LIFESTYLE: GRUPPENFITNESS * ACH JA, DIESE HÜPFKURSE…* EINE KLEINE ZEITREISE

Aerobic, Step, BOP, Bodypump, Spinning…kennt ihr noch die typischen Kursformate, die von Fitnessstudios und Sportvereinen angeboten werden? Angeboten wurden – muss man ja eher sagen, denn ein großer Teil des Kursbereiches ist heute gestorben und Vergangenheit. Ein unrühmliches Ende einer Fitnesswelle, die eine Ära und Generationen geprägt hat. Eine kleine Zeitreise…

Fonda & Co.

jane-fonda

Alles ging los, als Anfang der 80er Jahre Jane Fonda und ihre Jünger/innen Aerobic nach Deutschland importierten. Die gute Frau Fonda war damals extra dafür eine ganze Zeit lang in Berlin ansässig, um von dort die Ausbildung ihrer Instructoren zu überwachen. Aerobic („Ärrohbick“) war eine „ernste“ Sache, das musste feinsäuberlich installiert werden: In den Fitnessstudios und in den Köpfen der Menschen.

Als es vollbracht war, lag so gut wie jede zweite Frau mindestens zweimal wöchentlich seitlich auf dem Boden und warf ihr Bein hinter das Ohr! „Höher, schneller, tiiiefer!“ waren die Anweisungen, die laut und unnachgiebig aus den Kursräumen schallten, und vereinzelte Kreischer der Teilnehmer waren sicher nicht der Freude über die verbrannten Kalorien geschuldet, sondern der Kram tat echt weh!

Männer beäugten das seltsame Treiben eher argwöhnisch, wenn auch dezent erregt. 🙂

Noch heute lebt eine ganze Schar Orthopäden von den Nachwirkungen dieses (anfangs) rohen Sporttrends.

Als dann die Leggings und Wadenwärmer, zusammen mit Stirnbändern und unsäglichen Gürtelchen über Lycra Leibchen geschnallt und tief in die Poritze gezogenen über-Höschen, in den Discotheken (also dem damaligen Lieblingsort der „in-crowds“) gesichtet wurden, war es klar: DEM Trend entgeht niemand mehr. Und wie das so ist, die deutsche Gründlichkeit siegte auch hier! Regeln mussten her, Verbände wurden gegründet, Universitäten kümmerten sich urplötzlich um Turnübungen zu Musik.

Ich muss sagen, eine gute Wendung, denn die Aerobic entwickelte sich in den 90ern hin zum „Gesundheitssport“. Es gab fundierte Trainerausbildungen, nicht nur die Jane Fonda Akademie für schminkbegeisterte, verhinderte Models. Den Trainern wurde „Wissen“ an die Hand gegeben, mit dem sie in der Lage waren eine Schar sportbegeisterter Menschen eine Stunde lang mehr oder weniger gesundheitlich- und körperlich unversehrt sportlich anzuleiten. Dabei zu wissen was man da tut, war die größte Errungenschaft! Fragt heute mal so manchen Übungsleiter im Fußballverein, warum er zum Warm-up immer noch „Rumpfkreisen“ und „Entenwatschelgang“ macht??

(KK) Fitness 01/1995

(KK) Fitness 01/1995

Das Ganze war sehr modern und ebenso die Musik dazu. Meine erfolgreichsten Kurse waren laut und dampfend! Deep House und manchmal noch Progressiveres gehörten in die Stereoanlage, und die wurde laut…lauter…aufgedreht. Dank Funkmicro ist man ja als Instructor trotzdem zu verstehen, weitestgehend. Kurse mit über 50 Teilnehmern waren normal, es gab aber auch Studios, die konnten mit über 100 Kursbegeisterten pro Class aufwarten. Eine tolle Situation für uns Trainer, man fühlte sich manchmal wie ein Rockstar. Und der sportliche Effekt war enorm: Die Gruppe zog auch die unmotiviertesten Teilnehmer mit, und nach einer Stunde gab es KEIN trockenes T-Shirt mehr!

(KK) Aerobic Promo 1995

(KK) Aerobic Promo 1995

Für mich als Instructor bedeutete das aber auch: Manchmal 3 Kurse hintereinander geben. Dreimal Power, immer Beine und Arme bewegen, Sprechen (manchmal auch Schreien) und für den ganzen Kurs vorausdenken, das war eine größere Leistung als einen Marathon zu laufen! Dementsprechend hatte ich auch ein Konditionslevel, das war unglaublich. Selbst während des Sportstudiums war ich nicht so leistungsfähig wie zur Aerobic-Zeit. Was mich zu der Erkenntnis bringt, dass dieser Sport immer schon total unterschätzt wurde. Nur weil man sich zur Musik bewegte, war es „lau“, für Mädels, nicht anstrengend!

Das sagen viele Unwissende auch über Ballett! Na, die sollen einmal für 10 Minuten eine Ballett-Stunde mitmachen! Schon alleine für 10 Minuten die gesamte Körperspannung aufrecht zu halten und dabei die Arme oben: Da bricht so gut wie jeder Durchschnitts-Trainierte zusammen.

(KK) Fitness 02/1996

(KK) Fitness 02/1996

Plötzlich änderte sich etwas

Trotz zahlreicher „Trends“ wie z.B. „Slide“, „Trampolin-Aerobic“ oder „Boxercise“ und „Tae-Bo“ blieben Aerobic und Step zusammen mit BOP (Bauch, Oberschenkel, Po) immer noch die Kernkompetenzen der riesigen Fitnessbewegung. Bis…ja bis plötzlich irgendetwas passierte! Die Trainerschar wechselte, es wurde viel mehr Wert auf Choreographie gelegt und so manch Teilnehmer brach sich ein Bein UND eine Hirnwindung noch dazu, so kompliziert wurde der ehemalige „Hüpfsport“.

Ich persönlich mochte Choreos gerne und war bekannt für verzwickte Kombis auf dem Step, aber sie waren von Anfang an immer „Tap-free“, also mit logischem Fußlauf – man weiß immer wo rechts und links ist, und der Schwierigkeitsgrad richtete sich zumeist nach dem schwächsten Glied in der Kette, also im Kursraum. Wenn es zum Ende ein Finale mit Knalleffekt gab, dann hatte auch ein blutiger Anfänger noch ein Erfolgserlebnis. Hochrot im Gesicht und schweißnass hatte wirklich JEDER Spaß und über 60 Minuten eine ordentliche, gesundheitsfördernde Herzfrequenz. Durch das ständige „Mitdenken“ (die Schritte muss man sich ja merken) und den vehementen Armeinsatz, war dies ein hochintensives Training mit einem enormen Kalorienverbrauch.

Als dann die verhinderten Bewegungstalente und ausgemusterten Ausdruckstänzer die Bühne der Fitnesskurse enterten, war es vorbei mit lustig. Schön anzusehen, wie toll solch Bewegung zur knallharten Clubmusik aussehen kann, nur leider konnte es kaum noch einer der Teilnehmer nachahmen. Machen wir uns nix vor, der Großteil der Teilnehmer eines Kurses ist nicht unbedingt so locker in der Hüfte wie eine Tänzerin auf einem Wagen beim Karneval in Rio. Egal ob HipHop, Latino oder welcher Musikstil auch immer, der Instructor wurde zum totalen Selbstdarsteller. Nur sein Spiegelbild zählte, alle anderen Leute im Raum waren Beiwerk und gereichten gerade mal noch zum Applaudieren am Ende der Stunde.

Immer mehr ehemals begeisterte Teilnehmer wandten sich ab von den komplizierten Tanzkursen und konzentrierten sich wieder mehr auf die „Basics“. Ich habe in meiner Laufbahn schon zigmal den Trend „Back To The Basics“ mitgemacht, aber diesmal war es ernst gemeint. Die Leute kamen nicht wieder zurück. Immer öfter fielen Step- und Aerobickurse aus, mangels Teilnehmer. Große Aerobicconventions wurden beinahe alle abgeschafft, keiner wollte die bekannten Presenter mehr sehen, die als Ideengeber für die Szene immer verzwicktere Schrittfolgen und Kursformate ertüftelten. Ein Teufelskreis, wie er im Buche steht.

KK Pump1

(KK) Einfache, aber intensive Workouts sind heute angesagt.

Aerobic ist ausgestorben

 

Heute findet man Step und Aerobic nur noch selten auf Kursplänen. Dafür einfache Powerworkouts (z.B. Spinning, Bodypump…). Auch ich habe (auch geschuldet meiner Hüfterkrankung) den gesamten Aerobic-Bereich auf Eis gelegt und vermisse ihn auch nur selten. Heute kann man noch gut mit einem durchchoreographierten Pump-Programm glänzen, welches auch hochintensiv sein kann. Wilde Aerobickurse, die teilweise die Disco am Wochenende überflüssig machten, gibt es so kaum mehr. Der Trend ist älter geworden, wie die Trainer und Teilnehmer auch. Jüngere Generationen orientieren sich wieder mehr auf Sportarten, die auch ohne Studio und großartige Hilfsmittel/Geräte auszuüben sind. Das eigene Körpergewicht nutzen und riesige Traktor-Reifen sind heute in, keine Stirnbänder und neonfarbene 1 KG Hanteln, passend zur Wasserflasche. Dazu finden auch Yoga und andere funktionelle Trainingsformen wieder ihre Anhänger. Alles hat eben seine Zeit.

 

 

(Fotos: Konsumkaiser, „Fitness“, „Treffer“.  Der Artikel ist nicht gesponsert.)

 

10 Kommentare

  1. Hallo ☺

    Ich hätte gern an einem deiner schweisstreibenden Kurse teilgenommen hihi. Die Bilder sprechen für sich☺. Da ich leider 10kg zuviel mit mir rumschleppe,habe ich das Laufen drangegeben,weil mir danach tagelang die Hüfte schmerzt. Ich versuche 2x die Woche zum Spinning zu gehen,was mir sehr gut tut. Mit der richtigen Musik und dem richtigen Trainer ist es ein tolles Workout

    Liebe Grüsse und einen schönen Tag

    1. danke 😉
      sowas wie spinning ist dann genau richtig, laufen ist leider oftmals überbewertet. die meisten menschen haben ja irgendwo gelenkprobleme und co. da ist eine sportart mit weniger „aufprall“ vorzuziehen. und in der gruppe, zu musik machts einfach mehr spaß!!
      viele grüße, kk

  2. OMG! Dieser Post hat mir gerade meinen Step-Aerobic-Kurs vor etlichen Jahren in Erinnerung gebracht. Das war mir so peinlich. Dieses koordinierte Bewegen von Armen und Beinen im Takt der Musik habe ich nie geschafft und wenn du dich selbst auch noch im Spiegel beobachtest beim verzweifelten Bemühen alles richtig zu machen. Das war damals mein erster und letzter Versuch!
    LG

  3. Schön geschrieben!

    Was bin ich früher zur Aerobic-Stunde gerannt. Hier bei uns in Sportverein. Wechselnde Trainerinnen, aber lange Zeit gleiches Publikum.

    Dann kam eine Pause – zuviel los, zu wenig Zeit. Und als ich wieder hin bin, war es nicht mehr so schön. Ich wusste nur nicht, warum. Okay, andere Leute. Aber die konnten mir ja „egal“ sein. Gut, ich war älter, nicht mehr so fit. Auch egal, wird wieder. Dennoch komisch. Die Motivation war fast weg.

    Früher kam mir nichts dazwischen, der Kurs hatte oberste Priorität. Später hab ich die Kursabende teilweise sogar vergessen!

    Es hat sich geändert. Und es ist so wie du es sagst. Es wurde mir zu „kompliziert“, zu „anspruchsvoll“. Wenn ich abends nach der Arbeit Bewegung und Kalorienverbrauch möchte, ist der Kopf nicht mehr immerzu in der Lage, diese komplexen Schrittfolgen zu koordinieren.

    Irgendwann hab ich aufgehört. Leider so ziemlich ganz. Dann wieder ein bisschen Bewegung integriert. Unregelmäßig, ungeplant.

    Nun mache ich seit über 5 Wochen wieder ein Sportprogramm, dass 3 Mal pro Woche Workout und daneben zunächst LISS und später HIIT Einheiten vorsieht. Es ist anstrengend. Aber es macht Spaß – und stolz!

    Nur meine Knie machen nicht ganz so mit. Es ist wohl zuviel Gehopse dabei. Jetzt versuche ich, die Übungen mit den Sprüngen durch andere, ähnlich effektive, zu ersetzen. Das ist aber gar nicht so einfach zum Teil. Wie ersetzt man Seilspringen?

    Viele liebe Grüße,
    Marla

  4. Jörg, Du hast mal wieder recht. Ich liebe Step zu Latinmusic und so richtig schwerer Choreo.
    Das ist ganz wunderbar, weil man vor lauter Denken keine Zeit hat es als anstrengend zu empfinden. Ich habe das auch fast 20 Jahre im Studio gemacht. Immer mit der selben Trainerin. Die ist aber zwischenzeitlich so „fertig“, dass sie die Stunde bei uns nicht mehr gibt – jetzt nur noch Wirbelsäule macht. Bei den Studios wo sie mit Step III gutes Geld verdient, beißt sie eben die Zähne zusammen. Schmerzmittel sei dank.
    Ja. Und ich ich…. ich bin ein bisschen pissed. Weil auf Zumba habe ich so gar keine Lust. Und auf Step-Basic bei der VHS eben auch nicht.
    So wies aussieht muss ich mir was neues suchen. Denn Radeln draußen, Cross drinnen…. das befriedigt nicht meinen tanzenden Bewegungsdrang. Tja. Und nächtelang in Discos durchhopsen, das ist jetzt auch nicht mehr so meins.
    LG Sunny

  5. Komplizierte Step Choreos mit Drehungen zu Housemusik, das ist echtes Gehirnjogging und Disco in einem! In meinem Studio gibt es zum Glück noch zwei echte Dance Step und Dance Aerobic Trainer und wir fliegen immer Freitags über die Steps. Aber zum Glück nicht mehr in den schlimmen 80er Klamotten

  6. Ganz ehrlich lieber Jörg. Mir fehlen deine tollen Dance-und Step-Aerobic Kurse mit schwierigen Choreos. Aber alles hat eben seine Zeit. LG Claudia

  7. ähem, und nach der Wende standen plötzlich in Berlin in der Oranienburgerstrasse die Bordsteinschwalben in *genau* diesem Aerobic-Outfit dort !!! Ein Kracher bei Den Kunden, by the way, wie man so hörte.

    Bodypump ist ja bei den Orthopäden sehr umstritten. Les Mills sagt, nein, bei korrekter Ausführung ist es total ungefährlich. Mein Orthopäde sagt, ich hätte meinen Bandscheibenvorfoll in der Halswirbelsäule mit Sicherheit Bodypump zu verdanken. Schade, ich mochte es und fand es sehr effektiv.

    1. ich mache auch eine modifizierte version, die ich selbst choreographiere und zusammenstelle. das ist deutlich besser, als sich auf les mills zu verlassen. obwohl ich sagen muss, dass die schon ein hohes niveau vertreten!
      ich gehe mal davon aus, dass dein orthopäde noch keine pump stunde mitgemacht hat? dieses problem mit ärzten, die selbst nicht so im thema sport sind, kenne ich nur zu gut.
      ich würde fast zu 100% behaupten, dass dein BS Vorfall in der HWS nicht vom bodypump kam. die trainer werden strengstens daraug geeicht, den teilnehmern zu sagen, dass die stange z.b. bei den kniebeugen nicht am hals liegt, sondern auf dem „fleischigen part des oberen rückens“. das nimmt den stress von der hws. ausserdem gibt es keinerlei überstreckungen oder verdrehugen der hws im gesamten kurs. das ist so sicher, dass du mit einem stablien zustand nach hws prolaps sogar weiter pump machen könntest!
      leider haben viele ärzte immer noch den „sport ist mord, und fitnessstuios sind mördergruben“ gedanken im kopf. ich habe selbst zwei orthopäden in meinem kurs, die haben auch andauernd blessuren. woher? vom skifahren, fußballspielen, wandern!!! 🙂
      liebe grüße, kk

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