HERR KK ERKLÄRT DIE WELT: WARUM WIR NIE WERDEN WOLLTEN WIE UNSERE ELTERN…UND ES DANN DOCH WURDEN.

Im jugendlichen Leichtsinn sagt man viele Dinge zu seinen Eltern. Besonders gerne kommt aus dem pubertierenden Munde dieser Satz: „Ich will nie so werden wie ihr!“ Wie leichtsinnig man das einfach dahin rotzt, wird erst ganz viel später klar. Nämlich dann, wenn man längst so geworden ist…so wie seine Eltern!

Quelle: Konsumkaiser

Die mächtige Pubertät

Die Pubertät machte gruselige Sachen mit uns: Sie ließ uns aussehen wie laufender Streuselkuchen. Sie erzeugte in uns eine Laune, die Omas Begräbnisfeier zur Kaffeefahrt mit gratis Rheumadecken werden ließ. Sie zwang uns einen Kleidungsstil auf, den wir als „totaaal individuell und einzigartig“ empfanden, der aber auch nur aus ner blauen Jeans, einem ausgewaschenen T-Shirt und nem Parka bestand. Und die Pubertät nabelte uns von unseren Eltern ab! Das ist gut, das soll so sein, das muss so sein. Trotzdem ist es ein einschneidendes Erlebnis (natürlich hauptsächlich für die liebenden Eltern), wenn der flügge werdende Nachwuchs sich seiner Eltern „schämt“, weil diese vermeintlich uncool sind, und alles was aus dem Dunstkreis des Elternhauses kommt gerne mal umgekehrt wird.

Hier meinten ja schon immer besonders „pfiffige“ Eltern es ihren Kinder (heimlich) so richtig zu zeigen – und einen adretten Bankangestellten zu erzeugen – wenn sie besonders liederlich und locker vor ihren Kinder „herlebten“, um somit unbewusst in dem kleinen Gehirnazubi den Wunsch nach Karriere, Geld und Reihenhaus zu wecken. Jaja, einige Generationen sind da schon drauf reingefallen und durften sodann bei der nächstbesten Familienfeier der versammelten Bagage ihre Tochter, die krasse Techno-DJane mit grünen Augenbrauen vorstellen.

Was sie hoffentlich damals noch nicht wussten: Heute lebt die krasse TechnoTante mit 2 Kindern, nem Dackel und dunkelbraunen Augenbrauen in einer gepflegten Reihenhaussiedlung und kümmert sich rührend um den Kartoffelsalat, wenn wieder Hausbesitzertreffen im Rathauskeller ist.

Die Akte KK

Bei mir zuhause war auch alles sehr unkonventionell. Meine Eltern lebten ein wenig aneinander vorbei, weil mein Vater ganz einfach nicht allzu oft anwesend war. Viel Arbeit braucht auch viel Zerstreuung, oder so. Für mich war das natürlich ok, denn: Je weniger Vater, umso mehr Freiheiten hatte ich. Heute würde man solch ein Verhalten „Rabenvater“ nennen, denn mittlerweile bringen sich die Väter ja schon VOR der Geburt mit ein und würden sich am liebsten die Frau samt der heranwachsenden Brut dem sicherlich hochbegabten Kevin-Julius vor den eigenen Bauch schnallen. Mit ökologischem Baumwolltuch natürlich.

Jedenfalls war für mich die Kombination Mama&Papa nicht immer „optimal“. Da wurde dann oft gezankt, der Erziehungsauftrag lustlos hin und her geschoben (Waaarte wenn Papa nach hause kommt!) und andere „Todsünden“ der Erziehung, die aus mir (laut geltender Meinung) eigentlich einen Massenmörder hätten werden lassen müssen.

So wars aber nicht, Klasse 11 übersprungen, Abitur mit ner 1 und das Medizinstudium in Marburg bereits gebucht, All-inclusive inkludiert. Und dann passierte etwas , was keine Erziehung der Welt voraussehen kann. Ich sage nur „wo die Liebe hinfällt“. Fünf Jahre später fand ich mich, total zerstritten mit meinen Eltern aber endlich total allein und selbstständig (auch was die besagte Liebe anging) in einer Situation, in der ich zum ersten Mal ein wenig erschrocken folgenden Gedanken dachte: „Hätte ich damals doch nicht so dumme Flausen im Kopf gehabt!“

Huch, schnell verdrängt diesen ominösen Satz, der ja nichts anderes bedeutete als: Die Eltern hatten also recht.

Ich hatte immer schon eine recht schlechte Beziehung zu meinem Vater, es ging um Kämpfe und Auseinandersetzungen. Um kleine Dinge und um große. Einig wurden wir uns nie. Und auch damals war meine langsame Einsicht, nicht unfehlbar zu sein, kein Grund um die Beziehung zu meinem Vater wieder zu festigen. Er liebte mich, unbesehen, aber er schaute mich immer zweifelnd an, als fragte er sich welchen familiären Dolchstoß ich ihm wohl als nächsten versetzen könnte.

Dabei war mein Elternhaus meilenweit entfernt von einem konservativen Erziehungs-Guantanamo. Wir haben schon immer über die beklopptesten Dinge gelacht, haben Formel1 (die Musiksendung!!) zusammen im Bett geguckt und bei Dallas Sue Ellen die Daumen gedrückt, dass sie das Glas Bourbon stehen ließ. Vor Lehrern nahm mich mein Vater immer in Schutz, niemals beklagte er sich über mich bei ihnen, sondern stellte IHRE pädagogischen Qualitäten in Frage. So sehr, dass ich zweimal die Schule wechseln musste!

Und trotzdem: Ich wollte nie so werden. Ich wollte nie etwas in mich hineinfressen, alles offen aussprechen und ausdiskutieren. Ich wollte Sport als Beruf, täglich in Jogginghosen herumlaufen und nicht mit Kittel und Stethoskop. Ich wollte keine großen Autos, schicke Häuser und keinen Partner an meiner Seite, der zwar „repräsentativ“ ist, aber keinerlei Eigenständigkeit besitzt.

Und dann…heute

Dass ich nun heute darüber sinniere, zeigt aber hauptsächlich: In vielen Punkten hat die unheimliche Macht der familiären Prägung und natürlich das genetische Erbe seine Arbeit nicht verweigert. Ich bin mein Vater und meine Mutter! Eine Mischung aus einigen guten und einigen schlechten Eigenschaften. Und jetzt, da es meinen Vater nicht mehr gibt, und auch die Zeit meiner Mutter knapper wird, bin ich plötzlich stolz. Ich bin stolz, wenn ich an mir Wesenszüge wieder erkenne, die ich genau identifizieren kann! „Ja, das war Papa, genau so!“ Oder: „Gut, dass ich hier Mama gleiche, Papa hätte hier den größten Mist gebaut!“

Es ist die wahnsinnige „Gnade“ des Älterwerdens, dass man sich dieser Dinge bewusst wird und sie plötzlich mag. Sie gehören zu einem, sind Geschenke, die uns den Rest unseres Lebens begleiten, und uns immer an unsere Herkunft erinnern werden. Manche bezeichnen es als die „Rache des Schicksals“, ich dagegen bin in der glücklichen Lage zu behaupten: Egal was ich mal gedacht habe, egal was ich einmal gesagt habe: Ich bin stolz darauf, ein bisschen wie meine Eltern zu sein!

Günter 1985.jpg

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(Fotos: Konsumkaiser   Keinerlei Sponsoring)

14 Kommentare

  1. …..wunderbar geschrieben! Hab‘ fast ein Tränchen verdrückt……älter werden hat auch seine gute Seiten, man ist mit vielem versöhnt und sieht nicht mehr alles so kritisch. Meine Eltern – die zwar in fortgeschrittenem Alter sind – verstehe ich heute auch viel besser, das Verhältnis ist entsprechend gut.
    LG
    Gabi

  2. Ein wirklich schöner Text! So habe ich unser „genetisches Erbe“ noch gar nicht gesehen! Danke für den tollen Ausflug in dein Leben!
    Suse

  3. Wunderbar geschrieben, alles richtig. Ein Mensch, der mit sich im Reinen ist und das auch zeigt. Alles richtig gemacht, sogar die Fehler!

  4. Sehr gefühlvoll geschrieben. Toll, wenn ein Mann so seine Gefühle ausdrücken kann.
    Und wieder einmal der Beeis für mich, warum ich gerade deinen Blog so liebe.

  5. aber hallo herr kaiser, da läßt du uns heute ja ordentlich tief in dein leben blicken.
    schön, deine offenheit. ich mochte dich ja schon immer, langsam fange ich an, dich zu lieben 🙂
    nee ernsthaft, dein – „Und dann…heute“ hat mich auch sehr berührt. ich bin ja jetzt im oma alter angekommen und werde auch langsam milder und sachter nebel legt sich über die scharfkantigen eltern-erfahrungen der kindheit und jugend und ich bin nur froh, dass beide noch da sind. liebe grüße, bärbel ☼

  6. Das ist so ein schöner Text. Erfrischend ehrlich. Das mag ich generell an all deinen Beiträgen. Gibt wenige Blogs bei denen ich so gut wie alles lese. Viele Grüße!

  7. Lieber KK, mit diesem Text hast du deinen Eltern ein wirklich schönes kleines Denkmal gesetzt. Ich bin ganz gerührt vom Lesen. Vermutlich braucht man die Weisheit des „Alters“, um die eigene elterliche Prägung nicht nur zu erkennen, sondern auch anzuerkennen.
    Mir geht es ähnlich, von früher „So will ich nie werden“ zu „Ich bin wie meine Mutter/mein Vater“ in manchen Dingen. Manchmal bin ich inzwischen sogar stolz auf die eine oder andere Ähnlichkeit 😉 Und heute, wo die elterliche Anwesenheit nicht mehr selbstverständlich und auch endlich ist, genieße ich jedes Zusammensein mit ihnen. Ich wünsche auch dir noch viel Zeit mit deiner Mutter. Viele liebe Grüße!

  8. Deine Worte sind wirklich sehr berührend, Konsumkaiser.
    Man sollte seinen Lieben seine Wertschätzung so oft wie möglich sagen oder zeigen.

  9. Mein Ursprungskommentar ist von meinem PC leider nicht übertragen worden und jetzt weg. : Deshalb in Kurzfassung, weil schon alles gesagt wurde: toller Text, vielen Dank. Meine Mutter ist leider vor 10 Jahren bereits mit Anfang 50 verstorben, deshalb sind meine Vergleiche etwas verklärt bzw. werden eventuelle Ähnlichkeiten bei mir oder meinen Geschwistern extra „gepflegt“, unabhängig davon, ob wir sie per se gut finden oder nicht ;o).
    VG
    Morris

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