LIFESTYLE: DER BESUCH DES GRAUENS

Unverhofft kommt oft, das weiß ich schon seit ich ein kleiner Junge war. Eigentlich war das Wochenende als ruhige zwei-Tages-Auszeit geplant, aber es kam gänzlich anders. Und dazu auch noch mit der Einsicht: Die Olsens spinnen doch völlig!

 

Freitagnachmittag. Endlich Ruhe. Zwei Tage frei, kein Stress, kein Stau, keine Menschen, die einem ihre Befindlichkeiten in changierenden Farben schildern. Dazu mal ein paar Stunden den Mund zu und die Stimmbänder dösen lassen.

Nein, kein Schweigegelübde im teuren Minimalistenkloster, einfach nur die Klappe halten. Kein Erklären, gutes Zureden, Empathie zeigen. Ruhe. Und dann zufrieden kochen, essen und schlafen. Das Einfache kann zur schönsten Sache der Welt werden, wenn man es vermisst.

Freitagnachmittag. Wie naiv man doch sein kann.

„Denk dran, morgen sind wir bei den Olsens eingeladen!“ (Namen sind hier Schall und Rauch, und wurden geändert)

Ach herrjemine, wie konnte ich das vergessen? Vergessen? Ich hatte es wohl ganz offensichtlich ausgeblendet. Verdrängt. In den dunkelsten Teil meines Gehirns verschoben und mit einem kryptischen Passwort versehen. Als Schutz. Um nicht daran zu denken, wie Einladungen bei den Olsens immer ablaufen: Schrecklich.

 

Nicht schrecklich im Sinne von „Alle saufen und prügeln sich dann die Augen blau“, und auch nicht „Alle saufen und fallen brünstig übereinander her“. Nein, es gibt auch nie Streit, oder gar eine niemals enden wollende Diashow zu bestaunen.

Dafür fahren die Olsens zu keiner Zeit in Urlaub, haben ausser Batiken scheinbar keine Hobbys, die Tochter längst ausgezogen, besitzen sie auch sonst kaum Zerstreuung im Leben. Wäre ihr Dasein eine Farbe, dann wäre es Beige – wie die Weste mit den 98 Taschen, die alte Männer tragen, die mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor Bauzäunen stehen.

Und da offenbart sich das Problem. Worüber unterhält man sich mit Menschen, mit denen man so gut wie nichts gemeinsam hat?

Leichte Lösung: Einfach den Kontakt ruhen lassen. Sie werden schon merken, dass man nicht zusammenpasst, dass Beige die Farbe ist, die man eigentlich hasst; langweilig wie eine Kurzwarenabteilung in den Fünfzigerjahren. Der Kontakt wird friedlich und unspektakulär einschlafen, Problem passé.

 

Wenn es da nicht Dinge gäbe, die man tut, weil man sie in einer Partnerschaft einfach tut. Partnerschaft ist Geben und Nehmen, und im Falle der Olsens muss ich definitiv in bester Geberlaune sein, denn meine bessere Hälfte mag die Olsens tatsächlich.

No way out, denn die letzten zwei Einladungen hatte ich bereits geschwänzt. Eine schlimme Magenverstimmung, und ein wichtiger und lukrativer Abendtermin hielten mich…äh…ab. (Unter uns, es war eigentlich Magengrummeln, weil ich dummerweise ein verführerisch-scharfes Chili Con Carne tags zuvor gegessen hatte. Und beim „lukrativen Abendtermin“ hatte ich schnell den Lottoschein weggebracht.)

 

Als ich die Türklingel am braunen Backsteinhaus betätigte, und dieser unsäglich lang andauernde Big Ben Glockenschlag erklang, erfasste mich, ähnlich dem pawlowschen Hund, eine Unruhe, die allerdings deutlich weniger positiv besetzt war. Wer kommt nur auf die Idee, einen über acht Sekunden dauernden Türgong zu installieren? Jeder einzelne Ton hämmerte in meinem Kopf: GEH WIE-DER HEIM – NOCH NICHT ZU SPÄÄÄT…

Die Tür ging auf, die Olsens standen im Türrahmen und freuten sich vorbildlich. „Ihr seid aber früh dran. Dann haben wir mehr Zeit, nicht wahr?“, gaben sie die Losung für den heutigen Abend aus. NOCH mehr Zeit miteinander? Herrlich. Wie konnte ich auch ahnen, dass die Straßenbauarbeiten auf dem Weg zu den Olsens beendet waren, und der daraus resultierende stundenlange Stau nicht mehr existiert? Ja, wir waren zu früh, und ich viel zu nüchtern für diese Situation.

Während man sich bei so mancher Party wenigstens noch eine imaginäre Discokugel und die dazugehörige Partylaune anschickern kann, gibt es bei den Olsons strikt keinen Alkohol. Natürlich nicht.

Bei dem Gedanken müssen meine Mundwinkel doch arg nach unten gesackt sein, sodass sich Frau Olsen gemüßigt fühlte zu fragen, ob meine Magen-Darm-Geschichte vom letzten Mal immer noch nicht besser sei? „Du siehst so gequält aus.“

„Oh ja..“, wollte ich rufen, „…deshalb muss ich jetzt auch sofort wieder gehen, sonst könnte es zu einem Kloschüsselunglück kommen!“ Stattdessen übergab ich höflich das Gastgeschenk, einen kleinen Fresskorb aus dem nahen Bioladen. Irgendwas mit Kichererbsen, Chai-Tee und Chinoa, dem „Gold der Inka“. Jaja, die Inkas, diese alten Marketingprofis.

Kaum waren die Schuhe ausgezogen, und ein Plätzchen auf dem mit muffigen, beigen (!) Decken übersäten Rattansofa gefunden (knaaarz, knaarz, knaaaaarz), ging die Fragerunde auch schon los. „Und, seid ihr Glücklich?“

Äh, was jetzt bitte…? Ich war auf Fragen gefasst wie: „Esst Ihr immer noch so weltschädigend?“ oder „Nostradamus hatte also doch so recht!“ Aber DAS? Als normalsoziophobischer Mann in einer Großstadt fühlte ich mich auf der Stelle belästigt. Das war irgendwas zwischen Vorstellungsgespräch bei Aldi und Abfragen der Schufa-Selbstauskunft. All das ohne Schnittchen und Sektglas zum Festhalten, nur ein heißer Chai dampfte schrecklich gesund auf dem Rattantisch vor meinen Knien (knaaaarz).

 

Die Antwort blieb ich schuldig, denn Herr Olsen änderte dankenswerterweise das Thema: „Wir hatten letztens eine Insekteninvasion im Schlafzimmer. Die Viecher sind bei der Wärme aus unseren Kirschkernkissen gekrochen.“

War DAS jetzt besser? Ich verdrehte innerlich die Augen und grübelte über meine Optionen nach. Entweder ich könnte A) mit einer Mischung aus leichtem Ekel und Entrüstung Interesse heucheln, oder B)  mir den dampfend-heißen Chai in den Schritt schütten, um schreiend vom Krankenwagen in die nächste Brandopferklinik gefahren zu werden.

Mein Arm schnellte bereits vor, als das beige (!) Telefon klingelte. Die erwachsene Tochter war dran. Sie meldete sich aus dem weit entfernten Peru. Warum sie wohl so weit weg gezogen war…? Für uns bedeutete das eine unverhoffte Pause, denn die Olsons zogen sich kurz zurück.

Mein Gesicht bot mir ein Gefühl wie Muskelkater nach zwei gelaufenen Marathons ohne Vorbereitung. Man muss ja aufpassen, Menschen wie die Olsens lesen Gesichter, wie andere Leute Landkarten. Die wissen sofort, wie sie dich kriegen können. Pokerface ist Pflicht, und das ist echt anstrengend. Herrlich, wenn die Kiefermuskulatur nicht mehr krampft, und die Schultern von den Ohrläppchen fallen.

 

Als die Olsens zurückkamen, waren ihre Gesichter auch für mich klar zu lesen. Ärger stand ihnen auf die Stirn geschrieben. Töchterchen hatte soeben verkündet, dass sie Peru verlassen werde, um ab sofort wieder in der elterlichen Rattanhölle Zuflucht zu suchen. Und da das ehemalige Zimmer der Tochter nun ein Hobbyraum, respektive Batik-Atelier, geworden war, hielt sich die Begeisterung in Grenzen.

Die Stimmung war plötzlich noch schlechter als vorher, nur diesmal auf Seiten der Olsens. Meine stieg hingegen, denn es schwante mir, dass der Abend schneller beendet sein würde, als ich zu hoffen gewagt hatte.

Nach den Worten: „Wir können eure Enttäuschung gut verstehen, aber wir möchten uns jetzt zurückziehen. Die Nachricht hat uns doch etwas zugesetzt.“ musste ich noch einmal mein ganzes schauspielerisches Talent aufbieten, um ein besorgtes, aber verständnisvoll bis nicht zu persönliches  „Och je, na, dann machts mal gut!“  herauszubringen.

Beim Blick auf meine Begleitung konnte ich mir das Lachen fast nicht verkneifen. Gäbe es ein Bild bei Wikipedia zur Bezeichnung „unendliche Erleichterung“, dann wäre es genau DAS gewesen, was sich mir gerade bot. Wir kamen gar nicht schnell genug durch die Tür, und überhörten vorsätzlich die letzten verabschiedenden Worte der Olsens: „Bis zum nächsten Mal dann!“

 

 

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(Fotos: Konsumkaiser    Keinerlei Sponsoring)

 

 


17 Gedanken zu “LIFESTYLE: DER BESUCH DES GRAUENS

  1. Lieber KK,

    wenn der Bauch so sehr schreit, dass man nicht möchte, dann DARF man auch nicht gehen. Das ist Verrat an der eigenen Lebenszeit, und nichts und niemand gibt einem diese Zeit zurück.
    In solchen Fällen hilft glaube ich nur radikale Ehrlichkeit, denn die Frage ist ja auch: Würde man selber wollen, dass sich jemand vor einem Treffen mit solchen Gefühlen plagt?

    Liebe Grüße, Clover

  2. Köstlich, ich muss mir unbedingt die Sache mit dem lukrativen Abendtermin merken, suche ich doch selbst immer wieder nach glaubhaften Ausflüchten um eben nicht irgendwelchen Einladungen zum Essen folgen zu müssen oder total langweilige Feiern in „gut-bürgerlichen“ Restaurants erleiden zu müssen.

    Schönen Sonntag lieber KK

  3. Guten Morgen🌞 Herrlich, ich hab mich fast gefühlt, als wär ich dabei gewesen 😂
    Wenigstens war euch doch noch ein Wochenende vergönnt. Karma ist eben manchmal eine B…😉
    Gib doch mal ein Buch mit Kurzgeschichten raus, da waren schon mehr solcher Beiträge, die mich sehr gut unterhalten haben.

    LG Christine

  4. Lieber KK,

    vielen Dank für diese köstliche Anekdote aus deinem Leben. Weißt du, was ich mich die ganze Zeit gefragt habe? Lesen die „Olsens“ etwa deinen Blog nicht? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Würden Sie sich nicht trotz mancher Änderungen wiedererkennen 🤯🤯🤯?
    Einerseits hätte sich dann natürlich das Problem einer weiteren Einladung erledigt, andererseits hinge aber wahrscheinlich auch dein Haussegen schief…!?
    Ich liebe meinen Mann. Und ich mache auch manches ihm zuliebe! Aber Menschen, zu denen ich selbst ihm zuliebe nicht aufrichtig freundlich sein kann, lasse ich nicht (mehr) in mein Leben.
    Wenn sie allerdings nur langweilig, aber eigentlich lieb und erträglich sind, geht es klar. Wenn mich Menschen mit ihrer Art allerdings runterziehen, ich mich anschließend schlecht, kritisiert oder eingeengt fühle, verweigere ich mich. Deswegen hat mein Haussegen in der Vergangenheit auch schon schief gehangen… War aber trotzdem die richtige Entscheidung und wird mittlerweile auch akzeptiert!

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

    1. Liebe Bianca, die Olsens lesen nicht mit, die mögen „dieses Internet“ nicht so. 😉
      Und ja, man sollte seine Lebenszeit nicht mit Dingen vergeuden, die man partout nicht mag. Aber für diese kleine Geschichte habe ich alles natürlich überspitzt beschrieben.
      Liebe Grüße!
      KK

    2. Klassische Pflichttermine – immer mit manchen Familienmitgliedern und mit Partners‘ Uraltfreunden oder Bekannten. Manchmal passiert das auch mit Leuten, die man kennenzulernen erst anfängt, um zu sehen, ob daraus vielleicht Freundschaften erwachsen können (was dann natürlich nicht passiert!). Oder in Vereinen. Schrecklich! Was kann man da Contenanceeiertänze üben!

      Das ist wirklich echte Lebenszeitverschwendung.

      Mittlerweile nenne ich Personen, mit denen man selbst nicht so gut kann wie andere, weil sie an einem herumnagen, einfach:
      Pflichttermiten. 🐜 🐜 🐜

  5. Herrlich beschrieben, auch wir haben Olsens in unserem Bekanntenkreis, mit Humor ist es jedoch leichter zu ertragen, werde beim nächsten Mal an dich denken…. der Termin steht demnächst an, danach können wir einen Schnaps gebrauchen, damit er uns nicht auf den Magen schlägt,
    Liebe Grüße Gabriele

  6. Lieber KK,
    wie herrlich ich musste tatsächlich mehrmals lachen über deine schön überspitzte Art zu schreiben – die Olsons – sehr schön. Falls ich jemals jemanden mit diesem Namen kennenlerne muss ich sicher an dich dabei denken.

    Und auch noch kein Alkohol – wie schrecklich für so einen Abend. Aber da hat die Tochter tatsächlich ne gute Tat getan – ihr solltet ihr eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen 🙂

    Ich hab tatsächlich keine Olsons in meinem Bekanntenkreis – wurden alle aussortiert und ich lebe wirklich gut damit…

    Lg Sunny

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