PODCAST: EINE KONZILIANTE ANALYSE UND APPROXIMATION AN DAS LYRISCHE GESANGSWERK „HOW IT IS (WAP BAP)“ DER SELFMARKETING-IKONE BIANCA HEINICKE (vlg. BIBI)

Oh, Deutschland! Oh, Europa! Erblicke und staune! Die Ikone der „Neuen Medien“ Bibi Blocksberg Bianca Heinicke bekehrt uns alle zur Lyrik, denn ihrem hypnotisch-anheimelnden und doch so grotesk-aufrüttelnden Chanson kann man sich nicht entziehen. Die Stimulation der Synapsen ist hier gleich der Dodekaphonie der Wiener Schule. Eine bescheidene Analyse und Annäherung an das Werk der Inhaberin des Lehrstuhls für Selfmarketing und Pickpocketing (- for Teenagers) der University of YouTube.

ACHTUNG: DAUER ca. 6 Minuten (vong Sprache her)

 

 

 

 

Einleitung

Wir schauen hier auf das Werk der Bianca Heinicke (vulgo: „Bibi“), die mit ihrem Erstlingswerk „How it is (Wap Bap)“ erstaunlich erfrischend und offen ihren jugendlich-überbordenden Gefühlen eine starke Stimme verleiht. In dem Werk versucht ein lyrisches Ich mit den Unwegsamkeiten des Lebens, und mit der damit verbundenen Tristesse, fertig zu werden – und final Frieden zu schließen. Geradezu bewunderungswürdig durchläuft das lyrische Ich eine Katharsis, entfacht durch die unerträgliche Dichte des eigenen Alltags. Am Ende stehen Fragen, aber auch Antworten.

 

Hauptteil

Der Liedtext gliedert sich in den vielen schrecklichen Vorkommnissen, die das lyrische Ich durchleben muss. Auch wenn hier nur eine Momentaufnahme seziert und beleuchtet wird, so ahnt man doch, dass das große Ganze in beängstigender Fülle auf die besagte Person – und auch auf uns – hernieder fallen wird.

„It’s late at night, I go to bed
But I can’t get no rest. My boyfriend quit, I’m almost dead. I’ll have to do my best.“

Bereits in der ersten Strophe deutet das lyrische Ich an, dass es „beinahe tot“ sei. Eine Steigerung ist kaum noch möglich und lässt die unerträgliche Stimmung bereits erahnen. Diese wird aber partiell und temporär durch den finalen Satz (frei: „Ich muss das Beste draus machen“) entmachtet. Somit wird ebenfalls in diesem ersten Segment deutlich: Optimismus ist hier das Instrument der Befreiung und des Loslösens, ja geradezu die entmaterialisierende Entstofflichung, bevor „das Böse, Schlechte, Ungute“ unser (mittlerweile schon liebgewonnenes) lyrisches Ich berühren kann.

Dieses destruktive, wie erbauende Konzept wird beibehalten und auf die Spitze getrieben:

„I’m up and down, I feel so fat, I ain’t got no more fizz. Don’t even get to keep the cat, But that’s just how it is.“

Diese entwaffnende Ehrlichkeit nimmt man dem lyrischen Ich sofort ab, wenn man weiß, dass das wohlgewählte Wort „fat“ (frei: „dick“) im Jargon der Jugendlichen den Klimax des „Schlimmstmöglichen“ darstellt. Es gibt dazu keine Hebung, keine Steigerungsform mehr, es ist das unbeschreibliche und unendliche Böse. Das mag dann auch der Kausalnexus sein, den wir hier mit der doppelten Verneinung „I ain´t got no more fizz“ nur zu deutlich vorgesetzt bekommen. Rüde und rau, aber auch mit einer verletzlichen Zerbrechlichkeit, die die Katze eindringlich symbolisiert.

Doch auch hier wird uns die unerträgliche Last von den Schultern genommen, denn das lyrische Ich befreit uns geradezu von der Erbsünde mit einer einfachen aber effektvollen Relativierung, die diesmal noch durch das Wort „just“ (frei: „einfach“) intensiviert wird: But that’s just how it is.“

Immer versucht Heinicke die dichte Stimmung beizubehalten, und sie bedient sich dabei einfacher – jedoch hocheffektiver – sprachlicher Mittel. Das lyrische Ich agiert ständig im Präsenz, es gibt weder einen Blick zurück noch voraus. Der Leser wird sofort gefangen gehalten von dem intensiven Sog der englischsprachigen Simplizität und der unaufdringlichen Primitivität des lyrischen Ichs. Ein geradezu genialer Schachzug der Dichterin, die mit dem Stilmittel des „scheinbar inhaltlosen und unerträglichen Kreuzreims“ eine kaskadenartige Anhäufung von Aversion und Antipathie erzeugt, die zwingend notwendig ist, will man auch nur annähernd den hochverdichteten Refrain des Werkes erschließen:

„I sing:
Wap-bap, ba-da-di-da-da
Wap-bap, ba-da-di-da-da
Wap-bap, ba-da-di-da-da-da
Everybody sing:
Wap-bap, ba-da-di-da-da
Wap-bap, ba-da-di-da-da
Wap-bap, ba-da-da-da-da-da“

Wenn man nun die stilisierte und nahezu unverständliche englische Kunstausprache der vortragenden Dichterin, sowie die dazugehörige Aneinanderreihung der scheinbar belanglosen und geradezu kafkaesken Tonfolgen mit der Aussage dieses Refrains antizipiert, wird man der Leidfähigkeit des lyrischen Ichs unmittelbar gewahr. Melodie und textlicher Inhalt sind so unglaublich beängstigend und penetrierend, dass sie sogar einem Säugling den Schlaf zu rauben vermögen.

Die harmlose Einfalt symbolisiert hier eine pandemische Angst vor der zerebralen Einsamkeit. Das lyrische ich, und ich wage mich hier in dunkle Gewässer: auch die Dichterin selbst, sind von dieser Angst befallen, wenn nicht sogar bereits unwiederbringlich infiziert. Heinicke lässt offen, ob sie sich traditionell vom lyrischen Ich distanziert, oder ob sie eine Identitätenteilung als heilende Offenbarung in Kauf nimmt.

 

Wertung

Das Werk der Bianca Heinicke ist wahrlich als dichtgepackte Kurzprosa zu bezeichnen und verdient deshalb auch ein tieferes Eindringen in den Subtext ihrer Verse. Ihre Geschichte, sowie die sprachlichen und melodiösen Mittel (4/4 Takt und schlafförderndes 73 bpm Tempo), weisen mit vielen kleinen versteckten Hinweisen darauf hin, dass man sich nicht blenden lassen sollte, von dem, was man sieht, was als das Offensichtliche erscheint. Nicht auf eine Sensation zu hoffen ist unausweichlich, auch wenn die obere Stube mehr als leer erscheint. Unüberlegtes Handeln wirkt sich häufig negativ auf weitere Aktionen aus, hier ist Überlegen und Nachdenken häufig besser, also die Überwindung des Vakuums im Zerebrum. Und wenn nichts so ist wie es scheint, muss die Ignoranz dessen was uns blenden will die einzig wahre Essenz aus diesem leidvollen Werk sein, die wir in uns alle strömen lassen sollten.

 

 

 

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(Nachtrag: Text und Musik von „How it is (blah blubb)“ stammen von SAM SOMMER (Autor von Kinderliedern) und DAVE KNIGHT. Foto: Warner Music / Keinerlei Sponsoring)

 

13 Kommentare

  1. Oh Jeh jetzt hab ich mir dieses Lied anhören müssen, war ja klar ne. Und das Montag in der Früh.
    Danke für die erklärenden Worte, mir hätte sich die Komplexität der Tiefgründigkeit dieses Werkes unglücklicherweise nicht erschlossen.
    hier einen entsetzt guckenden Emoji vorstellen!
    Schönen Montag, liebe Grüße Tina

    1. Respekt an alle, die es schaffen, sich dieses „Lied“ ganz anzuhören. Ich gehöre – schäm – leider nicht dazu, mir war schlecht. Ziemlich genau an dem Punkt, als der „Gesang“ begann…. nicht mal die 1,5 Mio Dislikes konnten meine Übelkeit abmildern, denn als meine Augen 22 Mio Aufrufe sahen (!) musste ich leider sofort kotzen.
      So wäre auch mir ohne den KK die Komplexität der Tiefgründigkeit (Danke Tina für diese schöne Formulierung) glatt entgangen !

  2. Oh je, ich dachte, dass man dieses „Gesangswerk“ ganz schnell für immer und ewig aus der Erinnerungsschublade löschen kann. Aber aufgrund dieser brillant geschriebenen Rezension, deren Genialität an das „gesangliche“ Machwerk einfach verschwendet ist, wird einem die Existenz dieser Vokal-Lyrik-Folter wahrscheinlich doch im Gedächtnis bleiben 😦

    Danke für den tollen Text, besser kann ein Montag nicht beginnen 🙂

  3. Böse, böse, böse. Beides. Post u. Song. Vom Unterhaltungswert her spielen (für mich) beide allerdings in einer völlig anderen Liga. Kindergartenkickertruppe gegen 1. Bundesliga. 😉

    Komme allerdings nicht umhin, die „Inhaberin des Lehrstuhls für Selfmarketing und Pickpocketing“ (genial formuliert!) ein wenig darum zu beneiden, dass sie eben die Inhaberin dieses Lehrstuhls ist. Bei der würde ich gerne mal einen Online-Chrashkurs belegen und schon hätte sie sich eine weitere Zielgruppe erschlossen. 😎

  4. Hahaha 😂😂
    Ich lach mich kringelig!
    Nun habe endlich auch ich das musikalische Meisterwerk verstanden.
    Vielen herzlichen Dank für die Erheiterung zum Wochenbeginn!
    Liebe Grüße,
    Saskia

  5. Wahnsinn, ich fühl mich in die Schulzeit zurückversetzt, als wir auch zu jedem Zeugs eine Interpretation schreiben mussten. Manchmal habe ich so getan, als verstünde ich voll um was es geht. Aber meist fand ich die zu interpretierenden Gedichte und Prosa einfach nur doof. 😉
    Heute sieht es etwas anders aus, aber deine Analyse gewinnt die Meisterschaft. Herrlich!

  6. Das nuttige Outfit in Kombination mit dem infantilen Refrain sucht echt seinesgleichen. Ich bin echt böse auf Dich, dass ich das anklicken musste 😉

  7. Schon bitter oder? Habe gestern im TV eine Klickrate von dem Wunderwerk gesehen – Bad News ar good news – oder in diesem Fall: Schlecht bewertet ist trotzdem bare Klick-Münze :D!! Was zählt ist die Kohle die das Mädel mit der ganzen Werbung reinfährt. Laut geneigter Regenbogen-Presse in 3 Tagen ca. 50.000 Euro – krass oder?

    Ganz liebe Grüße aus der EDELFABRIK Chrissie

  8. Für das „Werk“ fehlte mir leider das Durchhaltevermögen. Deine aufschlussreiche und facettenreiche Interpretation hat mir den Zugang zu solch hoher Kunst dennoch erleichtert.
    Mit anderen Worten: Ich habe mich kaputt gelacht über Deine Formulierungen und das bei fast jedem Satz. Ein großartiger Text!

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