GLOSSE: HYGIENEKONZEPT FÜR DEN WEIHNACHTSMANN

„Alle Jahre wieder“. Ein komisches Gefühl, in die kommende Adventszeit zu starten, und wäre es nicht so ernst, könnte man womöglich über so manch absurde Auswüchse in diesem Jahr lachen. Könnte?

 

 

 

Ehrlich gesagt fiele mir eine Art Zwangsquarantäne zu Weihnachten in diesem Jahr nicht schwer. Mein üblicher „Weihnachtsfahrplan“ ist von der Realität über den Haufen geworfen worden, Treffen mit der Familie sind bereits jetzt aus den bekannten Gründen abgesagt worden. Zu viel Risikogruppe, eine Superspreader-Party unterm Mistelzweig sparen wir uns.

Und da das alles nicht gerade die Vorfreude auf Weihnachten anfeuert, könnte ich mir auch eine Art Winterschlaf vorstellen, der bis zum Auftauchen der ersten Strahlen der Frühlingssonne dauern könnte. Augen zu und schnarch…

Ich befürchte aber, dass durch die momentane Stückwerk-Navigation durch die Krise hindurch viele Menschen eine „Jetzt-erst-recht-Haltung“ an den Tag legen.

Der Harmoniepegel soll ab der Adventszeit bei den Deutschen ja besonders hoch sein. Ich bezweifle das: Ein glückliches Weihnachtsfest steht uns doch zu, oder? „Wenn man sonst schon nichts hat…“ höre ich allerorts. „Das wird das schrecklichste Weihnachten der deutschen Nachkriegsgeschichte“ meint sogar öffentlich Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

Absurd, das schrecklichste Fest war Weihnachten 1979, als mich der gemeine Weihnachtsmann wohl ärgern wollte, und ich keine Carrera-Rennbahn mit Looping unterm Weihnachtsbaum fand, sondern einen schrecklichen Frottee-Schlafanzug, samt samtenen Paulchen-Panther-Aufnäher darauf.

Enttäuschung scheint in diesem Jahr also auch vorprogrammiert zu sein, aber wir sind doch erwachsene Menschen, kann die Vernunft nicht über das innerliche „Mit-dem-Fuß-aufstampfen“ triumphieren? Macht zu Weihnachten wirklich jeder was er/sie will, dann geht der Lockdown wohl noch bis April.

Die Bundesregierung ist derweil fein raus. „Wenn es unbedingt sein muss, dann feiert ruhig bin ins neue Jahr hinein“ ist ja die Essenz, die hinter dem Hickhack der neuesten Vorgaben aus Berlin steht, die von den Ländern natürlich flugs wieder bis zur Unwirksamkeit umgedichtet werden.

 

Aber gut, da müssen wir nun alle durch, sollte es so kommen, wie ich befürchte. Die entsprechenden Infektionszahlen sprechen eine deutliche Sprache. Eine Impfung noch vor Weihnachten? Illusorisch. Vor-Weihnachtsquarantäne? Da bin ich äusserst skeptisch.

Aber wie sähe denn so eine Weihnachtsparty unter Corona-Bedingungen auch aus? Himmel! Der Baum mit bunten Masken vollgehängt, und oben auf der Spitze erstrahlt eine güldene Corona. Oops.

Aufgepasst auch bei der sonstigen weihnachtlichen Dekoration: Ein Mistelzweig im Türrahmen könnte für traditionelle Küssereien sorgen, die momentan doch tunlichst zu vermeiden sind (siehe „Knuddelcontenance“). Virenlambada ist streng verboten!

 

Gegenüber liegen die Nachbarn mit Ferngläsern im Fenster und beobachten argwöhnisch die Eingangstür. Wehe es kommt nur eine Person mehr rein als erlaubt. Da sind Polizei und Ordnungsamt schneller gerufen, als Donald Trumps Haarpracht von Mirinda-Orange zu Zausel-Grau wechselt.

Wenn man es sich dann gerade im kleinen Kreis einigermaßen gemütlich vor dem Raclette gemacht hat, muss auch schon wieder Stoßgelüftet werden. Der Wind fegt durch die festlich geschmückten Räumlichkeiten, bläst erst einmal drei Kerzen aus, die vierte steckt den Adventskranz in Brand, und die eben noch strahlende Corona fällt von der Weihnachtsbaumspitze in den blubbernden Schmelzkäse.

Ach, besser so. Seit Lockdown Nummer Eins kommt ja eh pro Woche ein Stücken Arterienverkalkung und ein Gürtelschnallenloch mehr hinzu. Da kann etwas Verzicht nicht schaden.

 

Bei Familien mit kleinen Kindern sieht es auch nicht besser aus. In diesem Jahr werden die Geschenke womöglich nicht persönlich von diesem Herrn Weihnachtsmann vorbeigebracht, der eine so unheimliche Ähnlichkeit mit Onkel Paul besitzt. Der hat nämlich bestimmt kein Hygienekonzept vorzuweisen, oder gab es jemals einen dieser Rentierzüchter mit ner Pulle Desinfektionsmittel auf dem Buckel zu beobachten? Ähm, mal abgesehen von Glühwein, Whiskey oder Wodka.

Die Maske ist ja auch unbrauchbar bei diesem Rauschebart darunter. Geradezu eine Virenschleuder, der alte Knacker. Möge der bloß am Nordpol bleiben. Und sollte er doch erscheinen und seine Mund-Nasen-Abdeckung vergessen, wird er zum Arschtrittmagneten par excellence. Ein trauriger Abstieg, fast wie bei Löw.

 

Wenn die ausgedünnte Feier 2020 dann vorbei ist, der Heilige Abend nur noch heilig, dann fallen alle mit Sicherheit völlig geschockt ins Bett, denn so ungewohnt ausgeruht war man zu Weihnachten noch nie zuvor. Kein übermäßiger Koch-Stress, keine angebrannten Köstlichkeiten. Kein Gast, der am Esstisch plötzlich den Gastrokritiker raushängen lässt und gute Kochtipps für eine knusprigere Gans im nächsten Jahr gibt.

Keine Schnittwunden vom scharfen Weihnachtspapier. Kein Hörschaden, weil die kleine Cousine ein Schlagzeug geschenkt bekam, das von der Stiftung Warentest als „gemeingefährlich“ eingestuft wurde. Keine Krämpfe in der Gesichtsmuskulatur wegen des tapferen Hochhaltens der Mundwinkel den ganzen Abend über. Und: Keine Blockflötenvorführung von kleinen, höchst unmusikalischen „Wunderkindern“.

Ach, Weihnachten ist doch in Wirklichkeit am schönsten, wenn es wieder vorbei ist. Ganz im Gegensatz zum Urlaub. Oder hat jemand schonmal, wenn der ganze ach so heilige Kram vorüber ist, jemals für sich gedacht „Hach, könnte ich doch noch drei Tage Weihnachten dranhängen“?

Klingt wie der Grinch? Quatsch. Einfach nur im kleinsten Kreis (machen zwei Personen schon einen Kreis?) ein bisschen Ruhe und Besinnlichkeit genießen, das kann auch mal eine schöne Art des Weihnachtsfestes sein.

 

 

Schönen 1. Advent!

.

 

 

(Foto: Konsumkaiser.  Keinerlei Sponsoring)

 

 


3 Gedanken zu “GLOSSE: HYGIENEKONZEPT FÜR DEN WEIHNACHTSMANN

  1. Danke , für die morgendliche geistig erfrischende Zugabe!
    Bei uns ist auch alles abgesagt.Momentan hat unser Enkel Corona und ist in häuslicher Quarantäne.Es wird sehr ruhig sein, an den Festtagen. Ist für uns o.k. Kein Bedarf nach Rudeltreffen. Irgendwann wird es besser sein.
    Ich wünsche Allen einen schönen ersten Advent
    Sibylle

  2. Ich muss gestehen, dass ich zu der wohl sehr seltenen Spezies gehöre, für die sich außer durch Masken und geschlossene Fitnessstudios nicht wirklich viel geändert hat. Zum Glück habe ich einen Job, der mich nichts davon spüren lässt. Da bin ich sehr froh darüber, weil man ja sieht, dass es bei vielen anderen ganz anders aussieht.
    Und da wir eh immer nur im sehr kleinen Familienkreis Weihnachten feiern, wird sich daran auch dieses Jahr nichts ändern. Ich freue mich also auf Weihnachten. Und ganz ehrlich, ich denke jedes Jahr am 26.12., dass es gerne noch ein paar Tage so weitergehen könnte. Ich muss aber auch dazu sagen, dass der Alltag vorher kaum das Aufkommen von weihnachtlicher Stimmung zulässt und die bei mir dann frühstens morgens am 24.12. eintritt. Da ergibt sich dann dieses Jahr aber doch eine Änderung. Sonst begebe ich mich gerne noch einmal in die Innenstadt und beobachte in aller Ruhe das hektische Treiben. Das werde ich dieses Jahr aber nicht machen. Die Shoppingmalls im Lande sind mir dann trotz aller Maßnahmen ein zu unsicheres Pflaster.
    Ich wünsche einen schönen ersten Advent!

  3. Einen schönen ersten Advent wünsche ich!

    Diese Weihnachten und auch Silvester werden bei uns so ruhig wie es seit Frühjahr war. Wir reisen zu keiner Feier an, empfangen auch keine Gäste, sondern versenden Päckchen und handgeschriebene Briefe wie sonst auch. Essen gehen wir natürlich auch nicht wie sonst am zweiten Weihnachtsfeiertag, geplant ist auch schon alles, die Zutaten zum Kochen sind auch schon da und heute wird das Haus von oben bis unten weihnachtlich 🎄 geschmückt. Den Weihnachtsmarkt stellen wir im Garten ☃️ nach, mit Fackeln 🔥 und kleiner Bar und leiser Musik, die Zutaten für den guten Glühwein sind auch schon da (wo kriege ich nur den Senf her, mit dem ich den Bartisch beschmieren muss, damit alles echt wirkt? 😉) Die Silvesterplanungen sind noch etwas mosaikartig – die Steine sind da, sie müssen noch irgendwie in einer Reihenfolge gesetzt werden – der Champagner ist fest eingeplant. So wie ich die Nachbarn kenne, fällt das Feuerwerk💥bestimmt nicht aus! So lange sie nicht in die alten Fichten 🌲 hineinschießen, kann man damit leben.

    Jetzt hoffe ich nur, dass in der Zwischenzeit niemand aus dem Haushalt noch zum Arzt muss oder gar eine Quarantäne fällig wird. 🙀

    Onkel Paul? War das nicht Onkel Karl? Meint zumindest Onkel Helge B. aus Berlin. 🤣

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