LIFESTYLE: EUROPA GACKERT! VON CHICKEN DANCE UND EINER NEUEN ERNSTHAFTIGKEIT

Israel hat den ESC 2018 wie erwartet gewonnen. Deutschland landet auf einem erstaunlichen vierten Platz, und Österreich auf dem dritten Siegertreppchen (Schade, ich wäre so gerne im nächsten Jahr nach Wien gefahren). Platz zwei geht übrigens an eine Haare werfende Über-Sexbombe, die sich gegen Flammenwerfer und Tänzerinnen mit noch längeren Extensions durchsetzen musste. Und dann waren da noch die Einhörner, die Sensiblen und die ernsteren Töne. Eine schöne Veranstaltung, wie ich finde, mit auffallend wenig Geschmacksverirrungen…

 

Ein vereinender und versöhnlicher Abend

Bei allem, was man im Einzelnen über die Qualität der musikalischen Darbietungen denken mag –  man erlebte einen Abend, der in beglückender Weise von den gerade sehr selten gewordenen Gefühlen des Respekts und des Miteinanders getragen war.

Der Grand Prix wurde dereinst gegründet um die (sich noch irgendwie fremden) Europäer miteinander bekannt zu machen. Ein Beschnuppern auf musikalische Art. Wie ich finde, eine sehr weise Entscheidung. Und gerade jetzt, in Zeiten von Alleingängen und Abspaltungen so mancher Staaten in Europa, war der Abend ein wichtiges Zeichen dafür, dass wir auf einem Kontinent ZUSAMMEN leben und nicht jeder auf seinem eigenen Planeten.

Deshalb ist der Gewinn der Israelin auch ein Appell an die Vernunft: Wir alle sind Menschen und unser Ziel ist das Streben nach Glück, Liebe und Zufriedenheit – Sprache, Aussehen und Reichtum sind doch nebensächlich.

„Danke, dass heute Abend Anderssein respektiert und gewählt wurde!“ stammelte die Chicken-Dance Königin von Europa Netta noch in die Mikros, als sie freudentaumelnd ihren Preis entgegennahm. Und auch wenn ich ihren Song mittelprächtig fand, so gebe ich ihr da voll und ganz recht.

Eine neue Zeit für den ESC

Salvador Sobral hatte im letzten Jahr für eine kleine Kehrtwende im ESC Einerlei gesorgt: Er zeigte, dass es keine Flammenwerfer und trommelnden Amazonen in Paillettenreizwäsche braucht um die Menschen in Stimmung zu versetzen. Die Aura der Stunde war damals die Sehnsucht nach etwas Berührendem, und der Zauber wirkte auch in diesem Jahr noch nach.

Ausdruck dieses Geistes war auch das gesamte Setting dieser Veranstaltung: Keine riesige Videowall sondern nur strategisch platzierte Lichteffekte.

Viele Acts sangen in Landessprache, was ich ausgesprochen schön fand. Englisch als Gesangssprache wegzulassen führte zum Glück nicht zu dörflicher Ethnodumpfheit, sondern eher zu einem fruchtbaren Crossover-Effekt.

Um noch einmal auf Herrn Sobral zurück zu kommen: Nach seiner Herztransplantation sah er jetzt geradezu blendend aus! Vorbei der „Feivel, der Mauswanderer-Look“ – geblieben ist Nerd mit ein paar gesunden Kilos mehr auf den Rippen. Natürlich immer noch etwas verschroben und leicht hilfesuchend schauend, sein Markenzeichen.

Auf dieser Welle schwamm auch der deutsche Beitrag von Michael Schulte. Sensibel und etwas verloren auf der großen Bühne, mit roten Locken und sanfter Stimme. Fast schon ernst kann man seinen Beitrag betiteln, und auch andere Künstler zeigten mit ihren Auftritten meist keine beifallsheischende Betroffenheitsnummer, sondern lebensnahe Gefühlsmosaike der derzeitigen Stimmungslage von uns allen (zB. Frankreich und Italien).

Die etwas schrägen Momente…

Natüürlich gab es wieder die unvermeidliche Windmaschine, im Fall der Wikinger von Rasmussen eine Schneesturmmaschine, und ein paar Gimmicks: Der Schwede Benjamin Ingrosso stampfte tanzte eine Justin Timberlake Choreo von 2007 auf einer „riesigen Sonnenbank“ (Peter Urban), und Mélovin aus der Ukraine entstieg doch tatsächlich wie Dracula persönlich einem als Flügel verkleideten Sarg!

Ok, beim Ukrainer brannte dann auch noch die Treppe unterm Klavier, sorry Flügel. Beim Auftritt der Zypriotin fast sie selbst, so heizten die Flammenwerfer und ihre Aufgeregtheit ihr ein, und Estlands Sopranistin trug eine als Kleid getarnte Leinwand, auf die ziemlich feucht aussehende Wasserstrudel projiziert wurden. Juijuijui….wer da nicht mal dringend zum Klo musste, dem zerdepperten die (unglaublich) hohen Töne das Eierlikörglas.

Geschmacklich leicht schräg war auch der ziemlich gestrige Unicorn-Haartrend. Ganz wie bei „My little Pony“ trugen zahlreiche Sängerinnen (und Tänzer!) das Haupthaar in einem seltsamen blass-Pink, das sonst nur den etwas moppeligen Fabelwesen mit dem Horn vorbehalten ist.

So auch die englische Sängerin SuRie, die unglaublich stark an Annie Lennox erinnert. Stimme und Aussehen sind so frappierend ähnlich, man könnte sie für die jüngere Schwester der Eurythmics Sängerin halten. (Ok, bei Schummerlicht und Straßenlärm)

War SuRie nach einem kurzen Zwischenfall mit einem durchgeknallten Störenfried schnell wieder im Thema und biss sich besonders motiviert durch ihren Song, der zu diesem Vorfall fast schon passte („Through this storm, ohoh…“), wirkten andere Künstlerinnen und Künstler ein wenig, als wollten sie dringend mal in den Arm genommen werden. Selbst der Bart des knüppelharten Wikinger Rasmussen zitterte im Schneesturm auf der Bühne besonders sensibel und verletzlich. Ganz so als wollte er uns seine geheimsten gekränkten Gefühle offenbaren. Oh no, Wikingerentzauberung!

Und die Sängerin aus Litauen sang gleich mal so tränenerstickt, dass sie am Ende des Liedes der eigene Ehemann von der Bühne kratzen führen musste. Natürlich völlig un-einstudiert…nicht.

Ach, anders war es. Schön war es. Und wohltuend unperfekt.

Und so war eigentlich auch der gesamte Abend überraschend kurzweilig. Mit vielen unglaublich facettenreichen Gesangsdarbietungen, und einer klein wenig unperfekten Produktion. Die vier Moderatorinnen verhaspelten sich auch schon mal, und der Securityfirma des ESC ist wohl bereits gekündigt worden. Aber nach Veranstaltungen mit teurem (und doch so billig wirkendem) Protz wie in Moskau dereinst, herrschte in Lissabon fast schon familiäre Gemütlichkeit.

Und wer sich immer noch (!) über die mangelnde Qualität der Beiträge beim ESC echauffiert, hat einfach nicht verstanden, dass es um das „gemütliche Beisammensein“ in Europa geht. Ein klein bisschen Konkurrenz darf auch sein, aber musikalischer Geschmack ist nun mal streng wissenschaftlich nicht wirklich einzuordnen. Und mal ganz ehrlich: Sitzt Du, lieber Kritiker, auch jeden Abend grundsätzlich nur mit Anzug und Krawatte am Tisch und diskutierst Adorno mit deiner Familie? Ja? Mein Beileid!

 

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(Foto: Wiki Commons    Keinerlei Sponsoring)

 

 

17 Kommentare

  1. Guten Morgen, danke für deinen tollen Bericht.
    Beim Lesen sind Kindheitserinnerungen wieder hoch gekommen, meine Familie hat immer gemeinsam den Grand Prix geschaut.

    Mir hat es damals gut gefallen, dass alle in der Landessprache singen mussten.

    Vielleicht schaue ich es mir nächstes Jahr doch noch mal an. :)

  2. Guten Morgen. Ich wollte den ESC eigentlich gar nicht sehen und habe wegen meines Mann eingeschaltet. Es war ein schöner Abend und ich hatte gar nicht erwartet, das ich Spaß haben könnte :-) die Veranstaltung war ungewohnt locker, die Darbietungen viel besser als ich erwartet hatte und bei der Punktevergabe jubelte mein Mann wie beim Fußball. Israel hat IMHO zurecht gewonnen und ich fand die Dame sehr erfrischend anders. Schön war es!

  3. Guten Morgen,
    eine brilliante Zusammenfassung des ESC!
    Ich fand ihn dieses Jahr sehr gut. Es waren wirklich ganz gute Lieder dabei. Besonders das Lied aus Frankheit hat mir sehr gut gefallen, schade, dass es nicht gewonnen hat. Aber ich gönne Israel den Sieg. Das Lied ist nicht schlecht und die Sängerin ist originell.

    Lg
    Eva

  4. Ich fand den ESC dieses Jahr ebenfalls schön. Keine Zopfpeitsche, eine bunte, gute Mischung verschiedener Musikrichtungen und Stile. Nicht jedes Lied fand ich gut, das muss ich ja auch nicht, aber durch die Bank fühlte ich mich gut unterhalten. So sollte es eigentlich sein und ich wünsche mir, dass es in Zukunft auch so bleiben wird.

  5. Ich muss gestehen ich hab nur an Anfang kurz reingeschaut und dann wieder zur Punktevergabe (mache ich die letzten Jahre immer so). Hab mich aber für Israel gefreut, weil ich es als friedliches Zeichen empfunden habe (ihr versteht bestimmt was ich meine). War positiv überrascht über Deutschlands 4. Platz, schade dass das Treppchen so knapp verfehlt wurde. Und es war toll Daniela Ruah zu sehen. Hatte das vorher gar nicht mitbekommen.

  6. Ich fand es auch sehr gelungen, die Musik deutlicher im Vordergrund als in den vergangenen Jahren. Weniger Windmaschine, Trommler, Butterstampferinnen, Glitzerkleider, irre Derwische …. fast schon „zu“ normal ;-)

  7. Superschön zusammengefasst. Ich fand es auch total unterhaltsam und hatte ein wohliges Gefühl bei der Veranstaltung.
    Mir gefiel auch ganz besonders der Beitrag aus Dänemark.

  8. Ich habe noch ganz viele songs im Ohr und werde mir diesmal die ganze ESC Compilation ertsmals runterladen. Wie du sagtest: Facettenreich!! So muss es bleiben, dann schaue ich wieder regelmäßig.
    Und über Deutschlands abschneiden habe ich mich gefreut, aber unser Ösibeitrag war besser. 😉

  9. Ich finde es gut, dass du nochmals darauf hinweist, dass der esc ja auch die Gemeinschaft in Europa stärken soll. Leider sehen viele das wohl als bierernsten Konkurrenzkampf. Das neue Wertungssystem scheint die Nationenwertung etwas einzudämmen.
    Mir hat‘s gefallen.

    1. Weil man unter Erwachsenen Menschen schlauer ist, als auf dem Schulhof. „Du darfst nicht mitmachen“ ist kindisch, je mehr desto besser. Und lieber gemeinsam um ein Lied streiten als einen Krieg führen, meinst du nicht auch?
      Viele Grüße, KK

  10. Ich konnte es leider nicht sehen, da auf einer Geburtstagsparty eingeladen…. da wurde der Fernseher erst zur Punktevergabe eingeschaltet :-)
    Ich hab mir dann die die Hälfte der Titel in Netz angehört und muss sagen, mein Favorit wäre Italien gewesen. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern ich fand das Lied extrem cool, hat irgendwie einen guten Drive…… das landet auf meiner Playlist….

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