LIFESTYLE: KINDHEITSTRAUMA MATHEMATIK * WOZU GEISTERBAHN, WENN ES DEN MATHEUNTERRICHT GIBT?

Neben dem Sportunterricht gibt es noch ein Schulfach, das prägend für viele von uns war: Mathematik. Viele Kinder hatten so gar kein Problem damit, für andere hingegen bedeutete eine Doppelstunde Mathe pure Folter. Doch woher kommt diese tiefgehende Aversion gegen Zahlen und analytisches Denken? Ich persönlich kann ein Lied davon singen, und habe viele schlimme Erfahrungen im Matheunterricht sammeln können…

 

 

Donnerstag, 07:45 Uhr, irgendwo Ende der 70er Jahre. Erste und zweite Stunde Mathe. Eine Doppelstunde.

Ich sitze auf meinem Stuhl, kaue nervös an meinen Fingernägeln und warte auf den Lehrer. Die übrige Klasse ist noch ausgelassen, schreit und rennt durch die Tischreihen. Mich nervt das. Ich brauche Ruhe, ich muss mich konzentrieren, ich will mir ausmalen was gleich passieren könnte: An die Tafel zu müssen und die Hausaufgaben vorzurechnen wäre mein größter Albtraum. Ich hole tief Luft, denn das Bild brennt sich in meine kindliche Seele. Ungefähr so schlimm wie in einem fremden Land ausgesetzt zu werden, oder nie wieder mit den besten Freunden spielen zu dürfen, so empfinde ich meine Angst.

Der Lehrer betritt mit Vollbart, Edwin Cordhose und Flanellhemd den Klassenraum. Er legt wortlos seine braune Ledertasche mit den unglaublich vielen Schnallen auf den leicht schiefen Tisch und blickt gelassen auf uns, die Klasse 5c eines Westdeutschen Gymnasiums. Ich kann seinem Blick nicht standhalten. Er darf mich nicht sehen, ich gehe unter in der Masse der knapp 40 Schülerinnen und Schüler. So meine Hoffnung.

Keine vier Minuten später stehe ich an der Tafel, habe die erste Hausaufgabenrechnung mit einem eklig-nassen Stück Kreide quietschend an die Tafel geschrieben, und schaue nun in das versteinerte Gesicht des Lehrers. Dann sehe ich die unaufmerksame Klasse, die noch immer keine Ruhe gefunden hat. Alle unterhalten sich kreuz und quer, kritzeln, oder vergleichen ihre Pausenbrote. Den Lehrer stört das nicht – aber mich!

Ich stehe viel zu nah an der Tafel, ich erkenne die Zahlen und Zeichen nicht mehr, alles verschwimmt und wird zu einer grässlichen Fratze aus grüner Tafel und weißer, nasser Kreide. Ich kann da nicht mehr hinschauen. Vergeblich versuche ich die Gleichung aufzulösen, der Nebel in meinem Kopf wird dagegen dichter.

Ich zucke mit den Schultern, mir ist plötzlich alles egal. „Kann ich nicht“ höre ich mich kleinlaut sagen. Der Lehrer streicht sich mit der Hand durch den ungepflegten Bart, und ich sehe, wie dabei einzelne Haare auf den schiefen Tisch fallen. Ich sehe sie neben den vielen Schnallen der Tasche liegen. Meine Sinne sind geschärft, keine Frage. Trotzdem kann ich die Aufgabe nicht lösen.

„Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht? Ich schreibe dir eine 6 auf!“

Ich zucke nochmals mit den Schultern, ich bin so erleichtert, dass ich keine Kraft mehr habe dem Lehrer zu erklären, dass ich den Lösungsweg nicht verstanden habe, mir kein Mitschüler das nochmals erklären wollte, und als ich in der letzten Mathestunde nachfragen wollte, meine Meldung schlicht übersehen wurde, weil die Schulglocke die große Pause ankündigte. Meine Eltern arbeiteten den ganzen Tag bis zum späten Abend, selbstständige Gastronomen, die konnte ich nicht fragen. Mir egal, ich darf mich nämlich wieder setzen. Ich atme leichter, freier, meine Herzfrequenz hat wieder einen beruhigenden Takt und nicht das Tempo des Hummelflugs von Rimski-Korsakow.

Die anderen Schüler lachen nun. Über mich. Sie schauen verächtlich und halten mich sicher für einen Versager. Alles egal, ich habe Ruhe und doch spüre ich, dass ich mich irgendwie aufgegeben habe. Aber was soll ich tun, ich bin noch ein Kind.

 

Diese Erlebnisse hatte ich oft, Mathematik war ein ernstes Problem für mich. In allen musischen Fächern und in Sprachen konnte ich punkten, doch sobald es um analytisches Denken, Formeln und Zahlen ging, fiel es mir schwer zu folgen.

Wichtig im letzten Satz war „fiel es mir schwer folgen“. Es war also nicht unmöglich, ich bekam nur einen deutlich schwereren Zugang zu diesem Stoff als manch anderes Kind. Wahrscheinlich hätte ich mich gefreut, hätte man mir eine „Dyskalkulie“ attestiert. Dann hätte ich mich zurückgelehnt und wäre froh gewesen eine Erklärung für mein vermeintliches Versagen gehabt zu haben.

Doch heute weiß ich, dass der Fehler nicht nur bei mir lag. Viel früher musste ich ansetzten um zu verstehen, warum ich keinen Zugang zur Mathematik finden konnte. Häufig lernen vermeintliche Problemkinder erst dann besser rechnen, wenn sie an eine für sie passende Lehrkraft kommen, oder wenn ein Lerntherapeut neue Möglichkeiten aufzeigt, sich die Matheregeln zu erarbeiten.

Unempathische Lehrer, ein starrer Lehrplan, altmodische Didaktik, zu wenig Zeit, zu große Klassen und andere Probleme können dafür sorgen, dass immer noch zu viele Kinder durch das System rutschen. Ich habe zwar mein Abitur mit einer guten Note abschliessen können, aber Mathematik verstehe ich bis heute nicht. Ich bin niemals in den Genuss einer Lehrkraft gekommen, die mich und meine Probleme verstehen konnte (wollte?).

Daraus entsteht ein Teufelskreis, man schottet sich ab, hält sich für unzureichend und muss ständig Angst haben, dass man „enttarnt“ wird: Dass man sich nur durchmogelt, weil man es eben von der Substanz her nicht verstanden hat.

Die Gesellschaft und das Schulsystem können glücklich sein, dass es auch weiterhin viele Kinder gibt, die ihren Weg gehen werden. Aber jedes einzelne Kind, das (durch welche Faktoren auch immer) auf der Strecke bleibt, ist eins zu viel.

Hattet ihr ähnliche Erlebnisse in eurer Schullaufbahn? Und wiederholt sich die Geschichte?

 

 

 

 

 

 

20 Kommentare

  1. Lieber Kaiser,

    Deinen Leidensweg kenne ich nur zu gut, mein Mathetrauma fing gleich in der 1. Klasse an und hat mich von da an meine ganze Schulkarriere begleitet. Dies leider auch durch unpädagogisches Verhalten einiger Lehrer, wozu ich aber gerechterweise hinzufügen muss, dass mich eine Französisch-Lehrerin dann doch noch vor dem katastrophalen Sitzenbleiben wegen Mathe gerettet hat. Sie hatte erkannt, dass ich eher der sprachlich begabte Typ bin. Auch heute noch komme ich schwer mit komplexen Zahlenvorgänge zurecht, kann aber das alltägliche Rechnen, glücklicherweise für mich und meinen Geldbeutel. Heute bin ich Deutschlehrerin in Frankreich und komme ganz gut mit meinem Trauma/Handicap zurecht, habe aber sehr lange dafür gebraucht. Sprachen haben dafür keine Geheimnisse für mich, das geht immer.

    Ich habe mein „Handicap“ aber leider an meine Töchter vererbt, die jüngste ist nah an einer Dykalkulie und hat heute noch extreme Probleme mit dem Alltagsrechnen und hatte extreme Schwierigkeiten in der Schule.
    Das Unverständnis der Lehrer war dabei genau dasselbe, wie bei mir in den 70-ern, scheinbar hat sich da nicht viel geändert. Sprachen sind aber auch bei ihr kein Problem, leider wird das immer noch zu sehr in unserer Gesellschaft (vor allem in Frankreich) unterschätzt, Sprachen sind ja nur ein „Accessoire“, aber erreichen kann man damit nicht viel, so die landläufige Meinung. Das muss ich mir ständig von irgendwelchen Eltern anhören. Mit der Zeit ziemlich frustrierend.

    Ich kenne in meiner Umgebung sehr viele Personen mit „Mathetrauma“, schon merkwürdig, dass sich das nicht positiv weiterentwickelt hat, wie bei den Sprachen z.B. mit weniger schriftlichem und mehr mündlichem Lernen.

    Ich hoffe nur, dass solche traumatisierenden Erfahrungen den kommenden Generationen erspart bleiben.

    Ich wünsche Dir einen schönen sonnigen Tag und sende Dir liebe Grüße aus dem Beaujolais.

  2. Bei mir waren es Funktionsscharen, 3-dimensionaler Raum und bestimmte Punkte oder gar Räume darin ausrechnen. Mir fehlt dafür jegliche Vorstellungskraft. Entsprechend sah auch meine Note im Abi aus. 10 Jahre später hab ich noch mal ein nebenberufliches Abendstudium angefangen und hatte Wirtschaftsmathe. Und wieder: Funktionsscharen! Aber: der Dozent war gut, hat das zum Leidwesen der Informatiker zig Mal erklärt und ich hab auch am Ende notfalls NOCH mal nachgefragt (hätte ich als Schüler nie gemacht) und es ging! War keine Glanzleistung, weil ich es mir immer noch nicht vorsichtig kann und mir auch der Sinn der Berechnung völlig schleierhaft ist, aber ich hatte ne 3 und bin damit völlig zufrieden gewesen. Ich glaube ja, dass man mit dem Alter tatsächlich viel interessierter an Lernstoff rangeht… 😉

  3. Guten Morgen lieber KK,

    mir ging es teilweise ähnlich. Meist liegt es am Lehrer und daran, dass so einige eine unverhohlene Freude am Vorführen haben und unsichere Kinder, die an der Tafel stehen und „den Wald vor Bäumen nicht sehen“, vor der versammelten Klasse bloßstellen. Später hatte ich einen sehr guten Mathelehrer, der hervorragend erklären konnte, so dass es die meisten in der Klasse verstanden haben (aber auch nicht alle). Er meinte, er würde immer wieder erleben, dass manche Schüler regelrecht traumatisiert seien und schwere Blockaden hätten. Auch wollten die wenigsten an der Tafel rechnen, weil sie Angst hatten, fertig gemacht zu werden. Richard David Precht hat vor einiger Zeit in einer Talkshow ein paar sehr interessante Sätze dazu gesagt. In jeder Schulklasse gebe es zwei oder drei Schüler, die sehr gut sind und fast schon auf einem Level mit dem Lehrer. Die große Masse würde sich irgendwie, mehr schlecht als recht, durch den Unterricht quälen und einige würden trotz allen Bemühens überhaupt nichts verstehen. Es würde mehr Sinn machen, wenn man die Schüler, die keinen Zugang zur höheren Mathematik haben, in Ruhe zu lassen. Die Grundrechenarten zu beherrschen, ist natürlich wichtig. Aber alles was darüber hinaus geht, ist viel zu speziell. Wer braucht im Leben schon Stochastik, Polynomdivision oder Kurvendiskussionen? Wer ein entsprechendes Fach studieren will, hat in der Regel auch einen geistigen Zugang zur Mathematik und kann sich das entsprechende Wissen schnell aneignen. Es gibt solche Leute, die sind in der 9. Klasse, gucken sich die Hausaufgaben von 11. Klässlern an und erklären dann ohne weiteres, wie es funktioniert. Da steht man mit offenem Mund daneben und ist sprachlos.

    Was ich auch schon gehört habe, was sehr schlimm ist, wenn Schüler im Musikunterricht zum Vorsingen gezwungen werden. Das ist genauso grausam.

    Einen schönen Tag an alle. Bald ist Wochenende 🙂

  4. Moin 🙂
    Ja! Das ist doch mal ein gelungener „Throwback“ – auch in meine Kindheit & Jugend. Mathe…Das war für mich auch immer eher ein Spießrutenlauf. Zahlen hatten für mich immer etwas recht abstraktes und kantiges. In keinem anderen Fach hatte ich so sehr Probleme. Das fing in der Grundschule an. Da hatte ich unfassbare Probleme. Mit den Zahlen und mich in die Ordnung der Klasse und in den Takt einzufinden.
    Obwohl ich eine liebenswerte Lehrerin hatte. Sie hat mir immer wieder versucht, Zahlen auch räumlich näher zu bringen. Mit Lückkästen oder Duplosteinen. Aber ich wurde in der Grundschule immer mehr zu einem „Fingerrechner“
    Das zog sich eigentlich bis in die nachfolgenden Klassen. Ich hatte nur einmal einen richtig guten Lauf. Da hatte ich einen super Lehrer und habe es sogar auf eine 2 in Mathe gebracht. Aber da ging es auch um Rechenwege, die einer festen Regel unterliegen und um Geometrie. Sobald es um Kopfrechnen geht, oder darum, einen flexiblen Lösungsweg zu finden, knallt es bei mir durch.

    Meine schlimmste Mathestunde: Eckenrechnen! Alle stehen und müssen Matheaufgaben im Kopf lösen. Mit einem richtigen Ergebnis darf man sich hinsetzen. Bei einer falschen Antwort muss man stehen bleiben.

    Ja und was soll ich sagen: Ich bin eigentlich immer noch so, dass ich mir mit Rechnungen nicht über den Weg traue und alles 1000 mal nach rechne. Ich schaue auch manchmal auf meine Finger und zähle zusammen. Kellnern könnte ich nicht so… denke ich. Solche Nebenjobs habe ich immer vermieden.
    Einmal habe ich in einer Wurstbude ausgeholfen – Es war der Horror. Das war auch noch direkt nach der Umstellung von Mark auf Euro.
    Ich weiß, dass gerade im Jonglieren von Zahlen im Kopf Übung den Meister macht… aber ich komme gar nicht erst in die Übung oder Routine. Keine Ahnung warum.
    Obwohl ich eigentlich einen Mathe-/Zahlenlastigen Job hab. Ich programmiere und ich kümmere mich um technische Dinge. Mein Hauptteil der Ausbildung bestand auch aus Physik und Elektrotechnik. Und meine Ausbildung lief echt gut! Hexzahlen/Binärzahlen umrechen oder Schaltungen… Das war alles super!

    1. Das kenne ich auch, alles x-mal nachzurechnen. Dadurch habe ich in der Schule auch immer sehr viel Zeit verloren, weil ich immer alles nachgerechnet habe.

  5. Du hast so recht ! Mathematik ist ein schwieriges Thema. Es liegt oft am Lehrer, wie hier schon erwähnt wurde , aber auch an den Lehrmethoden.
    Ich komme ursprünglich aus Polen, habe dort die 7. Klasse beendet und musste hier den gleichen Stoff noch mal bis zur 10. Klasse durchnehmen. Dabei fiel mir auf , dass alles sehr kompliziert erklärt wird ! Oft gibt es einfachere Wege. Meine Tochter ist jetzt in der 6. Klasse und hat mich schon oft gefragt , wie dies oder das gerechnet wird. Manchmal müsste ich schwer schlucken, als ich gesehen habe, wie der Lehrer etwas erklärt hat.
    Da reichte ein kurzer Rechenweg, eine Erklärung und dann hat sie es begriffen.
    Es ist schade , dass Kindern so der Spaß an Zahlen verdorben wird .

  6. Volle Zustimmung, gerade Mathe steht und fällt mit dem Lehrer. Und so rutschte ich in der 12. Klasse von einer guten 2 auf eine 5, innerhalb eines halben Jahres. Vorher hatte ich noch meinen Mitschülern Mathe erklärt, jetzt war ich hilflos am Schwimmen.

    Mathe ist Ästhetik, Poesie, Musik. Aber der Genuß wird vielen von schlechten Lehrern genommen.

  7. Auch meine Mathekarriere war nicht mit Ruhm befleckt! Bis zur Oberstufe habe ich mich einigermaßen durchgeschlagen, mein Erfolg hing auch nicht unwesentlich von der Kompetenz des Mathelehrers ab…dann kamen die Vektoren….
    Daher habe ich mich mit einem Mathematiker vermehrt, in der Hoffnung, meinen Kindern den Mathe-Leidensweg zu ersparen! Leider waren meine Gene dominant!
    Das habe ich vor allen Dingen bei meinem Sohn spätestens in der 2. Klasse bemerkt.
    Folgende Sachaufgabe musste bearbeitet werden, dazu musste eine mathematische Frage mit der entsprechenden Rechnung gestellt werden :
    Ein Boot hat 6 freie Plätze – 4 Leute steigen ein!
    Die Frage meines Sohnes dazu: Wo fährt das Boot hin?
    Da wusste ich, wir haben einen Geisteswissenschaftler „produziert“! Und ich hatte recht! Manchen ist es eben nicht gegeben…
    Dennoch wird das „Kind“ nächstes Jahr ein vermutlich gutes Abitur machen, denn bis auf eine Ausnahme hatte er Mathelehrer, die einen guten Job gemacht haben! …(und einen Papa mit unendlicher Geduld!)

  8. Ich bin froh nicht mehr in die Schule zu müssen. Ein Albtraum vor der Klasse vorsingen zu müssen. Ich mag Musik total gern aber selbst singen ( wie der älteste Raab im Schwarzwald). Auch Gedichte im Deutschunterricht vor der Klasse vortragen. Mit Betonung bitteschön. Nicht einfach runterrasseln. Später im Studium (BWL) Referate vor 40 Leuten. Ganz allein da vorne mit Mikrofon. Man überlebt solche Situationen wie in Trance. Heute bin ich selbständig. Muß Gott sei Dank nie wieder so etwas durchmachen.

  9. Ich habe immer geglaubt, wahnsinnig schlecht in Mathe zu sein. Ich hatte sehr schlechte Noten, bin deshalb sogar einmal nicht versetzt worden.
    Trotz allem habe ich immer Spaß an allen anderen Naturwissenschaften gehabt und habe später auch eine Naturwissenschaft studiert. Das war zwar „nur“ Biologie – dennoch musste ich in der Uni zu den Mathe-Grundvorlesungen, an denen auch die Mathematiker, Physiker und Chemiker teilnahmen. Und urplötzlich konnte ich es. Ich war in der Uni nicht extrem gut in Mathe aber während viele durchvielen oder schlechte Noten schreiben waren meine im relativ guten Rahmen. Auch heute noch arbeite ich viel mit Statistik, programmiere selbst und würde mich als sehr stark analytisch denkenden Menschen bezeichnen.

    Wieso also war ich in der Schule zu schlecht in Mathe?
    Ich glaube es gibt mehrere Gründe.
    Erstens gab es bei mir immer die Prämisse, ich sei nicht gut in Mathe. Meine Mutter war nicht gut darin, zu der Zeit gab es noch verstärkt die Ansicht, Mädchen könnten nicht gut rechnen usw…das hat sich akkumuliert und bei mir zu einer Art selbst erfüllenden Prophezeiung geführt.

    Darauf baute sich dann etwas Anderes auf: Faulheit. Ich hab mir gedacht, dass ich es ja eh nicht kann und mich darauf ausgeruht.

    Außerdem denke ich, dass ich an der Uni besser war, weil die Zusammenhänge da waren. Klar will ich wissen, wie ich mein Experiment auswerten kann! Bei Mathe in der Schule *wollte* ich nie etwas wissen. Mathe war da und der Mathe willen, nicht weil das Ergebnis irgendeine Bedeutung gehabt hätte.

    Nicht zuletzt denke ich auch, dass aus irgendwelchen Gründen die Erklärungen in der Uni für mich einfach verständlicher waren. Das ist der Punkt, der ja auch die Kernaussage des Artikels ist: jede/r lernt anders! Darauf sollten Lehrkräfte eingehen und alternative Erklärungen und Lösungsansätze anbieten. Das tun sie aber nicht. Was stattdessen vermittelt wird: Verstehe was ich hier vorne doziere oder du bist dumm. Fertig.

    Ich finde das wahnsinnig traurig. Schade, dass in so ein wichtiges Fach so unendlich wenig investiert wird was pädagogische Fachkompetenz angeht!

  10. Meine Mathelererin war eine Katastrophe. Sie war labil und an der Tafel zu stehen war einfach nur der reinste Horror. Bei diesem Stress, den sie machte war es eigentlich egal ob ich vorbereitet war oder nicht – im Kopf gab es eine einzige leere. Sie meinte ich sei schwach in Mathe und deswegen sollte ich Informatik studieren mir lieber abschminken. Ich habs trotzdem gemacht und war sogar Gruppenbeste.

  11. Oh wie schön Du das geschrieben hast, fast schon literarisch. Und jau: mir ging es ganz genau so ! Und auch bis heute kann ich nicht rechnen,kein Mathe. Nun hatte ich das wahnsinnige Glück, dass mein Abitur (in West-Berlin) gerade in eine Zeit fiel, als man dank der reformierten Oberstufe Mathe einfach nach der 11. Klasse abwählen konnte. Dies im Hinterkopf, und da ich in nicht-naturwissenschaftlichen Fächern Spitzen-Noten hatte, haben mich die Lehrer und meine Eltern dann auch mehr oder weniger komplett in Ruhe gelassen damit. Hatte erst ein 4, dann 4-, am Ende sogar eine 6, und das war mir vollkommen wumpe. Das mit dem Abwählen ist mittlerweile leider wieder abgeschafft worden, aber was war ich damals froh ! Und wieso auch nicht, ich bin trotzdem gut durchs Leben gekommen und habe einen prima und gutbezahlen Job, also so what. Ich kann kein Mathe, dafür spreche ich 5 Sprachen und lerne gerade die sechste. Aber ich gebe Dir trotzdem Recht, auch ich hätte es vielleicht lernen können, wenn mir es jemand vernünftig und geduldig und bilateral erklärt hätte.

  12. ich mag mathe bis heute. die lehrer in der schule waren zwar bestimmt auch nicht die besten, aber das hat mich nie gestört. ich konnte meistens das, was sie vermitteln wollten und dann gibts normal auch keine ‚probleme‘. schon in der grundschule habe ich lieber mathe- als deutsch hausaufgaben gemacht. und im prinzip ist das bis heute so geblieben. ich mache lieber was mit zahlen (‚rechnen‘) als mit buchstaben bzw. worten (’schwafeln‘). 25 seiten deutsch aufsatz und am ende ist es doch am thema vorbei. eine seite mathe rechnung und es passt oder auch nicht. ich kann in mathe nicht so einfach grandios am thema vorbeischwafeln wie im fach deutsch. das schätze ich sehr.
    wir waren damals im mathe leistungskurs nicht viele mädels. die saßen in meinem jahrgang lieber im bio leistungskurs und den sprachen.
    ich bin über die jahre immer mal wieder für ’nachhilfe‘ eingespannt worden, weil du kannst das ja. ja, kann ich, und mir fehlt das verständnis dafür warum es so ein problem sein kann eine gleichung aufzulösen oder das volumen eines kegels zu berechnen! ich bin keine gute nachhilfe-lösung^^

  13. Ach. Mein Mathe- und Physiklehrer hatte auch einen ungepflegten Vollbart, Cordhosen und eine Ledertasche mit ziemlich vielen Schnallen. Und diese versteinerte Miene. (Mathelehrer-blueprint. Geografielehrer hatten auch gewisse Erkennungsmerkmale)
    Ich habe Mathe so gehasst, ich konnte auch nicht folgen. Das ist so schade, denn Mathe ist sehr spannend, geradezu philosophisch im Fortgeschrittenenmodus… Anyways, in der Hochschule war ich sehr gut in Statik, darüber habe ich mich selbst gewundert. Aber plötzlich wurde der „Stoff“ greifbar für mich und das hätte ich mir in der Schule auch gewünscht.
    Noch schlechter als in Mathe war ich nur in *räusper* Sport. Das war mein allergrößter Albtraum. Sportpädagoginnen…uaaahhhh! Den Salto vom Kasten nicht schaffen, sich dabei 2 Dornfortsätze abbrechen und trotzdem ’ne 6 bekommen.

    Aber wie LeenaReed26 schon schrieb: Eckenrechnen. Das war nahe dran am Sport- Alb.

    Ein sehr schöner Text von Dir!

  14. Na ja, alles auch erlebt nur lag bei mir das Problem daran, dass mich die Schule großteils gelangweilt hat, außer: Sport, Theater AG, Tanz AG, Werk AG, Musik, Zeichnen, Geschichte, Sozialkunde, Biologie und Religion. Ich war einfach noch nicht reif genug und zu verspielt und konnte mich nicht lange konzentrieren. Dazu kam noch ein gutes Selbstbewusstsein und eine Portion vorlaut sein. Das hat sich natürlich in den Noten niedergeschlagen und einen Ruf hatte ich auch weg. Später habe ich dann ein Betriebswirtschaftsstudium und meinen Ausbilder mit Auszeichnung gemacht. Aber der Weg war schwer. Ich musste mir selbst den Grundstein legen und musste natürlich mehr pauken als viele meiner Mitstudenten. Aber ich habe den Sinn darin gesehen, weil ich es nur für mich gemacht habe, das war mein Ansporn. Als Kind fühlte ich mich eher getrietzt und hab auch den Sinn des vielen Lernens nicht ganz verstanden bzw ernst genommen. Wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder heute schon so früh mit Handys und Computern in Berührung kommen, können die ja noch viel weniger die Kindheit frei genießen. Schade aber sonst verpassen sie wohl den Anschluss.

  15. Hallo,

    Ich kenne das nur zu gut. In der Orientierungsstufe das war die 5 und 6 Klasse, hatte ich keine Probleme, da ich eine super Lehrerin hatte und die alles sehr gut erklärt hat. Auf der Realschule begann dann das Dilemma. Ich habe den Stoff nicht verstanden und hatte bis zur 10 Klasse einen Nachhilfe Lehrer nach dem anderen. Jedoch haben die mich nicht verstanden, was ich nicht an Mathematik verstehe. Kompliziert erklären bringt einem auch nicht weiter. So kam es dann, dass ich mit Bauchschmerzen dem Mathe Unterricht entgegen gefiebert habe… Hausaufgaben oh je in den Pausen oftmals abgeschrieben… An die Tafel nur mit zitternden Händen, einige Mitschüler waren jedoch so nett und haben mir geholfen, ich habe den Stoff trotzdem nicht verstanden. Eine 5 blieb eine 5 auf dem Zeugniss… Danach habe ich eine Ausbildung gemacht und danach wagigen Mutes mein Abitur nachgeholt. Mathe Unterricht nach 4 Jahren ohne Mathe und auch ohne was verstanden zu haben…..
    Ich war älter und mutiger geworden habe mit dem Lehrer vor Ort über mein Problem geredet habe am Anfang auch meine 2-3 Punkte geschrieben. Dennoch hatte ich viel Unterstützung aus meinem Umfeld und habe oft noch bis in den Abend in der Schule gesessen und Nachilfe gehabt. Mehr als 7-8 Punkte wurden es nie und auch im Abi waren es grade mal 5. Aber immerhin. Ich finde es erschreckend, wie viele junge Menschen Angst vor dem Unterricht haben. Und ich kann aus Erfahrung sagen, es lag definitiv mit am Lehrer. Damals war ich sowieso eher ein unsicheres Kind und diese Erfahrungen haben das noch verstärkt..
    Ich denke, dass sich noch einiges im Schulsystem ändern muss um solchen Kindern den Spaß auch an Fächer zu vermitteln die ihnen nicht liegen. Vor Angst gelähmt zu lernen fällt noch schwerer.

  16. Ähnliche Geschichte?

    5 Jahre alt, Autounfall. Es ist Anfang der 70er, die Medizin noch nicht so weit wie heute, Reha, Physiotherapie, Krankengymnastik Fehlanzeige. Das Bein mußte nicht amputiert werden, weil meine Mutter kämpfte. Heimkommen, nicht mehr laufen können. Kurz später Einschulung. Schulsport. Mannschaften wählen… Muss ich mehr sagen?
    Lehrer, die einen verspotten, wenn man mal wieder als letzte die Runde um den Sportplatz schafft. Bei denen man sich fürs Volleyball auch mit Medizinbällen warmpritschen musste.

    Lehrer waren noch nicht wie heute im Thema „Mobbing“ geschult. Das hieß hänseln und war normal. Und nein, Kinder können nicht grausam sein, Kinder sind grausam. Jugendliche noch mehr.

    Wenn man gut in der Schule ist, gerne lernt, nicht weglaufen kann, aber sich auch nicht wehren kann, ist man das prädestinierte Opfer.

    Führt zu Vermeidungshaltung. „Die sind mir zu sauer, sagte der Fuchs von den Trauben…“
    Sport? Ich halte es mit Churchill.
    Wenn die Götter gewollt hätten, dass ich laufe, hätten sie mich nicht Reiter werden lassen.
    Joggen / Ausdauersport ist für Bewegungslegastheniker. Dressurreiten ist hochkoordinativ anspruchsvolle Bewegung.
    Wäre Dressurreiten einfach, hieße es Fußball.

    Auch später noch wenn es ums wandern und Co. ging, war ich der Underdog. Zu langsam. Kommt die Berge nicht hoch. Immer müssen wir auf die warten.

    Skilaufen? Geht Ihr mal auf die Piste. Ich tu lieber was für mein Hirn und bleib mit dem Buch im Tal.

    Fazit: Unfit, übergewichtig – aber perfekt in Vermeidungsstrategien. Bis letztes Jahr. Selbst da kam bei einer Wanderung, obwohl anders abgesprochen und trotz Ansage, dass ich nicht schnell bin, alle 5 Minuten diese Aussage: Boah, immer noch nicht über 5 km/h. Mit diesem Seitenblick auf mich. Da ist in mir etwas geplatzt.

    Und heute?
    Ich habe die Bergischen 50 gefinished. In der Zeit. Auf meinen kaputten Beinen, mit zerfetztem Oberschenkel, kaputten Achillessehnen.
    Und gehe dieses Wochenende auf den Megamarsch.
    Habe mit Krav Maga begonnen (und pausiere gerade verletzungsbedingt. Beim Unfall damals ist auch die Schulter kaputt gegangen, wie sich jetzt rausstellt unter der Belastung von Bodyweight Training und Krav Maga), versuche sehr erfolglos zu joggen (im Dunklen, damit mich keiner sieht, keiner Sprüche drückt…)

    Warum? Um all denen, die mich gequält haben, mal den Mittelfinger zeigen zu können und zu sagen: Da ist MEINE Medaille. Mach nach, mach besser oder leck mich.

    Vielleicht wäre ich nicht der harte, starke Hund äußerlich geworden, wären meine früheren Jahre weicher zu mir gewesen.

    Und Sonntag Abend weiß ich mehr.
    Gefinished? Abgebrochen nach 50, 60, 70, 80…. Kilometern?
    Egal. Aber ich habs getan.

    Und ich bin Dir zu langsam? Zu unsportlich? Zu belesen? Zu gebildet?

    Da ist meine Medaille. 50 km am Stück. Im Bergischen. Innerhalb der Zeit.
    Mach besser oder leck mich.

    Und nein, Mathe habe ich bis heute nicht verstanden.
    Ob der Vektor Tralala streng monoton gegen irgendwas strebt oder fällt, ist mir egal. Er soll sich nicht dabei weh tun.

  17. Ohhhh, ich hasse Mathe. Und plädiere dafür, es bis auf die Grundrechenarten vom Lehrplan zu verbannen. Es hat keine Relevanz für das tägliche Leben, außer Millionen von Kindern zu traumatisieren und zu stigmatisieren. Bei einschlägigen Berufen muss es dann eben zur Ausbildung oder Studium gehören. Ich habe selbst Informatik studiert und musste mich durch alle Abgründe der Mathematik quälen. Es geht, es war wie das Telefonbuch von Tokyo auswendig lernen. Heute brauche ich in meinem Job die vier Grundrechenarten. Und ich hasse Mathe immer noch.

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