LIFESTYLE: DAS ZENTRUM DER WELT – ICH! WARUM WIR UNS MANCHMAL BESSER NICHT SO WICHTIG NEHMEN SOLLTEN

Zeitgeist ist was Tolles! Jede Zeit hat ihre lustigen (oder nicht so lustigen) Auswüchse und Stilblüten. Das Leben wäre ja langweilig, gäbe es nicht Trends, Strömungen und Moden, die wir alle bewusst oder unbewusst mitmachen, der Mensch ist nun mal ein Herdentier, ob man nun will oder nicht. Im Zeitalter von Instagram und Co ist Selbstdarstellung eine Lebensleistung geworden (siehe Frau Kardashian), und die Selbstoptimierung steht ihr voran. Alles muss perfekt sein: Aussehen, Charakter, die Partnerschaft und die Kloschüssel zuhause. Mein eigenes kleines Sonnensystem dreht sich um mich, dreht sich um mich, dreht sich…..Aber kann das auch Folgen haben?

Zeitgeist heute: ICH bin wichtig und es geht noch besser

Viele stellen sich heute täglich die Fragen: Sehe ich gut aus? Genüge ich den heutigen Standards? Ist mein Partner der Richtige, oder gehts nicht doch besser? Wohin will ich noch? Wie kann ich mein persönliches Glück noch größer machen? An welchen Reglern der Selbstoptimierungs-App meines Lebens kann ich noch ein paar Veränderungen vornehmen…muss ich vornehmen?

Selbsterfahrungsworkshops, Psychoratgeber und Coachings haben in dieser Zeit Hochkonjunktur. Auf der Suche nach dem besseren ich, sind alle Mittel recht. Egal ob über Psychostrategien, Ernährung oder Photoshop. Warum? Viele Menschen glauben, nur so ein tatsächlich erfülltes und „wertvolles“ Leben führen zu können. Man könnte auch sagen, wir leben in einer Zeit des „Bewusstseinskults“.

Dabei machen aber viele einen Fehler, der aus der Depressionsforschung schon seit langer Zeit bekannt ist: Das Grübeln, spekulieren, sich Gedanken machen über sich selbst und seine „Probleme“ ist ein Teufelskreis, der entsprechend veranlagte Personen in einen Abgrund ziehen kann. Im harmlosesten Fall aber macht eine solche Lebenseinstellung eher unglücklich als Glücklich.

Es ist ganz einfach: Wie bei der Partnersuche, kommt das Glück nicht einfach, wenn man krampfhaft danach sucht.

Die andauernde Konzentration auf die Analyse meiner Gefühle, Situation, Partnerschaft führt letztendlich dazu, dass ich immer unzufriedener werde. „Da geht doch noch was…“, ist oftmals nur ein Trugschluss. Das raubt uns Gelassenheit und Selbstbewusstsein.  Wenn man sich ständig auf eine Blase am Fuß im drückenden Schuh konzentriert, wird das Unbehagen und der Schmerz nur noch größer und unerträglicher! 

Der Psychologe Barry Schwartz unterscheidet zwei Typen Menschen: Maximizer und Satisficer

Satisficer geben sich mit ihren Entscheidungen zufrieden, Maximizer wollen dagegen unter allen Möglichkeiten immer die beste finden. Sie werden häufiger depressiv, da sie ständig das Gefühl plagt, nicht die beste aller Chancen genutzt zu haben. Dabei geben sie sich oft selbst die Schuld und hoffen auf eine Verbesserung ihrer Möglichkeiten/Situation durch Selbstoptimierung, gerne auch mithilfe eines Therapeuten.

Dabei sind psychische Krisen ebenso wichtig und nützlich wie eine durchgemachte Virusinfektion! Unser „psychisches Abwehrsystem“, unsere Resilienz, wird dadurch gefördert und gestärkt. Nicht immer ist eine persönliche Krise behandlungsbedürftig! Trotzdem boomen die psychologischen Beratungsstellen wie Wasserstationen in der Wüste.

Gar keine Hilfe ist auch keine Lösung, ich rede nicht von Sätzen wie „Nur die Harten kommen in den Garten“. Man braucht nicht hart gegen sich zu sein, sondern sollte nur allmählich aufhören mit der modern gewordenen Pathologisierung alltäglicher Dinge und Umstände. Ein Tief im Arbeitsleben ist nicht immer ein „Burn-Out“. Ein rechter/s Lausbub/Lausmädel hat nicht immer ADHS. Und das Ende einer Beziehung ist nicht das Ende des Lebens. Trotzdem vergibt die Gesellschaft „Belohnungen“ für diese Zustände: „Burn-Out? Wow, meine Hochachtung, er/sie muss ja alles gegeben haben!“ Das falsche Signal!

Je länger ich dann über mich und mein vermeintliches Jammertal nachdenke (und es dabei hege und pflege), desto jämmerlicher erscheint es mir auch. Immer und immer wieder.

Strategien gegen den Egozentrismus

Es ist uns allen plausibler Probleme aktiv anzugehen und sich mit ihnen ausführlich auseinanderzusetzen. Das dem nicht unbedingt so ist, zeigt wieder einmal die …na? Depressionsforschung. Seine Probleme „verdrängen“, also wirklich einfach mal wegschieben und sich Ablenken, kann Wunder bewirken. Genauso sieht es bei der Strategie des „Selbstvergessens“ aus. Man nimmt sich aus dem Zentrum des eigenen Denkens einmal ganz heraus und lässt sich und seine Person treiben. Nicht immer und ständig, aber immer mal wieder!

Das sind Momente in denen wir komplett abschalten: Musik bewusst hören und die Texte mitlesen, Yogapositionen ausprobieren, an die wir uns bislang noch nicht gewagt haben, einen Stadtteil besuchen und erkunden, der einen schlechten Ruf hat. Alles nur Beispiele, aber wisst sicher worauf ich hinaus will.

Wenn ich nicht ständig um mich selbst herumschwirre, nehme ich mich auch nicht mehr so wichtig und meine Probleme schrumpfen mit mir. Sie gehen nicht weg, natürlich nicht, aber sie erdrücken mich nicht mehr so leicht! Ein Versuch kann nicht schaden…

(Foto: Konsumkaiser  Der Beitrag ist nicht gesponsert)

10 Kommentare

    1. Wie wahr ! Wie wahr !
      Leider gibt es manch Mitmenschen, die einem ständig sagen, wie man zu sein hat und denen man nichts recht machen kann. (Arbeitsplatz)

  1. ich bewundere immer, wie passend du die fotos zu den artikeln wähltst. da weißt man sofort, was das thema ist.
    ich selbst gehöre leider auch zu den grübel-spezies. ich würde mir das so gerne abgewöhnen…
    der hang zur perfektionismus läßt mit alter nach (bei mir zumindest), aber dieses grübeln …

  2. Hallo,
    Sehr guter Post. Ich selbst habe Erfahrungen mit Depris gehabt und auch Therapien gemacht. Sich selbst und seine Wünsche erstmal zu finden ist nicht leicht, da ja auch das Selbstbewusstsein fehlt. Wenn man aber zufrieden werden möchte schafft man das mit im „hier und jetzt“ leben, wenn die Gedanken kreisen einfach mal Stopp sagen und unterbrechen.Alles viel bewusster wahrnehmen, auf sich hören und nicht es allen Recht machen wollen. Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben!!! Wenn es mir gut geht, geht es allen anderen auch gut. Ich will ich sein und nicht wie jemand anderes. Und ich weiß jetzt auch, das ich nicht jedem gefallen muss /kann. Das macht es auf jeden Fall einfacher, wenn einem das bewusst wird.
    Ein zufriedenen Sonntag
    Dooris

  3. Du bringst es auf den Punkt. Ein bisschen Verdrängung schadet nicht.
    Und da wir alle keine Hellseher sind bringen uns Grübeleien und Spekulationen über die Zukunft nicht wirklich weiter.
    Natürlich darf man nicht völlig unreflektiert durchs Leben laufen, aber manchmal ist gut auch gut genug.

  4. Danke. Ein zum Nachdenken anregender Artikel. Wenn ich aus einem der Bücher von Viktor Frank zitieren darf:

    „Menschen setzen oft die Selbsterfüllung als ihren höchsten „Wert“ und meinen damit die Selbstfindung – Verbesserung der Selbstkenntnis, Verbesserung der Interpretationsfähigkeit von sich selbst – und die Befriedigung ihrer individualistischen Triebe. Nach Frankl haben diese Menschen nicht erkannt, dass der Mensch nur in dem Maße „sich erfüllen“ kann – oder besser gesagt, sich als Mensch so zu verwirklichen,
    wie er sein kann und soll-, wie er einen Sinn in der Außenwelt, nicht in seinem Inneren, verwirklicht. In der Sinnsuche muss der Mensch sich an das Bezogen-Sein auf andere, nicht auf sich selbst, wenden“.

    Lieben Gruß aus Wien
    Regina.

  5. Leider hast Du total recht . Da hab ich einen ganz heißen Tipp . Wer Kinder hat und selbige wirklich selbst und ständig erzieht verliert nicht die Bodenhaftung und den Blick für das wesentliche . Denn Kinder zeigen einem Blickwinkel die man selber schneller aus dem Auge verliert , und man merkt ganz schnell wie der Nabel der Welt wirklich aussieht und was ein gesunder Fokus ausmacht .
    LG Heidi

  6. Guten Abend!
    Sehr schöner – zum Nachdenken anregender – Artikel!
    Die Pathologisierung alltäglicher Dinge hat tatsächlich zu große Ausmaße angenommen, wie ich als Mutter von zwei Kindern und Berufstätige im medizinischen Bereich täglich feststelle…
    Die Gesellschaft unterstützt leider diese Veränderungen. Als ich ein Kind war (jetzt 42), gab es diese Flut an Diagnosen und therapeutischen Möglichkeiten jedenfalls nicht und wir hatten zumeist eine glückliche Kindheit.

    Liebe Grüße

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