LIFESTYLE: TYPISCH YOUTUBE – ANGELA MERKEL IN DER DAUERWERBESENDUNG

Wahlkampf ist angesagt. Da durften nun ein paar YouTuber Angela Merkel „hart und investigativ“ befragen. Und was macht Mutti? Die nutzte die Zeit geschickt für eine Dauerwerbesendung mit äusserst fadem Beigeschmack. Stellt sich nur die Frage, ist unsere Jugend nun wirklich so doof, hat die politische Kaste tatsächlich vor, alle jungen Leute endgültig zu vergraulen, oder ist das nur ein ganz gewiefter PR Schachzug? 

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt…

10 Minuten! 10 Minuten pro YouTuber. Da kann man die Kanzlerin schon ganz schön in die Mangel nehmen, oder? 5 Minuten fürs Eingangsgeplänkel („hach, bin ich aufgeregt“), und danach geht es ans Eingemachte. Flüchtlinge, Dieselskandal, Krieg und Frieden, mehr Geld und Pizza für alle? Der Wahlkampf führt die unkaputtbare CDU Ikone Angela Merkel in die heiligen Hallen der Jugend: Zu YouTube.

Gemeinsam haben die vier ausgewählten YouTuber rund drei Millionen Abonnenten, vor allem in der sehr jungen (und begehrten) Zielgruppe der Millennials. Alexander „AlexiBexi“ Böhm macht normalerweise Technik-Videos. Ischtar Isik macht auf Mode- und Makeup-Schiene. Mirko „MrWissen2go“ Drotschmann produziert Erklärbär-Videos zu Geschichts- und Politikthemen und soll ausgebildeter Journalist sein. Lisa „ItsColeslaw“ Sophie hat einen MischMasch-Lifestyleblog und studiert Politikwissenschaften und Psychologie. Sie soll ebenfalls als Journalistin tätig sein.

Politik den Menschen näher bringen. Und die Jugend so: …Gähn!

Politik den Menschen näher bringen ist eine gute Sache. Jungen Leuten den öden Kram schmackhaft zu machen, ist aber wohl so gut wie aussichtslos. Besonders, wenn man das dermaßen stümperhaft angeht, wie die CDU mit ihrer Resident-YouTuberin, der lieben MC Merkel.

Zugute halten muss man denen allerdings, dass sie es wenigstens tun. Die politischen Mitbewerber scheinen in den „neuen Medien“ (O-Ton Merkel noch vor geraumer Zeit) ja keine Zukunft zu sehen. Da wartet man erstmal ab und druckt lieber munter Wahlplakate.

Erst Nutella, dann Flüchtlinge

Aber zurück zu Mutti und dem unbestechlichen Frage-Quartett. Gerade noch über Nutella, Crop Tops und Lidschatten sinniert, jetzt schon bei Kita-Ausbau und Türkei-Beziehungen.

Hui, da offenbart sich mal wieder die geradezu unheimliche Professionalität Merkels. Die Frau, die sonst eigentlich immer als ein wenig linkisch und gefühlskalt gilt, sendet hier ihre Antworten wie Botschaften in die YouTube-Welt hinaus. Ruhig und gefährlich freundlich ist Merkel, und man könnte ihr glatt eine gewisse Überheblichkeit unterstellen, weiß sie doch, dass von diesen flachen „Internetsternchen“ keine Gefahr für ihre Person und die Partei ausgeht.

Es läuft einfach so, wie man es sich gedacht hat. Die YouTuber versuchen sich zu profilieren, indem sie scheinbar wichtige Themen aufgreifen, sie scheitern allerdings an den Fragen. Und an der Zeit, denn Zeit zum Nachhaken gibt es nicht. Und Merkel spricht viel. Politiker-Blah und Satzbausteine, tausendfach gehört, Zeit totschlagen kann sie!

Nein, „wir müssen uns keine Sorgen machen!“ „Es wird keinen dritten Weltkrieg geben.“ Eigentlich hätte nur noch der berühmte Satz „Die Rente ist sicher“ gefehlt.

Merkels Grundmuster: Es gibt viel zu tun, für uns alle. Wir müssen hart an unserem Wohlstand arbeiten, denn uns geht es ja gut. Arbeit und soziale Sicherheit sind mustergültig bestellt, wer kommt nur immer auf diese „Altersarmut“?

Gänsehaut und Teflonpelz

Nein, es gab keine herausragenden Sätze von Merkel. Überhaupt gibt es wenig Bewegendes, was uns die ewige Kanzlerin so zu sagen hat, oder eben den jungen Menschen. Keine Spur von Gänsehaut, keine Spur von obamahafter Leidenschaft, kein Ausbruch, keine eindringliche Überzeugungskraft. Nur Coolness. Merkel trägt ihren Teflonpelz bis zum letzten Atemzug, so scheint es. Irgendwie Okay, scheinbar perfekt in einer Gesellschaft, in der „cool bleiben“ oberstes Gebot ist. Die Zahl der Zuschauer im Livestream liegt übrigens bei gerade mal knapp 60.000.

Kein Wunder, denn geschickt wie diese CDU Füchse nun mal sind, haben sie es der Mutti leicht gemacht, und leichte Kost mögen viele junge Leute. Mundgerechte Häppchen, schnelle Schnitte. Aber eben nicht alle. Ich baue auf den großen Rest, die dieses „Interview“ nicht gesehen haben. Hoffentlich, weil sie sich ihre Meinung selbst machen, ohne Designerinterview mit Beavis und Butthead (kennt die noch jemand??)

In diesem Zusammenhang empfehle ich das Lesen der Parteiprogramme! Das kann man auch in diesem Internet. Möge die Bundestagswahl 2017 kommen.

 

 

 

(Fotos: MTV, Wiki Commons, Youtube   Keinerlei Sponsoring und überparteilich)

6 Kommentare

  1. Kleiner Nachtrag: Im Fernsehen gab es gestern Abend eine Diskussionsrunde unter dem Motto #ueberzeugtuns
    Ein besserer Ansatz, das Tempo war hoch, die Politiker hatten wenige Chancen in ihr Phrasengedresche zu verfallen. Leider aber auch betont jugendlich, halt so wie die Öffis sich diese „Jungen Leute“ so vorstellen. Merkel würde sich einem solchen Forum niemals stellen, sie weiß warum.

  2. Deine Eindrücke kann ich bestätigen. Habe es mit meiner Tochter gesehen, und sie regte sich fast mehr auf als ich. Zu kurze Fragezeit und Dauerwerbesendung.

  3. Ich finde die Frau Merkel macht das gar nicht schlecht. Ich finde zum Beispiel sehr sympathisch, dass sie ihr Privatleben so bedeckt hält und sich nun wirklich nicht über ihr Äußeres vermarktet. Auch sucht sie nach ihrer Zeit als Kanzlerin keinen teuer bezahlten Job in der Wirtschaft. Für mich ist sie meist in ihren Äußerungen (außer einmal) eher vorsichtig. Auch sehe ich leider wirklich nicht, wer es denn zur Zeit besser machen würde. Wenn es gute Alternativen gäbe wäre ich dafür offen aber die sehe ich nicht. Also wer soll es denn machen?

  4. Genial war die Stelle, an der diese Ischtar Isik offenbarte, dass dies ihr erstes Interview sei und Merkel das kommentierte mit „Und sonst machen Sie nur Selbstdarstellung?“. Da fand ich sie mal wirklich cool und echt.

    Dass die Fragen eher seicht waren, ist tatsächlich der Tatsache geschuldet, dass die Youtube-Follower aufgefordert waren, Fragen in den Kommentaren zu stellen und daraus wurde dann ein Querschnitt ausgewählt. Was will man da erwarten?

    Den Drotschmann sieht man übrigens ab und zu bei heute+, der macht das also wirklich professionell.

    Ich habe den Livestream allerdings nur in Ausschnitten gesehen, daher kann ich ansonsten nicht viel dazu sagen. Ich warte momentan eher auf die Veröffentlichung des Wahl-O-Mats, weil ich wissen will, ob er dieses Jahr mal mit meinem tatsächlichen Wahlvorhaben übereinstimmt.

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