LIFESTYLE: ENTZAUBERUNG DER FOTOGRAFIE? DIE BANALISIERUNG DES BANALEN

Es gibt mittlerweile richtig gute Kameras, die nicht mehr die Welt kosten, und fast jeder von uns hat eine im Handy. Und die können tatsächlich die tollsten Dinge. Schaut man sich dann Bildveröffentlichungen zB. auf Instagram an, fällt mir aber schon lange auf, dass die Ästhetik des Banalen leider zur echten Banalität verkommen ist. All die Bildchen mit Nahaufnahmen von Kaffeebohnen, Nadeln im Heuhaufen und Tautropfen auf Mimosengewächsen werden inflationär hochgeladen. Jeder kann Kunst, so scheint es. Ist das gut, vielleicht sogar irgendwie gerecht, oder ist es eher schade…?

 

Ich fotografiere gerne. Mit 16 habe ich meine erste Spiegelreflexkamera von Canon bekommen, und sie hat mir viel Freude bereitet. Allerdings bin ich kein begnadetes Fotografie-Talent. Ausserdem ist Fotografieren schließlich auch ganz schön anspruchsvoll. Da gibt es viele Dinge zu lernen, und nur durch viel und fleissiges Üben kann man irgendwann einmal Fotografien präsentieren, die über den berühmten „Schnappschuss“ hinaus gehen.

Ihr könnt es euch schon denken: Viel geübt habe ich nicht, und als fleissig würde ich mich nun wirklich nicht bezeichnen. Dementsprechend sind eben auch meine Fotos. Ich habe zwar ein „Auge“ für Szenen und meine Bildkomposition ist nun auch nicht ganz so schlecht, aber eben auf dem Niveau für den Hausgebrauch. Ich würde zu gerne wieder mehr Zeit für dieses Hobby aufbringen, aber es gibt da ja noch so ein ominöses Blog-Hobby, das auch viel Zeit braucht. 😉

Andere machen sich da wohl nicht so viel Stress. Mit den enormen Möglichkeiten der modernen Kameras, und den entsprechenden Bildbearbeitungsprogrammen, zaubert man heute in Minutenschnelle Bilder, für die ein Fotograf mehrere Stunden braucht, rechnet man die Planung, den Bildaufbau, die Beleuchtungseinstellung, usw. einmal mit. Und das aber alles bitte ohne die Sepia-Filter-Hölle.

Ganz besonders beliebt sind Aufnahmen von ganz banalen Szenen, die mikroskopisch nah herangezoomt werden und durch ihre einfache Schönheit bestechen. Bestachen, muss ich sagen, denn die zweihundertausendste Kaffeebohne in XXL auf einem weißen Hochglanztisch verzaubert mich dann irgendwie doch nicht mehr so recht.

Fotografien können auf uns auf unterschiedliche Art wirken. Im besten Falle berühren sie uns, stimulieren unsere Gefühle. Das ist meine liebste Herangehensweise: Ich lasse etwas auf mich wirken. Dann beobachte ich, was es mit mir tut. Ein wundervolles Bild, ein hymnisches Musikstück, was auch immer, ist durchaus in der Lage mich zu Tränen zu rühren.

Die Masse der Fotos auf Instagram sollte man wohl besser nicht überdenken, es ist eher eine ständige Suche des Auges. Sehen, abchecken und plötzlich klebt das Auge fest. Die Kunst bei Instagram ist, dass die meisten Bilder mit Smartphones aufgenommen werden, die die ziemlich gleiche Pixelmenge etc. haben. Das heißt, das Bild steht und fällt mit dem „Fotografischen Blick“. Polaroid hatte einst einen ähnlichen Einfluss auf die Fotografie, den ich irgendwie als „demokratisierend“ empfand.

Ich bin also gar nicht verstimmt, dass nun jeder dahergelaufene Handyknipser Künstler sein kann. Natürlich, so sollte es meiner Meinung nach sein. Wenn ich etwas produziere, dass jemand anderen tief in seiner Seele berühren kann, dann ist es (auch) Kunst. Nicht immer, aber wenigstens eine Ästhetik-Schulung.

Ich freue mich einfach über diesen grandiosen Blick auf die Welt, auf die unendlich vielen Blickwinkel der Menschen, die ihre Fotos zeigen, und damit mit banalsten Dingen trotzdem mein Leben bereichern können. Egal ob die Kaffeebohne auf dem weißen Tisch liegt und mein Auge langweilt, ein paar Klicks weiter kommt bereits der nächste atemberaubende Bildausschnitt, das aufrührende Bild, das Foto, dass uns erschüttern kann, oder einfach nur ein wunderbarer Augenschmeichler. (Ich empfehle in diesem Sinne übrigens den Insta-Account von Piero Percoco! Noch nicht entzauberte Banalitäten.)

Aber was wird aus all diesen kleinen Kunstwerken, der Bilderflut, wenn es irgendwann einmal Instagram und Co. nicht mehr gibt, oder irgendjemand das Internet kaputt macht? Unangenehm der Gedanke, wie Kaugummi an einer frisch gewaschenen Jeans?

Nein, ich finde die modernen Einflüsse auf die Fotografie nicht schlecht, eine zusätzliche Bereicherung, das schon eher. Aber wir werden sehen…Augen auf!

 

 

 

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(Fotos: Konsumkaiser, Freestockpixx   Keinerlei Sponsoring)

 

7 Kommentare

  1. ich bin heute viel weniger spontan auf instagram unterwegs, als noch vor einem jahr. rundherum nehmen die inszenierungen zu und ich mache dabei mit. #perfectflatlay oder #mehrrealitätaufinstagram

  2. Ich habe früher (= VOR Digi- und Handy-Cams) gerne und tatsächlich deutlich mehr fotografiert als jetzt. FRÜHER begann die Freude schon mit Auswahl und Einkauf der Filme (welcher, wieviele Aufnahmen), es wurde tatsächlich ein wenig Mühe und Liebe für Auswahl, Einrichtung und möglichst scharfe (wenn gewünscht) Ablichtung der Motive verwendet, .. und endete letztlich mit der Spannung und Vorfreude bis zum Abholen der ausgearbeiteten Bilder, ob und wie sie gelungen sind! Für manche dann noch mit dem liebevoll-sorgsamen Auswählen, Anordnen und Betexten der Schönsten in Alben …

    Seit inflationär jeder Sch…. zigfach, jederzeit, ganz egal, in welcher Qualität – „irgendeines wird schon passen“ geknipst wird, und man mit diesen „Erinnerungen“ auch noch ständig überschwemmt wird, ist mir der Spaß daran aber fast völlig vergangen.

    Wie vermutlich Vielen bei Vielem, das man im Übermaß haben kann …

    1. Stimmt, das „Zeremonieren“ der Fotografie vermisse ich auch ein klein wenig. Heute ist es wirklich ein Wegwerfartikel. Man muss sich keine Mühe geben, denn man kann ja unendlich viele weitere Bilder knipsen. einerseits toll, andererseits schade. 🙂
      Viele Grüße, KK

  3. Ich bin ein begeisterter Hobbyfotograf… gerne und viel auf Reisen und ich klebe eine Auswahl der Bilder auch noch völlig old school in Alben.
    Gerne klebe ich noch eine Eintrittskarte dazu oder eine sonstige Erinnerung.

    Viel Arbeit, die ich mir aber gerne mache, weil ich mir die Alben immer wieder gerne anschaue.

    Zahllose Fotos nur auf dem Rechner, im Handy oder auf einem Strick zu haben, käme für mich nicht in Frage.

    1. Oh, da beneide ich dich. Würd ich auch gerne machen. Das sind tolle Erinnerungen.
      Ähnliches habe ich von 15 bis 17 gemacht, die kleinen Eventtagebücher liebe ich heute noch, so witzig was man da immer wieder von sich erfährt. 🙂
      Lieber Gruß, KK

  4. Ich bin froh, dass ich ein Blog habe. Denn da landen die Bilder, die ich am liebsten mag. Und dort werden sie hoffentlich noch sehr sehr lange sein. Selbst wenn Instagram mal das Zeitliche gesegnet hat. Internet brauche ich dafür allerdings schon. 😉

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