SPORT: FASZIENTRAINING * HOT ODER HUMBUG?

Die Freiszeitsportindustrie lebt von Modetrends. Genau wie in anderen Bereichen, in denen konsumiert wird, braucht es auch im Sport immer wieder (scheinbar) neue Trends, die die (kaufkräftigen) Sportwilligen bei der Stange halten. Momentan kommt man kaum an den ollen Rollen vorbei, auf denen Menschen hin und her rutschen, um sich gesünder und leistungsfähiger zu fühlen. Aber ist Faszientraining wirklich gut, oder doch nur ein abgezirkelter Modetrend für die Unwissenden…?

KK Faszienrolle

Was sind Faszien und was ist Faszientraining?

Faszientraining ist eine traumhafte Wortschöpfung, die einfach wichtig und wissenschaftlich klingt. Nennen wir es ab sofort nur noch Bindegewebstraining, sofort wäre der ganze Glanz und Zauber verweht. Leider ist es aber so: Faszientraining ist ein Bindegewebstraining. Und da denkt man eigentlich sofort an unschöne Dellen und Cellulite, nicht wahr? Somit erklärt sich auch die Wortschöpfung, die uns denken lässt, es mit etwas völlig Neuem zu tun zu haben.

Das Bindegewebe (das Fasziennetz) ist ein Netz aus Fasern, welches sich durch den ganzen Körper spannt. Es hält unsere Muskeln und Organe an ihrem Platz und verleiht Stabilität. Weil es beweglich und flexibel ist, wirkt es wie ein Stoßdämpfer. Gleichzeitig wird es möglich federnde und geschmeidige Bewegungen auszuführen.

Das Fasziennetz ist aus übereinanderliegenden Schichten aufgebaut, die aneinander entlang gleiten können. Wer nicht genug oder falsch trainiert, riskiert, dass die Schichten verkleben oder verdicken. Die Beweglichkeit nimmt ab. Im Alter verhärten die Faszien meist zusätzlich.

Dieses Netz ist der Anatomie bereits seit über hundert Jahren bekannt, aber erst in letzter Zeit kann man mit tiefergehenden bildgebenden Verfahren (zB. „Elastografie“) genauere Schlüsse ziehen.

 

Hot oder Humbug?

Faszientraining polarisiert. Man findet die Hater und man findet Menschen, die darauf schwören. Wie immer liegt die Wahrheit wohl in der Mitte!

Alleiniges Training des Fasziennetzes, womöglich noch auf spezielle (zB schmerzende) Bereiche beschränkt, ist dumm und nicht zuträglich. Es bedarf IMMER eines ganzheitlichen Trainings, um auch wirklich alle positiven Wirkungen erzielen zu können (gilt genauso für einseitiges Krafttraining!). Das bedeutet, ohne eine Kräftigung der Muskulatur kommt man auch beim Faszientraining nicht aus – und umgekehrt.

Gut zu wissen ist: Menschen, die ein breites Sportprogramm absolvieren, mit Kraft- und Ausdauertraining, Dehnung und auch vielen federnden und dynamisch-wippenden Ganzkörperbewegungen, brauchen kein „Faszientraining“. Sie machen es bereits!

Es braucht auch nicht zwingend die berühmte Rolle, um Effekte zu erzielen. Eine simple aber (angepasst) harte Massage hat bessere und tiefere Erfolge auf die „Verklebungen“ aufzuweisen als das Marketingliebchen „Faszienrolle“. Es ist so ein bisschen wie mit den Nordic Walking Stöcken: Keiner braucht sie wirklich, und meist schaden sie, weil falsch eingesetzt. Aber es sieht wichtig aus und unterstreicht das Neue, das Moderne, an diesem eigentlich simplen Training.

Man muss ganz klar sagen: Faszientraining alleine ist Humbug! Unser Körper funktioniert als ganzes System, und nicht nur als Faszie! Zusätzlich zu einem guten und abwechslungsreichen Trainingsplan (egal in welcher Sportart man zuhause ist) ist es aber durchaus auch sinnvoll. Man wird sich besser gedehnt und agiler fühlen. 

Und wer öfter mal etwas dazutun will: Seilchenspringen mit vielen Variationen (1er Schlag, Zwischenhüpfen, Kreuzen, usw) ist da besonders zu empfehlen! Dann noch dynamisches Dehnen der Muskulatur! Nicht ruckartig, sondern sanft federnd und mit dezenter Steigerung von Schwung und Bewegungsumfang.

Einschub: Bei vorgelegtem Oberkörper, zB. wenn er nach vorne hängt und die Arme durch die Beine schwingen: IMMER den Rump (Bauch) gut und bewusst anspannen. Immer!

 

Aufpassen!

Mittlerweile lässt sich mit dem Trend viel Geld verdienen, und auch viele unseriöse Angebote schießen aus dem Boden. Video-Trainings auf YouTube werden oftmals von unausgebildeten Menschen angeleitet, die womöglich nicht einmal richtig wissen, was sie da gerade tun. Es ist immer so im Sport, und auch im Freizeitsport: Die Verletzungsgefahr ist IMMER da. Und Langzeitschäden, zB. bei vorgeschädigter Wirbelsäule, sind nicht sofort spürbar und nicht vorauszusehen.

In verschiedenen Studien haben Forscher versucht, positive Wirkungen zB. der Rollenmassage auf die sportliche Leistung nachzuweisen, bisher ohne Erfolg. In den USA untersuchten Wissenschaftler an 26 Studenten unter anderem ihre Sprungkraft. Die Teilnehmer, die vorher „gerollt“ hatten, waren nach dem Training zwar weniger erschöpft, doch ihre athletische Leistung hatte sich nicht verbessert. In einer kanadischen Studie massierten sich die Studienteilnehmer vor und nach Kraftübungseinheiten mit der Rolle. Die Forscher maßen die Muskelkraft im unteren Rücken und im hinteren Oberschenkel – durch die Massage veränderte sich nichts.

Man sollte also nicht zu viel Hoffnung auf vermeintlich neue Trainingsformen setzen. Trotzdem ist das alles besser als passiv auf der Couch sitzen zu bleiben!!

 

 

(Es handelt sich bei diesem Artikel um keine Anleitung, sondern um Informationen allgemeiner Art. Es ist für die meisten Menschen unerlässlich, sich vor Beginn eines Sportprogramms eine gute und fundierte Anleitung zu suchen, und im Zweifelsfall den Arzt zu befragen! Das gilt besonders bei bestehenden Vorerkrankungen!)

 

(Foto: Konsumkaiser, alltherightmoves   Keinerlei Sponsoring!)

6 Kommentare

  1. Sehr interessant. Danke! Am Faszientraining/Faszienyoga kommt man ja derzeit kaum vorbei und irgendwie frage ich mich, warum das erst jetzt „das große Ding“ ist. Und es ist, wie du sagst: Es (in meinem Fall Faszien- od. YinYoga) reicht alleine nicht aus. Faszienrolle steht hier selbstverständlich auch. *g* Wenn der Rücken arg verspannt ist, dann hilft die wunderbar. Sache ist nur die: Wenn ich mich regelmäßig bewege (Yoga und anderes), dann bin ich nicht verspannt und so steht die Rolle in der Ecke. 😉

    LG Anna

  2. Ich habe diese black roles gar nicht mit faszientraining in Verbindung gebracht. Mein Mann rollt da im zuge einer selbstmassage gerne drauf herum. Und hat auf geschäftsreisenauch eine mit im Koffer. Ich stimme dir aber zu konstantes aber abwechslungsreiches Training mag mein Körper am liebsten.
    LG Sunny

  3. Hallo Herr Kollege 😊

    spannend was Du schreibst… auch in „unserem“ Sport blühen seit ca. 1 Jahr diese Rollen… jeder „wichtige“ Mensch kommt mit Rolle unter dem Arm in die Halle & rollt sich nach dem Training durch die Halle 😁

    Vor Jahren waren es die Terra Bänder… benutzt heute kein Mensch mehr… bedauerlich auch das Seil springen ist irgendwie aus der Mode gekommen.

    Ich selber bin seit Jahren hauptsächlich choreographisch unterwegs, darum bemühe ich mich sportwissenschaftlich nicht mehr mit solchen Dingen – bin eher in der beobachtenden Rolle… und finde es teils witzig… zumal ALLE Bundeskader-Läufer/innen sowieso mind. 2/Woche Massage erhalten.

    Ich werde Deinen Artikel per Whatsapp an Kollegen rumsenden… mal schauen welche Resonanz ich erhalte 😊

    A propos Rollen… einen kleinen Trick für Menschen die viel stehen müssen, Füsse schmerzen, Sehnen an Fußsohle bereits verkürzt sind…
    Ich stehe fast jeden Tag 10 h oder mehr in diesen Schlittschuhen (= „Verpackung“, da Abrollbewegung nicht möglich)…
    Kleines Mini-Fläschchen unter die Fußsohle, mit Körpergewicht drauf stellen, hin & her rollen… hilft & entspannt wirklich die Füsse! 👍

    GRUSS
    der hydro

    1. Erste Reaktionen:
      „Was erwartest Du, wenn die gesamte Deutsche Fussballmannschaft nun täglich im TV rollend zu sehen ist!“ 😅
      Wie wahr !!!

      Nun wissenschaftlich:
      Dr. Robert Schleip,
      Humanbiologe am Uniklinikum Ulm & Mit-Initiator des ersten Faszien Kongresses im Jahr 2007 schreibt in einem unlängst verfassten Artikel in einer Fachzeitschrift:
      „Wir beackern noch Neuland“
      (habe leider nur Foto des Artikels erhalten)

      Ich bin mal so frei und reiße nur Thesen an:

      Neuland in Forschung… erst seit ca 6 Jahren gibt es erste Ergebnisse… man braucht aber noch ein paar Jahre, um sich sicher zu sein!

      Mit Sicherheit weiß man bereits,
      dass trainierte Faszien elastischer & reißfester sind!
      Untrainierte werden spröde & verkleben.
      Straffe Körperform geht verloren, Faszien sind weniger leistungsfähig & verletzungsanfälliger.

      Faszien benötigen zusätzliche eigene muskelunabhängige Impulse – obwohl Muskel- & Faszientraining Hand-in Hand gehen.

      Es geht um eine ordentliche Stimulation zur Anregung von neuem elastischem Kollagen.
      2 mal wöchentlich, jeweils 10 min., sind vollkommen ausreichend.
      Mehr sollte gar nicht sein!
      Nach einer Stimulation bildet der Körper innerhalb der nächsten 72h neues Kollagen.

      Anmerkung:
      ROLFING ist bekanntlich seit Jahren anerkannte Therapie.
      Myofacial Release ist die kleine Schwester des Rolfings.

  4. Huhu ich nehme die Rolle ganz gerne um mich wieder einzurenken. Durch meine Skoliose habe ich da immer wieder Probleme ersetzt keine Physiotherapie aber für zwischendurch ist das Ding echt gut.

  5. Ich hab auch eine Rolle, weil ich ab und zu mal morgens aufwache und durch vermutlich falsche Lage oder Durchzug etwas bewegungseingeschränkt bin. Paar mal drauf hin und her rollen und ich bin voll einsatzfähig. Was genau man damit eigentlich macht, hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung von. 😀

    Aber wenn du von federnden und dynamisch wippenden Bewegungen sprichst, klingt es ganz so, als wäre Trampolinspringen eine super Sache für das Bindegewebe? Das habe ich persönlich ja immer etwas belächelt. ^^

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