TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT: FREUDE UND FREIHEIT

Wichtig für die meisten Menschen ist heute das Ausschlafen des Rausches vom Vorabend. Warum sonst hat man denn frei? Geschichte ist lange her, und wir müssen nicht zur Arbeit. Alles super. Wieso, weshalb, warum ist Nebensache. „Ist heute nicht der Tag, als die Bundesrepublik Deutschland die DDR geschluckt hat?“ Ja, so emotionslos kann man es auch ausdrücken, doch ich möchte das ein wenig mit Gefühl versehen. Mit meinem persönlichen Empfinden zu diesem speziellen Tag.

Die DDR, ein grauer Nebel für uns im Westen

Ost und West, es gibt sie noch, diese Unterscheidung. Vor 29 Jahren bedeutete für mich DDR ein grauer Nebel, aus dem lustig sprechende Menschen kamen, die ebenso lustige Klamotten und Frisuren trugen, und die wie Zombies auf der Suche nach Südfrüchten waren. Schaut man sich das heute an, waren wir damals wiedervereinigter als wir alle dachten, denn wir sahen 1989 ALLE ziemlich bekloppt aus. Überhaupt: Was kümmert das Aussehen? Und bis heute kenne ich nicht alle exotischen Früchte, die da manchmal höchst stachelig in der Supermarktauslage gekauft werden möchten.

Aber sag das mal einem schnöseligen 20-Jährigen, der mit dem Erwachsenwerden schon genug zu tun hat.

Irgendwie ist es gut gegangen, auch wenn ständig das Gegenteil behauptet wird. Auch wenn immer noch in den Köpfen Trennwände und Vorurteile bestehen…sie bröckeln. Langsam wie eine alte marode Mauer, aber es bröselt. Und das macht mir Hoffnung.

 

Stolz sein auf die friedliche Macht des Volkes

Als die DDR verschwand, hatten viele Menschen das Gefühl urplötzlich ein Stück Vergangenheit, ja Heimat verloren zu haben. Im Westen Deutschlands herrschte die Meinung vor, dass sich die ehemaligen DDR-Bürger glücklich schätzen sollten, nun frei zu sein. In Wirklichkeit meinte man aber: „Seid froh, dass ihr nun überall Bananen bekommt!“

Für die meisten Leute war der Gedanke der Freiheit aber wichtiger als Konsum und Reisen zu können. Die ständige Angst anecken zu können und dann selbst, und die ganze Familie, die rücksichtslose Macht des Staates DDR spüren zu bekommen, war hart und nervenaufreibend. Nicht für alle, aber eben für viel zu viele Menschen.

Was sich seit langer Zeit auseinandergelebt hatte, kam dann doch friedlich wieder zusammen, und dieser Prozess arbeitet heute noch. Darauf können wir in ganz Deutschland mehr als stolz sein. Stolz auf die friedliche Macht des Volkes. Stolz auf die verdiente Freude über die Wiedervereinigung.

Was hätte kurz vor dem Umbruch alles passieren können? Was hätte nach der Vereinigung der Staaten alles passieren können? Und doch, es ist friedlich geschehen. Ja, ich wiederhole mich: Darauf kann man stolz sein.

 

Große Herzen

Heute, 29 Jahre später, kann ich sagen, dass ich froh über die Wiedervereinigung bin. Die meisten Menschen aus dem ehemaligen Osten, die ich bis heute kennengelernt habe, sind für mich eine Bereicherung. Sie sind offen, neugierig und zeigen, wie schnell sie mit neuen Situationen zurecht kommen. Aber am meisten ist mir bei allen das große Herz aufgefallen! Buchstäbliche Herzlichkeit, kein loses Wort, sondern eine wundervolle Lebenseinstellung, die ich berührend und nachahmenswert fand.

Ich habe Menschen kennengelernt, die ohne böse Hintergedanken auskommen. So wie sie etwas sagen, meinen sie es auch. Leider führte das damals auch zu den Auswüchsen, wie zB. die üble Immobiliennummer und nutzloseste Versicherungen, die den gutgläubigen Menschen angedreht wurden. Aber ich wehre mich auch gegen die Behauptung, alle „Ossis“ stünden dem braunen Gedankengut nahe. Da geht in dieser Richtung viel schief im Osten Deutschlands, aber das gleiche Problem haben wir doch im Westen unserer Bundesrepublik auch.

Man darf dieses Problem niemandem in die Schuhe schieben! Es ist unser aller Problem.

 

Ode an die Freiheit

Am Weihnachtstag 1989 dirigierte der Amerikaner Leonard Bernstein im Ost-Berliner Schauspielhaus Beethovens 9. Sinfonie. An dem berühmten Finalsatz „Ode an die Freude“ nahm er dabei eine Textänderung vor: Aus „Freude“ machte er „Freiheit“. Und so kam es zur „Ode an die Freiheit“

Der Klangkörper wurde zum Symbolträger der historischen Situation: Bernstein hatte die Symphoniker des Bayerischen Rundfunks mit Orchestermusikern aus Paris, London, New York und Leningrad erweitert – mit Musikern also aus Ländern der alliierten Kriegsmächte gegen Hitler-Deutschland.

Leonard Bernstein wurde wegen dieser Änderung von „Freude“ in „Freiheit“ auch angegriffen. Aber gerade Beethoven, verteidigte er sich, hätte die Eroberung der Freiheit in diesem Augenblick hervorgehoben, die Textaktualisierung gewiss anerkannt.

Ich sehe das ähnlich und ergänze, dass egal in welcher Version, der „Götterfunke“ wird unserer speziellen Situation gerecht. Mauern in den Köpfen und Schwarzmalerei – verschwindet! Egal ob Freude oder Freiheit, BEIDES ist mit das Wichtigste das wir besitzen und bewahren müssen.

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(Foto: Pixabay   Keinerlei Sponsoring)

6 Kommentare

  1. Danke! Irgendwie ergreifend und würdig formuliert. Und heutzutage fast schon mutig, denn ansonsten wird alles um die Wiedervereinigung schlecht geredet.

  2. Lieber KK! Ich fühle mich so ein bisschen ertappt. Ich dachte früher auch „die sollen froh sein in Freiheit leben zu können, was jammern die so viel“
    Aber eigentlich hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, dass sie doch die größeren Opfer bringen mussten. Wenn ich mir vorstellen, was wir hier für ein Geschrei um unsere geliebte DMark gemacht haben, als der Euro eingeführt wurde…
    Ein sehr liebevoller Post von einem Menschenfreund.

  3. Kleiner Einspruch Euer Ehren!
    Aber auch Zuspruch, denn „Freude und Freiheit, ist mit das Wichtigste, das wir besitzen und bewahren müssen“, das kann ich voll und ganz unterschreiben.
    Aber ich kann im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung auch nicht in irgendeiner Weise stolz sein. Auch nicht „auf die friedliche Macht des Volkes“. Stolz kann ich als Individuum doch nur auf eine eigene Leistung.Aber ich habe mich damals sehr für die Menschen in der DDR gefreut und diejenigen, die sich mutig eingesetzt haben, auch bewundert.
    Aber Stolz?.Ein weites Feld!
    Für mich hat das so ein Geschmäckle von Patriotismus und da reagiere ich allergisch.
    Ich bin im deutsch-französischen Grenzgebiet aufgewachsen und lebe heute überwiegend in Frankreich. Der dortige Chauvinismus ist dort bei Vielen penetrant, der 14. Juli und der dann allerorten schamlos propagierte Nationalismus einfach nur peinlich (“ La grande Nation….“).
    Nein, ich kann und will nicht stolz sein auf Deutschland oder darauf, eine Deutsche zu sein. Ich liebe die deutsche Sprache und Literatur. Ein Leben ohne Beethoven, Bach, Schubert & Co wäre für mich kaum denkbar. Ich verehre Kant, Nietzsche, Hegel , Schopenhauer & Co, aber ich bin nicht stolz auf deren Leistungen. Aber ich verehre auch Voltaire, Descartes und Montaigne.
    Es gibt sehr unsympathische Franzosen und es gibt dort wunderbare herzliche und gastfreundliche Menschen. Und ich habe auch schon angenehme Sachsen kennangelernt, obwohl sie natürlich den Saarländern nicht das Wasser reichen können…dieser kleine Scherz sei einer Saarländerin an diesem deutschen Nationalfeiertag gestattet.
    Es lebe die Freiheit und die Freude!

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