Herr KK erklärt die Welt: Och Mensch, die armen Rapper…

Ganz Deutschland schlägt derzeit auf die Rap-Gemeinde ein, als hätten sie schlimmste Dinge getan! Dabei sind die Meister des Wortes, die einen fast so großen Wortschatz wie Shakespeare besitzen, nun wirklich nur verkannte Künstler. Keiner der alten Menschen will anerkennen, dass sie großartige Wortakrobatik leisten, erkennen nicht die qualitativ hochwertige Lyrizität, die Goethe in Reim und Rasanz KO schlagen könnte. Meine Güte, da werden eben mal ein paar Schwule gedisst, KZ Juden für ihren geilen Körperbau bewundert und Frauen sind nun mal eh nur Bitches, das wissen wir doch alle, trauen es uns nur nicht zu sagen. Straßenrapper schon, die haben Eier in der Hose und verdienen vollsten Respekt. Und wenn irgendwelche Discoschwuchteln das nicht verstehen, verdienen sie es nun mal nicht anders, als mit der Pumpgun im Drive-by Kugelhagel durchsiebt zu werden…

(Der letzte Teil der Einleitung bezieht sich frei auf einen Liedtext von Kollegah „Drive By Musik“)

 

Ich, Gangsterrapper

Als Schulkind war ich auch ein halber Gangsterrapper. Nicht, dass es die da schon gab, aber im Nachhinein betrachtet, war ich ne coole reimende Sau damals: Bis zu dem Tag, als meine Eltern sehr traurig wurden, mich zu sich riefen und sich mit mir hinsetzten um ein Gespräch zu führen.

Sie sagten mir, dass ich meine Oma sehr verletzen würde, sie hätte geweint. Warum? Schweigen. Meine Eltern erklärten mir, dass sie ebenfalls sehr niedergeschlagen seien. Sie wären mir nicht böse, sie würden mich auch nicht in irgendeiner Form bestrafen wollen, aber ich solle wissen, dass sie mich lieben, aber auch eine Enttäuschung verspüren, weil sie mich für intelligenter gehalten hätten.

Das saß!

 

Meine Eltern brachten mich auf den vermeintlich lustigen Reim, den ich vom Schulhof mitgebracht hatte und zu Hause ständig vor mich hin grölte: „Eppi-Leppi, immer Häppy, lalala.“    Meine Oma war Epileptikerin

Wer die Krampfanfälle kennt, weiß: DAS ist nicht lustig. Und man braucht sicherlich niemanden, der sich auch noch darüber lustig macht. Damals merkte ich, was Worte ausrichten können.

Ähnliches gilt für die immer wieder mal aufkommende Diskussion um Straßenrapper, die versuchen durch Provokation Aufmerksamkeit zu bekommen. Dabei sind die Jungs mit dem düsteren Blick und den Testosteron-geschwängerten dicken Armen gar keine armen Underdogs mehr, die mit Gewalt auf ihre Unterdrückung im Ghetto hinweisen. Es geht einzig ums Geld. Um Plattenfirmen, um Status, um Verkaufszahlen, um Klicks, um Auftritte… Um im Jargon zu bleiben: Wer vorgibt den dicksten Schwanz zu besitzen, bekommt den dicksten Batzen Kohle!

Rhyme-Meister oder asozialer Verbrecher?

Man kann über Rapper geteilter Meinung sein. Sind sie sich der Macht ihrer Worte bewusst, vielleicht doch Meister der neuzeitlichen Wortakrobatik, die sich verstehen in der Verdichtung von Worten, die manchmal sogar traditionellen Versmaßen folgen – manchmal aber auch völlig Neues kreieren? Oder sind sie einfach nur asoziale Verbrecher?

Kann man Rappern wirklich böse sein, wenn man sich anschaut, wie viele Menschen Helene Fischer abgöttisch verehren?

Ich will mir hier und heute kein abschliessendes Urteil dazu bilden. Aber eine Sache finde ich unerträglich, und die will ich auch los werden…

Mir kann keiner erzählen, dass Verrohung nicht existiert!

Gewalt in Filmen und Videogames „verroht“ auf eine ganz subtile Weise. Man stumpft eben doch ab, denn Gewalt, kämpfen, töten wird (wenn auch nur ein bisschen) selbstverständlicher.

Sexvideos in Massen konsumiert lassen die Betrachter ebenfalls „verrohen“  Die Erregungsschwelle sinkt, Menschen brauchen womöglich stärkere und härtere „Stimulanzien“ um sich angefeuert zu fühlen. Eine ganz normale Beziehung wird zur langweiligen Einbahnstraße.

Und was passiert, wenn ich den ganzen Tag höre: „Scheiß Schwuchteln, ich niete euch alle um“  „Juden beherrschen die Welt und gehören vernichtet“  „Frauen steck ich meinen Sc****z ins Maul und Deine Mutter fi** ich gleich mit“ oder  „Staat und Polizei sind mir egal, ich lebe nach meinem Recht und schlachte alle Andersdenkenden ab“

Rapper spielen mit Fiktionen, sie wirken nicht in der realen Welt. Es ist ein Gestus, den man sich anzieht. Aber hat sowas heute noch ein provokantes Potenzial? Rahmen werden versetzt und es wird provoziert, also zum Beispiel Obszönitäten verwendet, politische unkorrekte Rede geführt, beleidigt, gedroht und Gewaltbereitschaft signalisiert – bis hin zur Tötung. Nur ist das im Rap ja die eingeführte Rede, insofern wird doch gar nichts mehr überschritten. Die Frage ist dann natürlich, warum man den Diskurs weiterführen muss, wenn es sowieso nicht mehr provokant ist – etabliere ich dann nicht wieder Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Gewalt als „üblich“?

Die widerliche Echo Verleihung

Ich habe mich damals bei meiner Oma entschuldigt. Sie nahm mich in den Arm und sagte: „Du wusstest es nicht besser. Aber jetzt weißt Du es.“  DAS ist die Gnade der zweiten Chance.

Deutschland erlebt seit dem Ende des Holocaust ebenfalls eiche „zweite Chance“, und Tage an denen der von den Nazis ermordeten Juden gedacht wird, sind in vielen Teilen der Erde wichtig, erst recht hier bei uns. Das hat nicht mehr viel mit „Schuld“ zu tun, sondern viel mehr mit sich erinnern, nicht vergessen und nie wieder geschehen.

Wenn man genau an diesem Tag Rapper dafür mit einem Preis ehrt, dass sie ihr Album enorm weit verbreiten konnten, in dem es vor Geschmacklosigkeiten, Gewalt und unglaublich traurig machenden Bemerkungen zu jüdischen KZ Insassen nur so wimmelt, in dem Worte wie aus einem Maschinengewehr die Menschlichkeit verletzen, ist das würdelos und ekelerregend.

Die deutschen, scheinbar meinungslosen Musikstars amüsierten sich derweil bei der Show, tranken, feierten, tanzten zum Song von Cillit Gang Bang, oder wie die ausgezeichneten Rapnasen heißen, bei der Aftershowparty. Dann gab es in deren Entourage auch noch eine klischeehafte Schlägerei. Business as usual. Wie erbärmlich. Und auch wenn Campino wie der Gutmensch persönlich als einziger dagegen wetterte, ER war der einzige Im Saal, der laut etwas dazu zu sagen hatte. Alle anderen leben halt in ihrer Feel-Good-Blase, die ein angenehmes Verkaufsklima schafft. Und das kennen wir nicht nur in der Musikbranche…

Hoffnung…

Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung. Sollte es einsichtige Gangsterrapper geben? Hatten die auch ein Gespräch mit ihren erschütterten Eltern? Waren sie schockiert wie verroht die Sprache ihrer Kinder geworden ist, nur um „modern“ zu sein?

Nach wie vor gibt es eine Menge Street Songs, die diskriminierende Begriffe beinhalten (darunter auch gesetzeswidrige Inhalte wie z.B. Nazi-Rap) – nur schaffen die es eben nicht mehr so häufig in die Charts. Das wird auch in Zukunft so sein, sagt HipHop-Journalist Falk Schacht: „Straßenrap wird immer größer werden in Deutschland (Anm. KK: Mehr Aufmerksamkeit im Mainstream bekommen), und Empörungswellen und Shitstorms werden mehr auf die Rapper zurückfallen. Das wird einen Einfluss auf sie haben, weil sie aufpassen werden, wie sie sich verhalten. Vor deinen Eltern benimmst du dich ja auch möglichst anständig, wenn sie alles mitkriegen.“ Und wenn es die Verkäufe fördert? Dann erst recht!

 

 

 

 

 

15 Kommentare

  1. Guten Morgen, lieber Kaiser!

    Auch wenn ich glaube, dass die große Mehrheit so denkt und empfindet wie von Dir beschrieben, machen – oder trauen sich das? – nur wenige im passenden Moment auch den Mund auf. Ich verfolg(t)e den Echo in Ö bisher eher nur am Rande, diesmal konnte man aber gar nicht anders, als mitzubekommen, was da abgelaufen ist – habe es ehrlich gesagt aber erst über die deutsche Berichterstattung von wegen „Eklat – Campino ….“ und Udo Lindenbergs Wortspende mitbekommen. Dass es, auch aus der Politik, nur wenige überhaupt wert fanden, dazu deutlich Stellung zu beziehen, hinterlässt einen sehr bitteren Nachgeschmack.

    Auch daher Danke für Deine Worte, die 100%ig ins Schwarze treffen.

    Lieben Gruß, Ursula

  2. Ich muss zugeben, dass ich dieser Art Musik eigentlich nicht viel abgewinnen kann. Mir ist das alles zu großkotzig und unglaubwürdig, vor allem in Deutschland. Und irgendwie sind die deutschen Vetreter zumindest nach außen hin auch nicht gerade mit viel Intelligenz gesegnet, es scheint zumindest so… Wenn man das was Die machen Rap nennen will weiß ich auch nicht… Die amerikanischen Vertreter wissen zumindest wie man es macht, auch wenn mir das ebenfalls too much ist.

    Wen ich allerdings wahnsinnig gut finde nach wie vor ist Eminem. Ich mochte schon immer seine Art zu rappen, die Art wie er das mit absolut guter Musik verbindet. Er erzählt Geschichten, teilweise autobiographisch, und seine Videos sind kleine Kurzfilme und ebenfalls echt sehenswert, was in der heutigen Zeit wirklich selten geworden ist (bessere Videos hat nur Michael Jackson gemacht, auch wenn man beide schlecht miteinander vergleichen kann). Und er besitzt einen Humor den ich sehr mag. Nun ist er kein klassischer Gangster-Rapper, hatte aber zumindest am Anfang einen Hang dazu, weil er beschissen aufwachsen musste. Ich finde ihn großartig, muss ich so sagen.

    1. Oh ja! Ich finde auch, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen Storytelling und asozialer Provokation aus der tiefsten Gosse heraus.
      Eigentlich sind diese Attitüden zutiefst kindlich. Vielleicht schämen sich die kleinen Jungs später einmal etwas, wenn sie erwachsen sind und ihr Ego nicht von Mercedes und Bizeps abhängig machen müssen.
      Liebe Grüße, KK

    2. Was ich allerdings scheinheilig finde ist die aktuelle Diskussion in Deutschland. Der Ami rappt auch keine zahmeren Texte, es klingt nur besser…

      1. Die Diskussion kommt ja immer mal wieder. Nur momentan kollidierte das ja mit dem Holocaust Gedenktag. Und da finde ich die Diskussion (auch emotional geführt) mehr als angebracht.
        Amis Rap versteht hier ja kaum jemand, und die killen sich ja auch mal öfter und batteln nicht nur über ihre Rhymes. Das muss nicht wirklich 1 zu 1 übernommen werden. 😱

        1. Da hast du natürlich Recht. Für mich ist dieses Gangster-Gerappe in D vor allem immer ein Spiegel davon wie die Gesellschaft immer mehr verblödet. Und das sollte natürlich aufgehalten werden.

      2. Ich weiß nicht, ob ich das scheinheilig finde. Letztendlich muss man doch im eigenen Umfeld anfangen, solche Sachen anzusprechen.

  3. Hallo Kk, schön geschrieben.
    Ich mag dieses Gelaber gar nicht und finde auch nicht, das es künstlerisch wertvoll ist. Für mich kann das jeder, der sprechen kann. Und reimen ist nun auch nicht so schwer. Wers nicht kann kauft sich einen Reimer. Was aber zum Teil gar nicht geht ist die offensichtliche Erlaubnis zur Hetze gegen Frauen etc. Das hat für mich nichts mehr mit Demokratie zu tun.

  4. Ich hab die ECHO-Verleihung nicht gesehen (nervt mich die letzten Jahre nur noch, weil das alles ist, nur keine Preisverleihung wie sie sein sollte), hab aber trotzdem alles mitbekommen. Was mich wundert ist dass für solche Werke tatsächlich Preise verliehen wurden, während z.B. Bushido regelmäßig auf dem Index landet. Passt für mich auch nicht zusammen oder wird da etwa mit zweierlei Maß gemessen.

  5. Du gehst tiefer mit Deiner guten Analyse als die Medien. Leider wird der jugendliche Fankreis der Rapper dies nicht lesen. Interessant auch, daß die Vorzeigerapper mit den Jahren zum Spießer werden (Sido, Bushido).

  6. Ich werde oft als „zu sensibel“ betitelt, da ich mir von meinen Mitmenschen Aussprüche wie „ist das behindert“ oder „voll schwul“ verbitte. Meine Mutter ist auch immer genervt, wenn ich ihr sage, dass das Wort „N****kuss“ für mich nicht akzeptabel ist. Aber wir müssen halt überlegen, wen wir eventuell mit solchen Worten verletzten, auch wenn die „nicht ernst“ gemeint sind – wie würden solche Leute reagieren, wenn statt „schwul“ auf einmal „mittelmäßig talentierter weißer Mann“ so gebraucht würde?

    Antisemitismus existiert leider auch in der nichtrappenden Bevölkerung zur Genüge, mir haben da auch schon mal Leute Sachen gesagt wie „die Juden können doch langsam mal aufhören, uns ein schlechtes Gewissen zu machen“ – klar, „die Juden“ (TM) haben alle (!) die gleiche Agenda und als winziger Anteil der Weltbevölkerung einen riesigen Einfluss auf den deutschen Geschichtsunterricht /s Was diese Personen nicht wissen (weil ich es nicht sage) ist, dass mein Opa seine erste Familie im Holocaust verloren hat und ich ihn leider auch nie kennenlernen durfte, weil er durch Auschwitz nicht so lange gelebt hat, wie die Familiengene das sonst hergeben. Aber das kann ich meinen deutschen Freunden nicht erzählen, ich habe Angst vor ihrer Reaktion.

    Was ich sagen will: Durch jeden „flotten Spruch“ wie denen dieser Rapper könnte eventuell jemand verletzt werden, und „die sollen halt weniger sensibel sein“ heißt für mich nur, dass die sprücheklopfende Person einen extremen Mangel an Empathie und auch Intelligenz hat. Das heißt nicht, dass ich nicht manchmal dumme Sachen sage, aber ich bilde mir ein, dass ich zumindest versuche, mich zu bessern und zuzuhören, wenn mir jemand sagt, dass was nicht okay ist. Und ich finde auch, dass Umstehende hier die Aufgabe haben, bei einem „du Jude“ oder „wie schwul“ zu sagen, „geht’s noch?!“, denn nur durch peer pressure ändern sich solche Leute.

    … Und das war mein Roman zum Montag. ^^;

  7. Finde deinen Kommentar gut. Allerdings wäre Campino einrn Tacken glaubwürdiger gewesen, wenn er den Preis zurückgegeben hätte.

    Und die anderen Künstler hätten gut daran getan, auch mit Absage der Veranstaltung zu drohen, wenn die beiden Figuren einen Preis bekommen. Das wurde bei Frei.Wild vor ein paar Jahren auch gemacht. Und deren Texte sind harmloser. Wenn eine Helene Fischer die Veranstaltung boykottiert hätte, könnte der Ethikrat ja noch mal seine Entscheidung bzgl. Künstlerischer Freiheit überdenken. Aber so sind sie alle inakzeptabel.

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