HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: NEULICH IM FAHRSTUHL

In meiner Kindheit gab es ihn noch, den Traumjob „Fahrstuhlführer“, oder „Liftboy“ Mit 10 hätte ich ohne zu zögern einen Arbeitsvertrag unterschrieben, ohne Geld, nur so, und auf 55 Jahre befristet. Heute gibt es nur noch automatische Fahrstühle, meist enge, hässliche  Räume, oder fast schon dekadent verspiegelte Hallen. Aber egal wie sich der Fahrstuhl auch herausputzt, es bleibt ein Ort an dem man sich immer irgendwie seltsam fühlt…

 

 

Die Vorgeschichte

Aus meiner anfänglichen Begeisterung wurde nur ein Jahr später, genau an meinem 11. Geburtstag, eine ordentliche Aversion gegen dieses vertikale Fortbewegungsmittel. Ich blieb stecken. In einem dieser engen, dreckigen, klitzekleinen Kabinen, in denen man bis zur gewählten Etage die Luft anhält.

Blöd nur, dass ich zwischen dem vierten und fünften Stock nicht mehr weiter kam. Peng, das Licht flackerte kurz und nichts ging mehr. Mit 11 ist das durchaus ein „Größter Anzunehmender Unfall“ Wie oft hatte ich mir diese Situation des Grauens ausgemalt, nun war ich mitten drin.

Ehrlich gesagt besaß ich eine blühende Phantasie, denn mir schwebte nach dem ersten Schreck zuerst ein grauenvoller Erstickungstod vor, danach rechnete ich mir meine Überlebenschancen bei einem Absturz aus. Und zuletzt brannte es in meinem Gehirn: „Du musst dringend zur Toilette!“ Keine Ahnung welcher Gedanke damals schlimmer war, aber das akute Blasenproblem schien doch deutlich realer zu sein als der Fahrstuhlabsturz. Und was würden die edlen Retter, wahrscheinlich eine ganze Feuerwehrmannschaft in Schutzanzügen, mit Äxten und Seilen bewaffnet, zu der glitzernden Pfütze am Boden sagen?

Kurz und gut, nachdem ich ein paar Mal vergeblich den Notrufknopf gedrückt hatte, setzte sich das teuflische Gefährt wieder in Bewegung, machte artig „Ping“ als sich in der achten Etage die Tür öffnete, ganz so als sei nichts gewesen.

Doch, da war was: Seitdem habe ich in Fahrstühlen ein ähnlich ungutes Gefühl, wie bei einem Termin im Finanzamt. Dumm nur, dass mein zuständiges Amt ziemlich viele Fahrstühle besitzt, und ich nur ungern verschwitzt (von 20 Etagen Treppensteigen) beim ungeduldig wartenden Finanzbeamten erscheine. Finanzamt plus Fahrstuhl, eine Prüfung für mich!

 

Neue Stolpersteine lauern im Fahrstuhl

Als Sportler bin ich ja der typische „Treppengeher“ Fahrstühle meide ich weitestgehend, es muss ja niemand wissen, dass ich Panik vor den Dingern habe. Doch wenn ich einen Höllenstuhl benutze, dann lauern dort meist auch noch andere Fallstricke.

Die Tür öffnet sich, schlechte Luft und grimmig dreinschauende Menschen entweichen zuerst der Kabine. Man steigt ein, und schon geht es los: Wünscht man freundlich einen „Guten Tag“ in die Runde, erhält man meist keine Antwort, oder ein dünnes Zischen, was man wohlwollend als grüssende Erwiderung identifizieren kann.

Aber wehe man sagt gar nichts! Plötzlich raunt es aus den Ecken: „Höflichkeit ist ein Zier“…“Unmöglich, diese Jugend von heute!“ werde ich allerdings nicht mehr so oft zu hören bekommen, schade eigentlich. Vielleicht macht man einfach mal einen Scherz und beginnt laut zu sagen: „Vielen Dank, dass Sie hier und heute so zahlreich zu unserem Meeting erschienen sind…“

Warum steht eigentlich immer der breiteste/dickste Mann von allen VOR der Tafel zur Auswahl des Stockwerks? Also elegant vorbeigeschlängelt, ein kurzes „Pardon“ und Zack, schon hat man auf die Vier und nicht auf die Fünf getippt, verflixt! Jetzt nur nichts anmerken lassen, auf sowas warten die Leute ja nur.

Und wohin schaut man dann auf dem (meist) schneckenlangsamen Weg in die Höhe? Den anderen Leuten ins Gesicht? Das wirkt offensiv, unangenehm, man will ja auch keinen Kontakt aufnehmen, besonders nicht mit dem verschwitzten Kerl neben einem.

Zu Boden? Das wirkt so duckmäuserig, auch keine gute Idee. Dann doch lieber in die gleißend hell erleuchtete Spiegelfront an der Seite? Klar, typisch Beautyblogger, ständig in den Spiegel glotzen und nach Falten suchen. Hmm, da der ungnädige und viel zu helle Spiegel unglaublich viele überraschend tiefe Falten zeigt, blicke ich doch lieber nach unten. Lieber Duckmäuser als faltiger Narziss. Danach kombiniere ich das noch mit einem geschäftigen Blick auf die Etagenanzeige, und schon ist man „beschäftigt“ und wirkt nicht ganz so verdächtig.

Bei einem zufälligen Blick in besagten Spiegel an der Seite, fällt mir auf, dass ich gerade Blau anlaufe. „Atmen!“ sage ich zu mir. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass auch nur beim kleinsten falschen Atemzug das Gefährt wieder stecken bleiben wird. Om!

Das ist der Moment, in dem mir bewusst wird, dass es heutzutage nicht einmal mehr Fahrstuhlmusik gibt. OK, auf den Liftboy kann man verzichten, aber was machen Heerscharen von gescheiterten Komponisten, die nun gänzlich auf ihre aussichtsreichste Einnahmequelle verzichten müssen? Gut, dass wenigstens die Hipster noch auf Easy-Listening stehen.

Noch eine Etage. Ich fühle mich nicht gut, wenn Musik, dann würde genau jetzt die Titelmelodie von „Der Exorzist“ erklingen, oder wenigstens „Shining“.

Und wenn sich dann die Tür endgültig öffnet und ich auf meiner gedrückten, nicht gewünschten, Etage ausgespuckt werde, erlebe ich ein Hochgefühl. Wieder einmal habe ich den Fahrstuhl überlebt. Ich bin ein Held, ein echter Liftboy sozusagen.

 

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(Fotos: Wiki Commons   Keinerlei Sponsoring)

11 Kommentare

  1. Guten Morgen ! Ich lese viele Blogs , aber deiner ist mit Abstand der beste!!!! Hoffe,es klappt heute mit dem Absenden des Kommentars! Hatte es schon einmal versucht ! Dir einen schönen Mittwoch u liebe Grüße!

  2. Danke für den schönen Post – you made my day!
    Aber im Ernst, lieber KK. Gegen Angst im Fahrstuhl hilft halt so oft Fahrstuhl fahren bis sich Dein Hirn daran gewöhnt hat und es Dich so anödet, daß Du Dir nichts mehr bei denkst. … und nein, die Leute denken nichts wenn Du in den Spiegel schaust oder auf den falschen Knopf drückst 😉
    LG Tina

  3. Einfach Lösung für eine Fahrt mit Fremden im vollen Aufzug, Smartphone raus und Mails checken oder ähnliches. Man ist beschäftigt und zugleich ist das Hirn abgelenkt, was die anderen unangenehmen Gefühle auch in den Hintergrund drängen kann. 😉

  4. Der Aufzug ist eine der wenigen, sozialen Leistungen meines Arbeitgebers. Den nutze ich. Wer weiß, wie lange er sich die Wartungskosten noch leistet. Genauso bei den öffentlichen. Meine Fahrkarte ist sündteuer. Also bitte. Rolltreppe darfs da schon sein. Lift lieber nicht. Das hält man selbst mit zugedrückten Nasenflügeln nicht aus.

    LG Sunny

  5. Christian, das geht aber nur wenn man Netz hat :-)! Ich habe in den Metallkästen meistens keinen ;-).

    Bin froh dass es Fahrstühle gibt, wegen Höhenangst käme ich sonst mit Treppe oder gar Rolltreppe (ein Graus, wie z.B. In der Zeilgalerie Ffm!!!!) nie in obere Stockwerke…. die schlimmsten Fahrstühle sind die aus Glas :-(….

    Super geschrieben @KK

    LG

    1. Da habe ich ja wohl zum Teil echt Glück. Allerdings habe ich da, wo ich am häufigsten Aufzug fahre, auch im ganzen Gebäude Wlan. Eventuell liegt es daran. Aber die Mails empfangt ihr doch sicher auch den ganzen Tag, dann sind sie auf dem Smartphone und im Aufzug kann man sie endlich mal lesen. ^^

  6. Kreisch …. 😂 .. das kenne ich. Auch ich kenne noch die Fahrstuhlführer. Als Kind dachte ich immer, denen gehört das Kaufhaus, weil sie immer wussten, wo man was findet. Spooky fand ich als Kind Paternoster. Wie ist das denn ganz oben oder ganz unten? Dreht sich da die Kabine auf den Kopf? Und wehe, man wäre dann noch drin. 😂😂😂 Jahrelang konnte ich die normalen Aufzüge nutzen, bis ich mal einen halben Tag festsaß. In der Nachbarschaft wurde ein alter Fabrikschlot gesprengt, das ganze Viertel hatte keinen Strom mehr, weil die Leitung gerissen war und ich saß in der Therapiezelle fest. Ohne Licht, ohne Notknopfverbindung, ohne Handynetz… hatte gerade meine Tochter zur Schule gefahren und kam erst wieder frei, als sie nach Hause kam und die Feuerwehr rufen konnte. Stundenlang musste ich mir meinen Stuhldrang verkneifen. Keine 10 Pferde bringen mich wieder in einen Aufzug. Ich gehe zu Fuß! Bis in den 15. Stock, wenn es sein muß 🙈

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