieben: wir müssen miteinander sprechen.

  2. Ich bin wirklich froh das Thema hier zu sehen. Ich selbst komme aus dem Osten (Meck-Pomm) und ehrlich gesagt nervt es mich wenn das „rechte“ Problem immer nur als reine Ossi-Sache dargestellt wird. Aber immer und immer wieder diese Aufmärsche und Ausschreitungen die nun mal im Osten passieren….da mag ich nur die Hände über den Kopf schlagen und bin gespannt was Presse und Politik sich jetzt wieder einfallen lassen. Und trotzdem will ich optimistisch sein und verteidige die Meinung, dass es KEIN reines Ossi-Ding ist. Ja, wir haben hier vor allem diese Vollidioten denen man ihre Gesinnung auch äußerlich ansieht. Die laut, dumm und besoffen durch die Straßen ziehen. Aber rechtes Gedanken“gut“ gibt es deutschlandweit, und ja, ich zähle auch die AFD dazu. Mittlerweile auch die CSU wenn man sich anguckt was aus Bayern in den letzten Wochen und Monaten in den Orbit geblasen wurde. Und jetzt? Die Ruhe die man sich so sehr vor geraumer Zeit gewünscht hätte. Außer den üblichen Platituden nichts, und das vor allem vom Innenminister.
    Von Muslimen wird verlangt sich nach jeder Horrortat öffentlich auf dem dorfeigenen Markplatz in Sack und Asche von allem zu distanzieren. Tun sie das nicht, werden sie in den gleichen Topf geworfen. Und jetzt heißt es, es wären ja auch sehr viele „besorgte“ Bürger mit gelaufen. Ernsthaft? Wer kein Problem damit hat neben Tieren zu stehen die den Hitlergruß zeigen ist genauso stramm rechts. Haben die alle nichts besseres zu tun? Ich steh um 4 Uhr morgens auf, bin 16 Uhr nach der Arbeit wieder zu Hause, hab dann mein Tun im Haushalt etc. Danach hab ich jedenfalls keinen Bock mehr mich auf der Straße zu empören.
    Und die Presse? Das Thema war ganz groß in allen gängigen Medien, richtig so. Nur kam dann leider die Pressekonferenz von Jogi Löw und Konsorten dazwischen, und sofort war Chemnitz drei, vier Artikel nach unten gerutscht. Sowas erschreckt mich!
    Davon abgesehen würde ich als Frau gerne wissen….ist das irgendwie ein Männderding? Wenn ich mir die Bilder ansehe sind da vor allem Männer zu sehen. Was macht dem Mann in unserer Gesellschaft so eine Angst? Die Asylpolitik der letzten Jahre ist doch nur der Aufmacher an dem man sich reiben kann. Das Problem muss doch tiefer gehen. Die sehen nicht aus als ob sie erst seit zwei Jahren pumpen gehen und sich tätowieren lassen haben. Also wo liegt das eigentliche Problem? Angst um die deutsche Frau? Ja klar, die sind ja niedlich. Ist diesen Männern in den Talkrunden und auf den Straßen eigentlich klar, dass man als Frau generell Angst haben muss wenn man im Dunkeln vor die Tür geht? Mir macht jede Gruppe von Männern ein komisches Gefühl wenn ich an ihnen vorbei muss, und da hab ich noch gar nicht gesehen welcher Nationalität sie sind. Und wenn einer Frau sowas furchtbares wie eine Vergewaltigung oder Gewalt angetan wird, glaubt irgendeiner dieser Vollpfosten sie denkt sich „ein Glück ist er ein Weißer“???? Wo sind denn die Aufmärsche wenn ein Deutscher Mann seine Frau mit einem Messer verletzt oder tötet, sie unterdrückt und ihr Gewalt antut? Das macht mich so extrem wütend, dass diese Clowns auch noch zum Schutz der deutschen Frau auf die Straße gehen!
    Mir fällt unterm Strich nur ein, Pfui. Pfui an alle ignoranten Vollidioten die meinen Gewalt wäre eine Lösung und die den Horror einer Nazidiktatur heraufbeschwören wollen.

    1. Liebe Nora,
      da sprichst du mir größtenteils aus der Seele. Manchmal denke ich, einige deutsche Männer schreien besonders laut, dass sie uns Frauen „beschützen“ wollen, um davon abzulenken, dass es in Deutschland auch noch keine Gleichberechtigung und keine Sicherheit für Frauen gibt. Wie du schon sagst, wir haben immer Angst – vor allem glaubt uns dann oft nicht mal jemand, wenn der Vergewaltiger kein Ausländer. sondern „Urdeutscher“ war. Gott sei Dank ist es mir (noch) nicht persönlich passiert, aber ich kenne natürlich leider Frauen, denen es passiert ist. Das waren immer deutsche Männer aus dem persönlichen Umfeld.

      Einerseits möchte ich auch demonstrieren, andererseits lebe ich dummerweise im Ausland und kann deshalb momentan nur Proteste auf Facebook unterschreiben.

      Und es stimmt, das ist nicht nur ein Ostproblem. Klar denke ich, wie einige hier gesagt haben, dass die Menschen sich vielleicht nicht gehört fühlen, dass einige prekäre Arbeitsverhältnisse haben (wobei, das trifft am ehesten auf Studenten und Absolventen zu, und die sind seltener rechts) – aber wer im deutschen Geschichtsunterricht gesessen hat und jetzt immer noch tönt, dass sein Mangel an Geld durch ein paar Flüchtlinge ausgelöst wurde, ist dem dann echt zu helfen? Mir (mit meinem jüdischen Opa, der ganz knapp Auschwitz überlebt hat) hat mal eine (Ex-)Freundin (nicht romantischer Art) gesagt, sie hätte genug vom Holocaust-Unterricht in der Schule, könnten „die Juden“ das jetzt nicht mal ruhen lassen? Ergo, es denken echt Leute, dass a) Unterricht zum Thema Holocaust nicht nötig sei und b) dass eine winzige Minderheit von verfolgten Religionsanhängern so viel Einfluss auf Deutschland hat. (Siehe dazu natürlich auch Verschwörungstheorien aus den USA zu 9/11, an denen sind ja auch wieder die Juden schuld.) Antisemitismus ist leider immer noch überall zu finden, nicht nur bei Moslems, nicht nur bei Nazis, sondern überall. Heute habe ich gesehen, dass ein paar AfDler in Sachsenhausen (!) den Holocaust geleugnet haben. Ich saß gerade im Bezirksamt, um Unterlagen für mein neues Visum in Japan zu beantragen, und habe fast geweint. So langsam weiß ich nicht mehr, wo ich leben soll, ohne mich fremd zu fühlen. Immerhin will mich in Japan niemand vergasen, hier werde ich nur als dumme Ausländerin behandelt. Aber vielleicht ist es genau das, was die Nazis brauchen – einmal woanders Ausländer sein, um zu sehen, wie das ist. Aber vielleicht hilft das auch nicht, leider kann man Empathie wieder spritzen noch unfreiwillig antherapieren…

      1. @Julia: weißt Du, was mich immmer noch viel mehr erschüttert (wenn das denkbar ist) als wenn jemand die Gräueltaten der Nazizeit leugnet und den Holocaust ? Wenn jemand sich dessen voll bewußt ist, was geschehen ist und damit gar kein Problem hat. Wenn gefaselt wird von „wir brauchen eine neue Erinnerungskultur“ oder „wie oft denn noch, wir waren alle nicht dabei, jetzt reicht’s mal“. Wenn jemand aus irgendeinem Wahnsystem oder aus einer intellektuellen Minderbegabung heraus nicht in der Lage ist, anzuerkennen, was damals geschah und welche Verantwortung sich hieraus ergibt, dann kann ich mir immer noch denken „Schwachkopf“. Aber es gibt zu viele, die genau wissen, worum es geht und die inzwischen wieder mit eigentlich unsagbarem auf Rattenfang gehen.. Das macht mir noch viel mehr Angst!

        1. Lieber Roland,
          das finde ich auch immer sehr erschreckend und ergänzend erschreckt mich die Negierung der Mechanismen, die genau zu eben Ausgrenzung und im Endeffekt kriegerischen Handlungen führen.
          Hier möchte ich auf die Arbeit von Jane Elliot und ihren Film Blue Eyed hinweisen. Dieser Film und ihre Methode zeigt so deutlich auf, wie schnell Menschen gegeneinander aufgehetzt werden können – und dieses nur anhand körperlicher Merkmale.

    2. Ist natürlich ist es kein reines Ossi-Problem und irgendwie auch doch, weil wie gesagt Theater und schockierende Ereignisse gibt es meist nur dort. Aber warum eigentlich? Gerade die Ossis müssten doch wissen wie es sich anfühlt Angst zu haben, nicht frei Leben zu können und Mängel zu leiden (und ich hoffe ich werde jetzt richtig verstanden). Oder hat man Angst man bekommt was weggenommen? Ich frage mich das wirklich schon ewig. Von daher bin ich auch immer schockiert über gerade im Osten hohe Wahlergebnisse vor allem für die AFD.
      LG

      1. Ja, ich glaube Verlustängste sind dort stärker ausgeprägt. Und „Ausländer“ gab es in der DDR ja auch, man denke an die Kubaner, die dort auch manchmal nur als Abschaum galten. Im Westen ist, so ist mein Gefühl, der Alltagsrassismus dafür weiter verbreitet.

        1. Das kann gut sein. Ich kann jedenfalls seit ich wieder allein lebe ein Lied davon singen als Gehandicapte (scheinbar hat sich keiner getraut das Maul aufzumachen als mein „normaler“ Ex-Mann noch an meiner Seite war). Sollte man allen die Pest an den Hals wünschen, aber so gemein bin ich nicht.

          Fazit: Beide Seiten haben ihre Schandflecken

  3. Lieber KK,
    du hast deine Gedanken gut zu Papier gebracht.. Das sind auch meine Gedanken! Schaffen wir das? Hoffentlich! Ansonsten graut mir vor der Zukunft in Deutschland. Ich bin sehr beunruhigt über die Gewaltbereitschaft, und hinterfrage trotzdem die Berichterstattung in den Medien.
    Ich freue mich jeden Morgen deinen Blogbeitrag zu lesen. Du siehst die Welt nicht nur durch Kosmetiktöpfchen und -tiegelchen.Und verwebst alles so gut miteinander.

  4. „Hat der Staat versagt?“, fragt auch die renommierte Presse dieser Tage…
    Oh je. Mir wird schlecht.

    Wer ist „der Staat“?
    Wir sind es. Du bist der Staat. Ich bin der Staat. Er ist der Staat. Sie ist der Staat. Jeder einzelne von uns ergibt zusammen „den Staat“.
    Das ist der Punkt. Es gibt nicht „die“ Verantwortlichen. Jeder ist verantwortlich. Und zwar für alles, was er/sie als Teil dieser, in dieser Gesellschaft von Menschen tut.

    Gerald Hüther schreibt in seinem Würdekompass (wuerdekompass.de):
    „Denn es ist ja ein Wesensmerkmal würdevoller Personen, zurückhaltend zu sein, sich achtsam und umsichtig zu verhalten. Sie zeigen sich daher oftmals nur dann und melden sich auch nur dann zu Wort, wenn sie bemerken, dass etwas geschieht, was ihre Würde zu verletzten droht. Und deshalb empfinden sie es als „unter ihrer Würde“, sich an all dem zu beteiligen, womit die Anderen tagein tagaus so intensiv beschäftigt sind. Sie halten lieber still und denken sich ihren Teil. Das ist das Problem. Indem sie im Bewusstsein ihrer eigenen unverletzbaren Würde so ruhig bleiben, überlassen sie aber zwangsläufig auch all jenen das Setzen von Maßstäben und die Durchsetzung ihrer jeweiligen Interessen, die in Ermangelung eines solchen Bewusstseins am lautesten kundtun, worauf es ihrer Meinung nach ankommt. Deshalb können sich diejenigen so gut durchsetzen und sich bereichern, die ihre jeweiligen Interessen mit besonderer Rücksichtslosigkeit verfolgen. Die sich Privilegien, Macht und Einfluss auf Kosten anderer verschaffen und deshalb immer effektiver in der Lage sind, die Richtung zu bestimmen, in die sich heutige Gesellschaften entwickeln.“

    Die Welt ist unübersichtlich geworden. Unerträglich unübersichtlich. Niemand versteht mehr alles, und alle verstehen immer weniger.
    Was da laut wird und ausbricht und aufbricht und ausrastet, statt gefällig einzurasten, ist keine Wut. Es ist die blanke Angst vorm Ersaufen im Chaos. Für den einen braucht es mehr zum Chaos, für den anderen weniger.

    Was sollen wir tun?
    Die Aufgabe unserer Zeit sei, Frieden zu üben zwischen Reiz und Reaktion. Hab ich gehört.
    Mitmachen! Weitersagen… Vorleben… :-))
    Und nicht müde werden.

  5. Danke für die deutlichen Worte. Ich stimme Dir uneingeschränkt zu ( obwohl ich Sachse bin und unweit von Chemnitz lebe).
    Das einzig Gute an den Aufmärschen ist, dass die Meinungen und Denkweisen nun sichtbar werden und die Probleme nicht mehr kleingeredet werden können.
    Was mich schon seit Jahren beunruhigt ist diese latente, unterschwellige Feindseligkeit und Ablehnung, die sich nur in Witzen, Bemerkungen oder dem Teilen diverser Bildchen und Filme zeigt.
    Und die richtet sich nicht nur gegen Ausländer, sondern z. Bsp. auch Homosexuelle, Lehrer usw.
    Erst letztens hat auf dem Fussballplatz wieder ei zuschauender Vater geäussert, die Beamten müsste man alle an die Wand stellen und abschiessen. Rundum Gelächter und Zustimmung, keiner sprach dagegen.
    Ist nur ein kleines Beispiel.
    Und auch wenn ich mich jetzt auf dünnes Eis begebe: der Vorwurf, Teile der (sächsischen) Polizei stünden Pegida und Co nahe – ist wohl nicht auszuschliessen. Polizisten( die meinen grössten Respekt haben) sind auch nur Menschen. Und haben auch Meinungen. Und leben nicht auf einsamen Inseln in einer Blase.
    Ich bin sächsischer Beamter und was man da so von Kollegen an Äusserungen hört- da spricht oft nicht das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung raus.

    1. Auf dem Fußballplatz hört man die schlimmsten Dinge. „Alter, bist du schwul oder was?“ Eine Freundin meinte, sie hätte beim Zuschauen so Sachen gehört wie „ist das behindert, ey“. Irgendwie scheint es cool zu sein, Minderheiten gegenüber intolerant zu sein oder sie lächerlich zu machen, und natürlich auch, wie in deinem Beispiel, mit Gewalt zu „spaßen“.
      (Meine Mutter und Schwester sind Beamte und ich habe auch Erfahrungen als Angestellte mit Beamten im Büro, und es gibt wie in jedem Job solche und solche. Wer so einen Sch*** von sich gibt, demonstriert nur fehlende Hirnmasse.)

      1. Das ist Alltagstassismus. Das ist angesagt, aber das ordne ich persönlich nicht dem rechten Sumpf zu. Da kann man eventuell noch mit Argumenten und Informationen beikommen. Leider wir immer wieder viel zu schnell das Schubladendenken bemüht. Danke, liebe Julia! Viele Grüße, KK

      2. @Political Correctness (nicht nur auf Fußball/Sportplätzen): Mal gehört, was sich z.B. Teenager untereinander für derbe Sachen an den Kopf werfen? Ebenso kannst du mit ihnen allerdings auch Diskussionen führen, die dieser hier ebenbürtig sind. Manchmal halte ich es (für mich) für ratsam, unschöne Momentaufnahmen nicht überzubewerten und nicht so viel auf den ersten Eindruck zu geben.

        1. Nicht nur Teenager werfen sich manchmal derbe Sachen an den Kopf. Aber ich finde, es gibt einen Unterschied, ob ich zu jemandem „du Arsch“ sage oder „du Schwuchtel/du Behinderter/du Jude“ etc., da Letzteres eindeutig gewisse Menschengruppen, die vielleicht gerade zuhören und dadurch verletzt werden, als Schimpfwort behandelt. Mir ist klar, dass man nicht alles wegerziehen kann, aber zumindest in meinem Unterricht wird einmal erklärt, wieso diese Wörter schlimm sind, und dann werden sie nicht mehr geduldet.

          1. Da bin ich ganz bei dir. Im Unterricht hat so eine Ausdrucksweise nichts zu suchen. Wobei ich nicht wissen möchte, was in manchen Klassen für ein Umgangston herrscht. :/

  6. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was einen bewegt, wenn man Revue passieren lässt, was letzte Woche in Chemnitz geschehen ist – aber auch, wie die Reaktionen darauf waren.
    Danke, lieber KK, für diesen Beitrag,
    Wenn ich in mich selbst hineinhöre, ist da viel Fassungslosigkeit, Traurigkeit – aber a u c h Wut.
    Ich glaube, dass es in dieser Situation kaum möglich ist, Emotionen außen vor zu lassen.
    Warum ich wütend bin?
    Ich bin wütend über die Dummheit der Menschen, die nichts aus der Geschichte gelernt haben, die sich von Polemikern und Propagandisten, die in Wahrheit menschenverachtende Rassisten sind, wieder einfangen lassen.
    In meinen Augen ist NEID die schlimmste Todsünde, ist er doch die Quelle so vieler Verbrechen an Menschen.
    Und Neid ist es, der geschürt wird von denen, die an den Grundfesten von Werten und Demokratie rütteln.
    Vielleicht gelingt ihnen das im Osten deswegen so erfolgreich, weil Besitz und Wohlstand für sehr viele in DDR-Zeiten Fremdwörter waren, weil man damals schon neidisch war auf „die im Westen und ihren Kapitalismus“? Ich weiß es nicht, aber es könnte ein Erklärungsansatz sein, dass man sich immer abgehängt fühlte und nun fürchtet, dass Besitz/Wohlstand bedroht sind/ geteilt werden müssen mit denen, die nun einfach dazugekommen sind… Und eigentlich nicht hierhingehören, wie AfD/ Pegida und Konsorten einpeitscherisch immer wieder verkünden.
    Natürlich gibt es diese Wutbürger und Einpeitscher auch in den „alten Bundesländern“, wo sie immer mehr Zulauf finden – aber es lässt sich nicht wegleugnen, dass sie im Osten nun einmal viel massiver auftreten – bis hin zur Unterwanderung rechtsstaatlicher Systeme.
    Auch das muss gesagt werden dürfen – aber die Gefahr ist wieder groß, dass man sich dann dort plötzlich wieder in eine Opferrolle gedrängt sieht und dicht macht, anstatt sich klar zu einer Verantwortlichkeit dafür zu bekennen, Dingen/ Entwicklungen viel zu lange ihren Lauf gelassen zu haben.
    Und damit meine ich die Politiker, deren geballte Präsenz ich mir wünsche bei allen Gegendemonstrationen!
    Wo bleibt ein klares Statement unseres Bundesinnenministers, der doch sonst so wortgewaltig ist?
    Warum dürfen Pegida und AfD ihre üble Saat weiterhin ungehindert streuen? Kein Anlass zur Beobachtung durch den Verfassungsschutz? Ich vermisse den ernsthaften Willen in unserer Regierung, eine Strategie zu entwickeln, ein Zeichen zu setzen, dass der Rechtsstaat, k e i n Rechtsstaat sich so etwas nicht gefallen lassen darf.
    Es ist gut und richtig, wenn Herr Maas sagt, dass auch die Bürger aufstehen müssen – aber vorangehen muss die Politik.
    Und auch die Medien bewegen sich auf einem schmalen Grat hinsichtlich der Art ihrer Berichterstattung- reiner Schlagzeilenjournalismus kann sehr schnell weiteres Öl ins Feuer gießen und in der schwarz-weißen Welt, in der Blase von AfD/ Pegida und ihren AnhängerInnen ist es leicht, eine Presse als „Lügenpresse“ zu diffamieren, wenn Fakten benannt werden, die ihnen nicht genehm sind. (Siehe USA)
    Und ja – ich werde mitgehen, wenn sich in meiner Heimatstadt Menschen zusammenfinden, die ein positives Zeichen setzen wollen.

    1. Ach so: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Vergeltung legitimiert Jagdszenen? Dann müssten aber auch zig tausende Deutsche dran glauben, denn die begehen auch Straftaten – hört man so.

      1. Laut Wolfgang Klein, Sprecher der sächsischen Generalstaatsanwaltschaft, hat es in Chemnitz nach allem vorliegenden Material glücklicherweise keine Hetzjagden/Menschenjagden gegeben.

        1. Regierungssprecher Seibert dazu: „Es bleibt aber dabei, dass Filmaufnahmen zeigen, wie Menschen ausländischer Herkunft nachgesetzt wurde und wie sie bedroht wurden. Es bleibt dabei, dass Polizisten und Journalisten bedroht, zum Teil auch angegriffen wurden. Und es bleibt dabei, dass es Äußerungen gab, die bedrohlich waren, nahe am Aufruf zur Selbstjustiz.“
          Man mag über das Wort Hetzjagd streiten können, aber eigentlich ist das doch ein Ablenkungsmanöver. Ich werde das Wort in meinen Texten abändern, der Sinn bleibt: Selbstjustiz steht keinem zu. Punkt!

    2. Oh bitte, es geht doch nicht darum, dass es sich bei dem Tötungsdelikt um ein absolut zu verurteilendes Verbrechen handelt. Es geht darum, dass dieses Verbrechen „gekapert“ wird als vermeidlich legitime Begründung, unreflektierten Hass auf die Straße zu bringen, dumpfe Menschenfeindlichkeit und puren Rassismus zu äußern und sich dabei noch auf die Meinungsfreiheit zu berufen. Nochmal: Meinungsfreiheit heißt nicht, dass man keine Gegenrede bekommt für das, was man äußert, sondern dass der Staat einen nicht einsperrt für das, was man sagt. Und dass das ausgerecht im Osten, in dem eine großartige und friedliche Revolution einen Unrechtsstaat zu Fall gebracht hat, vergessen wurde, das nimmt mich Wunder.
      Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen könnte, wenn ich mir ansehe, dass ausgerechnet die weiße Rose, ein Symbol des Widerstands in einer der grauenhaftesten Zeiten der Menschheitsgeschichte, missbraucht wird von Anhängern einer Partei, die die Gesellschaft spaltet, gegen Minderheiten hetzt und nur davon lebt „dagegen“ zu sein ohne irgendwelche konstruktiven Lösungsansätze anzubieten.
      Ich kann mich auch nicht erinnern, einen ähnlichen verlogenen Aufmarsch bei all den anderen Verbrechen zu sehen, die jeden Tag in Deutschland geschehen. Wieso denn kein Wort zu den täglichen Gewalttaten, die in deutschen Familien vorkommen? Passt nicht so gut ins Bild, dass das Risiko vom eigenen Mann vergewaltig zu werden deutlich höher ist als vom bösen schwarzen Mann ? Und nein, das relativiert keinesfalls die stattgefunden Übergriffe und Gewalttaten, aber es ist einfach perfide, zu behaupten, die „deutsche Gesellschaft“ wäre ein sicherer Ort gewesen und würde jetzt systematisch zerstört.

      Ja, im Zuge der unkontrollierten Zuwanderung ist sicherlich vieles schiefgelaufen, vieles zu kritisieren, es sind Menschen in unserem Lande, die das Gastrecht verwirken. Aber blind und dumpf Parolen zu schmettern wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ wird keine einzige der dringlichen sozialen/gesellschaftlichen/politischen Fragen beantworten. So zu tun, als ob unsere immensen Probleme im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, Altersarmut, Abbau von Sozialleistungen, fehlende gesellschaftliche Entwicklung im Hinblick auf Gleichberechtigung der Frauen, mangelnde Kinderbetreuung usw.. der Zuwanderung geschuldet ist, ist einfach nur schäbig und politisch billig. Eine gewisse Alternative Partei weiß ganz genau, wie sie sich der Strategien bedienen kann, die schon einmal die breite Masse dazu verführt hat, in einen kollektiven Wahnsinn zu verfallen. Ich kann nur hoffen, dass genügend übrig bleiben, die sich dem entgegen stellen.#wir sind mehr!

      1. Word, lieber Roland!
        Aber auch die Parteien nutzen diese Strategien – manche im Moment weniger erfolgreich.
        Leider scheint sich keiner mit dem Parteiprogramm und der Entstehung der AfD auseinandergesetzt zu haben – schließlich entsprang sie aus dem Interesse der besserverdienenden, aber reaktionären Mittelschicht.
        Kaum einer der wirklich Abgehängten würde von dieser Partei profitieren.

  7. Lieber KK,
    danke für deinen Beitrag. Ich bin Wessi, (Quasi Alt 68gerin, so fast), lebe in einem Vorort von Leipzig und habe es sooo satt, die Ereignisse, das Gerede,… Denn bisher ist nichts geschehen, was ich nicht vor drei Jahren schon vorausgeahnt habe.
    „Unsere“ Flüchtlinge wohnen hier mitten im Dorf – im schnell für sie umgebauten, unbenutzten Gemeindehaus. Machen kann man hier als Syrer, Afghane oder Iraker gar nichts. Außer rumhängen an der Bushaltestelle vor der Tür und am Bahnhof direkt daneben. Ziemlich doof, wenn man als müde Frau abends auf herumstehende junge Männer trifft.. Klar waren die Bewohner auch nicht begeistert, als seinerzeit diese Unterbringung vom Bürgermeister so „verordnet“ wurde.
    Hier gibt es unter den angestammten Dorfbewohnern viel Präkariat (as der ehemaligen LpG) und viel Bildungsferne, Neid und vor allem auch Angst. Die Leute haben vor den Wende gelitten, in der Wendezeit haben sie allesamt lange weiter strampeln müssen und nun haben sie Angst, das was jetzt gerade so ganz schön für sie wird, wieder hergeben zu müssen. Das wollen sie nicht. Dafür wählen sie dann Legida oder AFD.
    Das ist quasi der deutsche Trumpismus.
    Wenn was nicht klappt, dann wird hier im Osten immer gleich nach dem „Staat“ , nach klaren Regeln, gerufen. Der Staat soll es strikt und für alle regeln. Das sind sie immer noch so gewöhnt. Eigeninitiative und Demokratieverständnis stehen nicht zur Debatte.
    Niemand wusste das besser als unsere uckermärkische Bundeskanzlerin. Und die deutsche Asylpolitik war angesichts der Flüchtlingsströme auch vor drei Jahren schon überfällig und dringendst reformbedürftig. Die Justiz war auch damals schon überlastet. Auch das weiß man in Berlin eigentlich…Passiert ist aber nichts, außer vielen Dingen, die immer mehr Angst und Schrecken schüren und damit die Rechen auf den Plan rufen. Von schaffen kann da nach Wahl und endlosen Koalitionsverhandlungen wirklich keine Rede sein.
    Es ist ja so, als hätten wir NICHT gewählt!
    Übrigens haben die Schweden, die immer sehr großzügig waren, in sozialer Hinsicht und mehr Flüchtlinge aufgenommen haben als jedes andere Land, genau das gleiche Politik-Problem mit den Rechten.
    Was sagt uns das? Wir sind ein reiches Land. Aber setzen alle unsere Errungenschaften , polnisch, gesellschaftlich, sozial und finanziell aufs Spiel weil unsere Politiker leichtsinnig sind und die Stärke des Staates sowie die Toleranz der Bevölkerung heillos überschätzen… Immer noch..
    Wenn ich mir vorstelle, daß in den Städten viele der jungen Männer nicht ohne Messer aus dem Haus gehen und die womöglich auch benutzen, wenn was nicht nach ihren Vorstellungen funktioniert – seit die Freundin die Ehefrau oder ein Rivale… das empfinde ich das nicht nur als persönliche Bedrohung, sondern auch als einen Rückfall in Zeiten, die wir überwunden zu haben glaubten…Dagegen kann man leider gar nichts tun. Das ist jetzt so.
    Und ich denke, das ist es, was uns unsere Politiker niemals sagen werden.
    Da helfen heute in Chemnitz auch keine Toten Hosen …Aber dir, lieber KK und den Cremetöpfchen bleib ich sehr gern treu.
    LG

  8. Diese kurze Zeit, als der häßliche Deutsche sich versteckt hatte. Welch Genuß. Und welch Verwirrung. Ich war es nicht gewohnt, daß Deutsche im Ausland als warmherzig bezeichnet werden, damals, 2016.

    Die Situation halte ich für bedrohlich, sollten die Blau-Braunen bundesweit so erfolgreich wie in Sachsen sein werde ich Deutschland verlassen.

    Ob Gespräche nützen? Ich habe meine Zweifel. Den Protestierenden geht es offensichtlich gut, niemand muß in D hungern oder frieren, wo ist das Problem? Es heißt wohl Gier, Mißgunst und Langeweile. Diese Leiden sind nur schwer therapierbar.

    Problematisch ist die historische Verteilung von Macht und Ressourcen im Osten. Bedingt u.a. durch die ärmeren Böden kam es dort zu Großgrundbesitz, wodurch ein Heer von rechtlosen Habenichtsen entstand. Seit Jahrhunderten. Im Westen gibt es diesen Unterschied zwischen Nord und Süd, bedingt durch die unterschiedlichen Böden und Erbfolgen. Durch Mittellosigkeit entsteht über die Generationen ein ganz anderes kollektives Bewusstsein als in Gesellschaften, in denen die Ressourcen gleichmäßiger verteilt sind. Ein Gefühl der kollektiven Ohnmacht.

    Auf diese Grundlage dann noch den Nationalsozialismus mit anschließender sozialistischer Diktatur. Da muß man schon sehr gute Gene und/oder Elternhaus haben, um der dumpfen Versuchung des Selbstmitleides zu widerstehen.

    Das ist sicherlich nicht der einzige Faktor, der zu den derzeitigen Erscheinungen führt. Aber in jedem Fall ein guter Nährboden für rechtes Gedankengut.

    Da ich insgesamt ein Jahrzehnt meines Lebens in muslimischen Ländern verbracht habe kann ich die Angst vor muslimischen Männern nicht nachvollziehen. Besonders, da ich viele binationale Ehen kenne. Sie haben andere Vorzüge und Nachteile als deutsche Männer, im Durchschnitt betrachtet, und sind nach meiner Erfahrung genauso kontaktfreudig wie respektvoll. Ich mußte jedenfalls noch nie einem Moslem erklären, daß Nein Nein heißt. Das wurde akzeptiert, mit einem strahlenden „Ein ander Mal, inchallah.“ Keine schlechte Laune, eher noch charmanter als vor dem Nein.

    Danke an KK und alle anderen, die auf der Straße Präsenz gegen rechts zeigen!

    Viele Grüße
    Argana

  9. Auch von mir: Danke für deine klaren Worte. Und auch meines Empfindens nach sind es nicht nur Bildungsferne, tumbe Dörfler, „Neidbürger“ oder „neue Braune“, für die die AfD – wenigstens kurzfristig – kein No-Go ist. Finde es sogar gefährlich, das so verallgemeinern zu wollen, denn damit macht man es sich zu einfach. Ich denke, dass es u.a. genau die gesellschaftlichen/sozialen Probleme sind, die Roland beschreibt, die mittlerweile ein echtes… nun ja… Problem sind. Soziale UnGerechtigkeit, Altersarmut, mangelnde Kinderbetreuung, Abbau von Sozialleistungen, dazu prekäre Arbeitsverhältnisse (s. Ergänzung unten) und in den Großstädten (zumindest hier) Mieten, die bestenfalls für DINKs bezahlbar sind uvm. – das hat nichts mehr mit einer Filterblasenwahrnehmung zu tun. Damit schlagen sich „ganz normale Menschen“ herum, die nicht in irgendeinem Dorf in einer Filterblase aus Angst und/oder Neid leben. Es sind auch nicht nur die „Wutbürger“, die wie in Chemnitz durch die Straßen ziehen. Es sind, wie du schreibst, Kollegen, Familienmitglieder oder Bekannte, die es mittlerweile durchaus für denkbar halten, aus Protest die AfD zu wählen. Und wenn ihre real existierenden Probleme weiter schöngeredet/ignoriert oder eben als „Filterblasenwahrnehmung“ abgetan werden, dann habe ich Angst vor der nächsten Wahl und nicht nur vor der – nicht jeden kannst du mit einem Verweis aufs AfD-Wahlprogramm zum Nachdenken bewegen.

    Anmerkung noch @prekäre Arbeitsverhältnisse weiter oben: Aber die sind doch, zumindest in meiner Welt, schon lange nicht mehr nur den Studenten „vorbehalten“ oder ein Randgruppenphänomen? Die sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Querschnitt aus meinem „ganz normalen“ Bekanntenkreis: Zeitarbeit, 450-Euro-Jobs (ohne dabei in die Rentenkasse einzuzahlen), Mindestlohn und dann nur eine Teilzeitstelle bei bewusst einkalkulierten Überstunden, Scheinselbstständigkeit…

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