GESUNDHEIT: KEINE ANGST VOR DEM BEIPACKZETTEL?

Medikamente können ein Segen sein. Viele Menschen müssen sie sogar ein Leben lang einnehmen, und wenn man sich ein wenig näher mit den verschriebenen Pillen, Tropfen und Kapseln beschäftigt, kann einem durchaus Angst und Bange werden. Problem: Die Beipackzettel der Medikamente können Patienten nachhaltig verschrecken.

 

 

Egal ob kurzfristig, bis man wieder gesund ist, oder lebenslang, Medikamente sind in unserem Alltag oftmals allgegenwärtig. Und je älter man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man so einige Schachteln und Päckchen mit Medikamenten verschrieben bekommt.

So auch bei meiner Mutter, die zwar mit 83 noch ziemlich fit und munter ist, aber das Herz braucht medikamentöse Unterstützung. Da war sie bislang auch wohl gut eingestellt, doch der regelmäßige Besuch beim Kardiologen brachte diesmal eine Neuerung mit sich: Ein neues Medikament wurde verschrieben, ein halbes Tablettchen jeden Morgen soll also nun dazukommen.

Kein Problem sollte man denken, wenn da nicht die Beipackzettel wären. Meine Mutter hat sich hingesetzt und das neue Medikament genauestens studiert. Danach kam sie mit der frohen Botschaft zu mir, dass sie diese neuen Tabletten auf gar keinen Fall einnehmen werde, da man davon sterben könne!

Bumms, das saß.

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Versteht mich nicht falsch: Beipackzettel sind wichtig und richtig. Sie informieren den Patienten über wichtige Dinge zu seinem Medikament, sie klären auf, und ja, sie haben auch einen rechtlichen Hintergrund, denn Nebenwirkungen, Begleiterscheinungen und Wechselwirkungen müssen dem mündigen Bürger mitgeteilt werden.

Wenn aber nun medizinisch nicht so bewanderte Menschen einen Beipackzettel lesen, können sie oftmals nicht Risiko und Nutzen dieses Medikamentes abwägen. Und steht da auch nur die geringste Wahrscheinlichkeit, dass man mit diesem Medikament ein tödliches Ereignis haben könnte, egal zu wieviel wenigen Prozent auch immer, so bleibt das laut hallend im Kopf hängen.

Meine Mutter war ganz aufgebracht, dabei hat sie so einige Herzmedikamente, die allesamt wahrlich keine Waisenkinder im Nebenwirkungsland sind. Eigentlich müsste sie sowas kennen. Und dennoch: „Das neue Zeugs taugt nichts.“

Und nun krieg das mal wieder hin!

 

 

Als Angehöriger ist man da meist natürlich vollkommen überfordert. Hat man selbst das Wissen nicht, fehlen natürlich die Argumente. Und hat man die Argumente, so ist man ja meist „nur“ Verwandtschaft, deren Kompetenz seltsamerweise nicht immer so richtig angenommen wird.

Ja, die Panik vor dem Beipackzettel kann sogar in einer Pharmakophobie enden, und das ist dann wirklich tragisch. Ich hätte gern mal eine Übersicht, wie viele Menschen womöglich sterben, weil sie eben nicht ihre lebensnotwendigen Medis nehmen – aus Angst.

Dazu kommt: Der Placebo-Effekt hat einen bösen Zwilling: den Nocebo-Effekt. Nocebo-Effekte sind negative psychologische oder körperliche Reaktionen, wie Symptomverschlimmerungen oder das neue Auftreten von Symptomen, die ausgelöst werden durch eine negative Erwartungshaltung und Angst.

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Manchmal ist die Angst ja sogar begründet, wenn zB. Medikamente womöglich „leichtfertig“ verschrieben wurden, und/oder (durch welche Verkettung von unglücklichen Zufällen auch immer) zB. nicht zusammenpassende Medikamente verschrieben werden. Sowas kann passieren, es handeln schließlich Menschen. Hilfreich sind diese Fälle, die ja auch oft gerne in den einschlägigen Gesundheitssendungen im Fernsehen gezeigt werden, nicht unbedingt. Angst wird weiter geschürt, ein klärendes Gespräch zur Relativierung findet nicht statt. Schon steht der Patient wieder angsterfüllt da.

 

Gerade meine Mutter bräuchte dann einen älteren Herrn im strahlend weissen Kittel und Stethoskop um dem Hals, gerne mit einem Professor Dr. Soundso auf dem Namensschild, mildem Lächeln und sanft-warmer Stimme (ungefähr wie Roger Whittaker), der ihr die Angst nehmen könnte.

Aber selbst die mitfühlendsten Hausärztinnen und Hausärzte, sowie sämtliches Apothekenpersonal haben gar nicht die Zeit diese Menge an Unsicherheiten auszugleichen.

Vielleicht wäre es da doch mal Zeit auch ein wenig auszugliedern? So wie die Zahnprophylaxe beim Zahnarzt, sollte es Anlaufstellen für verunsicherte Patienten geben. Klar, illusorisch, wer soll das bezahlen? Aber träumen kann man ja.

Persönlich denke ich, dass dieses Problem immer noch grandios unterschätzt wird, und das dringende Beispiel meiner Mutter hat mir vor Augen geführt, wie sehr da doch Hilfe fehlt.

Im Endeffekt konnte ich meine Mutter dann doch noch überzeugen, und das nur aus einem Zufall heraus. Ich muss dieses Herzmedikament nämlich ebenfalls einnehmen, es bekommt mir gut, und es hilft mir wunderbar. Das konnte ich meiner Mutter genauso erzählen, und das hat sie dann auch schlußendlich beruhigt.

Ende gut, alles gut? Nicht wirklich, denn nicht immer läuft sowas so glimpflich ab. Und die Folgen sind für Laien einfach nicht abzusehen. Wohl den Menschen, die ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrer Ärztin oder ihrem Arzt haben und sich dort auch mal aussprechen können.

Bleibt gesund!

 

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(Fotos: Pixabay.  Keinerlei Sponsoring.)


11 Gedanken zu “GESUNDHEIT: KEINE ANGST VOR DEM BEIPACKZETTEL?

  1. Guten Morgen,

    erstmal vorneweg: Gute Besserung deiner Mutter und natürlich auch dir, ich hoffe, das neue Medikament hilft ihr so gut wie dir.

    Gerade, wenn man viele Medikamente nehmen muss, ist das alles ziemlich beängstigend. Da ist man wirklich auf gute Beratung angewiesen. Nicht der einzige Aspekt, der durch sprechende Medizin besser würde – die leider viel zu wenig bezahlt wird :/

    Alles Gute für euch und allen hier einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Charly

  2. Mein Vater bekam neulich aufgrund von Lieferengpässen ein anderes Medikament, als das sonst Übliche verschrieben. Gleiche Zusammensetzung aber eben andere Form und Farbe. Er ist 82 und tut sich mit Veränderungen im Alltag sehr schwer. Meine Mutter hatte ihre Liebe Not, ihm zu erklären, dass die Pillen jetzt rosa und nicht mehr gelb seien. Er ist sogar mit in die Apotheke, um sich zu vergewissern, was das nun für Pillen sind. Das ist häufiger ein Problem, wenn plötzlich Generika verschrieben werden. Oftmals sagt er, die bekämen ihm schlechter oder rufen Nebenwirkungen hervor. Das mag auch teilweise stimmen. Aber auch im Medikamenten Bereich merkt man die Lieferschwierigkeiten und es ist Flexibilität gefragt.

    1. Oh ja, sowas ist auch ein großes Problem. Das Thema Generika ist wahrlich kein zu unterschätzendes. Und ja, Zusammensetzung („INCIs“) identisch, trotzdem kann es anders vom Körper akzeptiert werden. Rohstoffe, Herstellung, alles spielt eine Rolle. Mitunter kann es sogar zu Unter- oder Überdosierungen kommen (zB. bei teilbaren Tabletten) weil einfach die Vermengung der Inhaltsstoffe nicht gut gemacht wurde.
      Liebe Grüße
      KK

  3. Ein wichtiges Thema. Da fühle ich mich mit meinem Vater auch immer sehr hilflos. Auch er hat Angst vor seinen Medikamenten.

  4. Halo KK, liest Deine Mutter eigentlich Deinen Blog? So flott wie sie noch unterwegs ist mit ihren 83 würd mich das nun wirklich nicht wundern.
    Mein Schwiegervater tummelt sich mit seinen 80 auch noch im http://www.. Was wirklich die Möglichkeiten sehr erweitert.
    VG Eileen

  5. Ich kenne das auch. Neulich wollte der Apotheker mir andere Augentropfen aushändigen, als auf dem Rezept standen, habe grünen Star. Ich habe das Rezept wieder mitgenommen, zum Augenarzt und dann ankreuzen lassen, dass es genau das sein muss, was ich nehme. Grund ist, dass ich keine Konservierungsstoffe im Auge vertrage.

    Mit anderen Medikamenten habe ich auch chon Probleme gehabt, weil „Original“ und Generika zwar den gleichen Wirkstoff haben, aber die sonstigen Bestandteile können sich in ihrer Menge (Inci-Reihenfolge) unterscheiden oder einige Stoffe sind auch ausgetauscht worden. Ich habe da schon mit allergischen Reaktionen zu tun gehabt, die nicht auf den Wirkstoff, sondern auf die Beistoffe zurückzuführen sind. Ich habe leider noch nicht ausgekommen,cwas es genau ist. Farbstoffe, vor allem aus der roten Kategorie, E-Nummern, sind da im Verdacht. Gefärbst Tabletten nehmen ich lieber nicht, wenn es vermeidbar ist. Ich glaube Ökotest hat dazu mal was geschrieben, bezogen auf Nahrungsergänzung, aber auf Medikamente lässt sich das sicher auch anwenden.

  6. Lieber KK,
    schön das es Euch beiden wieder gut geht. Ja, mit den Medikamenten ist es die Pest. Ganz schlimm war es bei meinem Vater mit Alzheimer/Parkinson. Er hatte sein ganzes Leben lang Medikamente verweigert und wie er krank wurde, erst Recht. Es dauerte viel zu lange, er konnte kaum noch laufen, bie er zum Neurologen ging. Mit Alzheimer kam man ja auch nicht mehr an ihn ran. Hier geht das Systemversagen schon los. Man kann niemanden zwingen zum Arzt zu gehen, ausbaden müssen das dann die pflegenden Angehörigen. Hier hätten Hausbesuche entscheidend geholfen. Gibt es aber nicht mehr und von Fachärzten schon gar nicht. Nur mit Vitamin B bekamen wir zeitnah einen Termin beim Neurologen. Ohne hätten wir ein halbes Jahr gewartet, bei Verschlechterungen im 4 Wochen Abstand. Mit den Medikamenten konnte er innerhalb von Stunden besser laufen, da konnte man zusehen. Hat so viel gebracht und hätte Jahre früher angefangen werden müssen.
    Als Nebenwirkung wurde er aggressiv, besonders die Ehefrau hatte zu leiden. Dann wurde gebastelt mit den Dosierungen damit er umgänglich blieb. Noch etwas Beruhigungsmittel dazu. Dann konnte er wieder nicht laufen. Permanentes hoch und runterdosieren. Es war die H.ö.l.l.e. !! Gut auch das die pflegenden Angehörigen im System noch in den Hintern getreten werden und ihnen das Leben erschwert wird mit unendlichen Bescheinigungen und Anträgen in ständiger Wiederholung in der Hoffnung das selbige aufgeben und man wieder was gespart hat. Ein halbes Jahr Wartezeit auf einen Rollstuhl, als er dann kam hatte der Zustand sich so verschlechtert das ein anderes Model her musste. Sozusagen ein Porsche. Wieder hin und her, der zweite kam dann aber schnell.
    Ich kann ein Lied singen von Medikamenten. Gaaaanz schrecklich. Neulich kam auf Arte(?) ein Bericht über die Pharmaindustrie und das die Politik nach deren Pfeife tanzen muss. Es wird noch lustiger werden. Als nächstes gibt es keine wirksamen Antibiotika mehr. Blos nicht alt und krank werden.

    hallo Ruhrcat,
    genau was Du schreibst hatte mein Ex Chef auch. Erst grauen, dann noch grünen Star mit etlichen OP`s. Auch er hatte die Konservierungsstoffe in den Tropfen nicht vertragen und es gab damals ( mindestens 20 Jahre her) kaum Alternativen. Fazit war das sich Patienten mit grünem Star für die Pharmakonzerne „nicht rechnen“ da es bundesweit zu wenige davon gibt. Also gibt (gab) es auch kaum Medikamente. Aussage der Apotheken. Mega traurig unser System. Früher oblag die Forschung dem Staat, den Universitäten. Gut das wir das auch eingepart haben……..Er konnte aber bis Anfang 70 praktizieren und auch Auto fahren.
    Ich wünsche Dir alles Gute und hoffe das die Behandlung inzwischen verbessert wurde.
    Liebe Grüße in die Sonntagsrunde
    Christiane

  7. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, die lesen Beipackzettel überhaupt nicht und schlucken einfach alles, was ihnen so verschrieben wird. Könnte ich nicht. Ich weiß nicht, ob das der feste Glaube an das Wissen der Ärzte ist oder Vogel-Strauß – Verhalten.

    Wie du beschreibst, lassen andere lebenswichtige Medikamente aus Angst vor dem meterlangen Beipackzettel einfach weg. Dazu gehörte auch meine Mutter. Leider hat sie nicht darüber gesprochen und erst nach ihrem relativ frühen, plötzlichen Herztod haben wir die unberührten Schachteln gefunden.
    Welch ein Glück, dass deine Mutter darüber spricht und es eine Chance gab, darauf einzugehen. Ich wünsche euch beiden alles Gute und ein langes Leben!

  8. Lieber KK,

    ich kann sehr gut nachvollziehen, was Du da berichtest von Deiner Mutter!

    Vielleicht wäre das hier
    https://www.patientenberatung.de/de

    eine Möglichkeit, Deine Mutter noch umzustimmen?

    Ich kenne das auch von meiner fast 91jährigen Mutter, da braucht es auch alles, um sie zu überzeugen.
    Sie lebt bei meiner Schwester, und die hat jetzt resoluterweise die Medikamentengabe übernommen…

    Alles Gute für Deine Mutter!

  9. Ja, der Nocebo-Effekt ist schon sehr gemein, über eventuelle Nebeneffekte sollte man informiert sein, aber andererseits macht das Informiertsein auch Probleme.
    Die beste Lösung, die ich bis jetzt gefunden habe, war, jemandem, den man oft sieht den Beipackzettel lesen zu lassen und der dann weiß was schief gehen könnte/weiß worauf man achten muss (da kann man sich auch gut gegenseitig unterstützen – „du liest meine Beipackzettel, ich deine“ oder so).
    (Die absurdesten potentiellen Nebenwirkungen, die mir bisher über den Weg gelaufen sind: Kopfschmerzen bei Kopfschmerzmitteln und – ganz bitter – Selbstmord bei Antidepressiva.*)

    Herzliche Grüße & viel Gesundheit für dich und deine Lieben

    Lyn

    *das ist jetzt keine Aussage über meine medizinische Situation, wenn man sich für die „Beipackzettel-Buddies“ Lösung entscheidet, kriegt man so einiges mit

  10. Oh ja, das kenne ich auch. Meine Mutter nahm auch oft ihre Mediamente nicht, wenn ihr der Beipackzettel Angst machte. Und dann gibt es ja auch noch die Leute, die aus ideologischen Gründen Pharmazeutische Produkte ablehen. Da hatte ich gleich mehrere Fälle im Bekanntenkreis und in der Familie. Eine zur Orthorexie neigende Freundin, die extrem auf ihre Ernährung achtete und sich täglich mit Nahrungsergänzung vollstopfte, aber ihre Blutdrucksenker nicht nehmen wollte, weil ja böse böse Pharmaindustrie. Schlaganfall mit Ende 40. Überlebt aber stark eingschränkt. Oder eine Kusine meines Mannes, die sich mit Kräutern und Planzlichen Mitteln selbst therapierte gegen Diabetes. Herzinfarkt, tod. Versteht mich nicht falsch, es ist natürlich teilweise wirklich nicht leicht, zu unterscheiden, welche Medikamente eher schaden, und welche unabdingbar sind.

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