LIFESTYLE: BEGEGNUNG MIT SICH SELBST * WIE UNS ALTE TAGEBÜCHER AUF REISEN SCHICKEN

Beim Wühlen sind mir ein paar alte Tagebücher und Notizblocks mit Stimmungsschnappchüssen von vor über 30 Jahren in die Hände gefallen. Mit einem Glas Wein und einigen Stunden Ruhe, hatte ich eine vergnügliche und denkenswerte Konfrontation mit meinem „Ich“ aus den 80er und 90er Jahren…

 

 

Ach ja, ich bin ziemlich anfällig für nostalgische Episoden. Egal ob ich mir eine uralte CD aus den 80er Jahren anhöre, einen schlechten Film mit Madonna schaue („Susan, verzweifelt gesucht“), oder in vergilbten Tagebüchern meiner Kindheit und Jugend blättere, immer ist es eine Reise zurück in die Vergangenheit, die so schön ist, manchmal auch alte Wunden aufreisst, die aber immer versöhnlich endet, weil ich mir stets sagen kann, dass ich eigentlich nichts an meinem Weg bis heute ändern würde.

Sicherlich, wir haben alle schon mal die falsche Abzweigung genommen, vielleicht sind wir gestrauchelt, haben Bedenken oder bereuen Dinge, aber ich habe für mich das feste Gefühl, dass alles seinen Sinn macht. Eigentlich ein sehr schönes Gefühl, das ich mit großer Dankbarkeit bei einem dieser nostalgischen Reisen an mir entdeckte. Und auch letztens, mit all diesen lustigen Tagebucheinträgen über Schule, Freunde, Erlebnisse, Ärgernisse und erste zaghafte Verliebtheit, war es wieder einmal schön mit meiner früheren Version Kontakt aufzunehmen.

Ein längst vergessenes Tagebuch aus den frühen 80er Jahren, sowie eine besonders umfangreiche Ausgabe aus den 90ern fielen mir in die Hände, und das Treffen mit mir war äusserst unterhaltsam. Ich konnte mich so gut wie an alles erinnern, jede beschriebene Situation kam mir bekannt vor. Es dauerte nicht lange, und der Film in meinem Kopf lief in Cinemascope und Dolby Surround auf vollen Touren.

Ein Effekt, den die Kids von heute höchstwahrscheinlich so nicht mehr erleben werden, denn die dokumentieren ihr Leben ja in Echtzeit durch die zahlreichen Aufnahmefunktionen ihres Handys. Ich glaube nicht, dass das unbedingt immer von Vorteil ist, denn die Verklärung unseres Gehirns ist sehr gnädig. Grob gesagt: Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, verändert das Gehirn Kleinigkeiten, oftmals zum (für uns) Positiven.

Videos und Fotos spiegeln aber immer und ausnahmslos die harte Realität. Einerseits finde ich es schade, dass es sowas zu meiner Jugend in diesem Umfang noch nicht gab. Andererseits möchte ich nicht auf den Gedankenfilm verzichten, der automatisch startet, wenn mein Gehirn durch Stimuli wie zB. ein Tagebuch oder Musik animiert wird.

In meinen Tagebüchern und Blocks stosse ich auf eine wilde Sammlung der unterschiedlichsten Dine, irgendwie konnte ich Kleinkram früher nicht wegwerfen. Egal ob alte Rechnungen, Kassenzettel, Flugtickets oder Zuckerstücke aus dem legendären Café Kranzler, alles finde ich in meinen Büchern wieder. Sogar mein erstes (und einziges) Sparbuch war noch dabei. Ein Sparbuch! Weiß noch jemand, was das ist?

 

Man wandert durch seinen eigenen Kopf, nur eben zu der Zeit, als dieser noch irgendwie anders war. Naiver, aber auch lebensfroher. Irgendwie angestaubt, aber ich erkenne mich überall wieder. Manchmal kann ich über mich auch nur noch den Kopf schütteln, aber gleichzeitig muss ich laut lachen, denn ich weiß genau, dass sich mein damaliges Ich jetzt wahrscheinlich vehement verteidigen würde. Ja, ich verstehe dich…immer noch!

Und dann finden sich doch noch so einige Dinge, von denen man dachte, man würde sie nie vergessen. Niemals. Plötzlich sind sie wieder da, und manchmal fühle ich mich wie vom Blitz getroffen. Ja, stimmt, so war das. Wie konnte ich das nur vergessen? Wie schön, dass diese Erinnerungsstücke da sind.

Wie schön, sich selbst in der Zukunft (also jetzt) zuzuhören, und wenn ich ganz besonders sentimental geworden bin, winke ich meinem damaligen Ich einmal kurz zu: „Mach dir keine Sorgen, es wird schon alles irgendwie gut.“

 

 

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(Fotos: Konsumkaiser   Keinerlei Sponsoring)

7 Kommentare

  1. Ach, wie schön! Und ja, sehr schade, dass die Kids von heute das später nicht so erleben können wie wir (ich habe auch so eine Sammlung).
    LG, Irene

  2. Ähmm…ich oute mich als Sparbuchbesitzer auf dem ich immer noch einzahle. Ich glaube, ich bin ein Dino….😊😉
    Liebe Grüße, Claudia

  3. Ja, diese Erinnerungen sind toll! Ich konnte auch nichts wegwerfen: Tagebücher, gesammelte Post mit meinem ersten Freund und eben auch Fotos/ Tickets etc in Fotoalben, die bei mir eher ausgedehnte Tagebücher sind. Alles in Kisten auf dem Speicher.

    Klasse war es jetzt, als wir (leider) unser Elternhaus ausräumen mussten und dort den gesamten Briefwechsel meiner Eltern seit Beginn ihrer Beziehung bis zur Hochzeit fanden. Immerhin 8 Jahre von etwa dem 17. Lebensjahr an! Auch Briefwechsel meines Vaters mit der Familie in den 4 Jahren, als er gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester, auf Langeoog im Heim war, Tagebücher meiner Mutter, Zeugnisse etc.

    Die ganzen Super-8-Filme, die mein Vater in meiner Kindheit gemacht hat, habe ich alle auf DVD gesichert, weil das eben auch eine Erinnerung ist. Meine Brüder und ich haben die dann teilweise gemeinsam geschaut (mit meinen Nichten und Neffen). Das war ein Gaudi!! Und es zeigte, wie unterschiedlich wir die gleichen Begebenheiten abgespeichert hatten.

    Ach, wie schön das ist!

  4. Ich finde es schon sehr schade, dass meine Eltern so gut wie gar nicht fotografiert haben. In Kindergarten und Schule war immer jemand dabei, der Fotos und auch Videos gemacht hat, die dann weitergegeben wurden (die Videos auf Super 8 und VHS habe ich mittlerweile digitalisiert), aber privat gibt es leider so gut wie gar nichts. Z. B. gibt es nur 2 verschwommene Bilder von mir mit meiner Oma, die mit einer alten Polaroid aufgenommen wurden, die hüte ich wie meinen Augapfel. Und ich würde viel dafür geben, noch einmal auf einem Video ihre Stimme hören zu können…
    Ansonsten bin ich auch ziemlich altmodisch was das anbelangt. Ich fotografiere zwar schon sehr lange digital, mache dann aber immer noch gedruckte Alben daraus, mit Eintrittskarten, Flyern etc.

  5. Die wohlwollenden, verständnis- und liebevollen, fürsorglichen, fast zärtlichen Gefühle, die Du Deinem jüngeren Ich entgegenbringst, kenne ich auch, wenn ich auf meines blicke. So, als wär ich seine große Schwester oder eine mütterliche Freundin… Was hatte ich in jungen Jahren für Sehnsucht in den Knochen! Dieser innere Sog, ausgerichtet auf das Intensive — und alles schwarz oder weiß… 😉

    Inzwischen: Grautöne, nicht nur im Haar. Ehrlich gesagt, würde ich jetzt gern kurz mit meinem Ich in der Zukunft reden und mir einen solchen „Keine Sorge“-Rat abholen. Manche glauben, die lineare Zeit sei eine Illusion und alles geschehe „gleichzeitig“. Für die Begegnung mit seinem zukünftigen Ich gibt es geführte Meditationen. Hab aber noch keine gemacht.

    Und ja: die 80er und 90er sind wirklich nicht zu toppen. :-)))
    Wir hatten Glück.

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