HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: KAFFEEFAHRT DER PAILLETTEN-PLINSEN MIT PLATEAUSANDALEN (INFLUENCER AUF COACHELLA)

Coachellea. Das Musikfestival in der kalifornischen Wüste ist das meist-gehypte Event momentan. Kein Weg führt daran vorbei, zumindest, wenn man öfter mal in den bunten Fachmagazinen für Promifetischisten blättert, oder in den Onlinenews die Kultursparte nicht ausblendet. Kultur? Richtig! Coachella läuft unter Kultur, denn was viele Leute nicht wissen: Da treten respektable Bands auf wie zB. Radiohead, New Order oder Röyksopp. Cool…trotzdem überwiegt das Gefühl, dass der Instagram´sche Egotrip deutlich wichtiger als die Musik geworden ist. Besonders für die glitzernde Influencer-Fraktion…

 

 

Es gibt Musik-Festivals, und es gibt Coachella

Bei Festivals stand ich bislang ja auf folgendem Standpunkt: Irgendwie ist es supercool draußen geilen Bands zuzuhören und dabei auch noch so ein bisschen Hippieleben mitzumachen. Scheiß egal, wenn man tagelang nicht duscht oder nur seltsames Dosenfraß in den Magen bekommt. Klatschnass oder schweißüberströmt – Festivals sind sexy, denn die Leute sind locker und alle eint die Lust an der Musik.

Ist das so? Na ja, im matschigen „Wacken“ oder früher beim „Rock am Ring“ war das garantiert so, auch wenn man über die seltsame Schar als über 40-Jähriger schon mal die Nase rümpfen konnte, und das wortwörtlich. Aber hey, „lebe wild und gefährlich“ ist nun mal der Spruch der jüngeren Generationen. Ich lebe mit Ü40 auch noch irgendwie wild und gefährlich, aber niemals ohne Reserverad und doppeltem Boden. Und ein gutes Hotel in der Nähe eines Festivals zu kennen ist doch nicht schlecht, oder?

 

Nur noch Pailletten-Plinsen

Schaut man sich nun aber die Berichterstattung der Magazine über Coachella an, so erfährt man Dinge wie: „So stylst du dich richtig heiß zum Coachella-Festival“, oder „10 Tricks, die deinen Po noch schärfer auf Coachella aussehen lassen.“ Und dann noch: „So süß turtelt Lena mit ihrem Freund auf Coachella.“ Natürlich inklusive Love-Selfies und Homestory aus dem (gesponserten) Wohnzelt. Lena Gerke hat dann auch gleich das passende Festival Make-up für uns parat, natürlich von MüllbeutelMaybelline New York, und mit einem längeren Namen als ein tödlicher Virus.

Och, sind die alle süüüüß! Fehlt mir nur noch das (beinahe) internationale Top-Model (und weil das nicht geklappt hat, außer für den Lambertz Altherrenkalender zu posieren, deshalb nun Deutschlands spießigste Influencerin) Stefanie Giesinger – auf einem tooootaal angesagten Festival-Riesenrad mitten in der Wüste. Die Bunte hautnah dabei, wenn sie aus 30 Meter Höhe Glitzer kotzt.

Hä? Und was is mit der Mucke? Berichtet mal jemand bitte welche Band denn besonders gut abgegangen ist? Wo die meisten Zuschauer waren? Aber was sag ich, es hört heute ja eh niemand mehr den Bands zu: Man muss ja filmen, und Selfies schießen, als wäre man der Starreporter der Gala und bekäme nen goldenen Wackeldackel für jedes noch so bescheuerte Duckfacefoto.

 

Glitzernde Reality-Werbeverkaufsveranstaltung

Die Realität auf Coachella: High-Heels statt Hochgefühl, Designer-Wedges statt Dixie-Klo, und Selfiestick statt wildem Sex. Das würde auch nicht passen, denn man muss wissen: Enorm viele (weltweite) Vermarktungsagenturen karren ihre „Influencer“, das sind meist Mode-/Lifestyleblogger, mit VIP Bändchen und großzügigem Taschengeld auf das Festivalgelände. Für dieses Rundumsorglospaket erwarten die Firmen aber auch Produktpräsentationen im Minutentakt! Die Outfits sind länger geplant und durchdacht als Lady Dianas Brautkleid, oder meinetwegen Pippas Popo-Robe. Perfektion in der staubigen Abendsonne, aufgerissene Augen statt hochgerissener Arme beim Stagediving. Quasi die Kaffeefahrt für die Millennials. Irgendwie traurig.

Modeblogger auf Coachella? Schlimmer als abgewrackte Drag-Queens in einer Hinterhofbar auf Ibiza

Dabei ist diese Dauerwerbesendung, wenn man sie denn richtig betrachtet, ein lustiges Ding: Die teuer herangekarrten Schaufensterpuppen sehen meist aus, wie schlechte Drag-Queens mit Alkoholentzug auf Ibiza. Alle wollen mit ihrem Telefonbuch-dicken Make-up und den glitzernden Federn im Haar ein wenig den Hauch von Woodstock verströmen, doch in Wirklichkeit hat die Welt nun die Hauptstadt der Tussis gefunden: Coachella! Pailletten-Plinsen mit Plateausandalen aus der Selfiehölle, ohne Wildpinkeln.

Schweiß? Ne leere Wasserpulle von Thom Yorke am Kopf? Dreck in der Unterhose? All das gibt es auf den Glamour-Fastivals nicht. Und deshalb halte ich solche Events auch für mega-out. Warum sollte ich ein halbes Monatseinkommen abdrücken für ein Meeting der Werbeindustrie? Die Musik interessiert hier doch eh keine Sau, wahrscheinlich stört sie sogar noch bei der Aufnahme der Instastories für die Daheimgebliebenen: „Haaaaallo, ihr Süüüßen! Kööönt ihr mich höööören? Ich bin hier auf dem suupersüüßen Coachella Festival! Nur für euch, gaaanz in Dior!“   Ja, ja, laber du ruhig: „Sorry, dir ist da gerade ein Glitzerswarowskisteinchen in den Dreck gefallen…“

 

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(Fotos: Konsumkaiser, Instagram    Keinerlei Sponsoring)

 

 

 

 

16 Kommentare

  1. Du hast recht! Es fällt mir auf, jetzt wo Du es sagst…weiß jemand welche Bands da spielen? Ich habe bisher auch nur blöde Fotos von C-Promis und haufenweise als Hippies verkleidete Duckfaces gesehen.
    Vielleicht sind wir zu alt um das zu verstehen aber es gefällt mir nicht.

  2. Ich lese jeden Tag Nachrichten, Pressespiegel, Abendnachrichten sind ein muss , aber von diesem Festival habe ich hier zum ersten Mal erfahren ! Ich glaube, ich werde langsam alt 😉

    1. Man überliest ja auch Nachrichten, die man unterbewusst für nicht wichtig erachtet. Ich bin auch nur durch die penetrante Berichterstattung darauf aufmerksam geworden. 😉

  3. Krass! Super geschrieben und so wahr.
    Schöner Gegenpol zu den ständigen Hofberichterstattungen von Bunte usw.
    Danke für die Lacher am frühen Morgen.

  4. Hauptstadt der Tussis-ich habe sehr gelacht; fast schade, dass diese seltsame Meute ihre Zelte nicht dauerhaft in der Wüste aufschlägt.
    LG von Susanne

  5. Vielen Dank für diesen witzigen Artikel! Diese Glitzerduckfaces kann doch nun wirklich keiner mehr sehen 🙄 Und ich stimme Susanne zu: Wirklich schade, dass die nicht dauerhaft in der Wüste bleiben!

    Viele Grüße aus dem Norden

    Nora

  6. Toller Artikel. So viel Wortwitz und so anschauliche Vergleiche. Ganz hervorragende Arbeit, und köstlich zu lesen.
    Frau von Werth

  7. Hihi, ja du hast dann mal getippt, was ich mir auch immer denke. Vor allem, wo doch auch Kendrick Lamar z.B. auch total gut ankam beim Coachella. Über den musst man dann halt in der Sonntagszeitung lesen. Die Bunte lese ich gern zur Unterhaltung. Nur befremdet mich deren Coachella Ding auch seit einiger Zeit. Ich dachte, es geht nur mir so. Muss bei Coachella halt immer so lachen. Weil das Tal da ja die ganze Dreckluft aus L.A. bekommt, und es einfach nur unerträglich schwitzige heiß ist. Schön geschrieben 🙂 LG Sabina

  8. Ich schau gerade mal bei Goodbye Deutschland von gestern Abend rein. Selbst da zwei Bloggerinnen beim Coachella 🙄 Ich glaube für den ganzen 💩 bin ich zu alt 😂

  9. Du hast ja soooo Recht! Leider!
    Um Musik oder Inhalte gehts nicht, nur um name-dropping oder den perfekten selfie-backdrop.
    Schlimm entkernt, aua.

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