HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: DISKRETION? VÖLLIG ÜBERBEWERTET…

Alle haben Angst, dass sie zu viel von sich Preis geben: Ob im Internet (huch, wieder ein Nacktfoto von mir aufgetaucht), an der Kasse, wenn ich meine Payback Karte zücke (ahhh, 100 Extra Punkte für den extra scharfen und gefährlichen Biozid-Kloreiniger), oder durch Ausspähungen von NSA, Bundestrojaner oder Frau Merkel persönlich, die übers Internet zu uns schielen, ob denn da auch ein Buch über waffenfähiges Material in unseren Bücherschränken steht. Doch eigentlich lauert die Gefahr eher offline, sozusagen nebenan: In der Arztpraxis, in der Apotheke, in sensiblen Bereichen, in denen ich gerne Diskretion hätte, und trotzdem weiß der ganze Laden innerhalb von 5 Sekunden, dass ich einen juckenden Ausschlag in der After-Region mein Eigen nenne…Muss das sein?

 

Ich war ja letztens öfter mal beim Arzt, im Krankenhaus und in der Apotheke. Was man dort erlebt, grenzt an eine Unverschämtheit.

Da stehen schicke Schilder im Eingangsbereich: „Diskretion! Bitte Abstand halten!“ Doch wenn der Empfangsbereich gerade einmal 4 mal 4 Meter groß ist, wo bitteschön soll ich denn den geforderten Abstand halten? Trennwände? Pustekuchen. Abstand? Mein Hintermann kann herrlich in den Nacken husten und pusten, und dabei meine Krankheitsgeschichte wortwörtlich nachvollziehen.

„So Herr Kaiser*, zu Herr oder Frau Doktor heute?“

„Guten Morgen! Zu Frau Doktor, bitte.“

„Ach? Wollte der Herr Doktor nicht nochmal ihre Hämorrhoiden kontrollieren? Die haben beim letzten Mal doch so schlimm geblutet?“

„Ähh, uhh, ich…hmmm, weiß nicht…?“ (Hinter mir wird die Schlange unruhig und rutscht einen halben Meter näher!)

„Ach Herr Kaiser, ist ja egal. Die Frau Doktor hat eh noch ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind gekommen. Daaa hat wohl einer in letzter Zeit ganz schön tief ins Weinglas geschaut, was? Die Leberwerte sind da ja sehr aussagekräftig. Sagen sie mal, ist denn die Scheidung schon durch, wars so schlimm?“

„Ohh, hmmm…sie sind aber…äh, gut informiert. Joa, also einmal ne Überweisung zum Orthopäden bitte, das war´s für heute!“

„Ach so?“ Enttäuschung macht sich breit. (In der Schlange hinter mir wird man mürrisch. „Jetzt zieht er den Schwanz ein, immer diese Säufer, die hier den ganzen Verkehr aufhalten!“)

So, oder ähnlich, geschieht es tagtäglich in deutschen Arztpraxen (Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel). Und selbst in Krankenhäusern, die traditionell ein klein wenig mehr Platz zur Verfügung haben als eine gemeine Arztpraxis, gibt es solche Kuschel-Anmeldungen.

 

  • Ich erinnere mich noch, als ich einmal mit Herzryhthmusstörungen ins Krankenhaus zur Notaufnahme gejagt bin. Dort in der Schlange stand, ständig mit der Angst gleich umzukippen. Und als ich endlich dran war, kam natürlich zuerst die Frage, ob ich überhaupt mein Versichertenkärtchen dabei habe? Und ob ich vielleicht Drogen oder Viagra genommen hätte? „Oh, sie wohnen ja auch im Fliederweg*, da wohnt meine Schwiegermutter. Ist ja lustig, Herr Kaiser*!“ Hach, die Schlange hinter mir wünschte sich derweil Fledermausohren und nen bequemen Campingstuhl! Zum Kotzen!

 

Gleiches in der Apotheke

Die nette Apothekenhelferin schreit mir schon beim Hereinkommen zu: „Oh, Herr Kaiser*! Warten sie kurz, ich hole schon mal ihr Mittel gegen Läuse. Das war ausverkauft, wir mussten es bestellen, es ist wohl gerade Läusesaison!“

Und der Laden war voll! Immer hören alle jedes Wort mit, und keiner tut wenigstens unbeteiligt und stellt seine Lauscher auf Durchzug. Nein! Man sieht es an den Gesichtern der Mitmenschen, sie saugen geradezu jedes Wort auf und warten mit sabbernden Mundwinkeln nur auf Schlüsselworte wie „Geschwür“, „Syphillis“, „Tumor“ oder meinetwegen „Darmeinlauf“. Dann kommt der wohlige Schauer, man selbst hat ja nur nen Schnupfen, oder will das Rezept für die Physiotherapie erneuern. Ein Glück!

In der Bank wird es besser

Banken haben da oftmals ein wenig aufgerüstet, falls es sich denn um eine größere Filiale handelt. Und um eine echte Bank und keine Sparkasse, die lieben nämlich das kuschelige Ambiente weiterhin! Wenn man denn überhaupt noch „vor Ort“ etwas ausrichten kann. OK, da fällt mir gerade unsere kleine Sparkassenfiliale in der Nähe ein. Nee, die hat nicht aufgerüstet. Da sitzt ein Mitarbeiter am Schreibtisch, mitten im Raum, und hört sich die Kundenprobleme an. „Ich habe keine Ahnung, wie es zu der Abbuchung über 1500,00 Euro kommen konnte, von diesem Saunaclub Sarah?“

 

Angst vor Fishing, Cyberbetrug und Namensklau? Ach was, ich habe Angst vor Frau Müller* in der Arztpraxis Koslowski*! Was DIE alles über mich weiß…

 

 

*Namen, Krankheiten, Orte wurden geändert! 

 

 

 

(Foto: Konsumkaiser   „Gesponsert von Arztpraxis Koslowski in Hinterwaldschrat, am schönen Weserweinberggebiet“)

10 Kommentare

  1. Schön auf den Punkt gebracht. Da bleibt einem das Lachen ein bisschen im Hals stecken, weil es leider so wahr ist. Mein Highlight war der erste (und letzte) notfallbedingte Besuch einer Augenarztpraxis. Augendruck wurde mitten im Gewusel vorne neben der Anmeldung gemessen und es kamen merwürdige Werte raus. Kommentar der Ärztin vor versammelter Mannschaft: „Kommen Sie dann und dann nochmal wieder, da ist die kompetente Kollegin da.“ Und die „unfähige“ Kollegin stand direkt daneben…

    Ich bin Arzthelferin (gewesen). Aber das, was man da auf der anderen Seite vom Thresen erlebt… ohne Worte.

  2. …mh,weiss nicht,aber vl.haben wir hier (Jena) nur Glück?!Mir (und Bekannten etc.) ist es noch nie passiert,dass eine Empfangsdame/Krankenschwester irgd.eine Krankheit/Beschwerden/Medi’s am Tresen erwähnt hatte.Dürfen die auch gar nicht..selbst wenn man nur wg.Blutwerten o.ä. kurz nachfragt wird einem gesagt,man soll drinnen beim Doc fragen.
    Und bei der Bank…sobald man was spezielleres hat,wird man gleich zum Mitarbeiter im separ.u.abgeschlossenem Glaskasten delegiert! 🙂
    Aber Payback finde ich immer lustig wie sich alle Welt darüber aufregt…was juckt es mich,ob der riesen Konzern und die Computerdatenbank weiss,dass ich gerade Kondome oder Durchfallpillen in der Drogerie gekauft habe.Habe doch nix zu verstecken und bin kein Bombenbastler,der sich seine Zutaten bei dm kauft.Und dafür (wie neulich) Extrapunkte und 5′ abzustauben ist doch cool….und im Endeffekt hatte ich dann 26% auf den ganzen Einkauf bekommen! :-))
    Aber stimmt schon,am schlimmsten finde ich die geifernd-gaffende Neugierigkeit der Mitmenschen.Denke mir manchm.,was die wohl für ein tristen/langweiligen Alltag/Leben haben müssen!
    Schöne Woche dann schon mal!

  3. Wie wahr, wie wahr…
    Auch die indiskreten ärztlichen seitenlangen Fragebögen, die man von Zeit zu Zeit ausfüllen soll, mit sinnvollen Fragen wie „Haben Sie schon einmal geraucht?“ oder „Haben Sie gerade Streß“, die dann von niemanden durchgelesen werden. Der Arzt stellt im Gespräch dann nochmals die gleichen Fragen nach Medikamenten und Vorerkrankungen um sie lange in den PC einzutippen.
    Gefragt sind kurze medizinisch präzise Antworten des Patienten ohne Abschweifen und ohne interessiertes Nachfragen.

  4. Lieber KK ja, genauso habe ich es auch schon des Öfteren erlebt, der Umgang mit sensiblen oder privaten Daten wird zunehmend sehr entspannt gesehen, genauso wenn man schon ungewollt intimere Details mitbekommt, einfach nicht zuhören ( Stichwort “ gute Kinderstube “ )Ich habe in einer urologischen Praxis gelernt in der Diskretion selbstverständlich war und ich finde es äußerst bedauerlich, daß diese Werte anscheinend nicht mehr vermittelt oder wichtig genommen werden! Es ist eigentlich gar nicht so schwer,es bedarf nur ein wenig Einfühlungsvermögen !!

  5. Größtenteils kann ich deine Erfahrungen zum Glück nicht bestätigen. Bei meinem Hausarzt wird grundsätzlich nur gefragt, ob ich meine Karte dabei habe und zu welchem Arzt ich möchte. Worum es geht, interessiert die erstmal gar nicht.

    Meine Sparkasse, bei der ich aber kein Kunde mehr bin, ist ein riesiger Glaspalast mit Schalldichten runden Besprechungskabinen aus satiniertem Glas. Da bekommt niemand was zu hören und zu sehen.

    Bei der Post und bei der Apotheke sind fette Balken auf dem Boden aufgemalt, wo die Kunden zu warten haben und das tun die erstaunlicherweise auch. Der Abstand ist nicht riesig, aber für mein persönliches Empfinden groß genug.

    Ganz grundsätzlich gebe ich dir aber völlig Recht, dass die meisten Menschen heutzutage die Ohren und Augen viel weiter aufspannen als mir lieb ist. Besonders negativ fällt mir das in öffentlichen Verkehrsmitteln auf, wo man manchmal fast denken könnte, dass nicht viel fehlt und sie klinken sich in die Unterhaltungen mit ein. Das bleibt zwar aus, aber wie du schon schreibst, man kann es den Gesichtern ansehen, dass sie ganz genau zuhören, worüber man sich gerade unterhält. Oder sie stieren regelrecht aufs Handydisplay der Nachbarn, um auch ja nicht die interessanten Details der Whatsapp Unterhaltungen zu verpassen.

    Insofern wäre ein bisschen mehr Diskretion und Zurückhaltung wirklich wünschenswert.

    1. mal abgesehen davon, dass du recht hast, würde ich mich in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht über sensible Dinge unterhalten, man hört ja zwangsläufig mit, kann ja schlecht mit Ohrschützern Bus fahren !!
      Auf der anderen Seite finde ich es peinlich, wenn Mitmenschen den ganzen Bus mit ihren Gesprächen auf Handy unterhalten müssen !

      1. ich bin ganz deiner meinung Barbara-

        ich fahre auch täglich mit dem bus zur arbeit und höre zwangsläufig geschichten mit, die ich gar nicht hören möchte. abstand halten im bus zu dieser uhrzeit, geht gar nicht. man ist manchmal froh, wenn man überhaupt noch rein passt.

  6. Genau so isses…. zum Glück nicht überall, aber unter Garantie da, wo es wirklich weh tut…. Lieblingsbeispiel: die Gyn-Praxis, die sich mit der Hausarztpraxis die Anmeldung und das Personal teilt.. da bleibt nix geheim. Bin inzwischen umgezogen 😆

  7. Da habe ich auch schon einige heftige Dinge erlebt. In meiner damaligen Gyn Praxis haben die Arzthelferinnen über jede Patientin gelästert. Ich musste mal auf einem Stuhl direkt vor dem Empfang warten. Da bekam ich mit, dass wirklich über JEDE Patientin gelästert wurde. Sie lästerten über eine, die anrief.:“ Frau So und So will schon wieder kommen. Die hat scheinbar schon wieder einen Pilz. Vielleicht wäre mal waschen angebracht.“
    Über eine andere Patientin: “ Die ist schon wieder schwanger. Hat wohl keine anderen Hobbys.“ Gebrülle über den Flur zu einer anderen Arzthelferin vor mehreren Patientinnen am Tresen: “ Ist das HIV Ergebnis von Frau So und So schon da?“
    Es war furchtbar!

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