SPORT: LEBENSGEFAHR? ACH WAS, BEWEG DICH, DU FAULER SACK!

Auslöser für diesen Artikel, mit dem ich euch nochmals ins Gewissen reden möchte, war ein Fernsehinterview mit einem Bob-Trainer, der seinen erfolgreichen Schützling überschwänglich lobte, dass dieser doch trotz einem „Schnüpfchen“ ein harter Kerl sei und für den Erfolg die Zähne zusammengebissen habe. Sowas kann leider aber auch tödlich enden, denn ein grippaler Infekt und Sport vertragen sich partout nicht.

 

Trainer, die immer noch dieser uralten Mär „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ vertrauen und die Sportler selbst bei Fieber und Kreislaufproblemen antreiben, sollte man aus dem Sportbetrieb entfernen oder zu einer Zwangsbelehrung verdonnern! Kein sportlicher Erfolg der Welt rechtfertigt das Risiko einer Herzmuskelentzündung, die viel zu oft tödlich verlaufen kann. Viel zu viele junge Sportler verlieren wir ständig („plötzlich auf dem Fußballplatz tot umgekippt“), viele Fälle könnten vermieden werden.

Übrigens gibt es ähnliche Fälle im Berufsleben. Man tut sich und den anderen keinen Gefallen, wenn man schlimm verschnupft (oder mit einer Magen-Darm-Infektion) zur Arbeit erscheint, als Virenmutterschiff munter die Erreger an die lieben Kollegen verteilt, sich dann womöglich überarbeitet und hinterher die „Rechnung“ bekommt.

Aber auch die Freizeitsportler sind nicht immun gegen die fatalen Folgen einer Herz-Kreislaufbelastung, während der Körper gegen Viren und Bakterien kämpft!

Wichtig: Es geht schneller schief, als wir alle denken…

 

Schnüpfchen? Gefahr für das eigene Leben!

Ich habe es selbst einmal erlebt: Einen dicken Schnupfen hatte ich ausgebrütet und dabei noch täglich schweißtreibenden Sport ausgeübt, meine Arbeit halt. Das Resultat: Ich musste mich an einem Samstag in der Notaufnahme eines Krankenhauses mit Herzrythmusstörungen vorstellen, und wurde auch sogleich stationär aufgenommen, Verdacht auf Herzmuskelentzündung. Nach einem gruseligen Wochenende, inklusive Überwachungsmonitor und Defibrillator gleich neben dem Bett, gab es dann Entwarnung. Aber es kann auch ganz anders kommen!

 

Leichte Infektionskrankheiten

Normalerweise sind unspektakuläre Infektionskrankheiten (wie z.B. ein kaum belastender Schnupfen oder eine leichte Magen-Darm-Infektion) kein Grund sein Training völlig abzubrechen. Man sollte in diesem Fall auf seinen Körper hören, das Training rigoros anpassen (auf jeden Fall einschränken), und auf Spitzenleistungen für ein paar Wochen gänzlich verzichten. Die Bewegung, leichtes Krafttraining und wenig Ausdauersport, wird meist bei der Genesung eher zuträglich sein. Erst bei härteren Trainingseinheiten wird das Immunsystem so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass sich der Infekt verschlimmern könnte. Ein angenehmer Spaziergang ist immer eine gute Überbrückung bis zur Genesung.

Außerdem ist jetzt unbedingt auf angepasste Sportkleidung zu achten. Nicht verschwitzt im Wind stehen, Klimatextilien und Zwiebellook sind hier angebracht! Übrigens kommt die „Erkältung“ nicht von zu viel Kälte! Feuchte Kleidung und Auskühlung sind nur Co-Faktoren, die eine Infektion begünstigen können. Klirrende Kälte und brütende Hitze können aber das Immunsystem durchaus negativ beeinflussen.

Etwas mehr ans Trinken denken, wäre ein nächster Punkt, den es zu beachten gilt (die Schleimhäute!)! Und nach jeder noch so kleineren Sporteinheit sollte man an längere Regenerationsphasen denken, der Körper hat eh schon ordentlich was zu tun. Die Muskelzellen zum Beispiel flickt er jetzt nur noch „nebenbei“. Man kann sich auch merken: Sind die Beschwerden nur „überhalb des Halses“, so kann man womöglich noch dezent weiter sporteln. Breiten sich die Beschwerden auch darunter aus (besonders: HUSTEN, GLIEDERSCHMERZEN und VERSCHLEIMTE BRONCHIEN) ist deutliche Schonung angesagt!

Trainiert man im Fitnessstudio, ist womöglich sogar ein Sportverzicht die bessere Idee: Niemand mag laufende Virenschleudern! Auf der Arbeit muss man es manchmal ertragen, aber beim Sport muss das nicht sein. Als Ersatz können ausgedehnte Herbstspaziergänge (Cross Country – also über Stock und Stein) dienen.

ABER: Sportverbot bei Fieber

WICHTIG: Bei den ersten Anzeichen von Fieber ist Sport erstmal tabu! Bei Fieber arbeitet das Immunsystem auf Hochtouren, der Körper konzentriert sich gänzlich auf die Bekämpfung der Infektion. Dabei sollte man seinen Körper unterstützen, Sport würde hier eh nicht viel bringen. Zumal man sich auch gar nicht nach Anstrengungen fühlt, das hat die Natur natürlich extra so eingeplant.

Das gilt auch für eine bakterielle Mandelentzündung! Streptokokken können sehr schnell zu Infektionen an der Herzinnenhaut oder den Herzklappen führen.

Erkältungspräparate aus der Apotheke wirken nicht/kaum gegen die Krankheitsverursacher, sondern lindern nur die Symptome! Fiebersenkende Mittel übertünchen nur die Immunreaktion. Fieber ist erst einmal produktiv! Allein Ruhe und Pause helfen dem Körper gegen die Erkrankung erfolgreich vorzugehen.

Erkrankungen mit Gliederschmerzen und starker Abgeschlagenheit sind stark warnende Symptome, wenn man vor hat Sport zu treiben. Das steigert sich nochmals enorm mit steigendem Lebensalter!

Hält man sich nicht daran, können die Erreger eines heftigeren grippalen Infektes oder eines Magen-Darm-Infektes dann auch in andere Regionen des Organismus wandern. Und da ist das Herz oftmals ein „beliebter“ Platz zum Einnisten. Von Fußballspielern, die während eines Spiels plötzlich umfallen und nicht mehr wiederbelebt werden können, hört man immer wieder. Manchmal steckt dann eben auch die fatale Kombi Sport & Infektion dahinter. Bei dem Leistungsdruck, der bei Profisportlern herrscht, ist eine Pause scheinbar unmöglich, und außerdem werden bei uns grippale Infekte immer noch als Kinderkrankheit angesehen. Nach dem Motto „Nur die Harten kommen in den Garten“ wird auf die Zähen gebissen und durch. Aber welcher Trainer will diese Verantwortung hinterher im schlimmsten Fall der Fälle sein Leben lang tragen?

Bei einer „echten Grippe“, also der Influenza gilt übrigens strenges Sportverbot! Aber das wird man in den meisten Fällen von ganz allein spüren. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal: Eine Influenza kommt schnell und heftig! Wie eine Mörderwelle, die einen von den Beinen holt. Wer da noch Sport treibt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Nach der Grippeschutzimpfung hält man sich auch besser mindesten 24 Stunden ruhig und lässt den Sport beiseite. Danach kann es ja meist munter weiter gehen.

Noch ein (sehr) allgemeiner Tipp: Man sollte seinen Ruhepuls kennen! (Einfach zu ermitteln mit einer Smartwatch. Ansonsten (nach längerer Zeit im entspannten Sitzen) den Herzschlag für eine Minute zählen. Meist liegt dieser zwischen 50 bis 80 Schläge. Menschen mit (Herz-)Erkrankungen können von der Regel stark abweichen.) Wird man krank, oder ändert sich etwas einschneidend, wird sich der Ruhepuls in den meisten Fällen verändern. Bei einem grippalen Infekt kann er sich zB. erhöhen. Nach Belastungen kann er deutlich langsamer wieder zum bekannten Normalmaß zurückfinden. Ein Warnzeichen, das man nicht unterschätzen sollte. Im Zweifelsfall mit einem Arzt darüber reden.

Kommt es zu einer Herzmuskelentzündung, braucht es mindestens drei Monate der konsequenten Schonung. Der Herzmuskel kann vernarben, das kann wiederum zu einer Leistungsschwäche des Muskels führen. Nicht lustig! Kein Sport, Fahrstuhl statt Treppe, keine körperliche Arbeit, auch im Beruf nicht! Wer will den sowas?

Danach

Wenn es nach ein paar Tagen wieder besser geht, der grippale Infekt oder die Magen-Darm-Infektion vergessen sind, können Spaziergänge an der frischen Luft helfen: Das Tageslicht regt den Körper an, und die Bewegung an der frischen Luft kann das Immunsystem stabilisieren. Prinzipiell gilt: War man eine Woche richtiggehend krank, sollte man anschließend noch eine Trainingspause von mindestens einer Woche Dauer einlegen und es dann wieder gemächlich angehen lassen. Auf ausreichend Schlaf und Flüssigkeit achten. Mit diesem Verhalten ist man auf der sicheren Seite und vermeidet unliebsame Überraschungen. Es fällt natürlich schwer mal einen Gang (oder zwei) herunterzuschalten, aber nur weil es früher öfter mal gut gegangen ist, bedeutet das nicht, dass wir unverwundbar und unsterblich sind. Die Gesundheit wird von vielen Menschen immer noch zu wenig wertgeschätzt, erst wenn es zu spät ist, erkennt man das „kostbare Gut“. Bei jeglicher Unsicherheit unbedingt den Arzt des Vertrauens fragen!

 

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(Grafik/Foto: Pixabay, Konsumkaiser    Keinerlei Sponsoring. Es handelt sich hier um allgemeine Ratschläge, die keinesfalls einen Anspruch auf Vollständigkeit haben und nicht den Gang zum Arzt ersetzen können! Bei Fragen und Unsicherheiten unbedingt einen Arzt befragen! Beratung: Kardiologie Westend Berlin, Deutsche Herzstiftung)

43 Kommentare

  1. Danke für diesen Post! Kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, werde ich gleich mal weiterleiten. Wobei… bist du denn fachlich mindestens so qualifiziert wie verschiedene Fitness/Sport-Influencer? Man(n) hört ja nicht auf irgendjemanden… *duckundweg* ;D

    Danke an Roland auch für den Hinweis auf „The Marvelous Mrs. Maisel“ – mal direkt auf die Watchlist gesetzt. Und wenn ich schon beim Rundum-Kommi bin: Arbeite seit 6 Tagen mit der aufgeschnittenen Resist-Tube von PC und da ist immer noch ein Rest drin. Unfassbar, wie viel Creme ich da in den Müll geworfen hätte. :/

    1. Wenn man mit Todesangst an einem Monotor angeschlossen liegt und neben dir ein Defi steht, dann wird man zum Megaexperten. 😉
      Besonders dieses „ach hätte ich doch nicht…“ ist besonders schlimm. Daher liegt mir das Thema auch so am (haha) Herzen. ❤️
      Liebe Grüße!
      KK

      1. Das stimmt wohl. Du hast dir deinen Expertenstatus auf die harte Tour angeeignet, 😉 Und du hast das verinnerlicht! Wenn alles gut geht, verdrängt man (auch ich) so schnell und alles gerät wieder in Vergessenheit. Bis zum nächsten „ach hätte ich doch“.

        Dieser Post (inkl. Kommentar von dir) sollte übrigens zur Pflichtlektüre der Trainer im Freizeitbereich werden. Und das meine ich ernst. :/

    2. Ich habe neulich Aox von PC durchgeschnitten, da war mindestens noch 1/4 drin. ich dann gleich – sind aber Aox und empfindlich, jetzt haben sie zu viel Luft durchs Aufschneiden erhalten. :-)))

  2. Hallo Konsumkaiser,

    ich gehöre hier zu den stillen Lesern, obwohl ich schon manches Mal versucht war, einen Kommentar abzugeben (Stichwort Marken und Produkte, die wir vermissen, bei mir das Parfüm Charles of the Ritz). Doch heute kann ich mich nicht zurückhalten. Chapeau zu Deinem Text, extrem gut verfasst. Streptokokken sind nicht zu unterschätzen, sie können nicht nur das Herz angreifen, sondern auch zu einer Entzündung der Nierenkörperchen führen, die wie auch beim Herzen schwerwiegende Folgen haben können.
    Übrigens lese auch ich Deine Beiträge beim morgendlichen Latte, so beginnt mein Tag!

    Liebe Grüße
    Beate

  3. Danke Dir auch für den Beitrag! Ich habe seit einigen Jahren wieder regelmäßig Herzrhythmusstörungen, also jeden Tag, und gelernt, (irgendwie) damit umzugehen, weil kein Facharzt eine Ursache findet. Bei heftigen Attacken steht die Todesangst sofort auf der Bühne, obwohl ich weiß, dass ich es (wahrscheinlich) überleben werde… 😉 Ich mache auch Sport und kann meine Na-los-komm-schon-stell-dich-nich-so-an-Stimme zum Schweigen bringen.

    Du sprichst eine lebenswichtige Fähigkeit an: die, auf seinen eigenen Körper zu hören.
    Ich glaube, wer dazu im Laufe seines Lebens nicht gezwungen wurde, muss sie erst erlernen.
    Und wo kann man das? Im Sportstudio…??

    1. Nein, ich denke, dass sind Fähigkeiten, die man nur aus Erfahrung lernen kann. So ein bisschen, wie der Finger und die Heiße Herdplatte. Die Eltern können dem Kind noch so sehr über die heiße Herdplatte aufklären, richtig verstehen tut es das Kind (leider) erst wenn es einmal passiert.
      Auf den eigenen Körper hören ist zum Modewort geworden, dabei wissen viele Leute nicht einmal den Unterschied zwischen Herzfrequenz und Blutdruck. Aber in der Schule ist ja auch vieles wichtiger als die Kunde über die Vorgänge im eigenen Körper.
      Und Herzrhythmusstörungen sind schlimm. Viele bemerken sie gar nicht, aber empfindsame Menschen spüren sie genau und das Leben kann dadurch stark beeinträchtigt werden. Zum Glück sind die „kleinen Stolperer“ in vielen Fällen harmlos.
      Liebe Grüße!
      KK

  4. Das ist ein ganz wichtiges Thema !
    Mein Cousin ist dadurch auch mit 38 Jahren verstorben. Er war kein Sportler aber hat auf dem Bau gearbeitet. Er ist nicht zum Arzt gegangen vor Angst gekündigt zu werden , wie sehr viele.
    Innerhalb von einem Jahr ist er verstorben , ganz grausam.

  5. Lieber KK,

    auch von mir ein großes Danke für diesen Beitrag!

    Vor 5 Jahren hatte ich nach einer verschleppten Erkältung einen fieberhaften Infekt entwickelt (wobei ich ansonsten so gut wie nie Fieber bekomme) und kam danach überhaupt nicht auf die Füße.
    Nur den sehr guten diagnostischen Fähigkeiten meiner Kardiologin habe ich es zu verdanken, dass die Herzmuskelentzündung erkannt wurde, obwohl im Ruhe-EKG nichts zu sehen war.
    Das Belastungs-EKG drei Wochen später lieferte dann schon eher Anhaltspunkte und als es mir trotz strengem Ruhegebotes nach drei Monaten immer noch nicht wesentlich besser ging, schickte man mich dann doch ins MRT und da wurde es dann sichtbar.
    Ich brauchte dann noch weitere vier Monate, unterbrochen von einem missglückten beruflichen Wiedereingliederungsversuch (weil es einfach in meiner damaligen Tätigkeit unmöglich war, nur drei oder vier Stunden täglich zu arbeiten) um mich vollständig zu erholen und es ist zum Glück auch nichts zurückgeblieben.
    Meine Herzmuskelentzündung wurde übrigens durch einen Virus ausgelöst, wie sich anhand der Blutuntersuchung herausgestellt hatte.

    Deswegen kann ich nur dick und dreifach unterstreichen, was Du geschrieben hast und warne auch alle in meinem Umfeld davor, nicht leichtfertig mit Erkältungen/ Infekten umzugehen.

    Liebe Grüße!

  6. Herzmuskelentzündung. Unerfahrener Trainer und ich zur Selbstausbeutung am Arbeitsplatz extrem geneigt. Dream Team. Wäre fast jung und hübsch gestorben. Einen guten Trainer zu finden ist leider sehr schwer. Ich würde ihn vermutlich nicht erkennen, da liegt die ganze Tragik der Geschichte…

  7. Hallo, hätte auch noch eine gruselige Geschichte, bei mir hat sich das Virus ins Rückenmark gesetzt. War zwar nicht sporteln, aber neben dem Studium krank kellnern, das ist ja manchmal genauso anstrengend wie Sport. Ich war jung und brauchte das Geld.😉 Ergebnis: Rückenmarksentzündung, Entzündung im Hirn, ein Monat Antibiotika und Cortison bis nix mehr reinging. Ein ganzes Semester krank. Aber hinterher fast wieder wie neu….

  8. Mir geht seit heute Morgen noch eine Frage durch den Kopf. Vielleicht zu persönlich? Wenn ja, antwortest du halt nicht. 😉 Wie bist du denn anschließend damit umgegangen? Selbst wenn es körperlich ausgestanden ist, zieht die Seele nicht gleich mit. Das prägt einen ja. Einerseits willst du nicht übervorsichtig sein, andererseits achtest du aber auch – bewusst oder unbewusst – auf jedes Signal. (Zumindest hatten wir das hier bei einer anderen „Geschichte“). Wie hast du da deinen goldenen Mittelweg – oder was auch immer es für dich war – gefunden?

    1. Das „danach“ ist hochkompliziert. Ein Herzinfarktpatient muss auch erst mal wieder Vertrauen zu sich und seinem vermeintlich schwachen Körper/Herzen finden. Das kann psychisch nicht leicht sein und Behandlung erfordern.
      Bei mir war es so, dass der Schock so tief saß, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte in mich hineinzuhören. Jedes kleine Signal meines Körpers wurde registriert und argwöhnisch begutachtet. Ich hatte plötzlich 10 Pulsuhren und einen mobilen Defi. Der kommt mir heute im Job immer mit!
      Irgendwann hat es sich gelegt, aber ich bin deutlich „schreckhafter“ wenn sich in/an mir was verändert. Als Jugendlicher hat man so ein Gefühl von Unsterblichkeit, dass habe ich schon lange nicht mehr. Irgendwie schade.
      Liebe Grüße!
      KK

      1. Lieber KK,
        diese Verunsicherung hast Du wirklich schön beschrieben. Wir im der klinischen Tätigkeit fragen unsere Patienten deshalb z.B. nach einem Hirninfarkt oder einer OP immer, wie es ihnen damit geht, ob es zu einer Reaktion kommt wie erhöhte Selbstbeobachtung, die Wahrnehmung von eigentlich normalen Körpersignalen als bedrohlich usw.. erlebt wird.
        Eine solche Reaktion ist anfänglich meiner Meinung nach durchaus normal. Eine existentielle oder vermeindliche existentielle Bedrohung zu erleben ist erstmal eine Grenzerfahrung und führt einen an das Limit. Oft reguliert sich das wieder von alleine, aber manchmal entwickeln Betroffene tatsächlich eine Angsterkrankung oder Panikstörung. Ich spreche so was so offen wie möglich an. Die Menschen, die das erleben, sind ja nicht verrückt, sondern haben aus verhaltenstherapeutischer Sicht eine Lernerfahrung gemacht und diese verarbeiten wir eben sehr unterschiedlich. Neben reinem Funktionstraining legen wir deshalb großen Wert auf Übungen, die das Vertrauen in den eigenen Körper und das Gefühl „ich bin wieder heil“ stärken. Ich hab es hier ja schon mal geschrieben: zwischen Befund und Befinden ist ein großer Unterschied. Es gibt Menschen, die stecken ganz schwierige Situationen und Erkrankungen weg wie eine eins und es gibt welche, die verzweifeln an eigentlich geringen Symptomen und sind völlig aus der Bahn geworfen. So wie jeder Mensch seine eigene Geschichte hat und seine eigenen Strategien ist das eben in der Krankheitsverarbeitung auch.
        Und gerade Menschen, die einen sehr gut funktionierenden Körper haben oder „der Körper ist mein Kapital“, sogar in beruflicher Hinsicht, die sind oft viel mehr erschüttert als jemand, der Krankheit schon gut kennt. Diese Menschen sind oft viel gelassener, meiner Erfahrung nach.
        Und zwei Organe sind meiner Meinung besonders dafür prädestiniert, uns im Eigenerleben an die Grenze zu führen, das Herz und das Gehirn. Besonders das Herz symbolisiert sehr viel mehr als nur „es pumpt“. Und deshalb wird eine Erkrankung in diesem Bereich als (nachvollziehbar) als besonders dramatisch und bedrohlich erlebt (wenn sie ernst genug ist, dann ist sie es ja auch).
        Viele Grüße
        Roland

        1. Ich wünsche mir viel mehr Ärzte da draußen so wie Du die so holistisch denken und Herz und Hirn besitzen. Du hörst Dich so an, dass man gerne bei Dir Patient wäre.
          Als ich nach einem Überfall, zusammengeschlagen, schweres Kopftrauma, wochenlang Krankenhaus, zu meiner ehemaligen Hausärztin kam und sagte, dass ich jetzt erst einmal Strategien erlernen muss meinen Kopf so fit zu bekommen wie mein Körper ist – da wieder hergestellt – sagte sie brutal: machen sie aber jetzt nicht auf Psycho. Als ich zwei Wochen später mit einem üblen Harninfekt zu ihr kam sagte sie ich bilde mir das ein, da ich aus Angst nicht arbeiten gehen möchte.
          Sie hat mich nicht behandelt, Harninfekt hat sich ausgebreitet – sie hat mich überzeugen können das ich meinen körperlichen Symptomen keinen Glauben schenken soll. Aus dem Krankenhaus habe ich mich zusammen mit meinen Nieren für ihre Expertise bedankt und den Arzt gewechselt.
          Ich will damit sagen, dass wir oft die Signale wahrnehmen aber gesagt bekommen von vermeintlichen Experten, wir sollen uns nicht so anstellen.
          Das wie sie mich danach behandelt hat sitzt bis heute. Ich weinte bitterlich in der Praxis, schildere was ich die vergangenen Wochen durchgemacht habe und bekam eine unerwartete Klatsche von der Person die eine tolle Gelegenheit hatte mich etwas aufzubauen. Was ich auch bitter nötig hatte.

          1. Liebe Omiba,

            jemandem, der einen solchen Überfall überlebt hat, zu sagen „machen Sie jetzt aber nicht einen auf Psycho“ ist nicht nur inkompetent sondern meiner Meinung nach ein übergriffes und nicht zu entschuldbares Fehlverhalten. Leider werden durch sechs Jahre Medizinstudium und jahrelange Ausbildung die sozialen Kompetenzen nicht verbessert und viel zu lange sind in der Ausbildung nur die harten Fakten im Hinblick auf Wissenserwerb und -abruf überprüft worden. Die sog. Softskills, die im Umgang mit Menschen unumgänglich genau wichtig sind, wurden (und werden) viel zu wenig gefördert.
            Ich verstehe schon, dass es natürlich viel anstrengender ist, sich auf das Gegenüber einzulassen und erstmal ohne Wertung zuzuhören. Hinter einem Verhalten wie das von Deiner ehemaligen Ärztin steckt nicht immer nur Inkompetenz, manchmal – und das entschuldigt das überhaupt nicht – ist es auch eine Abwehr. Wenn ich mir die PatientInnen emotional vom Leib halte, dann habe ich es einfacher. Natürlich gibt es auch Fachdisziplinen, in denen Technik und „handwerkliche“ Kunst sehr viel wichtiger sind als in den Disziplinen der sprechenden Medizin (man denke nur an Neurochirurgie). Aber in Heilberufen gibt es meiner Meinung nach neben „Technik“ eben auch noch etwas, was darüber hinaus geht. Der Kontakt, die echte Sorge und Bereitschaft, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten.
            Ich bin bei Gott nicht immer mit meinen PatientInnen einer Meinung, aber es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern wie wir gemeinsam an eine gesundheitliches Problem rangehen. Ich arbeite ja viel mit Schmerzpatienten und was die von den Behandlern zu hören bekommen, ist so unterirdisch, dass ich manchmal echt am System zweifle. Von „ich kann mir nicht vorstellen, dass das so weh tut“ bis „das bilden Sie sich alles nur ein, weil auf dem Röntgenbild sieht man nichts“. Gruselig! Leider ist es auch dem System geschuldet, dass es selbst sehr positiv gestimmten Menschen im medizinischen Bereich schwer fällt, diese Haltung auch zu leben und vor allem zu behalten.
            Ich habe das große Glück, in einem Kollegenteam zu arbeiten, im dem diese positive Haltung gegenüber den PatientInnen gelebt wird und das entlastet. Ich wüßte nicht, ob ich nicht auch ein zynisches Ar.. werden würde, wenn ich diese positiven Vorbilder nicht gehabt hätte und jeden Tag auch noch erlebe. Vielleicht hätte ich es auch gar nicht ausgehalten und würde nicht mehr als Mediziner arbeiten. Wir haben in unserem Land eine überwiegend sehr gute medizinische Versorgung und es ist keinesfalls als Kollegenbasthing zu verstehen, wenn ich mich so äußere. Es liegt auch am System und an den Zugangsregeln mit dem strengen Numerus clausus. Jemand mit einem Abi von 2,0 und hohen sozialen Kompetenzen hat ja praktisch gar keine Möglichkeit mehr, diesen Beruf zu ergreifen.
            LG
            Roland

            1. Danke lieber Roland. Ich habe im Nachgang überlegt was die Person die mich in 7 Jahren nicht ein einziges Mal krank schreiben musste bewegt hat so zu denken. Ob sie viele Simulaten hat oder es selbst im Leben hart hatte und sich und den anderen die Schwäche nicht gönnt. Mich hat das sehr getroffen, ich bin nach Hause mit Gedanken – Himmel wenn alle so drauf sind packe ich es wirklich nicht. Oder ob sie mich bis dato als Karteileiche kannte, ergo jemanden der nie krank ist und sich nicht vorstellen konnte, dass es einem „plötzlich“ so miserabel gehen kann. Ich war mit einem Arzt zusammen, er hat mir als Nachwuchs im Krankehaus vieles erzählt was an Arbeitsbedingungen – lange Schichten da Personalamangel – und der Atmosphäre richtig schlimm war. Sein Privatleben hat extrem darunter gelitten. Andererseits bin ich selbst in einer Ellenbogenbranche unterwegs und versuche trotzdem Mensch zu bleiben. Schon deshalb, damit ich ruhig schlafen kann. Leider sind die Ärzte die so arbeiten wie Du selten.

              1. Liebe Ombia,

                (k)ein Trost, dass dies kein Einzelschicksal ist (leider)? Ich bin auch so eine „Karteileiche“, die vor sechseinhalb Jahren das letzte Mal beim Arzt war (damals vom Notarzt wegen Herzinfarkt-Verdachts ins Krankenhaus eingeliefert) und davor 15 Jahre nicht.

                Derzeit bin ich wegen heftigen Dauerschwindels samt Übelkeit und Benommenheit, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel über Nacht kam und seither mein Leben massiv beeinträchtigt (fühlt sich an wie starker Rausch samt „Tunnelblick“, nur eben ohne Alkohol) seit fast sechs Wochen „out of order“. Meine Hausärztin und die Chefärztin der Krankenkasse, bei der ich wegen Krankengeldes zur Kontrolle antreten musste, behandeln mich beide, als wäre ich eine lästige Simulantin bzw. jemand, der sich lediglich vor der Arbeit drücken will. Besonders die Krankenkassenärztin war erkennbar enttäuscht, dass sie keinen eindeutigen Schlaganfall bei mir diagnostizieren konnte, beide betrachten weitere Untersuchungen bei Neurologe, Kardiologe, Augenarzt, bzw. MRT als völlig unnötig. Die CT und das Halswirbelsäulen-Röntgen waren o.k., und das reicht.

                Keine schöne Erfahrung, wenn man ohnehin richtig „angezählt“ ist und auch ein wenig eschrocken, was denn das vielleicht sein könnte. Besonders, wenn man ein sehr selbstständiges und mobiles Leben gewöhnt ist.

                ich bin gespannt, wie’s weitergeht.

                1. Liebe Ursula, ich sende dir mal aus der Ferne die besten Genesungswünsche und einen virtuellen Drücker. Halt die Ohren steif. ❤

                  LG Anna

                2. Liebe Ursula, danke für Deine Erfahrung. Stimmt, es tröstet wenig, dass es kein Einzelfall ist und man fragt sich schon was diese Ärzte bewegt so zu agieren. Bleib bitte dran.
                  Bei mir stellte sich ein Hämatom am Hinterkopf heraus, obwohl man es anfangs als reine Angststörung abgetan hat. Ich bin mehrmals bei der Arbeit umgekippt, so sieht nicht eine Angststörung aus. Und überhaupt, man hat Recht die möglichen Ursachen auszuschließen und dies zu untersuchen, letztendlich wenn man es übersieht und nicht dran bleibt kann das schlimme Folgen haben. Alles Gute liebe Ursula.

                3. Liebe Ursula, ich wünsche Dir von Herzen, dass Dir bald geholfen wird und dass es wieder aufwärts geht. Es ist so zermürbend, wenn man bei gesundheitlichen Problemen nur auf der Stelle tritt. Ich selbst hatte vor vielen Jahren einen Fahrradunfall im Urlaub, mit einigen Verletzungen, die nach vier Wochen überstanden waren. Was aber nicht weniger wurde, war der Schwindel. Sehr heftig, wie Du ja auch schreibst, wenn man ein sehr selbständiges und mobiles Leben gewöhnt ist. Meine „Rettung“ war eine Freundin, die Chefarztsekretärin in einer Klinik ist. Durch ihren Rat ging ich zum HNO Arzt, der einen Schaden am Innenohr, ausgelöst durch den Sturz ohne Helm, feststellte. Mein behandelnder Arzt war da leider wochenlang nicht draufgekommen.
                  Liebe Grüße

                4. Vielen Dank Euch Allen für die lieben Wünsche 🙂 !

                  Ich vermute, dass es für Ärzte manchmal schwierig sein dürfte, jemanden ernst zu nehmen, der äußerlich fit und unversehrt wirkt. Ich selbst hätte ja bisher auch nie gedacht, wie stark Schwindel den Alltag beeinträchtigt und belastet, wenn Selbstständigkeit und Mobilität noch dazu Voraussetzung für die berufliche Existenz sind.

                  Wäre schön, wenn der Schwindel genauso verschwinden würde, wie er gekommen ist -> „einfach so“ über Nacht ;-).

                5. Liebe Ursula,
                  ich kann Dich nur ermutigen, nicht locker zu lassen. Ein Dauerschwindel mit Benommenheit und Übelkeit MUSS abgeklärt werden. Wenn der wie ein Blitz über Dich gekommen ist, dann könnte da z.B. eine Hirnnervenbeteiligung dahinterstecken oder ein Ausfall des Gleichgewichtsorgans. Stichwort zum nachlesen wäre z.B. Neuritis vestibularis.
                  Du solltest auf eine zeitnahe HNO-Untersuchung drängen und ggf. Dich in einer neurologischen Ambulanz in einer Klinik vorstellen. Du hast ein Anrecht auf eine entsprechende Diagnostik, bei möglichem Anhalten des Schwindels gehört da selbstverständlich ggf eine entsprechende Bildgebung wie MRT des Kopfes dazu.
                  Es ist absoluter Quatsch, dass ein Röntgen des HWS und ein CT (war das Hals oder Kopf?) ausreichen. Ich weiß, dass es Betroffenen oft schwer fällt, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, aber ich möchte Dich in Anbetracht der Symptomatik dazu ermutigen. Das ist nichts, was man eben „abwartend“ beobachtet, das gehört dringlich weiterführend diagnostiziert.
                  Ich wünsche Dir eine baldige Besserung bzw. überhaupt erstmal eine zielführende Diagnose, denn erst wenn die besteht, kann man eine Behandlung empfehlen.

                  Abgesehen davon, dass es ja bisher keinen Namen gibt für Deine Beschwerden, wurden Dir denn wenigstens schwindelreduzierende Medikamente angeboten wie z.B. Arlevert ? (Abgesehen davon, dass eine solche Verordnung von Medikamenten nur symptomorientiert wäre und meines Erachtens vor einer Diagnostik überhaupt nicht erfolgen darf.. aber wenn Dich diese Ärzte quasi als nicht untersuchungsbedürftig einordnen, haben sie wenigstens was angeboten zur Linderung?)
                  Ich wünsche Dir baldige Besserung!
                  LG
                  Roland

                6. Lieber Roland,

                  ganz herzlichen Dank auch Dir für Deine Wünsche und die guten Ratschläge samt „Durchhalteparole“ ;-). HNO habe ich auf eigenes Drängen bereits erledigt, es wurde u.a. eine Cortison-Therapie wegen Verdachts auf Entzündung/Virus-Erkrankung des Gleichgewichtsorganes gemacht – null Ergebnis oder Verbesserung. Ich habe sowohl Lagerschwindel bei vielen Bewegungen, oder dem zur Seite drehen im Bett, aber auch den ganzen Tag das Gefühl, ich würde beim Gehen/Stehen zur Seite gezogen und müsste ständig hohen Seegang ausgleichen ;-). Und wie eine Seekranke an Deck auch mal leichte oder stärkere Übelkeit. Auch wenn sich unmittelbar vor mir, wenn ich stehe, etwas Großes bewegt, wie z.B. ein Zug, der gerade langsam in den Bahnhof einfährt, muss ich fast aufpassen, nicht hinzufallen, (wie wenn er mich indirekt „mitziehen“ würde, weiß nicht, wie ich das sonst beschreiben soll), so blöd das klingt. Durch das scheinbare „mehr Aufpassen müssen“ bin ich auch müder als sonst, unabhängig von dem leichten Benommenheitsgefühl.

                  Medikamente hatte mir anfangs meine Hausärztin gegen „Kreislaufbeschwerden“(!) verschrieben, da ich normal einen niedrigen Blutdruck habe (der jetzt für meine Verhältnisse hoch ist), ähnliche wie von Dir genannt (Vertirosan gegen Schwindel, Übelkeit, bzw. Reisekrankheit), die mir die Spitalsärzte (CT) aber wieder verboten und durchblutungsfördernde verschrieben haben (Betaserc). Auch die Übungen gegen evtl. Störung rund um die Ohrkristalle wurden komplett unterschiedlich vorgezeigt und die jeweils anderen kontraproduktiv genannt.

                  Huch, das wurde wieder lang, sorry Roland (und KK und alle Mitleser), ich möchte Dich hier nicht „ausnützen“! Danke für Deinen Rat und die Bestärkung, nicht locker zu lassen, ich bleib‘ dran (auch die „überflüssigen“ Termine bei Neurologe und Kardiologe sind seit Wochen vereinbart).

                  Liebe Grüße, Ursula

        2. Lieber Roland,

          danke für Deinen wunderbaren Beitrag! Deine Erlaubnis voraussetzend, werde ich ihn kopieren und meiner Tochter schicken.
          Sie wurde vor einem Jahr an zwei Herzklappen operiert und genas körperlich schnell.
          Allerdings hat sie seit letztem Sommer eine Angststörung entwickelt, die vor allem dann Auftritt, wenn sie alleine das Haus verlassen soll … gerade gestern erst überfiel sie eine auf offener Straße, so dass sie sich von ihrem Freund abholen lassen musste.
          Ich bin sehr überzeugt davon, dass dies eine Spätfolge der Grenzerfahrung ist, in der sie sich befunden hat und habe ihr gesagt, dass die Seele der Gesundung des Körpers noch hinterherhinkt…
          Sie ist zwar inzwischen in Therapie,, da deswegen auch eine berufliche Wiedereingliederung scheiterte und sie leider noch zwei andere gesundheitliche Rückschläge erleiden musste, die ihr Vertrauen in ihren Körper komplett erschüttert haben.
          Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass da eine tiefenpsychologische Therapie, bei der es auch um rationale Durchdringung geht, hilft – denn Panikattacken, das weiß ich aus eigener Erfahrung, lässt sich mit der Ratio nicht unbedingt beikommen…

          Viele Grüße,
          Claudia Regina

          1. Liebe Clauda Regina,

            natürlich kannst Du Ihr das gerne zukommen lassen. Wir kommentieren hier ja nicht nur im inneren Zirkel, von daher ist doch auch klar und auch mal erwünscht, dass hier geschriebenes, was für klug befunden wird, auch mal weitergeleitet wird. Ich leite so Blogempfehlungen wie lovelyraisin ja auch weiter. Man tauscht sich hier ja „öffentlich“ aus und deshalb natürlich, ja gerne.
            Eine Urlaubsfreundin von mir, die vor zwei Wochen auf der Durchfahrt zum Skilaufen nach Ischgl bei uns halt gemacht hat, hat eine etwas komplizierte Herzgeschichte hinter sich und überraschend noch im September einen Herzinfartk erlitten. Jedenfalls mußte sie einen Bypass machen lassen (mit offenem Brustkorb). Sie ist ein sehr fröhliches Naturell, ist positiv und trotzdem hat sie jetzt eine Panikstörung entwickelt mit von ihr nicht kontrollierbaren Angstattacken, die „raptusartig“ über sie kommen. Sie hat sich mir anvertraut und ich konnte sie erstmal entlasten, dass sie nicht überschnappt. Ich sehe da ganz eindeutig einen Zusammenhang mit der Herzoperation und der Grenzerfahrung. Das ist ein Kontrollverlust, der da erlebt wird und durch die besondere Bedeutung unseres Herzens ist das Risiko, dass das Spuren in unserem seelischem Erleben hinterläßt, erhöht.

            Ein tiefenpsychologisches Verfahren ist bei einer Angsterkrankung meines Erachtens nicht indiziert, die besten Studienlagen gibt es zur sog. kognitiven Verhaltenstherapie. Die betroffenen Menschen benötigen dringend Rüstzeug, sog. Skills, um mit den Ängsten umgehen zu können. Ich verlinke Dir mal einen guten Artikel, der einen Überblick gibt:

            http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/verhaltenstherapie-bei-angststoerungen-staerker-als-die-angst-a-1142736.html

            Deiner Tochter wünsche ich baldige gute Besserung. Die Hoffnung nicht aufgeben, eine Angsterkrankung ist weit überwiegend gut behandelbar in kompetenten Händen. Es erfordert vom Klienten ein starke Bereitschaft, sich darauf einzulassen, aber es lohnt sich!

            Viele Grüße
            Roland

          2. Ich bin mir nicht sicher was Du mit tiefenpsychologisch meinst, wenn damit die tatsächliche Psychoanalyse gemeint ist, hatten Menschen aus meiner Support-Gruppe damit schlechte Erfahrung. Sie sind dort über zwei Jahre hin ohne irgendeinen Fortschritt zu machen. Mir hat jemand mit verhaltenstherapeutischem Ansatz – kognitive Verhaltenstherapie – sehr geholfen in dem man konkret die Situationen behandelt hat die Panik auslösen. Und gezielt mit mir geübt hat wieder Bahn zu fahren, eine Haltestelle am Tag. Ich musste meine akuten Probleme lösen, da ich auf Dauer nicht täglich viele km zu Fuß zur Arbeit gehen konnte. Fast ein Jahr waren Situationen aus denen man nicht leicht flüchten kann – Bahn, Flugzeug, Aufzug etc. nicht möglich gewesen.

            1. Noch eine Stimme von Ombia für die kognitive Verhaltenstherapie. Im Hinblick auf Angsterkrankungen gilt diese Methode tatsächlich als die effektivste und sie hat auch die beste Datenlage. Vor allem befähigt sie Menschen, wieder aktiv etwas gegen die Angst zu machen. Tiefenpsychologische Verfahren haben ebenso wie andere Therapiearten in vielen Problembereichen ihre absolute Berechtigung, aber im Hinblick auf Angsterkrankungen ist die Datenlage zur Wirksamkeit absolut nicht vergleichbar.

              1. Liebe Ombia,
                lieber Roland,

                danke für Bericht und Einschätzung, ich sehe es ganz genauso und hoffe, dass meine Tochter bald eine/n solche/n Therapeut*in findet, nachdem ihr jetziger wohl schon hat erkennen lassen, dass er nicht genau weiß, wo er ansetzen soll.
                Am wichtigsten finde ich, dass sie bereit ist, etwas zu unternehmen und sich nicht damit abzufinden und darin ermutige ich sie und stehe ihr zur Seite.
                Ich denke auch, dass sie sich in Begleitung diesen angstauslösenden Situationen stellen muss – und zuerst auch herausfinden muss, woher die Angst genau kommt.

                Liebe Grüße!

                1. In meinem nächsten Umfeld ist auch so ein Fall, der hochdramatisch ablief: eine Entzündung am Herzen, die über Wochen von wirklich zahlreichen Ärzten verschiedener Fachrichtung absolut nicht gesehen wurde – dabei war eine anerkannte kardiologische Praxis, und mehrere Ärzte sahen sich die Ergebnis der bildgebenden Verfahren an, und waren sich über eine seltene Abnormität einig, die aber keinen Krankheitswert habe; einen kleinen Schlaganfall (TIA) hat man überhaupt nicht in den Zusammenhang eingeordnet – und dann ging alles ganz rasch. Hohes Fieber, Suche nach Bakterien, Notoperation, neue Klappe, über Wochen Antibiotika, und das Ganze nicht ohne Nebenwirkungen, die auch bleiben werden. Klappen halten auch nicht ewig, also werden im Laufe des Lebens wohl wieder mehrere OPs, wie es derzeit aussieht wohl eher offene, nötig werden.

                  Dieser Mann hat die Position eingenommen, dass er das Glück hatte zu überleben, dass er nicht einfach tot umgefallen ist. Er ist dem wirklich tollen Team in der Klinik unendlich dankbar, und hegt keinen Groll gegen diejenigen, die die Fehldiagnosen stellten und ihn nach Hause schickten. Mir geht es da ein wenig anders, aber ich denke doch, dass der Mann Recht hat: letztlich bleibt einem nur die Dankbarkeit und das Vergeben.

                  Wenn man aus der Angst, die aus der Bedrohung der eigenen Existenz herrührt, nicht herausfindet, ist aber sicher die Kogn. Verhaltenstherapie der effizienteste Ansatz.

                  Ein wenig Sorge um das eigene Befinden wird aber zeitlebens begründet sein: Deine Tochter, liebe Claudia Regina, betreibt doch hoffentlich Endokarditisprophylaxe beim Zahnarzt oder bei anderen Eingriffen. Wichtig ist da eine gute Beratung.

        3. Lieber Roland, ich bin eigentlich nur noch geneigt zu fragen: Wo praktizierst du? Da würde ich sogar einen Umzug in Erwägung ziehen.^^ Aber Spaß beiseite: All das, was du schreibst, klingt für mich wie ein schönes Märchen und das ist auch im Bereich der Pädiatrie so fatal. Mal wird die Psyche völlig ausgeklammert (sieh zu, wie du nach einem lebensbedrohlichen Erlebnis seelisch alleine auf die Beine kommst, da schert sich keiner drum), mal wird die Psyche überbewertet (wir hatten die Überweisung für den Kinder- u. Jugendpsychiater schon in der Hand… dabei war es ein Pneumothorax). Ich habe ja einige Zeit auf der „anderen Seite“ gearbeitet und tolle Kinderärzte kennengelernt, aber als Patientin/Mutter kann ich nur sagen: Es schockiert mich, dass es so oft einfach nur Glück (oder Unglück) ist, an wen du gerätst. Ehe ich das nächste Mal irgendeinen Arzt konsultiere, bitte ich dich, mir eine Liste von netten und vertrauenswürdigen Kollegen zu mailen. 😉

          LG Anna

          1. Hallo Anna, wie sehr konnte ich mich in Deiner letzten Zeile wiederfinden. Bis zum letzten Herbst bin ich davon ausgegangen, dass ich bei schwerer Krankheit von mir oder meinen Angehörigen ausreichend gebildet und auch reflektiert bin um auf einem guten Niveau mit Ärzten kommunizieren zu können. In einem traumatischen Erlebnis musste ich leider erfahren, dass es Ärzte gibt, die nicht mit Patienten oder Angehörigen kommunizieren wollen oder können, und das überleben oder die verbleibende Lebenszeit unmittelbar davon abhängt, an wen man gerät oder in welcher Stadt man lebt. Gute Krankenhaus-Ärzte zieht es in gute Häuser mit guten Teams – eigentlich ganz einfach. Würde ich sicher auch so machen. Schade das man das nicht so einfach nachschlagen kann. @ Roland – wo praktizierst Du nochmal?
            😉 – ich zieh dann mit Anna um😀

            1. Liebe Manu, ich hätte ebenfalls nie damit gerechnet, dass es mancherorts so zugeht. Makaber ist, dass ich gelernte Kinderarzthelferin bin. Da geriet einiges ins Wanken… also im metaphorischen Sinne und tatsächlich. Und im Erwachsenenbereich ist es (hier) nicht besser – und die Kommentare tragen nicht dazu bei, meine Meinung zu revidieren. :/ Ich bin gespannt, ob Roland uns verrät, wo er praktiziert. Möglicherweise ist ein Umzug tatsächlich eine Option. Man wird ja nicht jünger.^^^

              LG Anna

              1. Na hallo Ihr, ich halte es eher ein bißchen wie der KK, mag mich nicht so sehr in den Vordergrund drängen. Deshalb nur soviel: ich bin im Süden des Landes zuhause und arbeite in einer neurologischen Abteilung einer Klinik mit Gott sei Dank sehr gutem Ruf – im Hinblick auf die teilweise atemberaubend schnellen Veränderungen in der Branche erwähne ich das nur deshalb, weil mir das eine relative Planungssicherheit gibt.
                Ich bin also nicht in einer Praxis tätig, tut mir leid 🙂 – Der Umzugswagen muß also leider noch warten! Ich habe mir lange überlegt, ob es sich lohnt in die Niederlassung zu gehen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich mitbekommen habe, dass das bedeutet, in sehr kurzer Zeit sehr viel PatientInnen an einem Tag zu sehen und neben den medizinischen Aspekten immer mehr die rein ökonomischen zu sehen (oder auch sehen zu müssen). Darauf habe ich keine Lust, auch wenn das Arbeiten als angestellter Arzt ja auch Nachteile hat wie Auseinandersetzung mit Verwaltung usw… aber dafür genieße ich den Luxus, für die Menschen, die ich betreue, wirklich recht viel Zeit zu haben und es ist einfach total erfüllend, für die, wie ich finde sehr gute Arbeit, die bei uns geleistet wird, auch eine entsprechende Anerkennung zu bekommen. Finde es ist nichts dabei, wenn man als im Gesundheitssystem arbeitender Mensch auch zugibt, dass es neben der monetären Belohnung ja auch etwas gibt, was wir auf sehr persönlicher Ebene zurückbekommen.
                LG
                Roland

          2. Liebe Anna,

            das Schlimme an der ganzen Misere im Gesundheitssystem ist auch, dass vieles einfach mit strukturbedingt verursacht ist. Sprechende Medizin wird viel schlechter bezahlt als apparative Diagnostik, Supervision und Anleitung von jungen KollegInnen findet weniger statt, die Verwaltungen haben das Regiment übernommen und der größte Fehler war, das Gesundheitssystem zu privatisieren. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir in hier im Land ein sehr hohes Niveau an medizinischer Versorgung haben aber leider ist es so stark davon abhängig, wem man da begegnet und das ist die Crux an der Sache.
            Viele meiner KollegInnen in den Praxen sind unendlich frustriert und gerade neulich habe ich eine gute Bekannte von mir getroffen, die jetzt mit 58 ihre Praxis als Gynäkologin aufgibt, weil sie auf den ganzen Mist keine Lust mehr hat. Die ist mit Leib und Seele eine gute Ärztin aber immer mehr mit dem Verwaltungsirrsinn und Vorschriften kollidiert.
            Es gibt sie immer noch, die guten Mediziner und grandios gute Kliniken und Behandler mit großen Erfolgen und diese negativen Erfahrungen sollen uns nicht davon abhalten, das auch zu sehen. Aber es halt nicht alles toll und manches einfach ganz furchtbar schlecht. Mein Chef sagt immer, das System muß vermutlich erst an die Wand fahren, bevor wir verstehen, was da passiert. Ich mag da nicht so pessimistisch sein…
            LG
            Roland

  9. Hallo lieber KK,
    Danke für den tollen und umfassendem Artikel. Wenn man den mit Hirn und Vernunft gelesen hat, dann braucht man eigentlich keinen Arzt des Vertrauens mehr (ne, keine Sorge, ich weiß schon was Du damit meinst), der kann einem auch nicht mehr erzählen.
    Ja, leider unterschätzen ganz viele den möglichen negativen Einfluss von körperlicher Belastung bei einem Infekt. Ich hatte schon mal einen Patienten nach Herztransplantation, der war nicht mal dreissig. Der Weg zum totalen Herzversagen ging los mit einer Endokarditis nach Infekt und dann folgenschweren Komplikationen. War übrigens Marathonläufern und hat ohne Rücksichtnahme trainiert, weil der Trainer vom Lauftreff ihm gesagt hat, so ein bisschen Infekt macht nichts.. klar kamen da noch andere Faktoren zusammen, aber schon echt hart. Der war bei mir in der Klinik, weil er im Rahmen der Herzgeschichte auch noch einen Schlaganfall hatte.. bei allem Pech hat der leider gleich zweimal hier gerufen…
    Auch Claudia Reginas Geschichte zeigt eindrücklich, wie so was im schlimmsten Fall enden kann. Insofern nochmals danke auch für diese persönlichen Schilderungen!
    LG
    Roland

  10. so einen Bericht hätte ich mir in meiner aktiven Zeit gewünscht …

    ach was … wahrscheinlich hätte ich trotzdem immer weiter gemacht …

    man(n) war halt BLÖD …

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