LIFESTYLE: BRANDGEFÄHRLICH? ABGLEITEN IN DIE HYPERREALITÄT (AM BEISPIEL DER OLYMPISCHEN SPIELE IN RIO 2016)

Die Olympiade von Rio hat es exemplarisch gezeigt: Die Bilder, die wir über die heimischen Fernsehgeräte zu sehen bekommen haben, waren extremst aufbereitet, um nicht zu sagen manipuliert. Das IOC hat das Sendematerial“aufgewertet“, mehr Schein als Sein. Mit der Realität hat das dann nicht mehr viel zu tun. Eine brandgefährliche Entwicklung…

 

rio-olympics

 

„Ich glaube nur was ich selbst gesehen habe!“

Bei Fotos haben wir uns bereits an die Photoshop-Realität gewöhnt. Man schüttelt hier und da den Kopf, wenn wieder einmal besonders arg übertrieben wurde, oder das Model plötzlich großzügig mit drei Beinen statt zweien ausgestattet wurde. Doch es tangiert uns nicht mehr so arg, es gehört mittlerweile zu unserer Realität. Ob man es nun mag oder nicht.

Bilder unterstreichen und komplettieren unser Bild von der Realität, Videos erst recht! „Ich glaube nur was ich mit eigenen Augen gesehen habe!“ Diese Aussage ist in unserer Zeit leichtsinnig daher gesagt. JEDES Bild und JEDES Video (welches ja auch nur aus vielen Bildern besteht) ist heute manipulierbar, bis hin zur Perfektion. Geschickte Mediengestalter leisten Gott ähnliche Arbeit an ihren Bildbearbeitungsmaschinen, man mag es kaum glauben.

Aber so viel ist meist gar nicht nötig, um zB Stimmung zu machen, positive wie negative. Geschickt ausgewählte Bildausschnitte zeigen eine bearbeitete Realität, die wir ungefiltert in uns aufnehmen.

 

Olympia 2016 – Chaotisch und dreckig

Olympia 2016 sah im Fernsehen zum Beispiel stets sauber und adrett aus. Das „Corporate-Design“ der Spiele war bunt, viel Grün (Natur), viel Gelb (Freude), und so weiter, man sah es überall. Pappaufsteller wurden wie Potemkinsche Dörfer überall hingepflanzt wo es etwas zu „verbergen“ gab. Egal ob Löcher im Boden, Dreck, schlimme Baufehler oder einfach nur eine grottige Aussicht, die man von Rio eigentlich nicht kennt…übertüncht von Grün und Gelb.

Aus erster Hand weiß ich (ein Freund von mir ist Olympiateilnehmer): Es gab deutlich mehr Dreck und Ungemach, als wir zu sehen bekamen. Die Sportstätten waren nicht alle toll und modern. Viele wirkten wie Bezirkssportanlagen in Klein-Unteroberzwirbel, oder meinetwegen in Essen-Borbeck. Die meisten Arenen waren schlecht besucht, Zuschauer waren teilweise Mangelware. Das beinahe Schlimmste, was passieren kann.

Den Sportlern wurde viel Geduld abverlangt: Sie kamen fast nie termingerecht zu ihren Trainings. Im Gegenteil, es gab verirrte Pistolenkugeln, schlimme Unfälle und die verstopftesten Straßen, die man sich nur vorstellen kann. Das alles ist nicht neu, und war auch bekannt. Auch die Sportler hätten es eigentlich schon ahnen müssen. Trotzdem sprechen die IOC Bilder eine völlig andere Sprache: Alles schön und toll! Keine Probleme, Brava Rio!

Als IOC Oberst Bach dann die Spiele von Rio in seiner Schlussrede lobte, so kam es nicht zum obligatorischen „die schönsten und besten Spiele aller Zeiten“ – er umschiffte es rhetorisch schwammig mit so etwas wie „nett“, „Danke“…und „schnell weg hier“!!

 

Die Zukunft: Ausweitung der Hyperrealität

Nun bastelt der IOC ja an seinem eigenen Channel, denn die Zukunft des Fernsehens ist düster, in ein paar Jahren gucken wir da garantiert gar nicht mehr rein. Deshalb nun ein eigenes Programm, natürlich immer „on-demand“, per Info Highway (sagt das noch wer, ausser Frau Neuland?), cool, oder?

Was das bedeutet? Die Bilder werden noch polierter sein, der Zauber von Olympia wird vollends abgetötet, zugunsten einer Disney-Sterilität, die einem die Kehle zuschnüren wird. Hochgezüchtete Sportroboter zeigen Hochglanzleistungen in einer medial simulierten Hyperrealität.

Man beachte ganz nebenbei dann aber doch ein Geschehnis am Rande der Ringer-Wettbewerbe: Die mongolischen Ringer-Trainer zogen sich aus Protest (gegen eine Kampfrichterentscheidung) vor laufenden Kameras nackig aus! Solche „Risse“ in der Hyperrealität können die IOC Glitzerwelt noch unterlaufen und bloßstellen.

KK protest Olympia 2016

Der Trend der manipulierten Realität läuft derweil trotzdem ungebrochen weiter: Im Wahlkampf der Parteien zum Beispiel, wenn jedes gesprochene Wort (von Juristen) auf die Goldwaage gelegt wird, bevor es aus dem Munde kommt. Und der adrette Haarschnitt der Kandidaten, und hemdsärmelige Bilder mit Kindern und Senioren über das Wahlergebnis mitentscheiden. In der Werbung, die nun schon seit gefühlten zweihundert Jahren immer noch „weißer als weiß“ die Wäsche wäscht. Bei Facebook, Instagram und Co., wo wirklich alle gutsituiert, gutaussehend und gut ausgestattet zu sein scheinen, und alle nur supitolle Produkte anpreisen…“Ich bin total verliebt in diese Polyesterjacke!“

Hyperrealitäten sind allgegenwärtig, wir beachten sie nur nicht. Sie sind besser als das Leben, wir halten sie aber für authentisch. Gerade deshalb plädiere ich für ein Überprüfen der eigenen Sichtweise – immer mal wieder. Sehen wir die Dinge wie sie sind? Nein, das funktioniert schon lange nicht mehr. Können wir sie aber einschätzen? Ja, das können wir alle. Aber dazu muss man sein Gehirn benutzen. Und zwar bitte den Schalter auf „ON„!

KK Hyper

 

 

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(Fotos: Konsumkaiser, dpa (not for advertising)    Keinerlei Sponsoring)

7 Kommentare

  1. Nicht nur bei Olympia, auch in vielen anderen Bereichen wird dem Zuschauer eine schön gefärbte „Realität“ gezeigt oder gar nicht berichtet.
    In der Hoffnung, dass die Bevölkerung keine Fragen stellt und nicht aufmuckt. Hauptsache, es wird medial der „Ponyhof“ verbreitet-egal wie es hinter den Kulissen ausschaut.
    Und wenn’s dann wirklich mal kracht, dann konnte das ja keiner ahnen…

  2. Auf der einen Seite diese „geschönte Realität“. Auf der anderen eine Berichterstattung, bei der ich denke: Um meine Rente muss ich mir keine Gedanken machen, ich sterbe eh vorher – weil das hier ja ein mordsgefährliches Pflaster ist und nur schwerbewaffnete Irre unterwegs sind. Und da rede ich nicht mal von Terror, sondern von den „normalen Dingen“, die einem in der Großstadt so widerfahren können. Schon erschreckend, wie man überall manipuliert wird und an einem schlechten Tag, wenn mein Frühwarnsystem noch zu wenig Kaffee intus hat, glaube ich das sogar… bis der Widerspruchsgeist sich dann berappelt. 😉

  3. Ja, das ist erschreckend und setzt sich auf Blogs, Youtube, Instagram fort, in Formaten, die eigentlich mal aus einem Bedarf an Authentizität entstanden sind. Gerade Living-, DIY- und Dekoblogs schau ich mir kaum noch an. Überall stylo mylo Ecken mit den ewig gleichen Accessoires bestimmter Hype-Marken, die vorher irgendwie keiner kannte.
    Ich weiß, im Vergleich zu Olympia in Rio trivial, aber passt gut zu deiner Aussage.

  4. Ich habe keine Freunde, die Olympiateilnehmer sind und deshalb wirklich gar nichts von Rio gesehen. Es hat mich einfach nicht interessiert. Wenn in den Radionachrichten am Tag 3 der Spiele nur über fehlende deutsche Medaillen geredet wird, dann frage ich mich, ob man die besseren Leistungen der Sportler anderer Länder nicht auch mal erwähnen könnte, statt immer nur auf die blöden Zahlen zu starren. Seit Sotschi ist für mich der olympische Gedanke eh weit weg. Wahrscheinlich hat er sich auf den Olymp zurückgezogen, wo er hingehört. Dort sollten wegen mir alle paar Jahre Spiele abgehalten werden und nicht in irgendwelchen Ländern der Welt, die auf was auch immer für Wegen den Zuschlag kriegen, die dann etwas aus dem Boden stampfen, das wir nur geschönt zu sehen bekommen. Bei Instagram erwarte ich Fakes und schönen Schein. Für meine GEZ Gebühren möchte ich aber anders informiert werden – ja, das ist altmodisch, ich weiss! Liebe Grüße Bärbel
    PS: Danke für Deinen Kommentar heute bei mir 😉

    1. Ich sag es ja oft und gerne: Sport und Handel haben mehr für den Frieden getan als so manche diplomatische Initiative. 😉
      Meine Kommentare gehen doch immer völlig unter, bei der Kommentarflut auf deinem Blog. Freut mich ja, dass du ihn bemerkt hast. 😀

  5. Cooles Posting, saucooles Styling dazu. Ich habe auch von den schlimmen Zuständen in Rio gehört. Es war sogar noch übler, als wir es lesen und sehen konnten. Das Essen war ganz schlecht, McDonalds gabs umsonst. Und diese geschönte Fernsehwelt fing ja bei Prof Brinkmann in der Schwarzwaldklinik an. 😉

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