MUSIK: MADONNAS WATERLOO * ESC 2019

„Dare To Dream“ war das Motto des Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv, Israel. Für Deutschland war der Traum recht schnell vorbei, und Gaststar Madonna hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass ihre Karriere vor sage und schreibe 200 Millionen Menschen den Bach runtergehen würde. Eindrucksvoll dieser Abend…

 

 

Ob schrill oder langweilig, vergiss bloß die Diversität nicht!

Eigentlich war alles wie sonst auch: Unterhaltsam, schrill, gruselig und auch mal langweilig. Ich rede über die Musikbeiträge und die dazugehörigen Auftritte, über deren Qualität zu streiten so müßig ist, wie einen gescheiten neuen US Präsidenten zu finden: Irgendwas ist immer, aber manchmal gibt es Lichtblicke.

Mühe geben sich die Teilnehmer jedenfalls. Am meisten bemühen sie sich, das ESC Klischee zu bedienen: Alle haben irgendwie einen „Diversitäts-Hintergrund“.

Egal ob schwul, dick bis fett, blass und bis zum verschwinden minimalistisch, oder adoptiert… irgendeine „Story“ braucht es für die ambitionierte ESC Teilnahme. Tabus brechen, um auf Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen (frech gegen die EBU Grundsätze verstossend) ist auch längst legitim und akzeptiertes Stilmittel selbst im Oberstufengrundkurs Deutsch. Alles irgendwie nett und durchaus unterhaltsam – und wer es doof findet, braucht ja nicht einzuschalten. Um die 200 Millionen Menschen (bis über die Grenzen Europas hinweg) scheinen sich dieser Art der Unterhaltung durchaus einmal im Jahr hinzugeben, ich gehörte Samstagabend dazu.

Was kann man aber auch so schön lästern, mitfiebern, lachen und gleich wieder ganz gerührt mit feuchten Augen verstohlen die Chipstüte vor die Nase halten. Hoffentlich hat es keiner gesehen. Meckern über die ewig schlechten Expertenjury-Punkte, oder die dreisten nachbarschaftlichen Freundschaftswertungen aus dem Exil.

 

Als Sieger wurde Duncan Laurence aus den Niederlanden gekürt

Die Niederlande gewinnen dann jedenfalls wie vorhergesehen, ich dachte mir das schon vor ein paar Monaten, als ich das Lied erstmals hörte. Nach dem wilden Hühnergegacker vom letzten Jahr, war in diesem Jahr augenscheinlich wieder eine Ballade dran, von einem leicht spröden jungen Mann gesungen, ohne Tam Tam, aber mit einer minimalistischen und verschwindend-zarten Inszenierung, die viel belächelt wurde, die mich aber trotzdem sehr berührte. Man muss „Arcade“ wohl ein paarmal hören, dann erliegt man dem traurigen Lied.

Schön für mich: Nächstes Jahr werde ich in Amsterdam live dabei sein können, meine halbe Familie lebt dort, bietet sich also geradezu an.

Aber auch Italien hätte ich gerne ganz vorn gesehen, zumal der Sänger Mahmood aufgrund seines ägyptischen Vaters im Vorfeld in Italien arg angefeindet wurde. Nun ist er toller Zweiter, nehmt DAS! Um mein Trash-Gen zufriedenzustellen, gefiel mir dann auch noch der Eurodance Knaller aus Norwegen sehr gut. „Spirit in the Sky“ war mit durchaus ernstgemeinten Ethnoelementen garniert, da zuckte die Tanztatze!

 

Der eigentliche Höhepunkt sollte Madonnas Auftritt werden

Höhepunkt der diesmal ein wenig langatmigen Veranstaltung sollte der Live-Auftritt von Madonna werden, der „Queen of Pop“. Als sie zum ersten Mal zu einem kleinen und schlecht gelaunten ziegenhaften Interview auf dem Bildschirm auftauchte, lief die Sendung bereits gefühlte fünfzehn Stunden, und die Zuschauer mussten sich bereits Streichhölzer in die Augen klemmen, um den erwarteten Auftritt des Superstars noch zu erleben, ohne zu ahnen, dass sich Madonna in einigen Minuten selbst demontieren würde.

Ja, sie ist Madonna, Bitch. Sie hat viel geleistet, wir wissen, sie ist eine schlechte Sängerin, sie ist aber eine begnadete Performerin, sie besitzt eine starke Bühnenpräsenz. Ja, sie ist und bleibt Madonna, egal was. Und ich bin nur ein kleiner Wicht, der einen Provinzblog schreibt. Trotzdem. In meinen Augen hat Madonna am Samstagabend ihre Karriere beendet.

Stein drüber? Nö! Ehrlich, aber wer sich mutwillig „Queen of Pop“ nennt, wer fast 1,2 Millionen (gesponserte) Dollar für diesen Auftritt bekommt, wer mit einer über 120 Personen starken Entourage anreist, und wer mit so großen Worten angekündigt wird wie „Ikone“, „größter weiblicher Popstar“ oder „der Superstar, der sich immer wieder neu erfindet und als zeitloses Wesen Trends setzt“ , an den habe ich Ansprüche. Hohe Ansprüche.

 

Sie hätte besser einen schlimmen Schnupfen vorgetäuscht

Und dann kommt der Auftritt und man ist entsetzt. Kann man Augen und Ohren trauen? Sitzt die echte Madonna gefesselt im Wandschrank? Will sie nur die bereits ausgeschiedenen Polinnen rächen?

Dass sie nicht singen kann wissen wir ja längst, aber diese Bühnenperformance…? Was ist nur mit ihr? Sie atmet keuchend, bewegt sich wenig und sehr, sehr steif, Töne kann sie entweder nicht halten, trifft sie nicht oder wird (peinlich, die späten 90er haben angerufen und wollen ihren Vocoder zurück) per Autotune geradegebügelt. War gar der gefürchtete Stimmermüdungsbruch die Ursache?

Hätte sie doch nur einfach einen schlimmen Schnupfen vorgetäuscht und wäre wegen der Medikamente die Treppe runtergefallen. Aber nein, die schon erwähnten 200 Millionen (!) mussten sich die schlechteste Performance des Abends anschauen, und das wohlgemerkt beim ESC, bei dem schief Singen zu den Kernkompetenzen gehört.

Langweilig auch Madonnas Versuch die Flaggen Israels und Palästinas als politkritische Symbole Hand in Hand in den Abgrund springen zu lassen. „Wake-up“ stand dazu im Hintergrund, und das Publikum bekam das mit Sicherheit nicht mit, denn hier herrschten bereits weit aufgerissene Münder, die das mitleiderregende Spektakel kaum fassen konnten.

Da konnte auch die alberne Game of Thrones Rüstung inklusive Timoschenko-Zöpfe nichts mehr retten, die Jean Paul Gaultier auf Madonnas etwas breiter gewordene Hüfte maßgeschneidert hatte. Im Gegenteil, der Panzer wirkte so schwer, wahrscheinlich kroch sie deshalb schwerfälliger als gewohnt durchs Bühnenbild? Und sicher, mit der piratösen Augenklappe kann man ja auch nur schief singen, war doch klar.

Gut, dass sie sich dann im zweiten Teil des Auftritts an ihrem Rapperangestellten, er nennt sich Quavo, festhalten konnte, schließlich musste sie zum Ende wieder eine steile Bühnentreppe erklimmen, und das geht einer Madonna, die wirkte wie unrüstige 70, offensichtlich arg an die unfitte Substanz. Resultat: erschreckend wenig Applaus, höflich kann man es noch so eben nennen, keine Spur mehr vom frenetischen Anfangsjubel von Madonnas Hauptzielgruppe in der ESC Halle.

Somit, Kopf hoch, S!isters! Den allerletzten Platz hat immerhin Madonna gemacht!

Als ehemaliger Fan der Madonna der 90er und (Anfang) 2000er war auch ich beinahe erschüttert über diese teuer eingekaufte und doch so unprofessionelle Darbietung. Ein kleiner Tipp an die entthronte „Königin des Pops“ wäre von mir: Einfach mal den ESC Interval Act „Switch Song“ (eine Art Sing my Song für ESC Hymnen) mit Conchita, Måns, Eleni und Verka, ihres Zeichens große ESC Ikonen, anschauen. Dort haben nämlich selbst diese ESC eigenen Kultstars einer Filterblase besser abgeliefert und die Menschen nachhaltig begeistert. Und als dann der ehemalige ESC Gewinnersong „Hallelujah“ erklang, wurde sicherlich endlich doch noch so manches kriegerische Herz ganz weich… (unten im Video bis Minute 9 dranbleiben!).

 

 

 

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(Fotos: Screenshots   Keinerlei Sponsoring)

15 Kommentare

  1. Ich hab dieses Jahr auch mal wieder komplett geschaut und hatte Spaß dabei – Peter Urban hört hoffentlich nie auf 🙂
    Die Niederlande als Sieger sind schon ok, obwohl mir Mahmood aus Italien besser gefallen hat. Und der norwegische Beitrag kommt auf meine Playlist – hat einfach gute Laune gemacht …
    Auch das sehr minimalistische Lied aus Slowenien fand ich gar nicht schlecht, aber das war für den ESC dann zu minimal….
    Und zu Madonna: mich haben weniger die schiefen Töne als das Staksen über die Treppe geschockt. Like a Prayer lebte im Orginal (damals…) von der Performance, den Bewegungen – das am Samstag war gar nichts davon, so blutleer, quasi tot…. danach war der Rest dann auch schon egal… Schade!
    Jetzt muss ich nur. Ich dem Gatten nur noch schonend beibringen, dass ich nächstes Jahr auch live dabei sein will 😀
    Auch ja, und wir sollten eine Initiative starten: #dieÄrzteESC2020

    1. Ja!! Ich finde, die Deuschen (auch die Musikszene) braucht dringend einen lockeren Ansatz zum ESC. Mensch, det is doch nur ein lustiger Wettbewerb, keine Meisterschaft in der man gewinnen MUSS.
      Ich fand die Reaktion von Sister sehr gut: Die haben sich über die tolle Atmosphäre und die vielen Leute gefreut, und nun streicheln sie wieder Katzen und gucken GOT. Richtig so!
      #derwendlerESC2020 😉
      Liebe Grüße!
      KK

  2. Schrecklich, die ganze Veranstaltung, von A bis Z.! Gefühlt 1000 überdrehte Moderatoren, Musik zum Ohren zuzuhalten, und das dann auch noch in Überlänge! Ganz schnell vergessen!

    Ich hab den ESC früher immer gerne gesehen, aber das tue ich mir nicht mehr an. Gehöre wohl auch nicht mehr zur Zielgruppe ist mein Eindruck.

  3. Tatsächlich habe ich nur den Auftritt von Madonna gesehen.
    Und die zahlreichen Kurzvorstellungen.
    Zufall…kam gerade nach Hause und schaut kurz rein.
    Heute noch spricht man über den (vielleicht) verkorksten Auftritt von Madonna.
    Morgen ist es schon wieder Schnee von gestern und niemand wird drüber sprechen.
    Ich glaube auch nicht, dass dies die Karriere beenden wird.

    Mein Sieger der Herzen kam übrigens aus Italien.

    Und der deutsche Beitrag, der war wirklich schlecht.

    1. Ich glaube schon, dass sich das auf Ticketverkäufe einer möglichen Tour auswirkt. Heutzutage verdient man ja nicht mehr an der Musik selbst, sondern an den Auftritten. Und ich überlege mir zweimal, ob ich über 100 Euro für ein Ticket bezahle, wenn Madonna nur noch über die Bühne kriecht. Singen konnte sie ja eh nie, aber die Bombastshow wäre mir jetzt irgendwie peinlich anzusehen.
      Leute wie Tina Turner und Cher sind auch älter und treten noch auf, sind aber voller Selbstironie und versuchen nicht krampfhaft so zu tun, als wäre alles wie vor 20 /30 Jahren. Aber Madonna war noch nie sonderlich humorvoll. Ich denke doch, dass es Auswirkungen haben wird.
      Liebe Grüße!
      KK

  4. was noch zu erwähnen währe auf ihrem insta Account hat „sie“ ein kurzes video gepostet, da haben die tatsächlich über das schlecht gesungene noch mal dieses gesang verbessernde AudioTune laufen lassen lol

  5. 🙂 Danke, für Deine Gedanken zum ESC, lieber KK!
    Das holländische Liedchen war nicht so meins – war einfach viel zu „wenig“, aber gut, die Geschmäcker sind zum Glück verschieden.
    Mit haben Schweden, Nord-Macedonien und sogar Dänemark besser gefallen.
    Aber einig sind wir uns, was die „Queen of Pop“ angeht – zickig, schief singend und langweilig.
    Mit dem Auftritt hat sie sich – außer ihrem Portemonnaie vielleicht – keinen Gefallen getan. Da waren die deutschen Sisters zig mal besser!
    Super schön das die Switch Song-Einlage sowie das Hallelulja!
    Schönen Wochenstart und liebe Grüße
    Claudia 🙂

  6. Für mich sah’s aus als hätte sie einen akuten Bandscheibenvorfall, weil sie sich auch so etwas bucklig und in Schonhaltung bewegte. Da war gar keine Körperspannung mehr…

      1. Carola bezieht es vermutlich überspitzt auf die Geschlechterthematik, Feministin hard core also im Dauerkrieg mit der Männerwelt.. Oder sie ist aber taub. Ich tippe auf das Erste. ;-)))

  7. Ich war entäuscht, dass man Drangsals Bemühen für den Vorausscheid nicht ernst genommen hat. Ansonsten war die Sendung für mich wie immer. Chips, Cidre und Twitter. Wir hatten einen lustigen Abend. Madonna hatte ja im Vorfeld verkündet, dass sie sich mal wieder neu erfinden will. Also habe ich ihren Treppenwitz als Arthrosetherapie gewertet. Das gebärfreudig breite Becken ist mir auch aufgefallen. Da sie und mich aber nur 3 Jahre trennen, sage ich mal nichts über Schwerkrafteinflüsse auf Frauenkörper. Viel Spass in Amsterdam, vielleicht komme ich sogar mit. Ich war noch nie dort und die Stadt steht natürlich auf meiner Löffeliste

    1. Oh, und ich vermutete, dass die fragwürdige Optik vom merkwürdigen Kostüm herrührte.
      Solche Schulterpolster bei jemandem nicht sehr großen mit einem nicht sonderlich langen Hals und solche Rockschöße sind ein Verbrechen an dem, der dies tragen muss.

      Wobei: muss. Hm, vermutlich wurde sie falsch beraten, nach dem Motto: ‚Du kannst es tragen‘.
      Überhaupt: was sollte diese Augenklappe? Wie als wenn man MadMax-Kostüme aus einem fauligen Archiv geklaut hätte. Und diese Zöpfe! Als wenn es zum Boxkampf ginge.
      Da drückt sich doch der ganze Hass von Designer und StylistInnen auf den – auch nicht gerade stilsicheren – Menschen, der am Ende so sich der Öffentlichkeit präsentiert, aus.

      Da sieht man es mal wieder, wenn schon nicht Tom Ford angefragt wurde:
      hätte man nur Mugler gebeten!
      Aber leider wollte man ihn wohl nicht (mehr) vor der Kamera haben.

      Immerhin, eine Muglerparodie gab es ja: Australien.

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