LIFESTYLE: STRENG DICH AN! UNTERFORDERUNG KANN KRANK MACHEN

Hochintelligente Kinder werden zu nervlichen Wracks, wenn sie nicht gefordert werden. Unsere Muskeln und Knochen werden schlapp und morsch, wenn sie nicht ordentlich beansprucht werden. Und unser Gehirn kann Symptome einer Demenz zeigen, wenn es schlicht und einfach unterfordert wird. Wieder einmal möchte ich heute den Anstoss geben: Verlasst eure „Komfort-Zonen“!

 

Es ist aber auch so verführerisch: Man richtet sein Leben ein, macht es sich hübsch und gemütlich, vermisst nichts und eines Tages bemerkt man, dass man träge geworden ist. Nicht nur körperlich, nein, leider auch geistig. Bücher lesen? Dauert zu lang! Eine neue Fremdsprache lernen? Ach was, ich fahre eh zu Plätzen, an denen Englisch oder Deutsch gesprochen wird. Und Portugiesisch gilt doch als hoch kompliziert für uns Deutsche. Ihr merkt schon: Alles ein wenig anstrengend und zeitraubend…oder?

Investitionen kennen wir aus dem Alltag: Ein drei Gänge Menü braucht viel Vorarbeit und viel Kochzeit. Dafür ist es aber auch ein Gaumenschmaus und mit dem (ebenfalls leckeren) Eintopf nicht zu vergleichen. Ein schöner Garten braucht viel Zeit und Arbeit, ansonsten wirds eher ein Urwald, womöglich mit wilden Tieren. Und auch die Gesichtspflege, die uns ja hierher gebracht hat, ist zeitaufwendig, besonders wenn man sich an die koreanischen Pflegerituale wagt. Aber man bekommt ja etwas zurück! Es lohnt sich im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum nun aber sind wir gerade wenn es um unseren Körper geht (und da schließe ich jetzt das Gehirn ausdrücklich mit ein) oftmals so „zurückhaltend“ mit strategisch wichtigen „Investitionen“? Fragt man die Menschen, dann ist „Gesundheit“ das höchste Gut und jeder wünscht es sich und seinen Lieben, wenn er eine Sternschnuppe sieht und einen Wunsch frei hat. Um dann aber die Sportschuhe anzuschnallen oder den VHS Kurs „Spanisch für den gemeinen Weißsockentouri“ zu buchen braucht es dann jedoch Sonnenschein, gute Laune, 25,5 Grad Celsius und Vollmond – mit dabei bereiteten rechtsdrehenden Yoghurtkulturen. Komisch? Ja, irgendwie komisch!

Das größte Problem ist doch: Wir bemerken den „Verfall“ kaum. Gerade körperlich, sind wir in der Lage vieles für lange Zeit zu kompensieren. Eine schlechte Ernährung, zu wenig Sport, zu viele Sonnenbäder, keine intellektuelle Ansprache…all das zeigt nicht schon morgen dramatische Auswirkungen. Und was übermorgen ist schert uns meist nicht, so sind wir psychologisch gebaut, das ist nun mal so. Trotzdem sollte die uns gegebene „Vernunft“, wenn man das im weitesten Sinne mal so nennen möchte, durchaus hier und da einen gehörigen Tritt in den Hintern geben!

Ein Beispiel (und ich denke es betrifft viele von uns, die noch lebende Elternteile haben): Langeweile kann krank machen. Psychologen kennen das Phänomen unter dem Begriff „Bore-out“, abgeleitet von den englischen Worten für Langeweile und ausgebrannt sein: Boredom und Burn-out . Die Unterforderung führt zu Mattigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit und kann in einer Depression enden. Bore-out wird zwar vor allem in der Arbeitswelt beobachtet, betrifft aber auch viele andere gesellschaftliche Schichten, z.B. Senioren, denn Lebensqualität im hohen Alter hängt maßgeblich von dem Gefühl ab, gebraucht zu werden.

Wenn z.B. der Lebenspartner stirbt, bleibt ein großes Loch zurück! Hier entwickelt sich ein Bore-out sehr schnell und wird oftmals mit einer beginnenden Demenz verwechselt. (INFO: Etwa ein Fünftel aller vermuteten Demenz-Fälle sind eigentlich auf eine Depression zurückzuführen.)

Ich schreibe hier auch aus eigener Erfahrung. In der Familie meiner Mutter gab es Fälle von Alzheimer, und Zeit ihres Lebens ist meine Mutter von der Angst besessen ebenfalls dieser Krankheit anheim zu fallen. Nach dem Tod meines Vaters war es geradezu Lehrbuchhaft: Meine Mutter kapselte sich ein, wurde immer weniger aktiv, blieb immer öfter zuhause. Das ging soweit, dass sich sogar ihre sprachlichen Möglichkeiten langsam aber spürbar einschränkten. Immer öfter hatte sie Wortfindungsstörungen und (oh Teufelskreis) führte diese auf eine mögliche Demenz zurück – was dazu führte, dass sie sich noch mehr einigelte, um nicht „unangenehm“ aufzufallen. Ich kann es nur erahnen, aber in ihr muss ein unerträgliches Gefühl der Leere entstanden sein.

KK Depr

Ein Bore-out muss aber nicht unbedingt erst im hohen Alter auftreten: Bereits die Zeit kurz nach Rentenbeginn ist häufig gefährlich. Hier sind besonders Männer betroffen, weil diese ihr Leben oft sehr stark über ihre Arbeit definieren. Gerade bei Workaholics, denen die Zeit für Hobbys und Freunde fehlte, bricht mit der Rente einiges zusammen. (Ein Problem, dass zunehmend aber auch Frauen betreffen wird.) Man freut sich über die hinzugewonnene Zeit, und weiß doch nichts damit anzufangen. Keine Investitionen, man will den Lebensabend ja nicht „vergeuden“ sondern genießen…

Wir alle sollten uns (und unsere noch lebenden Eltern) daran erinnern, dass diese Investitionen einen Einsatz ins „Spiel des Lebens“ bedeuten. Wenn nicht gar den höchsten Einsatz, den man aufbringen sollte. Denn in Hinblick auf das steigende Alter, welches wir durchschnittlich erreichen werden, tun wir gut daran eine gewisse erweiterte Planung unseres Lebens auf die Menükarte zu bringen! Den Körper fordern und pflegen, damit er uns noch lange dienlich sein kann. Und den Geist frisch halten, indem wir neugierig bleiben. Man lernt niemals aus und Erfolgserlebnisse sind therapeutisch manchmal wirksamer als eine ganze Schachtel „Xanax„.

Intensiv ein oder mehrere Hobbys betreiben, eine neue Sportart erlernen (verschiedene Tänze fordern auch immer wieder neu), ein Ehrenamt, vielleicht sogar noch einmal studieren? Es schreibt uns niemand vor, wie wir zu sein haben, es ist allein unsere Entscheidung.

Meiner Mutter hat dereinst ein Hund zu mehr Struktur und Selbstbewusstsein verholfen, zumindest anfangs. Durch den Kontakt  mit anderen Hundebesitzern ist ihre „Menschenscheu“ im nu verflogen. Und weil der Hund sie braucht, ist ihr eigener Anspruch an den Tagesablauf ein anderer geworden; anspruchsvoller; erfüllender.

Wichtig ist allerdings noch zu erwähnen, dass die Tipps nicht immer greifen (müssen)! Manchmal werden auch eine psychologische Hilfe und/oder Medikamente benötigt werden, um aus dem dunklen Loch kommen zu können. Deshalb ist man noch lange nicht „verrückt“ oder „Wahnsinnig“! Nur ein offener Umgang mit diesen Themen kann helfen, dass das auch bei der breiten Masse ankommt.

 

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(Fotos: Konsumkaiser  Fachl. Ber. Prof. U. Lehr / Lehrstuhl f. Gerontologie Heidelberg  Keinerlei Sponsoring)

 

9 Kommentare

  1. Das Hirn braucht Nahrung und Bewegung, nur wer kümmert sich schon? Mir persönlich ist der Austausch mit anderen Menschen fast jeden Weg wert, nur scheine ich damit allein zu sein. Andere Sitten und Meinungen werden zunächst als feindlich betrachtet und die eigene Auffassung verteidigt, anstatt sich erstmal auseinander zu setzen und für sich selbst das beste heraus zu ziehen. Auch das ist Sport 🙂
    Meine Beobachtung ist, das diejenigen die sich aktiv mit ihren Mitmenschen befasst haben und nicht alles unangenehme delegierten, auch im Geiste viel länger aktiv und lebendig sind. Lethargie des Geistes zieht den Körper nach sich.

  2. einen super beitrag und wahrscheinlich wichtiger als jeder kosmetiktest-berricht.
    ich bin selber eine, die die komfort-zone so verführerisch findet. aber ich arbeite dran…
    und diese „ermahnung“ hat mir ein weitere schub gegeben. danke!

  3. Ein sehr gut geschriebener Artikel, der sich eines Themas annimmt, welches gern verschwiegen wird und bei den heutigen und späteren Singles hochaktuell sein wird.

    Allein beim Lesen der ersten Sätze bekam mein kleiner innerer Schweinehund einen großen Schreck.

  4. Na dann auf meine Portgiesischkenntnisse auffrischen 🙂

    Danke für Tritt in den Allerwertesten!

    Lieben Gruß aus Wien

    Regina

  5. …wie wahr…ich bin 50 und berentet…Unfall…körperlich irreparable Schäden…nach endlich 2 Jahren hatte ich mir mühsam einen Tagesablauf mit Struktur erarbeitet und 2 halbe Tage für „Neues“ eingeplant…klappte wunderbar…nach 3 „gut klappenden“ Monaten mit mir allein zu Haus bekam mein Mann die Diagnose Darmkrebs weit fortgeschritten…

    Behandlungen und OP’s verliefen gut aaaber das ist nun wiederum 2 Jahre her und auch er ist nun berentet und jetzt wird’s richtig schwer…wir haben uns gut zu Hause „eingesessen“ und es ist ein Kampf der Langeweile im wahrsten Sinne des Wortes die Stirn zu bieten und dem regelmäßig nachzukommen was körperlich an Bewegung noch umsetzbar ist…

    Danke für diesen Beitrag, beste Grüße Z.

  6. Vielen Dank für diesen super anspornenden Artikel. Ich hadere schon lange…ich müßte mal beginnen…..und nicht NUR Pläne machen und Listen schreiben, die dann im Schrank rumliegen. Das war ein hilfreicher A…tritt.
    Liebe Grüße
    Barbara

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