GLOSSE: DAS (BEINAHE) WINDBEUTEL-FIASKO

Am Silvestermorgen stand ich vor dem Badezimmerspiegel und hatte völlig unvermittelt eine unbändige Lust auf Windbeutel. Ihr wisst schon diese delikaten Brandteigschalen, gefüllt mit feinster Sahne. Keine Ahnung warum, aber diese Dinger gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, ich musste uns welche besorgen. Egal wie…

 

 

Süße Köstlichkeiten liebe ich wie mein Leben. Erst zu Weihnachten habe ich die nur schwer zu bekommende Borkenschokolade, sowie Trüffel der Sort „die Himmlischen“ geschenkt bekommen. Ein Genuss!

Warum ich aber ausgerechnet zu Silvester eine unbändige Lust auf Windbeutel entwickeln musste, das kann ich mir eigentlich nicht erklären.

Ist doch der letzte Genuss dieses fragilen Sahnegebäcks bereits mehrere Jahre her. Wenn ich recht überlege, es sind sogar schon Jahrzehnte.

Trotzdem – es mussten Windbeutel her! Beste Qualität, frisch vom Konditor.

Einfacher gesagt als getan: In unserem Stadtteil gibt es so gut wie keine gute, alte Bäckerei mehr, und erst recht keine Konditorei mit Anspruch.

Alles was hier mit Backwaren reizt, gehört zu irgendwelchen Großbäckereiketten, die aufbackfertige Massenware, genormt und gewinnoptimiert, in die gefühlten 399 Filialen schaffen und dort im Akkord unter die hungrigen Menschen schaffen. Kein Ort, an dem man sich feine Windbeutel vorstellen möchte.

Was ist da passiert?

Nun ja, genau das, was wir allerorts beobachten konnten und können: Das Fachgeschäft stirbt aus. Entweder die Beschaffung eines Wunschartikels ist über das Internet schneller, gemütlicher oder billiger, oder aber wir geben uns mit immer mehr Mittelmaß zufrieden. Warum frische Naturgewächse vom heimischen Bauern, wenn das Obst-/Gemüseimitat aus China im Supermarkt so viel billiger ist?

Warum handgemachte Torten und feinste Sahneteilchen, wenn man auch mit einem Klumpen Teig, überzogen mit Glucose-Fructose-Sirup den Wanst voll kriegt?

 

Entsetzt musste ich mit ansehen, wie meine Gelüste in weite Ferne rückten, eben auch, weil ich schon lange nicht mehr am Tresen eines Konditors stand und dort eine kassenfüllende Bestellung getätigt hatte. Das hat man nun davon. Wenn man das Fachgeschäft mal braucht, hat man es durch seine eigene Faulheit, den Geiz und Ignoranz ausgerottet. Verflixt, nun hatte ich neben einem knurrenden Bauch auch noch ein wirklich schlechtes Gewissen.

 

Weil ich schon seit dem frühen Morgen die ganze Familie mit meinen Windbeutel-Fieberträumen ganz verrückt gemacht hatte, war die Erwartungshaltung entsprechend groß. Immer mal wieder fragte man mich nach dem Stand in Sachen Sahne-Leckerli.

Sowas erhöht ganz schön den Druck. Und dazu kommt die Tatsache, dass am Silvestertag alle Geschäfte deutlich früher schließen, das Warenangebot also auch noch arg begrenzt ist – wenn man nicht schnell genug ist. Ich beruhigte mich mit der Vorstellung, dass zu Silvester eh alle nur Krapfen und Berliner Ballen ordern, und wahrscheinlich kein Mensch der Welt einen Gedanken an Windbeutel vergeudete.

Eine letzte (realistische) Chance blieb mir noch. Die Konditorei mit angegliedertem Café in einem angrenzenden Stadtteil, gerade noch zeitgerecht erreichbar. Ein Geschäft der ganz alten Schule.

Wer dort am gediegenen Caféhaustischchen sitzt, kannte sicherlich auch noch den letzten Kaiser persönlich. Oder Cleopatra, so dachte ich, als die schminkfreudige Bedienung hinter dem Tresen mich nach meinen Wünschen fragte, nachdem ich noch gerade rechtzeitig vor dem letzten Kundenansturm, das doch ziemlich braun und hölzern dekorierte Ladenlokal erreichte.

„Weniger schwarzen, nach aussen gezogenen Lidstrich“ wollte ich schon antworten, ich schob aber good old Cleopatra beiseite und fragte vorsichtig nach den ominösen Windbeuteln.

Die Verkäuferin öffnete die schwarz umrandeten Augen weit und schaute mich erstaunt an. „Windbeutel?“ fragte sie in einem recht hohen Tonfall, als hätte ich nach einer Rattenfalle aus Marzipan gefragt.

Meine Knie wurden weich, jegliche Hoffnung schwand aus meinem Körper, der sich wie ein Junkie nach dem zarten Gebäck sehnte. Was würde ich gleich zuhause sagen? Die Enttäuschung in den Gesichtern. Sollte ich vorgeben mit all den vielen Windbeuteln im Arm elendig ausgeraubt worden zu sein? Immerhin wäre mir dann noch eine Portion Mitleid sicher.

„Wieviele dürfen es denn sein?“ hört ich als nächstes und ich konnte mein Glück kaum fassen. Die Verkäuferin machte eine ausladende Geste mit der Hand nach rechts, und dort lagen sie: saftig und fett, ein ganzer Stapel frischer Windbeutel.

Mein Herz hüpfte, ich nannte eine absurde Anzahl an Winddingern, die ich gerne kaufen würde, und verließ den Laden mit einem triumphierenden Grinsen, als hätte ich gerade die Bank von England geplündert.

Am Nachmittag, ich konnte es kaum abwarten, wie ein Kind kurz vor der Bescherung am Weihnachtstag, wurden die grazilen Sahneteilchen auf einem Silbertablett auf dem Kaffeetisch drapiert. Alle hatten sich versammelt, und bestaunten meine erjagte Beute. Ein „Ah“ und „Oh“ allerseits, wann sieht man noch einen echten, frischen Windbeutel in freier Wildbahn, der nicht aus der Tiefkühlung kommt?

Die Gabel näherte sich dem Mund…

Und dann konnte man dem kleinen Glück für ein paar schnell vergängliche Minuten in die Augen schauen. Liebe geht wahrlich durch den Magen, und dazu satt und glücklich. Gibt es bessere Voraussetzungen für eine versöhnliche Verabschiedung des alten Jahres?  ♥

 

 

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(Fotos: Pixabay   Keinerlei Sponsoring)


21 Gedanken zu “GLOSSE: DAS (BEINAHE) WINDBEUTEL-FIASKO

  1. Guten Morgen ,

    Wünsche auch noch ein gutes gesundes neues Jahr .
    Einfach herrlich wie du schreibst , mach bitte immer weiter so , es würde mir was fehlen, ich liebe es morgens beim Kaffee deinen Blog zu lesen ……habe jetzt irgendwie auch Lust auf Windbeutel 🥴
    Liebe Grüße
    Simone

  2. Man schaut beim Konsumkaiser rein und der Tag beginnt mit einem Lächeln. Danke dafür.
    Ich musste so lachen als ich las, dass die gesamte Familie wegen der Windbeutel verrückt gemacht wurde, so etwas habe ich auch fertiggebracht (es ging bei mir um eine Cola). Ein Glück, dass du Windbeutel kaufen konntest, selbst gebackene haben einfach nicht den unvergleichlichen Konditor-Geschmack.

  3. Und was für ein Glück, dass die Windbeutel nach der verzwickten Beschaffung so schmeckten, wie in Deiner sahnigen Vision! Da können ja auch verklärte Erinnerungen und Realität weit auseinander klaffen. Meine Jahrzehnte alten Vorstellungen von Windbeuteln lassen mich ebenfalls an gediegene Cafés denken, in denen es Oma-Lutsch-Kuchen, Filterkaffee (draußen nur im Kännchen) und Winbeutel in Schwänchen-Form gab, denen man als Kind gegenüber all den Sahne- und Buttercremetorten den Vorzug gab.

    Ein tolles neues Jahr!

  4. 🐖🍄🍀 Ein gutes Neues Jahr mit vielen erfüllten Wünschen und Genüssen.
    Ein Hoch aufs Handwerk,
    Danke für Deine Texte und Recherchen.
    Miga

  5. Guten Morgen,
    in jeder Hinsicht zu köstlich………….Da fällt mir ein das ich, zuletzt als Kind glaube ich, welche gegessen habe. Wo ich meine Kindheit verbracht hatte gab es ein legendäres Ausflugslokal. Da radelte man ein ganzes Stück an der Fulda lang und kehrte da ein um monstergroße, selbstbebackene Windbeutel zu verdrücken. Schmatz!!! Diese Back-Shops sind der Alptraum schlechthin, wir hatten über Jahrzehnte eine Brotfabrik beraten. Der alte, sehr sympatische Senior hatte auf Anraten meines Chefs dann mit die ersten dieser Art eröffnet. Die umsatzstärksten bekamen die Kinder und Schwiegerkinder als Franchisenehmer. Die konnten das Reichwerden gar nicht mehr verhindern. Es klingelt mir noch heute in den Ohren wie der Senior verschmitzt murmelte das er den größten Gewinn macht, wenn er statt Mehl Luft verkauft. Die Rohlinge zum aufbacken kommen inzwischen aus Weißrussland, da sind sie am billigsten. CO2 schonend wie verrückt, echt nachhaltig. Die Brotfabriken sind seit Jahrzenten aufgeteilt in Nord und Süd und gehören Großkonzernen. Das wie in der Kosmetik, entweder gehört es Loreal oder Estee Lauder. Von wegen Auswahl. Wie meine Mutter sagen würde, alles selbstgebastelte Probleme. Wie wahr, es geht ja nicht billig genug bis hin zu den Angestellten die nichts mehr verdienen aber irre Mieten bezahlen sollen.
    Genug gemeckert, mal sehen wo ich einen Windbeutel her bekomme die Woche.
    Allen einen guten Start in das asiatische Jahr des Tigers – beginnt aber erst am 01.Februar

  6. Wie wahr!
    Mir hat neulich in einer „Bäckerei“ eine Bäckereifachverkäuferin (?) auf meine Frage nach Bienenstich geantwortet: „Sowas haben wir nicht!“ In einem Tonfall, als hätte ich sie nach Rattengift gefragt… What the …?

  7. Vielen Dank für diesen unterhaltsamen Start ins neue Jahr. Super geschrieben. Ich habe jetzt richtig Lust auf Windbeutel. ;D

  8. Frohes Neues Jahr! Das bringt mich auf die Idee, mal wieder zu meinem Bäcker (Handwerksbetrieb) zu gehen und besagte Windbeutel zu kaufen! Hier gibt es diese mit Vanillesahne und Kirschen gefüllt und das Jahr kann starten. Liebe Grüße aus Berlin

  9. Frohes neues Jahr !! Windbeutel ……….ich liebe sie und jetzt hast du mir den Mund wässrig gemacht. Da es hier keine Konditorei mehr weit und breit gibt, werde ich wohl auf Rezeptsuche gehen. Schönen Sonntag noch!!

  10. Süsse Geschichte, aber als jemand, der noch nie im Leben gekaufte Windbeutel gegessen hat, muss ich doch nachfragen: Warum das neue Jahr nicht mit einem Back-Abenteuer starten?

      1. Same here. Kochen kann ich denke ich und tue das auch gerne, aber backen… da sind die Gene meiner Oma leider nicht bei mir angekommen (was schade ist, weil ich sonst sehr viel von ihr habe). Sehr lustige Geschichte, ich liebe deine Schreibe einfach. Derzeit habe ich eine Konditorin in der Nachbarschaft wohnen, die mich ab und an mit ihrem unglaublichen Talent beschenkt. ♡ Ein hoffentlich schönes Neues Jahr an alle! Liebe Grüße

    1. Brandteig ist auch eher nicht für Anfänger geeignet. Der sieht super aus im Ofen, aber wehe man holt ihn raus 😩. ..
      Vielen Dank für den Schmunzeltext!
      Ein frohes neues Jahr an alle!

      Karla

      P.S.: Kennt jmd noch die Schillerlocken? Also das Gebäck-nicht den Fisch?

  11. An alle Windbeutel-Fans:in Ruhpolding gibt es ein Cafe nur für Windbeutel. „Die Windbeutelgräfin“.Sehr lecker.

    1. Super!!! Danke, da wohne ich fast in der Gegend, gehört hatte ich es schon, aber vergessen. Da m u s s ich hin. Vielleicht nächstes Wochenende, klasse Tip.
      Danke

  12. 🙂 Mhmmmm, das klingt hervorragend!
    Für ein gutes Stück Kuchen bezahle ich gern etwas mehr, als für die Massenware, die nur süß ist und füllt (oder auch nicht). So ein Windbeutel wäre in der Tat mal wieder etwas Feines… oder ein Stück Punsch-Torte, die es hier nur in der Wintersaison gibt.
    https://www.demel.com/de/der-demel/
    Viele Grüße aus Wien und einen guten Start ins neue Jahr!
    Claudia 🙂

    1. Ach, der Wiener-Süßspeisenhimmel, das ist ja auch noch mein Traum, wenn Corona endlich abflacht. Ein Besuch in der Stadt, inklusive Kalorienbomben ohne Ende. Herrlich muss das sein!
      Liebe Grüße
      KK

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