SPORT: FITTER ALS FIT? DIE NEUE GENERATION DER FITNESSSTUDIOS

Fitness ist weiterhin extrem angesagt. Doch in diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren viel getan. Mittlerweile gibt es für jeden Geschmack die passende Sportstätte, und ganz besonders Fitnessstudios verändern sich immer mehr. Nicht immer zum Besten…

 

KK Fitnesstraining 2013 Als man noch zum „Pumpen“ ging… 😉

 

Pluderhose und Lurexleibchen

Die meisten Menschen haben beim Wort „Fitnessstudio“ sogleich muskelbepackte Kerle in Pluderhosen und weit ausgeschnittenen Muscleshirts, sowie braungebrutzelte Damen in Lurexleibchen mit Stirnband in der blondierten Dauerwelle vor Augen.

Das war gestern. Fitnessstudios mauserten sich in den späten 90er Jahren zu großen Studioketten, die mit riesigen Anlagen, neuestem Trainingsequipment, und zig anderen Annehmlichkeiten aufwarteten. Getränke-, Sonnenbank-, DVD-Flatrates, alles inklusive. Und die Preise konnten sich durchaus sehen lassen, sanken sie doch fast ständig, sobald wieder ein neuer Anbieter den Markt betrat.

Heute ist dieser Markt allerdings schon gut beackert, das Metier gilt als unsicher, als Privatperson bekommt man leichter einen Kredit für eine Herrenboutique in Wuppertal, die man mit dem Papst zusammen eröffnen möchte, als Geld für (noch ein) Fitnessstudio.

Trotzdem gibt es auch in dieser Branche eine Art Evolution, nichts darf stehenbleiben, das bedeutet Rückschritt. Und so entwickelt zB. Deutschlands Marktführer McFit ein (für Europa) neues Konzept. Weg von den Messestand-Prosecco-Mini-Budget-Buden, hin zu Lifestylecentern mit eigenem DJ und Bücherregal neben der Bizepsmaschine: „John Reed Fitness Music Club“

Wer sich in der Branche auskennt weiß: Das ist abgekupfert, ähnliche Lifestylesportclubs gibt es zB. in New York schon länger.

Mehr Schein als Sein: John Reed

Nun habe ich mich fast totgelacht, als ich sah, dass bei John Reed ALLES nur Attrappe ist, ausser natürlich den Trainingsgeräten. Urbanes Lebensgefühl, Eleganz, die kitschigen Bücherregale, Buddhas und englischen Kronleuchter, alles Fakes. Wer also gehofft hatte nach dem Bankdrücken auch noch ein bisschen in Brechts „Mutter Courage“ zu blättern, um auch den Intelligenzmuskel zu trainieren, wird sich wundern, dass er das Buch nicht aus dem Regal bekommt.

Hier würde sich übrigens Sporty Spice so richtig wohl fühlen, denn die Musik wummert auf Clubniveau, was einerseits cool ist, andererseits auch sehr schnell nervig werden kann. Abschotten kann man sich vielleicht noch mit Noise Cancelling Kopfhörern. Dementsprechend einseitig ist dann auch die Klientel, sehr junge Leute trainieren hier größtenteils unter sich.

Gesportelt wird in verschiedenen Trainingswelten, die dann allesamt unterschiedliche (um nicht zu sagen psychedelische) Lichtkonzepte besitzen. Mir ist das ehrlich gesagt zu schummerig, das fördert bei mir die Bildung des Schlafhormons und nicht die Bereitschaft meine Muskeln zu schinden!

Leider wurde auch die Betreuung nicht aufgepimpt. Das bedeutet, die Trainer sind freundlich aber meist nur per interner Schulung mit dem nötigsten Fachwissen versorgt worden. Kurse gibt es einzig per virtuellem Trainer auf einem Bildschirm. Korrekturen sind nicht möglich, und eine mitreissende Dynamik wie in einem Kurs aus Fleisch und Blut ist unmöglich.

Das ist in meinen Augen alles einfach ein McFit im Schafspelz. Auf den ersten Blick nett, aber schnell nervig und substanzlos. Für Anfänger noch weniger geeignet als die klassischen McFit Studios, da man bei John Reed schnell von Glanz und Musik abgelenkt ist, das Training unsauber und unkonzentriert werden kann. Wer aber zusätzlich mal was anderes sehen möchte, bereits Trainingserfahrung besitzt, die Zusatzkosten nicht scheut, und je nach Laune die Studios täglich wechselt, kann sich das durchaus überlegen. So wie ich.

 

Noch ein Trend: Ohne ALLES

WAZ, vom 02.06.2017

Nein, keine Angst, die Kleidung bleibt an. Ansonsten bekommt man bei „Gym10“ nichts ausser Platz und (stinknormale) Trainingsgeräte. Einen Trainer oder andere Angestellte sucht man vergeblich, was übrigens ein mehr als fragwürdiges Sicherheitskonzept ist. Das dann allerdings ab 10,00 Euro Monatsbeitrag (plus einmalige Gebühr 39,00 Euro), was für fast NULL Leistung schon ne Menge ist. Anleitung zum Training gibt es per YouTube Tutorial!

Ein Notrufknopf in den Studios soll für Sicherheit sorgen, genau wie überall angebrachte Überwachungskameras.

Wie die WAZ bereits im Juni 2017 herausfand sind einige Kameras nur Attrappen! Sie sind nicht angeschlossen und sorgen somit auch nicht wirklich für Sicherheit. Ob der Notrufknopf für zeitnahe Hilfe sorgt steht ebenfalls in den Sternen, denn in der Essener Filiale war dieser für den WAZ Reporter unauffindbar.

Den Trainingsvertrag schließt man online ab. Danach bekommt man eine PIN zugeteilt, mit der man das gewählte Studio betreten kann. Doch OBACHT! Durch den Vertragsabschluss mit sofortiger Trainingsfreischaltung verliert man (laut Gym10) angeblich auch sein Rücktrittsrecht nach dem Fernabsatzgesetz. Da man aber KEINE Wahl hat, man MUSS das so ankreuzen und akzeptieren, halte ich das für rechtswidrig. Darum müssen sich allerdings die Juristen kümmern.

Aufgrund dieser Fakten zum Anbieter Gym10 kann ich als Sportwissenschaftler, der sein halbes Leben in diesem Metier verbracht hat, nur dringend von einer Mitgliedschaft im „Fitnessclub-Ohne-Alles“ abraten!

 

Die Zukunft…

(KK) Aerobic 1995

…wird sicherlich vielschichtig bleiben. Der ganzheitliche Gedanke von funktionalem Fitnesstraining wird sich immer stärker etablieren, sture Muskelisolation wird immer weniger Anhänger finden, ausser vielleicht noch ein paar wenige Disco-Bodybuilder.

Kleinere, inhabergeführte Fitnessstudios werden wieder kommen. Die persönliche Ansprache und der bessere Service werden parallel zu den günstigen Ketten für Nachfrage sorgen. Das Kursangebot wird sich wieder vervielfachen, die Zeiten von sturer Eigenbrötlerei beim Sport sind vorbei. Dazu kommt, dass Gesundheitskurse deutlich wichtiger werden, denn der Altersdurchschnitt in Fitnessbetrieben steigt stetig.

Ich selbst arbeite u.a. in einer Multifunktionsanlage, die neben Fitness auch noch weitere Sportarten anbietet, was ebenfalls dem Trend entspricht. ZB. Freeclimbing, Tennis und womöglich exotischere Fun-Sportarten sorgen dafür, dass Sport und Freizeit wieder stärker in die „Spaß haben“ Ecke kommen, damit man seine Freizeit freudig mit Bewegung ausfüllt und nicht widerwillig seine Sporteinheit abspult, nur weil es „gesund“ ist.

 

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(Fotos: Freestockpix, Facebook, Konsumkaiser   Keinerlei Sponsoring)

3 Kommentare

  1. Huhu,
    Ich habe mein Fitness Studio gewechselt zwecks Umzug.
    Hatte gestern ein neuen Trainingsplan bekommen. Da ich ziemliche Probleme habe im Nacken Bereich wurde mit Dehnen angefangen und auf mich eingegangen.
    Das Studio ist auch ziemlich düster gehalten, es gibt umsonst Getränke Café ein Solarium und ein Massage gerät und dieses Strom gerät power plate ?! Steht leider mitten im Raum so dass man sich als Frau sehr komisch vorkommt , wenn man diverse Verrenkungen auf dem Gerät macht. Bin da nicht so abgehärtet.
    Ansonsten bin ich sehr zufrieden. Hätte gerne noch wie in meinem alten Studio Kurse wie Rücken fit , Yoga und co die von echten Personen geleitet werden.
    Aber man kann nicht alles haben.

    Mc fit be fit und co mag ich gar nicht wegen der unpersönlichkeit.
    Ich trainiere gerne mit älteren Leuten gemischt. Da ist oft auch mal ein gutes Gespräch drin und ein Hallo.

    Lg

  2. Das passt halt zum „Poser-Lifestyle“, bei dem man dann noch schnell zehn enge zehn breite macht, bevor es in den Club geht…. 🙂

    Ich bin auch bei McFit angemeldet – und wir haben Gott sei Dank ein sehr gut ausgestattetes Studio, inkl Kurse (ja, Video, finde ich auch teilweise kritisch, persönlich nutze ich aber nur das Spinning Angebot), TRX Bändern und diverser extra Bereiche. Ich habe mir aber, zwecks besserer Zielerreichung und vernünftiger Ausführung einen Personal Trainer gesucht, mit dem ich vor Ort arbeiten kann. Dem eigentlich Personal traue ich nicht viel zu und eine direkte Betreuung gehört ja auch nicht zum Konzept.
    Schade eigentlich, dass dadurch Niveau wieder nur den Leuten vorbehalten ist, die es sich leisten können.

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